Kapitel 41
Ein lauer Samstagabend. Er wollte das letzte Licht des schwindenden Tages für einen entspannenden Waldlauf nutzen.
Es war schon recht spät, als er seine Laufschuhe zuschnürte. Dabei hatte er das seltsame Gefühl, nicht er selbst zu sein. Irgendwie hatte er den unwiderstehlichen Drang, das Haus so ordentlich wie möglich zu verlassen. Nein, er wohnte gar nicht in einem Haus, sondern in einer kleinen, dunklen Wohnung, die ihn fast erdrückte mit ihrer Enge. Nachdem er alle Zimmer auf offenstehende Fenster kontrolliert und die Kissen auf dem Fernsehsofa zurechtgerückt hatte, trat er in den Hausflur. Er schloss die Wohnungstür, nicht ohne sich vorher zu vergewissern, dass der Schlüssel am vorgesehenen Platz in der rechten Hosentasche war. Danach sicherte er die Tasche mit einem Schnupftuch gegen ein Herausrutschen des Schlüssels beim Laufen.
In der Sicherheit des nicht einsehbaren Hausflurs begann er, die Muskeln und Sehnen seiner Beine vorsichtig und sorgfältig zu dehnen. Irgendwie wollte er nicht, dass man ihn dabei beobachtete. Er hatte das Gefühl, dass der Anblick seines Körpers bei jedem Bewegungsablauf Anlass zu Spott und Gelächter gab.
Erst steif und ungelenk, dann aber immer beweglicher bereitete er sich auf seinen Lauf vor. Dabei beobachtete er ein etwa desserttellergroßes Spinnennetz, in dem eine dürre Schnake zappelte. Ihre langen Beine und Flügel erzeugten ein seltsames Brummen. Es war der klägliche Versuch, der tödlichen Falle zu entkommen. Er betrachtete die Szene mit einem gewissen Unbehagen, das sich steigerte, als er die Spinne bemerkte. Sie näherte sich dem Opfer mit den typischen schnellen Bewegungen ihres kompakten, haarigen Körpers. Er beendete hastig seine Vorbereitungen und verließ das Haus. Es war einen Augenblick zu spät, um nicht doch noch mit ansehen zu müssen, wie die Spinne das Insekt erreichte.
Als er die Tür hinter sich zufallen ließ, atmete er tief durch. Die laue Abendluft umspielte sanft seinen Körper und glättete seine aufkeimende Gänsehaut. Es war ein angenehmer Hauch wärmenden Lebens, der ihn beruhigte. Wie selbstverständlich fielen seine Beine in einen Rhythmus, der ihn mit langen, federnden Schritten in Richtung eines nahegelegenen Waldgebiets laufen ließ.
Kaum hatte er seine Atmung mit dem Takt der auf die Bürgersteigplatten klopfenden Sohlen koordiniert, wechselte der Untergrund. Er lief auf dem grasbewachsenen Erdboden eines Feldwegs, der zwar aufgrund der Trockenheit ähnlich hart war wie der Asphalt, dafür jedoch natürlich und ohne den Geruch von Öl und Benzin. Auch hier gab es noch vereinzelt plattgetretene Coladosen oder zerrissenes Schokoladenriegelpapier, doch diese Dinge wurden seltener und verschwanden ganz, als er den Wald erreicht hatte.
So lief er dahin, nichts oder nur wenig denkend. Er durchquerte Lichtungen, dann wieder dichte Waldstücke, die hin und wieder von Wiesen und Feldern durchbrochen wurden, die schon ausgebeutet und stoppelig dalagen. Schließlich drang er in ein größeres Waldgebiet ein, durch das sich der schmale Weg wand wie ein heimlicher Wurm. Der Untergrund gestaltete sich nun weicher. Seine Schrittgeräusche erstickten im einsetzenden Dunkel des abendlichen Waldes.
Mit der Zeit wurde ihm bewusst, dass er vielleicht etwas zu spät aufgebrochen war. Es wurde schnell dunkel, und mit dem Licht des Tages schwand auch die Wärme, die ihn eben noch so freundlich auf seinem Weg begleitet hatte.
Er hatte irgendwie Angst vor der Dunkelheit. Einen kurzen Moment wusste er, dass er träumte, dass dieser Läufer nicht wirklich er selbst war. Aber diese Erkenntnis verflog rasch. Er spürte eine Art von Beklemmung, wie sie wohl jeder normale Mensch an seiner Stelle empfunden hätte. Sie wurde hervorgerufen durch die dunklen Schatten der Bäume und Sträucher sowie der Summe von mehr oder weniger unbewusst wahrgenommenen Geräuschen, die der Wald und seine harmlose Fauna hervorbrachten.
