Kapitel 26
Zu Beginn eines Projekts stand oft eine solche Kick-Off-Veranstaltung. Allein aus der Anzahl der Teilnehmer war zu schließen, dass dies kein Arbeitstermin werden würde, nur vertriebliches Blabla nebst ein paar Festlegungen zum möglichen Projektablauf. Zur inhaltlichen Analyse würde es an diesem Tag nicht kommen. Das hatte Manfred schon zu oft gesehen, um sich noch Gedanken darüber zu machen. Es störte ihn nicht. Man bezahlte es ihm ja. Ein Tagessatz war ein Tagessatz.
Der Verwaltungsleiter des Verlags referierte eine Weile über Sinn und Zweck des Meetings. Er legte dar, dass er sich beim Verlauf des Workshops auf Manfreds Gesprächsführung verlassen würde. Er gab ihm jedoch nicht das Wort, sondern stellte die Teilnehmer der Runde vor. Manfred notierte sich den EDV-Koordinator und seine Vertreterin, zwei Abteilungsleiter und fünf Redakteure, bevor er dann endlich etwas sagen konnte. Er stellte sich und seine Firma kurz vor, definierte Problemlösungskompetenzen und so weiter. Dann ging er auf die angemessene Vorgehensweise bei der Analyse der Geschäftsprozesse und Systemanforderungen ein. Dabei betonte er wie immer den Schwerpunkt auf der akribischen Detailarbeit, die er für ein wesentliches Qualitätsmerkmal seiner Firma hielt. Dann wurde er unterbrochen, denn es betrat ein verspäteter Teilnehmer den Raum.
»Entschuldigen sie die Unterbrechung, Herr Jeschke«, kommentierte der Verwaltungsleiter die Störung durch den Nachzügler. »Darf ich Ihnen Tim Schuster vorstellen? Er ist einer unserer besten freien Mitarbeiter mit umfassenden Erfahrungen in weltweiter Recherche und hat von daher bestimmt wesentliche Anforderungen an das neue System beizutragen.«
Manfred beobachtete den Mann namens Tim Schuster. Der trat wortlos an den Tisch und nahm ihm gegenüber Platz. Dabei redete der Verwaltungsleiter weiter: »Herr Schuster, das ist Herr Jeschke von der Firma Workflow Consult, die uns ein neues EDV-System maßschneidern will. Herr Jeschke, unser Herr Schuster recherchiert in Kriminalfällen und ist dafür bekannt, dass er die Täter oft schneller am Wickel hat als die Polizei. Jetzt ist er gerade wieder einem Serienmörder auf der Spur, der in Köln sein Unwesen treibt und schon mehrere Mädchen erwürgt hat. Sie haben sicher in den Nachrichten davon gehört. Seine Anforderungen an Datenbankzugriffe sind für Sie sicherlich wichtig, oder?«
»Aber ja«, antwortete Manfred. »Die Anforderungen kompetenter Benutzer sind das Wichtigste bei der Systemanalyse.«
Tim Schuster musterte ihn gelassen. Manfred stellte sich vor, wie jemand wie er seine Spuren im Wald betrachtete. Ob dieser Kerl schon wusste, welches Profil seine Reifen hatten? Sein Auto stand unten auf dem Parkplatz. Er hatte bis zu diesem Augenblick noch nicht einen Gedanken daran verschwendet, die Reifen zu entsorgen und neue zu kaufen. Ihm war etwas unwohl.
»Entschuldigung, aber die Unterbrechung kommt mir gerade recht. Wo finde ich bitte die Toilette?«
Er stand auf und ging zur Tür. Jemand erteilte ihm die erbetene Auskunft. Auf dem Weg zum Klo merkte er, dass Schweiß über sein Gesicht perlte. Plötzlich war das Hemd nass. Er war froh, dass er einen Anzug trug und man nicht sehen konnte, wie der dünne Stoff an seinem Körper klebte. Er konzentrierte sich darauf, tief durchzuatmen, Kontrolle zu gewinnen. Warum war er plötzlich so nervös? Nur weil man ihn daran erinnert hatte, dass es so etwas wie Fahndung gab? Er sah in dem Spiegel über dem Waschbecken sein blasses Gesicht und lächelte sich selbst zu. Er wusste gar nicht, dass er so sensibel sein konnte. Wenn er jetzt zurückging, würde er wieder alles im Griff haben. Er war Manfred Jeschke, Geschäftsführer der E&J Workflow Consult AG und kein Mörder. Und die Polizei oder gar recherchierende Schreiberlinge konnten ihm gar nichts. Am Waschbecken einige Hände voll kaltes Wasser ins Gesicht, dann ordnete er sein Haar und die Kleidung. Gegen die Blässe half kräftiges Reiben der Wangen. Alles im Lot. Nach einem letzten Kontrollblick in den Spiegel kehrte er in den Besprechungsraum zurück. Dort waren die Anwesenden in angeregte Einzelgespräche vertieft. Sie verstummten nach und nach, als er zu seinem Platz ging. Der freie Mitarbeiter telefonierte gerade, Manfred schnappte »Bronx Rock« und »Freitagabend« auf. Welch eine Überraschung! Bronx Rock war eine Kletterhalle in Wesseling, in der auch er schon gewesen war. Offensichtlich hatte Schuster sich zum Klettern verabredet.
»Machen wir weiter, meine Damen und Herren!«
Seine Aufforderung kam ihm klar und bestimmt vor. Dies war sein Workshop. Er gab hier den Ton an.