Kapitel 38

Er musste nachdenken.

Ihm war so schlecht, dass er brechen wollte – nicht das erste Mal in letzter Zeit. Er sollte seinen Magen untersuchen lassen.

Manfred saß in seinem Arbeitszimmer. Es war spät am Abend. Claudia war schon vor einer Stunde ins Bett gegangen. Nadine war sauer auf ihn, wie nur ein junges Mädchen es sein konnte, weil er ihr nicht bei den Mathematik-Hausaufgaben hatte helfen wollen. Er konnte, er durfte ihr nicht sagen, warum. Der Blick ihrer Schmetterlingsaugen war heute einfach nicht zu ertragen. Max war enttäuscht gewesen, dass er ihm keine Geschichte erzählt hatte. Es wäre ihm aber ohnehin nichts eingefallen.

Er hatte die Decke, die Flasche Chloroform, den Lappen und die Tasche des Mädchens getrennt in fremde Mülltonnen geworfen. Danach war der Firmenwagen zur Komplettreinigung gegangen. Zu Hause hatte er zuerst geduscht. Nein, er hatte sich zum Duschen ausgezogen, die blutige Unterhose zerschnitten und das Klo hinuntergespült. Dann erst hatte er lange geduscht. Ihr Blut hatte er abgewaschen, es klebte an seinem Penis – angetrocknet wie das Monatsblut in Claudias Binden im WC-Abfalleimer. Doch es war das Blut eines Schmetterlings gewesen. Es klebte an ihm wie der bunte Staub, den man an den Fingern hat, wenn man eines dieser wunderbaren Tiere zwischen den Händen zerreibt, so wie er es als Kind manchmal getan hatte. Niemals mehr könnte er so etwas heute noch tun.

Ihr Mund, ihre sinnlichen Lippen, die knospenden Brüste, all das hatte ihn um den Verstand gebracht. Sie war doch so jung, so unschuldig, duftete so frisch. Und trotzdem war sie eine Frau gewesen, leidenschaftlich und fordernd. Ihr Schoß hatte ihn aufgenommen, und er hatte sich in sie ergossen. Niemals in seinem ganzen verdammten Leben hatte er stärkere Leidenschaft empfunden als in diesem Moment der völligen Hingabe. Die Betäubung hatte ihr die anerzogene Scham genommen und sie instinktiv die Schenkel öffnen lassen. Und sie ließ zu, dass ihre Unschuld seiner Männlichkeit zum Opfer fiel. Ein Opfer war sie gewiss. Das war nicht vorgesehen. Sie hätte nicht befleckt werden dürfen. Er hatte sie zur Raupe gemacht, ihre Geschlechtlichkeit vor der Zeit heraufbeschworen, so wie man eine Knospe gewaltsam aufdrückt, bevor sie von selbst erblüht. Er hatte sie aufgebrochen. Sein blutiges Stemmeisen zeugte davon. Es war 1.24 Uhr, ein langer Tag lag vor ihm. Er sollte schlafen, also schloss er die Augen und lehnte sich zurück. Er war so erschöpft, so unendlich müde. Alles entglitt ihm – irgendwie ...