Kapitel 25
Es hatte geregnet. Der Wald war in einen nach Erde, Pilzen und Harz riechenden Schleier gehüllt. Schon fielen wieder die ersten Sonnenstrahlen durch das Blätterdach. Sie wurden von Millionen Tröpfchen Wasserdampf in der Luft reflektiert. Manfred fühlte sich gut. Er lief endlich wieder in seinem Revier, glitt in konstantem Rhythmus entspannt dahin. Das Tempo war sicher geringer als vor der Erkrankung, aber er atmete ruhig und tief, war im Fluss. Er empfand sich als ein Teil der Natur, ein Tier, das den Wald durchstreifte. Das Dickicht entlang des Weges wurde lichter und öffnete sich zu einer Schneise. Im hohen Gras standen zwei Rehe. Eine Mutter und ihr Kitz äugten ruhig äsend zu ihm hin. Erst als er ganz nah war, zuckte die Ricke und verschwand mit einem Warnlaut im Gebüsch. Das Kleine folgte zögerlich, staksend und ohne Hast.
Solche Momente erlebte er oft, wenn er allein im Wald lief. Die Geschöpfe des Waldes akzeptierten ihn als ihresgleichen. Sie witterten, schauten und flüchteten meist erst im letzten Moment, wenn sie erkannten, dass sich ein Raubtier näherte. Doch ihr Instinkt sagte ihnen, dass dieses Raubtier nicht auf der Jagd war und demnach keine Gefahr darstellte. Die Flucht im letzten Augenblick war mehr Reflex als Ausdruck der Angst.
Ein Blick auf den Pulsmesser, den er sich in der Klinik gekauft hatte, zeigte eine Herzfrequenz von 160. Eigentlich zu hoch. Doch es ging ihm sehr gut. Er hatte die niederdrückende Schwäche der letzten Wochen fast völlig überwunden. Da war dieses Gefühl, etwas überstanden, eine Ungewissheit durch Stärke ersetzt zu haben. So wie damals, als er es zum ersten Mal getan hatte.
Der erste Versuch, jenes Mädchen an der Skulptur in Aachen, war unbeholfen gewesen und kläglich gescheitert. Lange hatte er gebraucht, um die Scham zu verkraften. Dann aber, im vierten Semester, kurz vor Abschluss des Vordiploms, war es ihm gelungen, Klarheit über die weibliche Natur und die Notwendigkeit seines Tuns zu erlangen. Seine Hände hatten sich fest um den Hals dieses Mädchens geschlossen, und er konnte zum ersten Mal einen Schmetterling davor bewahren, zur hässlichen Raupe zu mutieren. In genau diesem Moment war die Angst, ein ordinärer Triebtäter zu werden, von ihm abgefallen. Sie wich der Gewissheit, eine Mission zu verfolgen, deren Sinnhaftigkeit von da an außer Frage stand.
Nun wusste er, dass dies der Wendepunkt in seinem Leben gewesen war. Kurze Zeit später bestand er sein Vordiplom glatt mit Sehr gut. Er hatte dann ohne Mühe einen der begehrten Praktikumsplätze bei einer großen internationalen Unternehmensberatung erhalten und Claudia kennengelernt.
Sie war eine überwältigende Erscheinung gewesen. Eine erwachsene Frau von zweiundzwanzig Jahren in einem traumhaft schönen Mädchenkörper. Sie bat ihn um Hilfe bei einer Seminararbeit, ohne dass sie sich vorher jemals gesprochen hätten. Er ließ sie an der Leichtigkeit teilhaben, mit der er damals das Pflichtprogramm an der Uni absolvierte. Sie betete ihn dafür an. Er genoss die Momente, wenn er ihr dieses oder jenes Modell erläuterte, während sie vor ihm kniete und ihn oral befriedigte. Er überwand die Hemmung, in den Mund einer Frau zu ejakulieren, bei einem Vortrag über die kombinierte Markt/Technologie-Portfolioanalyse von McKinsey. Dieses Strategiemodell hatte ihm auch später Glück gebracht, als er zwei Jahre nach Abschluss seines Studiums in eine kleine Beratungsfirma einstieg. Nun leitete er dieses Unternehmen und hatte es zu enormem Wachstum geführt.
Sein Partner Rolf hatte in den letzten Wochen einen großen Akquisitionserfolg erzielt. Er hatte endlich einen Großauftrag aus dem Segment der Medien an Land gezogen. Dieses strategische Geschäftsfeld versuchte Manfred schon seit langem zu intensivieren. Es war für ihre Kernkompetenzen Workflow-Management und Dokumentenverwaltung geradezu ideal. Nun würde er in der kommenden Woche einen Workshop bei einem Verlag in Köln durchführen. Dort sollte ein integratives Dokumentenmanagement-System mit intelligenter Einbindung interner und externer Datenbanken aufgebaut werden.
