Kapitel 8
Das Knirschen des hartgefrorenen Firns war das einzige Geräusch an diesem frostigen Morgen. Die Zacken der Steigeisen bohrten sich in die kristalline Masse und brachen sie auf. Die unberührte weiße Pracht reflektierte das Licht der Stirnlampe. Das tiefe Dunkel rings umher schluckte den matten Schein trotzdem schon nach wenigen Metern. Manfred Jeschke empfand sich als kleine, lebendige Insel inmitten einer eiserstarrten Todeskälte. In ihrer Leblosigkeit erschien ihm diese Landschaft einzigartig schön.
Es war vier Uhr morgens. Manfred zog langsam und bedächtig eine Spur durch den Festigletscher, der von der eisigen Westwand des Doms in das Mattertal herunterfloss. Tief unten lag das kleine Örtchen Randa im Schweizer Wallis. Dort hatte er am Vortag seinen Kollegen Beat Ruedi getroffen, der ihm ein paar einsame Eisrouten dieser Gegend zeigen wollte. Beat war der nur durch das Licht seiner Stirnlampe sichtbare Fixpunkt des Seils, das bei jedem Schritt vor Manfred hin und her baumelte. Obschon sie sich noch im Gehgelände befanden, war das Seil angebracht. So früh im Jahr waren die wenigen Spalten, mit denen der Gletscher in dieser Passage aufwartete, verdeckt und in ihrer Lage unmöglich auszumachen. Die beiden Männer waren im Dunkel des frühen Morgens unterwegs, um den Nachtfrost und die Festigkeit der Schneebrücken über den Gletscherspalten auszunutzen. Manfred war müde, und seit einiger Zeit quälten ihn Kopfschmerzen. Trotzdem war er immer darauf gefasst, dass Beat mit einem plötzlichen Ruck von der Oberfläche verschwinden konnte. Dann würde er sich herumwerfen und die Haue seines Eispickels in den harten Untergrund rammen.
Er drückte mit handschuhvermummten Fingern an dem Höhenmesser herum, der am Brustgurt seines Rucksacks festgezurrt war. Nach einigen vergeblichen Versuchen leuchtete das Licht des Displays auf. Er las die aktuelle Höhe ab. Dreitausendsechshundert Meter. Es waren nur noch rund hundert Höhenmeter bis zum Bergschrund, der den Einstieg in die selten begangene Westflanke des höchsten Schweizer Berges markierte. Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis das Seil vor ihm schlaff wurde und er es beim Gehen in großen Schlingen aufnehmen musste. Das bedeutete, dass Beat vor ihm stehen geblieben war.
Manfred erreichte ihn und leuchtete ihm mit seiner Stirnlampe direkt ins Gesicht. Beat grinste und fragte: »Manni, was machen deine Kopfschmerzen? Willst du wieder runter ins flache Rheinland?«
»Leck mich, du alter Bergfex!«
Beat lachte und wies mit der Hand nach rechts ins Dunkel. Der Bergschrund zog sich schräg nach oben bis zu der Stelle, wo die Kluft zwischen dem fließenden und dem hängenden Teil des Gletschereises schmaler wurde. Das war der Startpunkt der eigentlichen Kletterroute.
»Da geht’s lang, Manni. Noch ein Stück weiter hoch, vielleicht vierhundert Schritt, und wir lassen die Felsen da oben dann links liegen. Denk daran, dass wir ein Stück versetzt vom Standplatz steigen. Sonst gibt’s vielleicht unangenehm was auf den Helm.«
Manfred nickte nur kurz. Beat ging schon weiter. Unnötige Pausen mochte er nicht, denn er wollte die erste eis- und steinschlaggefährdete Passage noch im Nachtfrost durchsteigen. Noch war alles festgefroren. Die Dom-Westwand bestand im linken Teil aus brüchigem Fels, der sich zum Klettern nur schlecht eignete. Die rechte Wandhälfte zeigte sich als eine glatte und steile Eiswand, die ziemliche Anstrengungen versprach. Das war der Grund, weshalb diese Route kaum begangen wurde. Genau darum war Manfred hier.
