Kapitel 37

»Papa, was hat Opa denn für eine Überraschung für mich?«

Moni war ganz aufgeregt, seit sie am Morgen mit Tims Vater telefoniert hatte. Er hatte ihr erzählt, dass er etwas für sie bereithielt.

»Aber Schatz, wenn ich es dir sagen würde, wäre es doch keine Überraschung mehr. Außerdem weiß ich es auch nicht.« Das stimmte. Tim hatte tatsächlich keine Ahnung, was sein Vater sich für Monika ausgedacht hatte. Es war Freitagnachmittag, sie waren gerade auf dem Weg zu ihm. Gleich würde er das Geheimnis wohl lüften.

Tims Handy klingelte. Es lag auf der Mittelkonsole. Er bedeutete Veronika, das Gespräch für ihn anzunehmen.

»Es ist Lena Berger.« Veronika hielt ihm das Gerät hin.

»Hallo, Lena. Was gibt’s?«

»Tim, wo bist du gerade?«

»Am Telefon.«

»Guter Witz, aber mir ist gerade nicht zum Lachen.«

Tim konnte ihrer Stimme anhören, dass sie es todernst meinte. Er ahnte in diesem Moment den Grund ihres Anrufs und sagte: »Ich fahre gerade durch Ehrenfeld. Mein Vater hat uns zum Abendessen eingeladen.«

»Dann sieh zu, dass du auf die A4 Richtung Aachen kommst. Das heißt, wenn du die Leiche noch am Tatort sehen willst!«

Einen Moment stockte ihm der Atem. Er sah zu Veronika herüber, dann im Rückspiegel zu Moni. »Lena, ich bin mit der Familie unterwegs.«

»Du musst es wissen. Ich hätte jedenfalls gern, dass du das hier siehst.«

»Wo bist du genau?«

»Fahr auf der A4 bei Düren ab. Dann Richtung City, anschließend folgst du den Hinweisschildern zur B264 nach Aachen. Wenn du im Stadtteil Gürzenich bist, fährst du kurz vor dem Ortsausgang links ab. Dort ist ein Schild, das zu einem Kaff namens Schevenhütte weist. Dieser Straße folgst du, bis sie aus dem Ort heraus und in ein Waldgebiet führt. Dann siehst du die Einsatzwagen.«

»Ich muss zuerst meine Frauen absetzen; in anderthalb Stunden bin ich da.«

Lenas Stimme wurde ungeduldig. »Tim, in anderthalb Stunden wird hier geräumt. Entscheide dich!«

»Ich komme. Lasst sie liegen, wo sie ist, wenn es geht.«

Tim trennte die Verbindung mit einem Knopfdruck und hatte dann gerade noch Zeit, um den Blinker zu setzen und die richtige Abzweigung anzusteuern.

»Tim, was machst du? Wo fährst du hin?«

»Entschuldige bitte, Schatz. Lena ist an einem frischen Tatort, und ich kann mich dort umsehen.«

»Bist du wahnsinnig?« Veronikas Augen blitzten zornig. »Du willst doch nicht ernsthaft mit uns ...« Sie schaute sich zu Moni um, dann sah sie wieder Tim an und tippte sich mit dem Finger an die Schläfe.

»Ihr werdet gar nichts sehen. Ich parke in genügender Entfernung, und ihr bleibt im Auto. Das Ganze wird nicht lange dauern.«

»Tim, du drehst sofort wieder um. Das ist verrückt, uns dahin zu schleppen. Ich will das nicht. Es reicht mir völlig, dass du dich mit so etwas beschäftigst, aber uns ziehst du da nicht mit hinein!«

»Herrgott, versteh doch, das Opfer noch am Ort des Geschehens zu sehen, ist eine Chance, die ich einfach nutzen muss. Ihr werdet doch nichts zu sehen bekommen!«

»Du hast dich entschieden, Arschloch!«, fauchte sie und schaute grimmig vor sich hin.

Tim zuckte mit den Schultern und versuchte sich auf den Verkehr zu konzentrieren. Es war auch ihm nicht wohl dabei, doch er konnte einfach nicht anders. Für diese Gelegenheit nahm er in Kauf, dass Veronika vielleicht einige Tage Kalten Krieg praktizieren würde. Er tastete mit der Linken in die Seitenablage, wo neben der Fingerhantel auch seine Nikon lag. Wenn er auch auf dem falschen Fuß erwischt worden war, bereit war er doch.

Er fragte sich, was ihn erwarten würde. Wenn Lena am Tatort war, musste das einen triftigen Grund haben. Er war sicher, dass er gleich ein totes Mädchen mit Würgemalen am Hals sehen würde.

Wieder musste er in den Rückspiegel schauen.

»Was ist los, Papa? Fahren wir nicht zu Opa?«, fragte Moni.

