Kapitel 15
Der Tag neigte sich dem Ende zu. Es war immer noch viel los auf den Straßen Kölns. Tim freute sich auf eine Partie Schach mit seinem Vater und vielleicht auf ein Gespräch, bei dem er Kraft und Ruhe tanken konnte. Keine Gefühle, nur Logik.
Er hielt an einer Ampel. Eine Clique junger Mädchen ging über die Straße. Eines von ihnen telefonierte, ein anderes sah direkt zu ihm ins Auto hinein. Als sich ihrer beider Blicke trafen, zeigte sie ihm ihre Zunge. Die anderen lachten. Die Mädchen waren vielleicht vierzehn, höchstens fünfzehn Jahre alt. Der Mode entsprechend trugen sie bauchfreie Shirts, die den Blick auf gepiercte Nabel freigaben. Tim lächelte zurück und winkte kurz. Die heiteren, unbeschwerten Backfische hatten etwas Erfrischendes. Er vermutete, dass er für sie bereits jenseits des Alters war, in dem man noch wirklich lebte, und insofern eine Belustigung. Schlagartig drängte sich ihm die Frage ins Bewusstsein, wie der Mörder diese Mädchen sehen würde. Die schlanken Körper mit den flachen Bäuchen, darüber kleine Brüste und zarte Hälse. Flatternde Haare im warmen Abendwind. War es das, was ihn anzog? Tim sah der Reihe knackiger Hintern nach, bis sie um die nächste Ecke gebogen und aus seinem Blickfeld verschwunden waren.
Es würde sicher angenehm sein, einen solchen Körper zu berühren, an dem alles straff und frisch war. Welcher Mann dachte nicht hin und wieder daran, eine gerade aufblühende Brust oder einen niedlichen, festen Po zu streicheln? Duftete es zwischen den Schenkeln dieser Mädchen nicht nach Milch und Honig? Würde man ihnen nicht ein seliges Seufzen entlocken, wenn man sie dort berührte? Wenn der Mörder das so empfand und darüber hinaus zum Töten bereit war, warum nahm er sich dann nicht mit Gewalt, was so zum Greifen nah war? Wieso gönnte er sich nicht den Spaß? Oder hatte er etwa keinen Spaß daran?
Die Ampel schaltete auf Grün. Tim fuhr weiter. Ihm kam Sean Connerys Ausspruch aus dem Film Family Business in den Sinn: »Eine ältere Frau ist etwas Tolles – für einen jungen Mann.«
Er war fest davon überzeugt, dass dieser Mann sehr viel älter war als seine Opfer. Er war gewaltbereit, aber beherrscht. Ein junger Mann würde tun, was er sich am sehnlichsten wünschte, nämlich sein Ding in diese Mädchen hineinzustecken und seinen Samenstau loszuwerden. Der Mörder wollte das vielleicht auch, aber er war sich zu gut dafür. Er scheute davor zurück, diese jungen Mädchen mit seinem Sperma zu beflecken.
Tim bog in die Zufahrt zum Haus seines Vaters ein. Das Eisentor war offen. Vor der Garage stand der rote MG von Britta. Sie öffnete auch die Tür, kaum dass er den Klingelknopf berührt hatte.
»Hallo, Tim, grüß dich.«
»Hallo, Britta.«
Küsschen links und rechts. Britta war eine aparte Mittfünfzigerin, schlank, mit kurzen dunkelroten Haaren. Der alte Schuster war seit einigen Jahren mit ihr liiert.
»Ich glaube, dein Dad hat das Schachbrett schon aufgebaut. Außerdem freut er sich ungemein darauf, dir seine neueste Eroberung vorzuführen.«
»Seine neueste Eroberung? Ist er deiner überdrüssig geworden?«
Sie lachte. »Ich meine natürlich seinen aktuellen Weinerwerb. Er hat eine Kiste eines offenbar ganz besonderen Australiers gekauft, der angeblich jeden Bordeaux in den Schatten stellt.«
»Ich hoffe, er weiß, dass ich mit dem Auto da bin.«
»Soll ich dir gleich ein Taxi reservieren, mein Junge?«
Tims Vater kam ihm entgegen. Sie gaben sich wie immer beinahe förmlich die Hand.
»Ein Glas, Vater, nicht mehr!«
Britta rauschte an ihnen vorbei, warf Robert Schuster einen Kuss und Tim einen Wink zu.
»Ich bin bei meiner Schwester und nicht vor elf zurück. Viel Spaß beim Schach!«
»Danke«, antworteten Vater und Sohn unisono.
Sie gingen in die Bibliothek, in der das Schachbrett bereits aufgestellt war. Auf dem Tisch daneben schimmerte der Rotwein in der Dekantierkaraffe. Robert Schuster füllt zwei Gläser und reichte Tim eines. »Sag mir zuerst, welches Bukett er hat.«
Tim steckte die Nase tief in das Glas, obschon sein Vater das wahrscheinlich schrecklich laienhaft fand, und roch so intensiv er nur konnte. Da er wusste, wie vernarrt Robert Schuster in gute Weine war, gab er sich Mühe, etwas Sinnvolles zu sagen.