Die Kopfschmerzen wurden langsam unangenehm. Eigentlich lag die Vermutung nahe, dass sie von der großen Höhe herrührten, doch er glaubte nicht daran. Schon auf der Fahrt nach Randa hatte ein Stechen in seinem Hinterkopf gesessen. Es zog aus dem Nacken hoch und pflanzte sich langsam, aber stetig fort. Später war es ein Schmerz in den Augenhöhlen, der bei jeder Bewegung der Augäpfel aufflammte. Wahrscheinlich war nur sein Nacken zu sehr verspannt durch die vielen Stunden, die er in den letzten Tagen und Nächten vor dem Computer gehockt hatte. Dem Aachener Versicherungshaus hatte er kurzfristig eine umfassende Systemanalyse geliefert. Jetzt würden sie gar nicht anders können, als das Projekt mit ihm zu machen und eine satte Viertelmillion in seine Firma zu spülen. Consulting konnte sehr einträglich sein, dachte er. Das bisschen Brummschädel war ein fairer Preis dafür. Die sportliche Betätigung in dieser wunderbaren, glasklaren Bergluft sollte ihn das schnell vergessen lassen.
Beat war am Einstieg angelangt und richtete mittels zweier Eisschrauben die Standplatzsicherung ein. Die ersten zwei oder drei Seillängen würden die steilsten sein. Hier könnte nur einer klettern und der andere sichern. Beat kannte die Route und war im Eis der bessere Kletterer. Er stieg vor, und während Manfred das Seil durch den Sicherungskarabiner führte, bewegte Beat sich erst ein paar Meter schräg zur Seite weg. So würde das lose Eis, das er lostrat, nicht auf Manfred herunter prasseln. Jetzt ging es zügig aufwärts. Die Wand war nicht mehr als sechzig Grad steil, also nichts Extremes. Ohne Sicherung wollte Manfred das trotzdem nicht machen. Während Beat kletterte, trat er von einem Fuß auf den anderen, um sich warm zu halten. Der Frost biss im Mai zu dieser Tageszeit noch kräftig zu. Bald war Beat aus seinem Blickfeld verschwunden. Nur die zuckenden Reflexionen des Scheins seiner Stirnlampe in der weißen Wand und das herunterbröckelnde Eis ließen seine Position erahnen. Meter um Meter lief das Seil durch den Karabiner.
Während Beat oben schwitzte, hatte Manfred Zeit zum Grübeln. Er hatte sich sehr auf diese Tour gefreut, denn zu dieser Zeit war die Region menschenleer. Die während des Sommers so beliebte Domhütte war noch gar nicht geöffnet. Der Hüttenwirt hatte Beat die Schlüssel überlassen. Sie würden sie in den paar Tagen, die sie die Hütte bewohnten, schon etwas saisonfertig machen. Beat war ein alter Freund von Renato, der die Domhütte bewirtschaftete, und kannte diese Berge hier wie seine Westentasche. Manfred kannte sich eher im Fels der Dolomiten oder des Wilden Kaiser aus und hatte erst vor einigen Jahren so richtig Spaß am Eis bekommen. Die weiße Pracht des vergletscherten Hochgebirges übte eine magische Anziehungskraft auf ihn aus. Am wichtigsten war ihm die Einsamkeit in den Bergen.
Beat Ruedi war der Leiter seiner Schweizer Niederlassung in Zürich. Ein ruhiger, durch und durch männlicher Kerl, der die Natur liebte und wenig Worte machte. Mit ihm in diesen Bergen ein paar Tage unterwegs zu sein, sollte eine wunderbare Erholung werden. Kein Krawattenzwang. Keine faltigen Raupen in Seidenstrümpfen, die die Zivilisation mit ihrem Geschwätz und mit ihrem Anblick durchsetzten. Selbst Claudia mit ihren sanften Schmetterlingsaugen wurde langsam, aber sicher in diesen unaufhaltbaren Prozess gezogen, der auch sie irgendwann in eine Raupe verwandeln würde. Lange Zeit hatte Manfred es nicht wahrhaben wollen, doch eines erschien ihm unausweichlich: Es gab letztlich nur eine Möglichkeit, diese unheilvolle, perverse Metamorphose zu verhindern. Für Claudia war es eigentlich schon zu spät. Er hätte verzweifeln können bei dem Gedanken, dass er dabei tatenlos zusehen sollte. In den Augen seiner Frau sah er einen Abglanz der früheren kindlichen Leichtigkeit. Wenn sie ihn ansah, streifte ihn der Hauch eines samtenen Flügelschlags. Wenn er nur eine Möglichkeit gefunden hätte, diesen Blick von ihrem beinahe verbrauchten Raupenkörper abzutrennen, ohne dass die Augen ihren Glanz verlören.