Veronika sah ihn hasserfüllt an.

»Doch sicher, Süße«, antwortete er. »Wir machen nur einen kleinen Umweg. Wir sind rechtzeitig zum Essen bei Opa.«

***


Eine Dreiviertelstunde eisigen Schweigens später waren sie am Ziel. Lenas Beschreibung war präzise gewesen. Die Ansammlung von Fahrzeugen auf der schmalen Landstraße war nicht zu übersehen. Tim parkte am Straßenrand, gleich neben einem Polizeiwagen. Beim Aussteigen steckte er die Kamera ein.

»Es dauert höchstens zehn Minuten.«

Natürlich war Veronika stinksauer, aber das war jetzt zweitrangig. Er ging den Weg entlang, der von der Straße abzweigte. Der Boden war schlammig, Offenbar waren die starken Regenfälle nicht auf Köln beschränkt gewesen.

Ein Beamter in Uniform hielt ihn auf. »Hier können Sie nicht weiter, bitte gehen Sie zurück!«

»Mein Name ist Schuster, ich bin mit Hauptkommissarin Berger verabredet. Sie erwartet mich.«

Der Polizist sah ihn verwundert an. »Ach so, Sie sind der Profiler. Na, dann kommen Sie mal mit.«

Nur wenige Meter weiter trafen sie auf Lena. Als sie Tim sah, winkte sie kurz und nickte ihrem Kollegen zu. Der ließ ihn daraufhin die Absperrung passieren.

»Hallo, Tim. Ich will, dass du das hier siehst.« Sie wies auf den Körper, der ein paar Schritte von ihnen entfernt am Boden lag.

Tim trat näher.

Es war ein junges Mädchen. Er schätzte sie auf höchstens zwölf Jahre. Auch jetzt noch war zu erkennen, wie hübsch sie war. Sie lag ausgestreckt auf dem Rücken, den Kopf auf eine Baumwurzel abgelegt. Ihre Augen waren geschlossen.

»Sie ist offensichtlich erwürgt worden. Wieder die gleichen Spuren am Hals.« Lenas Stimme klang müde.

Tim machte ein paar Fotos von der Leiche und der nächsten Umgebung. Überall waren nummerierte Markierungen der Spurensicherung. Hier wurde schon seit Stunden gearbeitet.

Ein Mann kam auf sie zu. »Frau Berger, wir müssen die Tote jetzt ins Institut verbringen. Sie liegt erst wenige Stunden hier, eine unverzügliche Obduktion kann wichtige Hinweise ergeben.«

»Selbstverständlich. Wir brauchen nur noch eine Minute.« Lena blickte Tim auffordernd an. »Also, schau dich genau um. Was fällt dir auf, ganz spontan?«

Tim atmete tief durch und ließ das tote Mädchen auf sich wirken. »Das war unser Mann. Aber etwas ist anders.«

»Was meinst du?«

»Die kleine Läuferin haben wir so gefunden, wie sie gestorben ist. Er hatte sie einfach liegenlassen. Diese Leiche wurde hier jedoch abgelegt. Er hat sie anderswo getötet und dann hierher gebracht. Oder gibt es hier Kampfspuren?«

»Nein, Sie haben recht«, antwortete der Kriminaltechniker.

Tim schaute sich das Mädchen noch einmal genauer an, und ihn beschlich ein starkes Gefühl der Beklemmung. Das war normal bei einem solchen Anblick. Doch es war irgendwie anders. Vermutlich lag es daran, dass nicht weit von hier seine Tochter im Wagen saß und auf ihn wartete, während er dieses tote Mädchen betrachtete.

»Gibt es Spuren von ihm? Reifenspuren, Fußabdrücke?«

Lena schüttelte den Kopf. »Leider ist das Mädchen von einer Gruppe von rund zwanzig Wanderern gefunden worden, die hier alles zertrampelt haben. Keine Chance mehr, in dem Matsch etwas Spezifisches zu entdecken.«

»Wanderer bei diesem Sauwetter?«

Sie zuckte mit den Achseln.

Irgendetwas stimmte hier nicht. Tim hatte das Mädchen erblickt und sofort gewusst, dass hier sein Mann am Werk gewesen war. Er ging noch einmal ganz nahe an die Leiche heran. Ihre Kleidung war völlig durchweicht, aber nicht verschmutzt. Auf dem schlammigen Waldboden war sie sicherlich nicht erwürgt worden. Die weiße Bluse steckte in Jeans. Der nasse Stoff war durchscheinend, außer da, wo er in die enge Hose geknüllt war. An dieser Stelle fiel Tim eine Verfärbung auf. Er beugte sich herunter, um das genauer zu sehen. Dann winkte er Lena und den Kollegen von der KTU heran.