Dann aber hörte er einen Laut, der sich deutlich von den üblichen Geräuschen des Waldes abhob. Er blieb am Wegesrand stehen und versuchte, seine erhöhte Atemfrequenz zu drosseln. Einige Herzschläge lang lauschte er angestrengt.
Es war nichts mehr zu hören.
Er sagte sich, dass er keineswegs geängstigt, nicht einmal beunruhigt, sondern einfach nur neugierig war. Welches Geräusch konnte ihn zum Anhalten veranlassen? Er konnte nicht einmal mehr mit Bestimmtheit sagen, wie dieser Laut überhaupt geklungen hatte. Er lachte leise über sich selbst. Als er sich wieder in Bewegung setzte, kam er sich doch recht kindisch vor. Schnell hatte er seinen Rhythmus wiedergefunden. Seine Gedanken ordneten sich. Es wurde ihm klar, dass er alles Mögliche oder auch gar nichts gehört haben mochte. Um sich zu vergewissern, dass dort im Wald wirklich nichts war, lauschte er während des ruhigen Dahingleitens erneut in die Dunkelheit hinein. Es war nichts, aber auch gar nichts zu hören bis auf das leise Rauschen des Blutes in seinen Ohren. Laut sagte er zu sich selbst: »Manni, du bist ein echter Dummkopf!«
Seine Stimme klang seltsam schräg und zittrig, wohl wegen der Belastung der Lungen durch das Laufen. Er wollte sich gerade mit einem Lachen aufmuntern, da hörte er das Geräusch erneut.
Diesmal war es so deutlich, dass er diesen seltsamen Laut sehr genau hätte beschreiben können. Es war ein Rascheln, das auf einen größeren Körper schließen ließ, der sich geschmeidig durchs Unterholz bewegte. Begleitet wurde das Rascheln von einem hechelnden Laut wie aus einem weit geöffneten Rachen, aus dem triefend eine lange Zunge heraushing.
Ein Hund, schoss es ihm durch den Kopf. Ein Hund, womöglich ein streunender Schäferhund, der Rehkitze riss und harmlose Jogger anfiel. Es konnte allerdings auch ein Pitbull-Terrier sein, abgerichtet von einem dieser geltungsbedürftigen Zuhälter, der sich seines gewalttätigen Herrchens entledigt hatte und nun im Blutrausch auf der Suche nach weiteren Opfern war.
Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Er konnte jetzt unmöglich weiterlaufen, um den Hund, der unsichtbar um ihn herumstreifte, nicht zum Zuschnappen zu reizen. Vielmehr musste er stehen bleiben, sich ruhig verhalten und abwarten, bis der Köter abgezogen war. Er spähte vorsichtig zwischen die Büsche, natürlich ohne sich von der Stelle zu bewegen, und horchte in die Dunkelheit. Jedes Geräusch, insbesondere dieses seltsame Hecheln, war erstorben. Es wurde fürchterlich still um ihn herum. Einige Sekunden verstrichen, ohne dass auch nur das Geringste geschah. Er versuchte, seinen Atem zu beruhigen. Er fühlte sich sehr allein, ja geradezu einsam. Andererseits war er froh, dass niemand diese Szene mit ansah, denn er war jetzt sicherlich ein höchst lächerlicher Anblick. Er wusste, welchen Lärm beispielsweise ein Vogel verursachen konnte, wenn er im trockenen Laub herumhüpfte. Dieses Hecheln jedoch, das er laut und deutlich vernommen hatte, konnte wohl kaum der Kehle einer Amsel entwichen sein.