»Stand!«
Der Ruf seines Kletterpartners brachte ihn in die Gegenwart der Berge zurück. Beat hatte einen Standplatz eingerichtet und war jetzt selbst gesichert. Manfred konnte die Partnersicherung abbauen und sich zum Nachklettern fertigmachen. Er drehte die Eisschrauben heraus und entfernte den Eiskern in ihnen, indem er sie kurz gegen seinen Stiefel schlug. Dann hängte er sie in den Klettergurt ein und packte seine Eisgeräte. Es zupfte an dem Karabiner, mit dem er sich ans Ende des Seils geknüpft hatte. Beat hatte oben das Restseil eingeholt und rief: »Kannst kommen!«
Jetzt wurde Manfred von oben gesichert und konnte ruhig die erste Seillänge angehen. Die Route hatte schönes, griffiges Blankeis, in das die Hauen der Eisgeräte mühelos eintauchten. Rein damit über Kopf, und dann mit den Frontalzacken der Steigeisen nachstapfen. Eisgeräte lösen, und noch mal das Ganze. Schon hatte Manfred die erste Zwischensicherung erreicht. Raus mit der Schraube, ausklopfen, in den Gurt einhängen und weiter. Alles ging reibungslos. Bald wurde ihm warm. Einige Minuten später erreichte er Beat. Der forderte ihn mit einer Handbewegung auf, gleich weiterzuklettern und die nächste Seillänge zu führen. So mussten sie den Standplatz nicht wechseln und waren schneller.
»Einfach geradewegs nach oben, Manni!«
Manfred querte erst zwei Meter zur Seite und stieg dann weiter aufwärts. Es ging leicht. Erst nach mehr als zehn Metern setzte er eine Eisschraube zur Zwischensicherung. Ein Karabinerpärchen an der Schraube eingeklinkt, das Seil in den baumelnden Karabiner eingehängt und weiter. Die Kopfschmerzen ließen nicht nach. Eher wurden sie durch die Anstrengung des Steigens stärker. Er wollte sich aber den Spaß nicht verderben lassen und kletterte weiter. Da ermahnte ihn ein Ruf von Beat, Stand zu machen. Die Seillänge war fast ganz ausgeklettert. Er schlug eine breite Stufe, in die er sich bequem hineinstellen konnte, und sicherte sich mit einer kurzen Schlinge an den eingerammten Eisgeräten. Dann drehte er zwei Eisschrauben für die Partnersicherung ein, in die er sich zusätzlich auch mit einhängte. Nun holte er das verbliebene Restseil ein und knüpfte den Halbmastwurf-Knoten in den Sicherungskarabiner. So sicherte er den nachsteigenden Partner.
»Komm nach, wenn du sonst nichts zu tun hast!«, rief er Beat zu.
Nach gerade mal zwei Seillängen spürte er schon seine Waden, die beim Klettern mit den Steigeisen extrem gefordert wurden. Doch Beat hatte diese Tour mit Bedacht ausgewählt, denn nach spätestens fünf Seillängen würden sie eine flachere Mulde erreichen, die ohne Einsatz der Frontalzacken begangen werden konnte. Damit wäre die Belastung vorläufig zu Ende.
In Manfreds Kopf lärmte es mittlerweile. In rasch aufeinander folgenden Wellen raste ein ungewöhnlich heftiger Schmerz durch sein Hirn. Er beschloss, noch eine Schmerztablette zu nehmen. Er sicherte mit nur einer Hand und hakte die andere in die Sicherungsschlaufe ein, die an einem der beiden Eisgeräte hing, und fummelte an der Außentasche seiner Jacke herum, in die er die Packung vorsorglich gesteckt hatte. Doch in dieser Haltung, noch dazu mit dicken Handschuhen an den Fingern, konnte er nicht einmal die Tasche öffnen, geschweige denn der Packung eine Tablette entnehmen. Er gab es auf und wartete auf eine bessere Gelegenheit. So lange musste auch der Kopfschmerz warten. Schon war Beat heran und betrachtete im Vorbeiklettern mit einem trockenen Grinsen Manfreds Standplatzeinrichtung.