»Ist euch das Blut hier schon aufgefallen?«

Lena schüttelte den Kopf. »Wo siehst du Blut?«

Tim zeigte auf eine Stelle am Hosenbund. »Es sieht so aus, als hätte sich der Stoff, der in der Hose steckt, ein ganz klein wenig rot gefärbt. Kann das sein?«

Der Kriminaltechniker trat näher und hockte sich neben ihn. »Das könnte gut sein. Sie haben scharfe Augen.«

Lena stampfte mit dem Fuß auf. »Wie kann es sein, dass Sie das noch nicht bemerkt haben?«, bellte sie heiser.

Der Mann stand auf und hob abwehrend die Hände. »Wenn es nach mir ginge, wäre die Leiche schon längst unterwegs ins gerichtsmedizinische Institut. Wir haben hier vor Ort die Spuren gesichert, eine genaue Untersuchung nehme ich vor, sobald Sie mich lassen!«

»Ist schon gut«, wiegelte Lena ab. »Ich erwarte Ihren Bericht morgen.«

Tim stand auf, schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Einen Moment blieb er so stehen und ließ die Gedanken wirken, die ihm durch den Kopf schossen.

»Er hat sie vergewaltigt und erwürgt. Dann hat er sie wieder angezogen und sie hier hingelegt. Er schämt sich, dass er in sie eingedrungen ist, dass er sie befleckt hat. Aber er war so geil, konnte sich nicht beherrschen. Und am Schluss, als alles vorbei war, hat er sie so gut wie möglich hergerichtet und sie hier zur Ruhe gebettet.«

»Was sagst du da?«

Die Stimme ließ Tim zusammenzucken. Er drehte sich um und blickte in die schreckgeweiteten Augen seiner Frau.

»Veronika. Was machst du hier?«

Der Polizist, der Tim eben hierher geleitet hatte, schaute Lena fragend an. »Frau Berger, die Dame sagte, sie gehöre zu Ihnen. Ist das in Ordnung?«

Lena nickte und hob die Hand. »Ja, schon gut.«

Sie ging mit schnellen Schritten auf Veronika zu, die zwischen Tim und der Leiche hin und her schaute, legte den Arm um ihre Schultern und zog sie einige Schritte mit sich fort. »Frau Schuster, Sie sollten das hier besser nicht sehen. Es reicht, dass wir uns das ansehen müssen.«

Veronika blickte zu Tim herüber, Tränen liefen über ihr Gesicht. »Du musst das nicht sehen, Tim. Du musst es nicht sehen, aber du willst es sehen!«

Lena redete beschwichtigend auf sie ein. »Frau Schuster, Ihr Mann ist eine große Hilfe bei der Suche nach diesem brutalen Mörder. Ich bin froh, dass er hier ist.«

Veronika hörte ihr gar nicht zu. Stattdessen schrie sie Tim an: »Fühlst du, was er fühlt? Bist du geil auf die Kleine, hättest du sie auch gern gefickt?«

Tim entgegnete nichts. Was hätte er auch sagen sollen angesichts des toten Mädchens? Sollte er ihr sagen, dass er den Täter verstand, weil er sensibel war für die Motivation eines Mannes, der ein unschuldiges, zartes Geschöpf zerbrach, weil auch seine Seele gebrochen war? Sollte er ihr gar sagen, dass er sich in ein solches Monster hineinversetzen konnte, weil auch er ein Mann war? Weil er die Abgründe kannte, über die jeder sogenannte Normale sich seine Brücken gebaut hat? Brücken, die die meisten Menschen täglich überqueren, ohne einen Blick über das Geländer nach unten zu werfen. Wer will dorthin sehen, wo die Höllenschlünde brodeln, die denjenigen, der hinabstürzt, in ein Tier verwandeln?

Lena hielt Veronika im Arm und ging mit ihr den Weg hinunter in Richtung des Wagens. Tim folgte den beiden langsam. Als er am Auto ankam, saß Veronika schon hinten auf der Rückbank und hielt Moni fest umschlungen.

Lena stand am Straßenrand und schaute ihn betreten an. »Tut mir leid. Ich hätte dich nicht drängen sollen zu kommen.«

»Ist schon okay, es war meine Entscheidung. Ich danke dir.« Tim stieg ins Auto und startete den Motor. »Ich rufe dich am Montag an, ja?«

Lena nickte und winkte ihm zu, während er auf der Straße wendete. Als der Wagen auf Touren gekommen war, fragte Monika: »Papa, was ist passiert? Warum weint die Mama?«

Als Tim mit einiger Verzögerung antwortete, musste er seiner Kehle jedes Wort gewaltsam abringen.

»Mama hat eben etwas Schreckliches gesehen, was sie nicht hätte sehen sollen, mein Schatz.«

Und dann überlegte er, was sie in Wirklichkeit gesehen hatte.