Kapitel 36
Das Wasser prasselte so heftig auf die Windschutzscheibe, dass man fast nichts sehen konnte. Manfred saß in einem seiner Firmenwagen, ein neutraler, dunkler Passat Kombi, der wesentlich unauffälliger war als der weinrote Jaguar. Die Rücksitze waren umgeklappt. Es war viel Platz im Wagen. Den würde er auch brauchen. Bis jetzt lagen nur eine Flasche Trichlormethan, eine Decke und ein Tuch hinten im Kofferraum.
Hin und wieder tauchte eine Gestalt im Grauschleier des dichten Regens auf. Sie aber war bis jetzt noch nicht dabei gewesen. Gestern hatte er hier zwei Stunden vergeblich gewartet. Heute hatte er sich etwas Lesestoff mitgebracht. Doch nun saß er schon wieder über eine Stunde hier und war über das Inhaltsverzeichnis des Magazins noch nicht hinaus gekommen. Immer wieder wanderte sein Blick in den Rückspiegel und suchte die Straße ab, die sie irgendwann heraufkommen würde, heraufkommen musste. Er fühlte sich in einer endlosen Schleife gefangen: Immer wenn er sich entschloss, das Spiegelbild der regennassen Straße ruhen zu lassen und sich dem ersten Artikel über die Entwicklung der Kybernetik zuzuwenden, glaubte er eine Bewegung wahrzunehmen und starrte dann noch eine Weile enttäuscht auf das leere Areal. Dann suchte er von neuem Zerstreuung, aber vergeblich.
Er hatte gerade angefangen, den Artikel wirklich zu lesen, als sie dann endlich erschien. Er erkannte sie sofort, trotz des Regens und der Entfernung. Sie trug keine Kapuze, keinen Schirm, sondern ließ ihr Haar nass und wirr auf den Schultern liegen. Es war jemand bei ihr. Manfred ärgerte sich einen Moment. Doch dieses andere Mädchen verabschiedete sich mit einem Winken und ging hinten auf der Hauptstraße weiter, während sie in die einsame Gasse einbog und ihm flotten Schritts zueilte.
Manfred stieg aus, öffnete den Kofferraum und tränkte das Tuch mit der Flüssigkeit. Dann fummelte er zum Schein weiter herum, bis er ihre Schritte hinter sich hören konnte. Er drehte sich um.
»Hallo, kannst du mir vielleicht helfen?«
Sie blieb neben ihm stehen, lächelte ihn freundlich an. Wasser lief über ihr hübsches Gesicht. Es schien ihr nichts auszumachen. Der Regen war warm.
»Bitte?«, fragte sie und trat näher an ihn heran.
Er schaute sie an, dann kurz nach links und rechts. Es war niemand zu sehen. Er fasste das befeuchtete Tuch mit der Rechten. Sein Herz schlug so laut, dass er fast befürchtete, sie könnte es hören.
»Schau mal, ich habe da ein Problem.«
Als sie neugierig noch einen Schritt näher kam, war Manfred schnell bei ihr. Er umfasste mit der linken Hand ihren schlanken Nacken und presste ihr das Tuch auf Mund und Nase. Sie stöhnte und packte ihn mit beiden Händen. Ihr Griff verlor ihn wieder, sie knickte in den Beinen ein, fiel gegen ihn und musste von ihm aufgefangen werden. Manfred hielt sie sicher fest, ließ sie nicht fallen. Noch ein kurzes Zucken, dann lag sie still in seinen Armen. Behutsam legte er sie in den Kofferraum und schlug die Decke über den reglosen Körper. Er schloss den Wagen und ging zur Fahrertür. Fast hätte er ihre Tasche übersehen, die auf der Straße lag. Er hob sie auf und legte sie auf den Beifahrersitz. Dann startete er den Motor und fuhr los.
Lange würde sie nicht schlafen, doch sie hatten es auch nicht weit. Er fuhr nur fünf Minuten aus dem Ort hinaus, dann begann ein ausgedehntes Waldgebiet, in dem er als Jugendlicher regelmäßig gejoggt war. Bei diesem Sauwetter musste er gar keinen so abgelegenen Winkel aufsuchen. Dort war jetzt kein Mensch unterwegs. Es war mitten an einem Wochentag, und es regnete in Strömen. Alles passte für seinen Plan. Er lenkte den Wagen in einen Waldweg, der von der Straße weg eine Biegung aufwies, und hielt hinter der Kurve an. Er stellte den Motor ab und stieg aus. Regen prasselte auf seinen Kopf. Er war völlig durchnässt, als er hinten den Kofferraum wieder öffnete. Alles klebte ihm am Leib. Er zog die Decke zurück. Sie lag da, ebenfalls ganz nass. Manfred strich ihr das wirre Haar aus dem Gesicht, berührte dabei ihre Wangen, ganz kurz mit einem Finger auch ihre Lippen. Was für ein Geschöpf, dachte er.
Sie zeigte eine Regung unter seiner Berührung. Ihr kleiner Busen hob und senkte sich unter dem schweren Atem des Chloroformschlafs. Sie drehte sich auf die Seite. Manfred fasste sie an, um sie herauszuheben. Sie war noch nicht wach, stöhnte aber leise, legte ihre Hände um seinen Nacken und hielt sich unbewusst an ihm fest. Ihr Atem streifte sein Gesicht, süß und rein. Er war über sie gebeugt, hielt diesen wunderschönen Körper. Sie umfasste ihn, er fühlte sich zu ihr heruntergezogen. Seine Lippen berührten ihren Hals, er schmeckte ihre Haut. Sie schien zu erbeben, ihre jugendlichen Brüste zeichneten sich unter dem nassen Stoff ab, Knospen vor dem Erblühen. Seine Hände streichelten über sie, blieben an den Knöpfen der Bluse hängen, öffneten sie einen nach dem anderen. Ein straffer Bauch kam zum Vorschein, darüber kleine, feste Brüste. Kein Büstenhalter. Manfred spürte das Zittern seines Körpers. Sie bewegte sich, hob das Becken an, so als wolle sie sich ihm anbieten. Es rauschte in seinen Ohren, und er sah nichts mehr. Sein Herz fühlte sich an, als poche es außerhalb der Brust. Ihr Atem, ihr Hals. Ihre Wärme.
Als das Rauschen in seinem Kopf nachließ, lag sie still da, reglos, und schaute zur Decke des Wagens. Er trat einen Schritt zurück. An ihr und zwischen ihren Beinen war Blut. Auch Spuren von ihm. Manfred schloss schnell seine Hose. Auch an seinen Fingern war jetzt Blut. Was sollte das, wieso all das Blut? Das war nicht richtig. Es musste weg.
Er nahm das Tuch, das noch feucht war vom Chloroform, und wischte sich damit sauber. Es ging nicht ganz weg, aber trotzdem zog er sie schnell wieder an. Ihre enge Hose war schwierig hochzuziehen, und sie half nicht dabei. Die Bluse musste er auch noch schließen. Man sollte nicht denken, sie sei eine offenherzige Schlampe. Das war sie nicht. Manfred kannte sie besser. Er schloss alle Knöpfe sorgfältig. Dann hob er sie aus dem Wagen heraus und trug sie ins naheliegende Gebüsch. Nun musste er sie verlassen. Der Schmetterling träumte jetzt, brauchte ihn nicht mehr. Er hatte alles für sie getan, hatte alles gegeben. Mit einer letzten Berührung schloss er ihr die Augen.
Der Schmetterling träumte.