»Er hat viel Nougat und Brombeere. Sehr schwer, sehr sonnig. Ganz sicher ein echter Australier. Darf ich jetzt einen Schluck versuchen?«
Sein Vater lächelte. »Junge, ich weiß ja, dass du keine Ahnung vom Wein hast, aber was du sagst, stimmt dennoch. Es ist ein 97er aus dem Coonawarra, aber keiner von der Stange, sondern das Beste aus der Gegend.«
Sie stießen an und tranken einen Schluck. Der Wein war wirklich hervorragend.
»Gibt es einen besonderen Anlass für diesen edlen Tropfen an einem normalen Wochentag?«, fragte Tim, nachdem er den charaktervollen Abgang genossen hatte.
»Allerdings. Stell dir vor, ich bin nach Cambridge eingeladen worden, um dort einen Vortrag über einen Vergleich der historischen Entwicklung des britischen und deutschen Strafrechts nach dem Zweiten Weltkrieg zu halten.«
»Das ist ja – was soll ich sagen? Herzlichen Glückwunsch!«
Sie stießen noch einmal an.
»Hast du denn überhaupt Ahnung davon?«, fragte Tim dann. Natürlich wusste er, dass sein Vater über dieses Thema promoviert und niemals aufgehört hatte, sich damit zu beschäftigen.
Der Alte lachte nur und zeigte auf das Schachbrett. »Wenn du mich ärgern willst, dann versuch doch zur Abwechslung mal, mich zu schlagen!«
»Ich tu mein Bestes«, antwortete Tim, rückte seinen Stuhl zurecht und tippte auf die Hand, die sein Vater ihm entgegen streckte. Der offenbarte den schwarzen Bauern und reihte ihn anschließend in die Phalanx der Spielfiguren ein. Dann setzte auch er sich in eine bequeme Spielposition.
»Vater, eine Frage, bevor wir anfangen?«
»Ja?« Robert Schuster sah seinen Sohn über das Schachbrett hinweg an.
»Hast du schon einmal eine Straftat begangen oder zumindest ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, so etwas zu tun?«
»Eher nicht. Was meinst du genau?«
»Ich denke darüber nach, was einen Menschen, der sich wünscht, etwas Verbotenes zu tun, im Kern unterscheidet von einem Menschen, der diesen Wunsch in die Tat umsetzt. Ich meine, manchmal hat doch auch ein rechtschaffener Mensch verbrecherische Gedanken, die er niemals real ausführt, und ein anderer tut es einfach. Ich beschäftige mich seit Jahren mit dem Verbrechen, aber wirklich verstanden habe ich den Unterschied noch nicht.«
Der Alte grübelte einen Moment, dann beugte er sich über das Brett. »Wir sollten Schach spielen.«
Er zog den Königsbauern und spielte e2-e5. Tim sah ihn erstaunt an, denn er hatte damit den Bauern drei Felder vorgerückt.
»Was soll das?«
»Das, mein lieber Tim, ist der Unterschied zwischen dem Schachspiel und dem wirklichen Leben. Du hast einen der zwanzig regulären Eröffnungszüge erwartet. Etwas anderes hast du von mir noch nie erlebt, denn wir kennen und respektieren beide die klaren Regeln dieses Spiels, weil es uns nur so gefällt. Der Zug, den ich hier gemacht habe, ist absolut denkbar und möglich, er ist lediglich nicht regelgerecht. Beantwortet das deine Frage?«
»Ist es wirklich so simpel? Die gleichen Wünsche, nur der eine respektiert die Regeln und der andere nicht?«
»Ich habe im Gerichtssaal viele Menschen kennengelernt, die sich um die Regeln, denen ich mein Leben verschrieben habe, einen Scheißdreck scherten. Sie wollten etwas und wählten ein Mittel, um es zu bekommen. Regeln oder Moral oder auch Konsequenzen spielten dabei für sie keine Rolle. Überlege einmal, ob du deinen alten Vater im Schach wirklich schlagen willst. In Wirklichkeit möchtest du mich unter Einhaltung aller Regeln besiegen. Entledigst du dich dieser Selbstbeschränkung, ist alles möglich.«
Einen Moment schwiegen sie beide, dann fügte der Alte hinzu: »Aber die Menschen denken ja nicht ständig allesamt nur an das Verbrechen. Viele führen ja auch Gutes im Schilde, aber mit denen hast du leider viel zu wenig zu tun.«
Tim glaubte, etwas neu verstanden zu haben. Der Mann, den er suchte, wollte die Regeln vielleicht nicht unbedingt brechen. Er musste es jedoch tun, um sein Ziel zu erreichen. So wie Tims Vater Hemmungen hatte, mit seinem irregulären Eröffnungszug gleich seinen König zu schlagen, und stattdessen die harmlose Bauernvariante vorzog, so legte auch der Mörder Hand an das Objekt seiner Begierde, ohne gleich in seiner Regelüberschreitung jedes Maß zu verlieren. Aber er könnte die Regeln irgendwann umschreiben. Dann würde das Spiel noch böser werden.