»Vorbildlich, Manni. So sichert man einen Elefanten im Eisfall.«
»Na, dann reicht’s ja gerade für dich.«
Beat lachte leise vor sich hin und kletterte zügig weiter. In diesem Tempo würden sie bald flacheres Gelände erreichen. Die Anstrengung würde gleich geringer werden, hoffte Manfred. Er sah nach oben, um seinem Partner beim Klettern zuzuschauen und die Kulisse der Eiswand in der Morgendämmerung zu genießen. Sein Nacken fühlte sich steif an wie ein Stück Holz, die Kopfschmerzen wurden dabei unerträglich. Er senkte den Blick schnell wieder und schaute auf seine Füße, während er das Seil Stück für Stück nachließ. Wie ein endloser, bunter Wurm wand es sich durch seine Hände. Es krangelte sich im Sicherungsknoten um den Karabiner und strebte dann zappelnd die Wand empor. Irgendwo dort oben verbiss es sich in die dunkle Gestalt des Kameraden und schaffte damit die Verbindung, die einem Kletterer in dieser lebensfeindlichen Umgebung ein trügerisches Gefühl der Sicherheit verlieh. Die Zehen und Finger waren eisig und schmerzten vor Kälte. Manfreds Hirn lärmte und trieb ihm den Schweiß aus den Poren. Er wusste, dass seine Anstrengungen in den Bergen völlig sinn- und zwecklos waren. Dennoch erschien ihm das Bergsteigen als eine der wenigen Betätigungen, bei der sich die Frage nach dem Sinn nicht stellte. Er sah sein ganzes Leben als einen Kampf um Sinnhaftigkeit. Dort, wo alles Lebendige nur für eine kleine Weile zu Gast sein durfte, war kein Platz für Perversion. Der ewige Kreislauf von Gebären und Verfaulen hielt in der kalten, reinen Höhenluft inne. Hier fiel alles von ihm ab.
Es wurde langsam hell. Das Weiß, das den Berg bedeckte, schien auf den Himmel überzugehen. Alles wurde in ein fahles, beinahe unwirkliches Licht getaucht.
»Stand!«
Endlich ging es weiter. Er musste sich bewegen und das Blut zirkulieren lassen. Schon steckte die Kälte in den Beinen. Er konnte kaum noch klettern, fühlte sich schwach und elend. Die Kopfschmerzen wurden immer schlimmer. Er musste herauf zu Beat, heraus aus dieser Wand, wollte sich in den Schnee legen und die Augen schließen. Er kämpfte sich hinauf. Jeder Schlag mit den Eisgeräten wummerte in seinem Hirn. Fast konnte er seinen Körper nicht mehr richtig strecken, um Höhe zu gewinnen. Diese Seillänge erschien ihm ewig lang, das Herausdrehen der Eisschrauben eine Tortur. Seine Beine zitterten. Übelkeit breitete sich in seinem Magen aus.
»Wo bleibst du?«, rief Beat von oben herab.
Das bedeutete, dass er wirklich so langsam war, wie er sich fühlte. Er wollte nicht antworten. Die Übelkeit schnürte ihm die Kehle zu. Da endlich tauchte Beat in seinem Blickfeld auf. Die Wand neigte sich, die letzten Meter bis zu ihm hin konnte er gehen.
Beat meinte: »Mein Gott, schaust du beschissen aus!«
Manfred nickte matt, als könnte er sich selbst sehen und diese Aussage bestätigen. Im nächsten Moment musste er sich übergeben. Es war ihm, als versuche sein Leib, den Kopfschmerz hinauszuwürgen. Als handle es sich um ein böses Getier, das sich in ihm eingenistet hatte und ihn vergiftete. Vielleicht konnte es die Reinheit dieser Welt nicht ertragen und rebellierte nun. Wahrscheinlich aber waren die Kopfschmerzen nur so stark geworden, dass ihm schlecht werden musste, und die Anstrengung hatte ihm den Rest gegeben.
»Herrgott, du wirst mir hier doch nicht höhenkrank werden«, sagte Beat sichtlich erschrocken angesichts des ekligen Auswurfs.
»Red keinen Blödsinn«, antworte Manfred schnaufend. »Das ist nicht möglich.«
Er setzte sich in den Schnee und versuchte den Kopf so zu halten, dass es am wenigsten wehtat. Er konnte sich nicht erinnern, jemals solche Kopfschmerzen gehabt zu haben. In dieser Höhe von etwa viertausend Metern war er schon oft gewesen, ohne die geringsten Probleme verspürt zu haben. Dies schien etwas anderes zu sein. Das waren keine normalen Kopfschmerzen. Beat öffnete seinen Rucksack, holte einen Biwaksack hervor und breitete ihn auf dem Schnee flach aus.