Allmählich löste er sich aus seiner Starre. Er begann, die steif gewordenen Beine zu lockern, und bemerkte, dass er das betont langsam und verhohlen tat. Wie um sich zu zeigen, dass er einem kindlichen Angstmoment zum Opfer gefallen war, führte er die Lockerungsübungen nun bewusst kräftig und vehement aus. Amsel oder Pitbull, das ist hier die Frage, dachte er und entschied sich dafür, einen langsamen Trab zu beginnen. Die Bewegung tat ihm gut, und er richtete seine Aufmerksamkeit wieder mehr auf den Weg. Der war noch etwas heller als die Umgebung und bot dem Läufer an, das unheimliche Dunkel des Dickichts zu verlassen. Der Weg war sein Freund, sein Verbündeter, gegen wen oder was auch immer. Vielleicht sogar nur gegen ihn selbst, oder gegen eine blutgierige Amsel, die ihm nach dem Leben trachtete, um einmal einen etwas größeren Wurm verspeisen zu können. Das war lächerlich. Wann hatte er schon einmal solche Angst gehabt? Er musste ein kleines Kind gewesen sein. Wieder die Gewissheit, nur zu träumen.
Er erinnerte sich, gelesen zu haben, dass man in luziden Träumen das Geschehen mitbestimmen kann, dass man sogar selbstbestimmter ist als im wirklichen Leben. Einen Moment konnte er nun wieder freier atmen. Die Angst war nur mehr eine kleine schwarze Spinne, die in der hintersten Ecke ihres Netzes auf ein dummes, zappelndes Opfer wartete.
In diesen Zustand der Erleichterung brach das entsetzliche Knurren ein, auf das er insgeheim schon gewartet hatte. Es verwandelte die trügerische Hoffnung, dass er nur träumte, in panischen Schrecken. Irgendwie hatte er gewusst, dass er nicht träumte, dass er nicht vor einem im Laub raschelnden Vogel floh, sondern dass er wirklich und ernsthaft in Gefahr war. In diesem Moment bemerkte er, dass er wirklich davonlief, dass er in langen, hektischen Sätzen vor einem unsichtbaren Verfolger flüchtete, und das in einem Tempo, das er sonst nur an guten Tagen als Endspurt wählte. Das Geräusch im Unterholz war jetzt kein Rascheln mehr. Ein kräftiger Körper brach ungestüm durch das Geäst. Aus einer dunklen Kehle klang ein durchdringendes Knurren, das ihm den Schweiß aus den Poren trieb. Knurrte ein Hund während des Laufens? Er wusste, dass er unbedingt stehen bleiben musste, wenn er von einem Hund verfolgt wurde, doch er brachte es einfach nicht fertig. Zu stark war die panische Angst, die ihn zwang, seinen Lauf noch zu beschleunigen. Hinter ihm erklang ein Geräusch, eine Art Heulen oder vielmehr Schreien, das sich kaum noch hundeähnlich anhörte und seine Panik in höchste Todesangst steigerte. Er rannte nun um sein Leben. Was immer ihn in diesem verdammten Wald verfolgte, es war eine Kreatur, die ihn nicht nur erschrecken, sondern ihn angreifen und zerfleischen wollte. Sein Herz krampfte sich zusammen, und seine Nackenhaare sträubten sich. Mit einem Mal war es ihm vollkommen gleich, ob er wie ein kleines Kind Angst in der Dunkelheit hatte. Er gab sich ganz seiner Panik hin und erhöhte nochmals die Geschwindigkeit. Ja, laufen konnte er, das würde er seinem Verfolger schon zeigen. Doch trotz des erhöhten Tempos wurden die unheimlichen Geräusche immer lauter und bedrohlicher. Es schien jetzt mehr von der Seite zu kommen. Er wusste, dass bald eine Abbiegung des Weges nach rechts kommen musste, die ihn wieder aus dem Wald heraus und auf ein Terrain bringen würde, in dem sich Wiesen und Felder abwechselten. Jetzt galt es, diese Biegung als Erster zu erreichen und den Wald möglichst schnell zu verlassen. Immer lauter, immer näher klangen die fürchterlichen Laute der ihn verfolgenden Kreatur. Doch nach kurzer Zeit war die Abzweigung erreicht. Er bog ab und war froh, die dunklen Bäume auseinander treten zu sehen. Mittlerweile war es aber auch im Freien dunkler geworden.
