Kapitel 30
»Manfred, was regst du dich denn so auf? Der Junge wollte zu seiner Oma. Nur weil du deine Mutter nicht leiden kannst?«
Manfred spürte, wie es heiß in ihm aufstieg. Er hatte Lust, Claudia ins Gesicht zu schlagen. Diese blöde Kuh. Sie wollte einfach nicht verstehen. Er gab seiner Stimme die größtmögliche Schärfe: »Ich habe schon mehrfach ausdrücklich verboten, dass die Kinder bei meiner Mutter übernachten. Und das gilt!«
»Nun schrei doch bitte nicht so. Da bekommt man ja Angst.«
Die Lust, Claudia für ihre Dummheit zu schlagen, wuchs. Er war vom Klettern sehr spät nach Hause gekommen und davon ausgegangen, dass die Kinder bei Freunden übernachteten. An diesem Morgen musste er dann feststellen, dass dies nur auf Nadine zutraf. Claudia hatte Max zu seiner Mutter nach Düren gebracht. Manfred war so übel, als hätte er Milch getrunken. Er hatte noch nicht gefrühstückt, aber das war ihm nun egal. Er zog seine Schuhe an und griff nach dem Schlüsselbund.
»Warte, ich komme mit!«, rief Claudia ihm nach. Sie holte ihn ein, da er den Wagen in der Garage geparkt hatte, und stieg zu. Die Fahrt verlief in eisigem Schweigen, obwohl Manfred ständig die Geschwindigkeitsbegrenzung überschritt. Claudia hasste das, traute sich aber nicht, ihn zurechtzuweisen.
Manfreds Mutter wohnte immer noch in dem billigen Mietshaus, aus dem er damals geflohen war, als er die Schule abgeschlossen hatte. An der Straßenecke, drei Häuser von ihrer Wohnung entfernt, wohnte ein ehemaliger Schulfreund. Im Vorgarten saß ein Mädchen auf der Treppe, sehr hübsch. Wahrscheinlich seine Tochter. Manfred fand eine Parklücke direkt vor dem Haus seiner Mutter. Sie stiegen aus und gingen zur Tür. Die Gardine bewegte sich, man hatte sie also entdeckt. Manfred ließ Claudia vorgehen. Sie klingelte, und gleich darauf summte der Türöffner. Claudia trat in den Hausflur, Manfred folgte. Am Ende des dunklen Hausflurs wurde eine Tür geöffnet. Es war seine Mutter. Max drängte sich neben ihr in den Türrahmen, um zu sehen, wer gekommen war. Er trug noch den Schlafanzug. Manfred hörte, wie die Alte Claudia begrüßte, dazwischen plapperte Max.
»Manfred, mein Junge. Schön, dass du auch mal wieder vorbeischaust!«
»Hallo, Mama«, sagte er mehr aus Reflex denn als Begrüßung. Claudia war mit Max schon weiter durchgegangen, und er wollte ihnen folgen. Seine Mutter drückte ihm im Vorbeigehen einen Kuss auf die Wange.
»Geht es dir auch wirklich wieder gut? Mein Gott, eine Hirnhautentzündung. Du hättest sterben können!«
»Ich lebe noch.«
Max und Claudia warteten im Wohnzimmer. Manfred trat zu ihnen und bedeutete Max, sich schnell anzuziehen. Der Junge ging in das Zimmer, das einmal Manfreds gewesen war. Aus dem Wohnzimmer heraus konnte er erkennen, dass seine Mutter kaum etwas verändert hatte. Sein Bett, sein Schreibtisch aus Schulkindertagen, alles war noch da. Nur die Poster hatte sie von den Wänden entfernt, so dass die hässlich gemusterte Tapete wieder freilag. Manfred konnte es selbst kaum glauben, aber er hatte es tatsächlich geschafft, diese Wohnung seit seinem zwanzigsten Lebensjahr nicht mehr zu betreten. Er war zum Studium nach Aachen gezogen und war der Mutter so für immer entkommen. Wenn er sie gesehen hatte, dann nur zu absolut unvermeidlichen Gelegenheiten, aber auch dann immer außerhalb dieses Hauses. Er hasste diese engen Zimmer, kaum sechzig Quadratmeter Überlebensraum. Die Ecken der uninspiriert zusammengewürfelten Räume starrten ihn an, notdürftig getarnt durch hineingestellte Pflanzen. Oberflächliche kleinbürgerliche Sauberkeit.
Manfred hatte sich in dieser Behausung niemals wohlgefühlt. Seine Mutter empfand es als »Nest«, Schutz vor der großen, bösen Welt da draußen, vielleicht auch vor dem Vater, den er niemals kennengelernt hatte. Während sie ihre Zweisamkeit offenbar genossen hatte, war es für ihn das Gefängnis seiner Kindheit gewesen. Eigentlich hatte er keine Kindheit in dem Sinne gehabt. Er erinnerte sich an fast nichts aus dieser Zeit.
»Kinder, setzt euch doch. Manfred, trinkst du einen Kaffee?«
Ihre alte, brüchige Stimme ließ seine Nerven vibrieren. Was dachte sie sich, sie musste doch genau wissen, dass er nur wartete, bis Max sich angezogen hatte.
»Gern«, sagte Claudia.
»Gern, aber ein andermal!«, ergänzte Manfred entschieden und etwas lauter, als er es vorgehabt hatte. »Ich muss noch in die Firma, und einkaufen müssen wir auch noch.«
Max kam fertig angezogen aus dem Kinderzimmer. Manfred fasste ihn an der Hand und zog ihn Richtung Ausgang.
»Nimm seine Sachen und komm!«, forderte er Claudia auf, bevor ihr in den Sinn kommen konnte, sich festzuquatschen. Er wollte weg. Manfred eilte mit Max hinaus, und sie setzten sich ins Auto. Es dauerte noch eine ganze Weile, bis Claudia endlich auch das Haus verließ und einstieg. Die Mutter stand an der Tür. Ihr schwarz gefärbtes Haar glänzte seltsam in der Sonne.
Als Claudia die Wagentür zuzog, fuhr er los.
»Manfred, warum benimmst du dich deiner Mutter gegenüber nur so unmöglich? Max hat sich noch nicht einmal verabschieden können. Max, wink der Oma noch!«
Max winkte Manfreds Mutter zu, und sie winkte lächelnd zurück. An der Ecke saß das Mädchen immer noch im Vorgarten. Jetzt hatte sie ein Buch auf dem Schoß. Sie hörte dabei offenbar Musik aus einem Kopfhörer und bewegte sich im Takt. Der Wagen rollte an ihr vorbei und bog um die Ecke. Kinder spielten auf dem Bürgersteig. Dürener Vorstadtidylle, dachte Manfred voller Verachtung. Hier war er aufgewachsen.