Doch jetzt wollte er gar nicht an die Arbeit denken. Stattdessen genoss er die Bewegung in der freien Natur, auch wenn es nur der Kottenforst war. Sein Weg führte ihn aus dem Wald hinaus auf freie Wiesen, die dampfend im Sonnenlicht lagen. Er atmete tief durch. Der Humusgeruch wich der frischeren Luft des offenen Feldes. Ein schwarzer Mistkäfer bewegte sich behäbig über den Pfad. Fast wäre er auf ihn getreten. Es war einer jener Käfer, mit denen ihn in seiner Kindheit ein faszinierendes Spiel verbunden hatte. Irgendwann einmal hatte er versucht, eines der langsam dahinkrabbelnden Tiere mit seiner Spucke zu treffen. Er hatte sich darüber gestellt und den Speichel aus gespitzten Lippen tropfen lassen. Als er den Käfer dann nach einigen Versuchen tatsächlich getroffen hatte, stellte er verwundert fest, dass das Tier daraufhin rot zu bluten begann. Er hatte bis heute nicht verstanden, warum das so war. Aber in dieser Zeit wandte er diese Prozedur wiederholt auf jene Käfer an, und jedes Mal reagierten die Insekten auf einen Volltreffer mit Blutungen. Jetzt sah er den nächsten Mistkäfer auf dem Boden. Einen Moment lang erwog er, stehen zu bleiben und noch einmal so wie früher auf das Tier zu spucken. Aber er wollte das einem solchen Geschöpf nicht mehr antun. Sinnlos Leben zu zerstören war eben das Privileg von dummen Jungen, die ebenso achtlos Disteln köpften wie Käfer totspuckten oder Stubenfliegen die Beine ausrissen. Damals hatte er ein amüsantes Spiel erfunden. Er bestimmte mit einem Würfel die Anzahl der Beine, die eine gefangene Fliege zu verlieren hatte. Manchmal hatte er eine Eins gewürfelt und irgendwie den Eindruck, dass der Delinquent sich freute, nur ein Bein von den sechsen zu verlieren. Dann hielt er eine kurze Ansprache. Die Gesetzeslage habe sich verändert, und seit Neuestem bestimme der Würfel die Anzahl der am Körper zu belassenden Gliedmaßen. Daher konnte er nun fünf Beine entfernen. Es war erstaunlich, mit welcher Unschuld Kinder solche Grausamkeiten an der stummen Kreatur vollzogen. Nun wäre er zu solchen Widerlichkeiten nicht mehr fähig, davon war er überzeugt. Sein Pulsmesser piepste. Die Warngrenze von 170 war erreicht. Offenbar war er in Gedanken versunken und dann unbewusst zu schnell gelaufen. Seine Beine wollten sich im alten Rhythmus bewegen, doch das machten Herz und Kreislauf noch nicht mit. Er musste sich darauf konzentrieren, bewusst und langsam zu laufen.
An diesem Morgen hatte Claudia von der kleinen Eva gesprochen. Sie war völlig entsetzt bei dem Gedanken, dass dieses »Scheusal«, das jenes unschuldige kleine Mädchen auf dem Gewissen hatte, in der Marmagener Klinik mit Manfred unter einem Dach gewohnt, vielleicht sogar mit ihm an einem Tisch gesessen haben könnte. Manfred ärgerte sich nicht über die Verachtung, die sie ihm damit unbewusst entgegenbrachte. Allerdings wurde ihm wieder einmal klar vor Augen geführt, dass sie von ihm nicht die allergeringste Ahnung hatte. Wie oft hörte man von Männern, die ihre eigenen Töchter über Jahre hinweg täglich vergewaltigten. Schließlich kam es Stück für Stück ans Licht. Zuerst merkten die Freundinnen des Mädchens, dass etwas nicht stimmte. Dann die Lehrer, die Nachbarn. Und erst, wenn der geständige Täter den Medien vorgeführt wurde, brach die Ehefrau und Mutter zusammen. Sie schien dann völlig überrascht von dem unerhörten Vorgehen, von dem sie niemals etwas geahnt haben wollte. Man sah nur das, was man sehen wollte. Manfred konnte gelassen auf Claudias Blindheit vertrauen.
Natürlich hatte er ebenfalls Unverständnis und Betroffenheit über die Tat geäußert, ganz nach dem Beispiel der Politiker, die nach einer Katastrophe oder einem Attentat in einem ersten Interview höchst professionell ihre »Fassungslosigkeit« zum Ausdruck brachten. Manfred wusste, dass es ein großes Risiko gewesen war, sich der kleinen Eva in Marmagen anzunehmen. Doch was hätte er tun sollen? Mutter und Tochter in ihre Heimat nach Jottwededorf zu verfolgen? Er musste dem Impuls folgen, die Gelegenheit beim Schopf packen und das Unvermeidliche tun, auch wenn er sich damit in die Gefahr der Entdeckung begab. Sollten sie doch alle Patienten der Marmagener Klinik überprüfen. Er war zur Tatzeit schon abgereist, hatte keine Spuren hinterlassen. Niemand konnte ihm etwas nachweisen. Es hatte doch gerade erst begonnen.