Kapitel 45

Tim hatte ihn nicht verstanden. Vielleicht hatte er auch nicht verstanden werden wollen. Darüber war er sich nicht ganz im Klaren. Als der Journalist ihn eben verlassen hatte, war ihm sein Unverständnis deutlich anzumerken gewesen. Aber Manfred war es gewohnt, nicht verstanden zu werden. Nicht umsonst leitete er eine Unternehmung, und andere arbeiteten für ihn. Nicht umsonst befreite er die Schmetterlinge, und andere fanden die leeren Puppen und wussten nicht, wen oder was sie anschließend jagen sollten. Auch Tim wusste das nicht, natürlich nicht. Niemals würden sie die große Wand gemeinsam durchsteigen. Zu unterschiedlich waren ihre Wege. Manfred wusste, er hatte den eisigen Grat allein zu gehen. Kein Seil verband ihn mit einer sichernden Hand. Das war sein Schicksal, es war ihm vorbestimmt. Er würde weiter einsam durch die dunkle Nacht steigen, um einen Moment lang am Gipfel ins unendliche Blau des Himmels zu sehen. Danach führte es ihn immer nur abwärts.

It’s hard to be down when you’re up. Diesen Spruch hatte er auf dem Dach des World Trade Centers gehört, wenige Wochen, bevor die Türme zusammenstürzten. Er hatte damals keinen Aufzug benutzt, war Stufe für Stufe nach oben gestiegen. Die Treppen gab es längst nicht mehr.

Aber ihn gab es noch. Und es gab diesen süßen Nachtfalter, der gleich das Gebäude verlassen musste. Es war schon sehr spät. Die Lichter waren fast alle erloschen. Es würde wieder geschehen, es war unvermeidlich. Sie war fast schon zu weit. Nicht länger warten, sonst war sie verloren. Sie war bestimmt schon älter, als sie aussah, sonst hätte sie nicht so spät noch bedienen dürfen, dachte Manfred. Beinahe kokett war sie. Aber auch dieses Geschöpf würde nicht zur Raupe mutieren. Es würde seine Anmut und Natürlichkeit behalten dürfen. Dafür musste er sorgen.