Zur Linken erstreckte sich ein noch nicht abgeerntetes Roggenfeld, zur Rechten eine Wiese, durch einen Stacheldrahtzaun vom Weg abgetrennt. Er hörte es nun laut und deutlich im Feld rascheln, die hohen Roggenhalme teilten sich, offensichtlich von einem großen, aber dicht am Boden laufenden Körper durchwuchtet. Die Kreatur stieß ein entsetzliches Geheul aus, das dem Läufer durch Mark und Bein fuhr. Dieses Geheul machte ihm klar, dass es sich unmöglich um einen gewöhnlichen Hund handeln konnte. Er sträubte sich gegen die Vorstellung, etwas Fremdes, völlig Andersartiges verfolge ihn und trachte ihm nach dem Leben. Doch was es auch war, er hatte panische Angst vor diesem Wesen. Nun kam die Spur der sich teilenden Halme direkt auf ihn zu. Er musste den Weg verlassen. Er gab sich einen Ruck und setzte in kühnem Sprung über den Stacheldraht, der den Weg von der Wiese trennte, hinweg. Er strauchelte kurz, als er auf dem weichen und feuchten Untergrund auftraf, sammelte sich jedoch sofort und rannte über die Wiese davon. Er brauchte gar nicht zu horchen, er wusste ganz einfach, dass der unheimliche Verfolger dicht hinter ihm war. Er wandte seinen Kopf während des Laufens zu beiden Seiten, konnte die Kreatur aber nicht entdecken, obwohl sie da sein musste.
Er näherte sich jetzt einem Stacheldrahtzaun, der quer zu seiner Fluchtrichtung verlief, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als darüber hinwegzuspringen. Der Zaun war vielleicht achtzig bis neunzig Zentimeter hoch, kein besonderes Problem für einen guten Läufer mit langen Beinen. Aber er keuchte bereits schwer, und das hohe Tempo der letzten Minute hatte ihn viel Kraft gekostet. Er nahm alle Energie zusammen und sprang über das Hindernis hinweg. Weiterhetzend, bemerkte er eine Reihe weiterer Zäune, die sich ihm in den Weg stellten. Verzweiflung breitete sich in ihm aus. Das Hecheln, Knurren und Heulen, diese entsetzlichen Töne, die nur einer monströsen Kehle entstammen konnten, kamen immer näher. Eigentlich musste das Untier ihn schon beinahe erreicht haben. Er versuchte, seine Geschwindigkeit noch weiter zu steigern, spürte dabei aber, dass er am Ende seiner Kräfte war. Der schnelle Lauf durch den Wald und über die weiche Wiese und die Todesangst hatten seine Beine ausgelaugt. Sein Atem ging rasend schnell. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, und Schweiß brannte in seinen Augen. Der nächste Zaun war vor ihm. Er sprang, blieb jedoch mit einem Fuß hängen und stürzte schluchzend ins Gras. Ein stechender Schmerz durchzuckte seinen Knöchel.
Als er den Kopf hob, sah er aus den Augenwinkeln einen riesigen Schatten, der sich rasend schnell auf ihn zu bewegte. Mit einem Aufschrei fuhr er hoch und rannte trotz seiner entsetzlichen Schwäche und den Schmerzen im Fußgelenk weiter, hinter ihm die Bestie wissend, die ihn gleich niederreißen und zerfleischen würde. Er rannte und rannte, längst all seiner Kräfte beraubt, und als der nächste Zaun sich vor ihm aufbaute, wusste er, dass er ihn nicht würde überspringen können. Er machte einen müden Satz und prallte gegen den Zaun, dessen rostige Stacheln sich tief in sein Fleisch bohrten. Er wollte laut aufschreien, seine panische Angst und seine Schmerzen herausschreien. Aber es wollte kein Laut seiner Kehle entweichen. Er strampelte hilflos mit Armen und Beinen, verhakte sich dabei immer mehr in den scharfen Stacheln des Zauns. Er sah alles wie durch einen roten Schleier. Im nächsten Moment raste ein monströser Schatten auf ihn zu. Er fühlte sich wie eine Schnake im Spinnennetz.
»Hilf mir, Tim!«, schrie er, so laut er konnte.
Manfred saß aufrecht im Bett, am ganzen Körper zitternd und schweißgebadet. Er wusste nicht, wo er war.
Ganz langsam wurde er wach und realisierte, dass es tatsächlich ein Traum gewesen war. Er schaute sich im Zimmer um. Alles war fremd. Das Fenster war auf der falschen Seite, es roch seltsam, und er war allein.
Nach einem weiteren Moment der Besinnung war er wieder im Bilde. Er war in Hamburg, hatte den letzten Flieger nach Hause verpasst und musste nun eine Nacht im Hotel verbringen. Das Zittern ebbte ab. Er hatte sich wieder unter Kontrolle. Jetzt merkte er, dass ihm übel war. Er stand auf und ging ins Badezimmer. Erst einmal kalt duschen. Danach würde es ihm schnell wieder besser gehen.