Kapitel 32
Die Ampel blieb unverschämt lange rot. Manfred trommelte ungeduldig mit dem Fingerspitzen auf dem Lenkrad herum. Er fragte sich, wozu es in diesem Kaff überhaupt Ampeln gab, wo doch kaum Verkehr herrschte. Als er ein Kind gewesen war, hatten hier noch nicht einmal Verkehrsschilder gestanden. Hier war er geboren, aufgewachsen, dann geflohen, sobald er konnte. Eine Kindheit wie eine rote Ampel, und du weißt nicht, warum sie so lange dauert.
Jetzt endlich schaltete die Ampel um. Manfred fuhr sofort los. Doch er musste gleich schon wieder bremsen, weil ein altes Weib unendlich viel Zeit zum Überqueren der Straße brauchte. Er überlegte, dass man ihr ihren kümmerlichen Rest von Leben auf der einen Straßenseite vermutlich so komplett einrichten könnte, dass sie nicht mehr auf die andere Seite wechseln und den Verkehr stören müsste. Sie schaute ihm demonstrativ böse nach, als er knapp an ihr vorbeifuhr. Er betrachtete die Gestalt anschließend noch im Außenspiegel: eine faltige Raupenhülle, die den vergammelten Schleim, der sich in einem ewig langen Kleinstadtleben angesammelt hatte, nur noch mühsam zusammenhalten konnte.
Jetzt tauchte vor ihm der nächste Idiot auf, der seinen Wagen rückwärts aus seiner Hauseinfahrt auf die Straße rollen ließ. Manfred konnte so gerade vor dem mit Lichthupe protestierenden Gegenverkehr ausscheren und wieder auf seine Fahrbahn zurücklenken. Dabei hatte er sich verschaltet. Der Motor des Jaguar heulte unwillig auf. Er war eine solche Behandlung nicht gewohnt. Heimlich musste Manfred ihm Recht geben. Was machte er auch hier in diesem Kaff, wo ihn alles aufregte und nichts von Belang war? Eigentlich wurde er in der Firma gebraucht. Aber an diesem Tag war ihm nicht nach Arbeiten. Er lenkte den Wagen in eine Seitenstraße und stellte ihn ab. Die Sonne schien, es war warm. Er wollte etwas zu Fuß gehen.
Nicht weit entfernt, am Rande des Ortes, wo die Felder begannen, hatte damals ein verrottetes Gemäuer gestanden, eine alte Ziegelei. Dort hatte er seine erste Zigarette geraucht und zum ersten Mal onaniert – dieses Jucken an der Eichel, das nach mehr verlangte und sich bis in die Hoden fortsetzte. Dort kribbelte es weiter und wurde stärker, bis es wieder nach außen drang und dabei ein paar Stöße Sperma mitnahm. Ein hundertfach wiederholter Vorgang, von ihm allein oder auch durch Reibung an weiblichen Körperteilen provoziert. Wie oft hatte er sich gefragt, was dieser Ablauf mit den Schmetterlingen zu tun hatte, die er bewahren durfte. War er jemals in Gefahr, ein Triebtäter zu werden? Musste er morden, weil dieses Jucken in den Hoden ihn dazu zwang? Niemals, niemals traf das auf ihn zu. Diese Dinge waren so unendlich weit voneinander entfernt, dass es absolut lächerlich erschien, eine Verbindung auch nur versuchsweise herstellen zu wollen.
Von der alten Ziegelei war nichts mehr zu sehen. Daher war es auch nicht mehr möglich, nach Toms Grab zu suchen. Toms Leben hatte aus Fressen, Kot und Federnlassen sowie der täglichen Abküsserei durch seine Mutter bestanden. Er konnte sich kaum eine ekelhaftere Beziehung zwischen Mensch und Tier vorstellen als diese. Geendet hatte sie an einem kalten Wintertag mit dem plötzlichen Verschwinden des Vogels. Die Mutter hatte die Fenster zum Lüften geöffnet und war in den Keller gegangen. Manfred hatte Tom aus seinem Käfig genommen, das Türchen offen stehen lassen und war mit ihm hinausgegangen. Sie marschierten zu der alten Ziegelei, die in der grauen Kälte besonders verlassen schien. Tom verbrachte seinen letzten Weg geschützt und warm in der Innentasche von Manfreds Jacke. In einer bröckeligen Mauerecke hatte Manfred eine lange, rostige Klinge versteckt, die er einmal auf dem Feld gefunden hatte. Die holte er nun hervor, legte den Vogel mit festem Griff auf den Boden und hieb ihm mit einem einzigen entschlossenen Schlag den Kopf ab. Tom verlor noch etwas Kot, wie es Delinquenten oft zu tun pflegten. Ansonsten zeigte er kaum Teilnahme an der Veranstaltung. Das Ausheben seiner letzten Ruhestätte hatte sich im angefrorenen Boden mühsam gestaltet. Manfred erinnerte sich nicht mehr genau an die Reaktion seiner Mutter. Wahrscheinlich hatte sie sich schwere Vorwürfe gemacht, dass sie den Käfig nicht recht verschlossen hatte. Jedenfalls kaufte sie nie wieder einen Vogel.