»Leg dich da drauf und ruh dich aus.«
Willenlos gehorchte Manfred der ruhigen Stimme des Kameraden. Als er flach auf dem Rücken lag und ein paarmal tief durchatmete, ließ der Schmerz etwas nach.
»Was ist hier eigentlich los?«, hörte er sich stammeln. Er nahm alles wie im Nebel wahr und hatte das Gefühl für seinen Körper völlig verloren.
»Bleib noch ein paar Minuten liegen, und dann müssen wir so schnell wie möglich runter zur Hütte.«
Sein Kletterpartner hatte offenbar entschieden, dass die Tour zu Ende war. Er hatte keine Kraft, sich dagegen zu wehren. Also hatte Beat wohl recht.
Manfred fühlte sich schwerer und schwerer. Eine bleierne Müdigkeit machte sich in ihm breit. Sein Hirn pulsierte und zuckte. Es wollte den Schädel sprengen und seine dunkle Höhle verlassen. Er stellte sich vor, wie er es aus seinem Kopf herausreißen würde, die zitternde, blutige Masse in den Händen. Dann würde er sie in den weißen Schnee werfen, wo Reinheit und Kälte dem Spuk ein Ende bereiteten. Der leere Schädel bliebe vom Schmerz befreit erleichtert zurück.
Er kratzte etwas Firn zusammen und kühlte den Nacken damit. Das linderte den Schmerz ein wenig. Dann blieb er liegen und litt still vor sich hin. Irgendwann quälte er sich hoch, unterstützt von Beat. Sie machten sich an den Abstieg. Beat seilte ihn ab, und Manfred bewegte sich die Eiswand herunter, so gut er eben konnte. Der Schweizer kletterte nach, um ihn wiederum eine Seillänge tiefer zu befördern. Als sie am Wandfuß anlangten, war es längst heller Tag. Manfred war so erschöpft, dass er sich wieder für einige Zeit hinlegen musste. Erneut nahm er Eis auf und legte es sich ins Genick. Er spürte, wie die ruhige Kraft der Kälte auf ihn einwirkte. Fast kam es ihm vor, als würde ihm vom Urwesen der Natur, das im ewigen Eis des Hochgebirges lebte, ein Teil seiner magischen Energie zufließen.
Dann begann der lange Marsch zurück zur Hütte. Manfred wankte in der Spur, die sie in der Frühe gelegt hatten, zurück. Sie mussten immer wieder stehen bleiben, weil ihm der Kopfschmerz jede Bewegung verbot. Jetzt trug er die Gletscherbrille, um sich vor der Sonne zu schützen, hatte dabei aber das Gefühl, dass die Brille seinen Kopf einzwängte. Also nahm er sie von Zeit zu Zeit ab, obwohl er sich nur wenige Augenblicke später erneut vor dem Licht schützen musste und sie wieder aufsetzte. Ständig stolperte er über seine Steigeisen. Sie kamen kaum vorwärts. Immer wieder nahm er Eis auf und spürte seine tröstende kalte Kraft, die den Schmerz für ein paar Schritte erträglich machte. Es waren keine zwei Kilometer, die sie noch zu gehen hatten, aber diese Strecke erschien fast unüberwindlich. Das letzte Stück trug Beat ihn fast. Sie waren erleichtert, als sie die Hütte erreichten. Kaum hereingekommen, legte Manfred sich hin, schloss die Augen und wollte von nichts mehr etwas wissen. Er bekam noch mit, wie Beat mit seinem Handy herumfuchtelte und in seinem Schwyzerdütsch einen Hubschrauber anforderte. Manfred war sterbenselend. Fliegt mich nicht weg von hier, dachte er. Grabt mich ins Eis ein, wo jeder Schmerz den heilenden Kräften der Natur weichen muss und das Leben zum Stillstand kommt. Jetzt erst begreife ich wirklich, dass Stillstand des Lebens nicht etwa Tod bedeutet, sondern im Gegenteil die Abkehr von Vergänglichkeit und Sterben. Lasst mich im Eis, wo alle Zweifel erfrieren.