Kapitel 7
»Du stehst immer noch im Schach.«
Die tiefe Stimme holte Tim aus seiner Gedankenwelt zurück an den Tisch in der Bibliothek seines Vaters. Die beiden saßen bei gedämpftem Licht und Rotwein vor dem großformatigen Schachbrett aus Teakholz, das Tim ihm zum sechzigsten Geburtstag geschenkt hatte.
»Entschuldige, aber ich weiß wirklich nicht, was ich machen soll.«
»Meinst du Veronika oder die Partie?«
Der alte Schuster sah Tim in der ihm eigenen Art an. Die dunklen Augen ruhten im Schatten buschiger Brauen auf seinem Sohn, seine Miene drückte weder Neugier noch Gleichgültigkeit aus.
»Beides. Es ist simpel und völlig vertrackt zugleich.« Tim formulierte bewusst unscharf, um seinen Vater zu einer persönlichen Wertung zu bewegen. Das gelang nicht oft.
Der Alte trank einen Schluck, drehte das Weinglas in der Hand und ließ die rote Flüssigkeit im Gegenlicht der Leselampe funkeln. Tim sah die Andeutung eines Lächelns um seinen Mund.
»Wenn du deine Stellung in diesem Spiel meinst, so unterstreiche ich die Bezeichnung simpel. Du kannst das Matt in zwei Zügen nur mit dem Turmopfer vermeiden, was dich ebenfalls die Partie kostet. Falls du aber darauf anspielst, dass deine Frau einen Liebhaber hat und ihr dennoch eine gute Ehe führen wollt – mal ganz abgesehen davon dass du auch andere Frauen hast –, so finde ich vertrackt das richtige Wort.«
»Du weißt, dass ich Veronika liebe, und ich glaube, dass sie mich auch liebt. Ist das nicht das Wesentliche? Ich denke, dass es okay ist, jedenfalls fühle ich mich nicht als Betrüger und auch nicht betrogen. Müsste ich das?«
Robert Schuster seufzte. Tim wusste, dass sein Vater nur höchst ungern ad hoc Urteile fällte, und das nicht erst, seit der pensionierte Staatsanwalt nicht mehr im Gerichtssaal arbeitete. Doch er wollte an diesem Abend ein klares Wort hören.
»Meiner Erfahrung nach kann man mit einer Frau, die regelmäßig mit einem anderen Mann ins Bett geht, langfristig genauso wenig eine erfolgreiche Partnerschaft führen wie mit einem Turm weniger eine Schachpartie gewinnen.«
Auch wenn Tim eine Wertung hatte hören wollen, ärgerte ihn diese Haltung doch. Sie kam ihm ein wenig zu traditionell vor. Er wagte die Gegenfrage: »Hast du Mutter damals nicht betrogen, obwohl du sie liebtest?«
Sein Vater zog die Brauen hoch und sah ihn erstaunt, fast bestürzt an. Vielleicht war er zu weit gegangen. Robert Schuster lehnte sich zurück und schloss einen Moment die Augen. Tim wusste, dass er das tat, um nicht impulsiv und vorschnell zu antworten. Dann sagte er mit leiser, aber fester Stimme: »Jawohl, Tim, das tat ich, und genau daran ist meine Ehe mit deiner Mutter gescheitert. Und es tut mir heute noch leid, nach all den Jahren.«
Es entstand eine Pause. Tim versuchte sie für sich zu füllen, indem er nach dem Glas griff und einen Schluck Wein trank. Manchmal vergaß er, dass er seine blockierte Emotionalität nicht von seinem Vater geerbt hatte. Das Gespräch war in dieser Intensität nicht fortzusetzen. So wie ein Bergsteiger nach dem Erreichen eines hohen Gipfels wieder hinunter muss, bevor die dünne Luft seine Kraft völlig ausgehöhlt hat.
Tim spürte, dass dieses Thema Gefühle in ihm auslöste, aber er vermochte sie wie immer nicht zu deuten. Sie erschienen ihm zu vage, vielleicht auch zu komplex. Lieber spann er einen leichteren Faden weiter.
»Hast du Mutter in London getroffen?«
Sein Vater schaute ihn wieder mit dem vertraut neutralen Gesichtsausdruck an. Wahrscheinlich war er dankbar für diese Wendung des Gesprächs.
»Sie ist immer noch deine Mutter, jedoch seit zwanzig Jahren nicht mehr meine Frau. Ich wollte dort Studienkollegen treffen.«
»Und, hast du nicht trotzdem zwischendurch auch deine Ex-Frau besucht, wenn du schon einmal in ihrer Nähe warst?«
Der Alte lächelte. »Doch, das habe ich. Es geht ihr gut, aber sie vermisst dich. Sie hat sich beschwert, dass du in diesem Jahr noch nicht bei ihr warst.«
Tim hatte seiner Mutter niemals vorgeworfen, dass sie nach der Trennung von seinem Vater Deutschland den Rücken gekehrt hatte und in ihre englische Heimat zurückgekehrt war. Sie dagegen hatte sich nie damit abfinden können, dass ihr Sohn Deutschland nicht verlassen wollte und sie ziehen ließ. Und seitdem beklagte sie sich regelmäßig darüber, wie selten er sie besuchte. Sie meinte, der Trip auf die britische Insel sei viel schneller und einfacher als seine »ständigen Ausbrüche in die wildesten und entlegensten Wüsteneien«. So nannte sie seine – für seinen eigenen Geschmack viel zu seltenen – Reisen in die Berge der Welt. Er glaubte, sie im vorigen Jahr allzu sehr verwöhnt zu haben. Da hatte er fast vier Monate auf der Insel zu tun gehabt und sie oft in London besucht.
»Mutter beschwert sich immer. Sie wird noch etwas auf ihren verlorenen Sohn warten müssen.«
»Liegt arbeitsmäßig etwas Besonderes bei dir an?«
Das war der Oberstaatsanwalt Dr. Robert Schuster, wie Tim ihn kannte. Er nahm den kleinsten Hinweis auf und verfolgte ihn weiter. Tim drehte das Schachbrett herum und baute die Formation neu auf. So brauchte er nicht förmlich zu kapitulieren. Vor ihm standen jetzt die weißen Figuren. Er begann mit d2-d4.
»Du meinst, ob es ein Monster gibt, auf dessen Fährte ich mich setzen kann? Es ist durchaus möglich.«
»Handelt es sich um den Mord an der jungen Läuferin?«
»So ist es. Vor etwa einem Jahr wurde ein sehr ähnliches Verbrechen im Raum Köln verübt. Einiges deutet darauf hin, dass es sich um denselben Täter handeln könnte. Wenn das zutrifft, haben wir es mit einem Serienmörder zu tun. Aber ich weiß noch so gut wie nichts. Erst morgen erfahre ich Näheres. Aber immerhin war ich am Tatort, als das Opfer noch dort lag.«
»So.« Mehr sagte sein Vater nicht dazu. Er entgegnete Tims Eröffnung mit b7-b5 und brachte ihn damit gleich zum Grübeln. Ein Schachspiel ist mindestens so einfach wie das Leben selbst, dachte Tim. Im Grunde genommen gibt es doch nur schwarz und weiß. Nur die unzähligen Variationen lassen uns alles grau erscheinen und stürzen uns in immer neue Verwirrungen.