Da von dem alten Gemäuer und Toms Grab keine Spur mehr vorhanden war, lenkte Manfred seine Schritte zurück in den Ort. Ganz in der Nähe wohnte seine Mutter. Er musste schon ein wenig aufpassen, damit er sie nicht am Ende zufällig traf. Sonst konnte ihn kaum jemand erkennen. Er trug eine Kappe und eine Sonnenbrille, und niemand hier kannte ihn mit dem Vollbart, den er sich seit einigen Jahren erlaubte.
Nun war er an der Einmündung der Straße angelangt, in der seine Mutter wohnte. Als er das Eckhaus mit dem Vorgarten sah, wurde ihm klar, warum es ihn hierher gezogen hatte. Es waren nicht die wenigen Kindheitserinnerungen, die er in sich trug und die er hatte heraufbeschwören wollen, erst recht nicht die Mutter in ihrem dunklen Verlies. Es war dieser wunderhübsche Schmetterling, der vor einigen Tagen hier seine schillernden Farben hatte leuchten lassen. Der durch das einfache Dasitzen seine Seele berührt hatte, kaum dass er ihn beim Vorüberfahren aus den Augenwinkeln gewahrte.
Manfred ging an dem Haus vorbei. Der Vorgarten und die ganze Straße waren menschenleer. Es war kurz vor eins am Mittag. Vielleicht kam sie gleich aus der Schule. Er wollte noch etwas warten. Natürlich konnte er nicht dort stehen bleiben. Er musste weitergehen, am besten in Richtung der Haltestelle, wo die Schulbusse aus der Stadt hielten. Dort würde sie aussteigen, wenn sie aus der Schule kam und den Bus nahm, wie das die meisten Kinder hier nach wie vor taten. Ein kleines, ruhiges Sträßchen führte zur Hauptverkehrsader des Ortes. Hier standen einige der besseren Häuser, allesamt Einfamilienhäuser mit grasbewachsenen, unbebauten Parzellen dazwischen. In nur drei Minuten erreichte er die Hauptstraße. Dort an der Einmündung befand sich die Haltestelle der Buslinie, die den Ort mit Dürens City verband. An dieser Stelle war auch er vor so vielen Jahren ausgestiegen, wenn er aus der Schule kam. Nichts schien sich hier verändert zu haben. Nur der SB-Markt gegenüber war neu. Manfred überquerte die Straße und betrat den Laden.
Hier kaufte man Babynahrung, Shampoo und Damenbinden. Vor der Kasse war ein Stand, zu dem man seine Urlaubsfotos zur Entwicklung bringen konnte. Er ging die wenigen Gänge ab, schaute hierhin und dorthin. Dann suchte er sich eine Zahnbürste aus, die mit dem besonders kleinen Kopf, die Claudia angeblich nirgendwo mehr finden konnte. Die Kasse war mit einer beleibten Matrone besetzt. Er zahlte, als auf der anderen Straßenseite der Bus hielt. Eine Reihe von Jugendlichen stieg aus, einige Mädchen darunter. Schnell griff er die Zahnbürste und trat hinaus. Keines der Mädchen bog in die Straße ein, aus der er eben gekommen war. Sie war nicht in dem Bus gewesen.
Manfred blieb noch einen Moment in der warmen Sonne stehen. Es war Zeit für ihn, zurück nach Köln zu fahren und sich um seine Geschäfte zu kümmern. Er ging einige Schritte, als er hinter sich die unverkennbaren Geräusche eines anhaltenden Busses vernahm. Es handelte sich tatsächlich um einen weiteren aus der Stadt. Manfred erinnerte sich, dass nach der sechsten Schulstunde meist mehrere Fahrzeuge im Einsatz gewesen waren. Auch daran hatte sich nichts geändert.
Er erkannte sie sofort, trotz ihrer Sonnenbrille. Ihr schlanker Körper warf einen Schatten, der genau in seine Richtung zeigte. Die Anmut ihrer Bewegungen war im Gegenlicht deutlich zu erkennen. Die Natur hatte es gut mit ihr gemeint. Manfred war zu weit von ihr entfernt, ahnte jedoch, dass sie einen Duft verströmen musste wie ein Strauß Frühlingsblumen.
Sie ging nach Hause. Er verfolgte sie mit Blicken, bis sie durch die Krümmung des Straßenverlaufs aus seinem Blickfeld trat. In seinem Magen kribbelte es leicht. Er würde sie schon sehr bald wiedersehen.