Kapitel 50
Ihm war kalt. Es war jene Kälte, die einen von innen heraus frieren lässt, die einem in den Knochen sitzt und einen kraftlos macht. Man spürt sie, wenn man krank wird, oder wenn man sich einen Tag und eine Nacht lang durch den Schneesturm kämpft. Wenn man nicht weiß, wo das rettende Lager ist, todesmüde und dem Absturz nah.
Tim fragte sich, warum er jetzt diese Eiseskälte fühlte, wo er vor dieser Metalltür stand, in diesem hell erleuchteten Gang voll glatter, weiß lackierter Türen. Er hätte sich sagen können, dass dies nur natürlich sei, wenn man bedachte, dass er gleich durch diese Tür treten und dem gefangenen Monster begegnen würde. Es kauerte dort in seinem Abgrund, der leicht auch der seine hätte werden können.
Doch in Wahrheit war es nicht so einfach. Schon oft hatte er Mörder in ihrer Zelle besucht. Er hatte sie dort interviewt, wo sie in der Tristesse der funktionalen Enge auf sich selbst reduziert schienen. Er verspürte meist eine gewisse Beklemmung, wenn er mit ihnen gemeinsam in einem kleinen, abgeschlossenen Raum war. Doch niemals war er dieser Art innerer Vereisung ausgesetzt gewesen, die ihn jetzt gefangen hielt, noch bevor der Wärter die Tür geöffnet hatte.
Tim hatte sich das Übertreten dieser Schwelle vorgestellt wie den letzten steilen Schritt vor dem Erreichen eines Gipfels. Doch nun, als sein Blick in Manfred Jeschkes Zelle fiel, spürte er nichts vom Triumph über das Monster. Das Tier war an der Kette, er hatte seine Story. Sie würde sich gut verkaufen lassen, aber er kam nicht als Sieger hierher.
Manfred saß auf der Kante seines Bettes. Er stand auf, als Tim eintrat. Tim ging auf direktem Weg zu dem kleinen Tisch, der an der Wand stand und ob der engen Abmessungen doch gleich mitten im Raum. Seltsamerweise standen dort zwei Stühle, so als wäre man als Insasse ständig auf Besuch vorbereitet. Tim setzte sich. Manfred war glatt rasiert, Tim erkannte ihn kaum. Er stand einen Moment lang neben ihm. Dann zog er den zweiten Stuhl schräg vom Tisch weg und setzte sich neben Tim.
Sie redeten nicht, sondern sahen sich nur stumm an. Tim versuchte zu ergründen, was der Gefangene empfinden mochte. Manfreds Blick versenkte sich in seine Augen, völlig ruhig und ohne jeden Anflug von Verwirrtheit. Tim hielt ihm stand, auch wenn es nicht angenehm war. Er wusste, dass der beherrschte Eindruck täuschte. Dieser Mann war total wahnsinnig. Tim hatte in den letzten Tagen viel über Opfer und Täter nachgedacht, wie man von einer Rolle in die andere geraten konnte. Hier in dieser Zelle erschien alles so einfach. Das Monster saß dort. Er konnte hineingehen und auch wieder hinaus, während Manfred als gefasster Täter zurückblieb. Enge Mauern und diese nackte Tür zogen klare Grenzen. Doch da draußen waren sie einfach zwei Männer gewesen. Was trieb jenen zu töten, was bewahrte den anderen davor? Hätte Tim die Kindheit dieses Menschen gehabt, wäre er nicht der Mann, der er heute war. Doch wäre er ebenso zum Mörder geworden?
»Bist du mir noch böse, weil ich dich getäuscht habe?«
Gesprochene Worte klangen seltsam in diesem Raum. Eine Antwort fiel Tim schwer.
»Es wäre nicht angemessen, einem Mann, der ein halbes Dutzend Menschen ermordet hat, wegen einer Täuschung böse zu sein.«
»Acht.«
»So, also waren es acht. Hast du da deine Mutter mitgezählt?«
Manfred lächelte vor sich hin und lehnte sich im Stuhl zurück. »Willst du nicht wissen, was ich mit deiner Familie gemacht habe und warum?«
»Deine Beweggründe in diesem Punkt interessieren mich nicht. Zumindest nicht die, die du bewusst äußerst. Du bist ein Psychopath, und als solcher hast du keine rationalen Beweggründe.«
»Für einen Schreiberling kannst du unfassbar schlecht lügen, mein lieber Tim. Was du behauptest, passt nicht zu deinem Job. Außerdem bist du hier. Das sagt mir genug.«
Tim hätte ihn in diesem Moment erwürgen mögen. Er bedauerte nun, hierher gekommen zu sein. Veronika hatte ihn gebeten, es nicht zu tun, doch er hatte nicht widerstehen können. Es gehörte einfach zu einem Projekt dazu, den Mörder am Schluss noch einmal zu sehen. Jetzt wusste er nicht, was er hier suchte.
»Du musst für mich die große Wand machen, Tim.« Manfreds Stimme hatte etwas Beschwörendes, fast Bittendes. »Du wirst keinen Berg mehr besteigen können, ohne an mich zu denken.«
»Du nimmst dich zu wichtig«, antwortete Tim. Aber insgeheim stimmte er ihm zu. Er war mit diesem Monster durch ein Seil verbunden gewesen, er wäre auch mit ihm durch die große Wand gestiegen, wenn Manfred diesem Albtraum nicht vorher selbst ein Ende bereitet hätte. Tim musste ihm eine letzte Frage stellen, die eine Frage, auf die er noch nie eine Antwort erhalten hatte.
»Warum? Warum all diese armen Mädchen?«
Manfred lächelte ihn an und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Da war keine Regung, keine Verzweiflung, keine Reue. Nichts.
Sie verharrten beide eine Zeitlang so. Tim blieb nur noch eins zu tun. Er nahm seine Nikon aus der Tasche, fokussierte Manfred im Sucher, wie er da so entspannt lächelnd im Stuhl saß, und betätigte den Auslöser. Abschlussfoto.
Dann stand er auf, ging zur Tür und klopfte. Er drehte sich nicht mehr um, bis ihm geöffnet wurde. Ein großer Druck lastete auf seiner Brust. Er atmete tief ein und wünschte sich auf den Gipfel eines hohen Berges, auf dem Einsamkeit etwas Schönes ist.