Kapitel 17
Er rieb sich die Augen und gähnte. Tim hatte jetzt seit mehr als zehn Stunden ununterbrochen an der Auswertung der zusammengetragenen Hinweise gearbeitet. Helena sah ebenfalls sehr müde aus. Aber das machte sie für ihn nur noch reizvoller. Er sah sie an und hatte das Bedürfnis, sie in den Arm zu nehmen. Er wollte ihr sagen, dass alles gut werden und sie gemeinsam erfolgreich sein würden. Nein, vermutlich wollte er sie nur ficken.
Die Kommissarin meinte: »Wir haben quasi nichts. Ich werde wahnsinnig.«
Sie lehnte sich im Stuhl zurück und legte die Hände hinter den Kopf. Die Bluse spannte über der Brust und ließ das Muster ihres BHs durchschimmern. Tim genoss diesen Anblick und hatte Mühe, sich auf das, was sie eben gesagt hatte, zu konzentrieren. Leider musste er ihr Recht geben. Die Überprüfung des Umfelds beider Opfer hatte nichts erbracht. Weder Verwandte, Freunde, Nachbarn, sonstige Bekannte oder auffällige Fremde konnten als Verdächtige identifiziert werden. Zeugen gab es in beiden Fällen keine. Alle aktenkundigen Sexualstraftäter waren überprüft, der genetische Fingerabdruck des Täters in keiner Datenbank gefunden worden. Eine komplette Fallanalyse des ersten Mordes von vor einem Jahr blieb ohne wesentliche Hinweise. Nur Tims vages Täterprofil war von Spezialisten des BKA bestätigt worden. Und sie wussten, dass der Täter beim zweiten Mord Laufschuhe der Marke Asics getragen hat. Die Recherche in Sportgeschäften und bei der Firma Asics hatte ergeben, dass es sich um ein vielverkauftes Standardmodell handelte.
»Tim, wir wissen nicht mehr weiter. Der Fall stagniert.« Lena wirkte matt.
Tim konnte auch nichts Positives beisteuern. »Wir werden abwarten müssen, was geschieht. Vielleicht macht er beim nächsten Mord einen Fehler, vielleicht gibt es dann auch Zeugen.«
Sie schüttelte unwillig den Kopf. »Dieses Schwein wird wieder zuschlagen, und wir sitzen da und warten darauf. Irgendwann stehen wir dann vor der nächsten Leiche und wissen nicht mehr als jetzt.«
Tim versuchte sich vorstellen, was in ihr vorging. Es gab Serienmörder, die ein Dutzend Menschen oder mehr ermordeten, bevor man ihnen auf die Spur kam. Mit jedem Opfer stieg bei den verantwortlichen Ermittlern die Bitterkeit. Die Illusion, die Gesellschaft vor solchen Gefahren wirksam schützen zu können, hatte Tim längst abgelegt. Nein, er hatte sich ihr niemals hingegeben. Durch seine Mitarbeit konnte ein Serienmörder vielleicht zwei oder drei Morde früher gefasst werden, als er sich ansonsten ohnehin selbst auffällig gemacht haben würde. Für die zwei oder drei vermiedenen Opfer lohnte es sich allemal. Seine Story wurde andererseits mit jedem zusätzlichen Opfer wertvoller.
Die Eltern der jungen Läuferin zerfleischten sich derweil in Selbstvorwürfen, gaben sich die Schuld für den Tod ihrer Tochter. Sie waren an dem Abend, als ihr Mädchen den Tod fand, zu Freunden gefahren. Sie hatten gefeiert und dort übernachtet. Tim stellte sich vor, dass es ihn selbst treffen würde. Er käme wieder einmal viel zu spät nach Hause, und seine kleine Moni wäre nicht mehr da, würde nie wieder da sein. Eines der blassen Objekte, die regelmäßig auf den Schlachtertischen der Rechtsmedizin landeten, könnte auch seine Tochter sein. Was hätte er von ihr gehabt? Was hätte sie von ihrem Vater gehabt? Er würde sich immer die Schuld an ihrem Tod geben, ganz gleich, was geschehen sein mochte. Aber diese düsteren Gedanken führten zu nichts.
Lena sortierte die Aktenstöße zu ordentlichen Stapeln zusammen. »Tim, es gibt Leute im Dezernat, die nicht gerne sehen, wie tief du in den Ermittlungen drinsteckst, wie viele interne Ermittlungsergebnisse du kennst.«
»Willst du mich raushalten?«
»Rede keinen Unsinn. Wir wissen beide, wie sehr wir voneinander profitieren. Ich meine nur, du solltest dich nicht wundern, wenn du von meiner Behörde in den nächsten Tagen angemacht wirst. Und wir sollten uns nicht mehr hier in meinem Büro treffen.« Sie sah ihn aus müden Augen an.
Tim meinte: »Mach Schluss für heute. Du siehst fertig aus.«
Sie stand langsam auf und erwiderte: »Ich seh nicht nur so aus. Gehen wir auf ein Bier um die Ecke?«
»Gerne. Wir können wahrscheinlich beide ein wenig Abwechslung vertragen.«
Er kramte Schlüssel und Portemonnaie vom Tisch
und steckte sie in die Taschen. Lena stand bereits an der offenen
Tür. Sie trug Jeans und eine dunkle Lederjacke. Das lange blonde
Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. In diesem Outfit
sah sie sehr jung aus.
Wenig später saßen sie in einer typischen Kölner Kneipe. Lena hatte ganz bewusst einen Thekenplatz angesteuert, obwohl einige Tische frei waren. Sie trank bereits das dritte Kölsch. Tim nippte an einem Weizenbier. Sie sah ihm an, woran er gerade dachte. »Ich hab’s nicht weit von hier nach Hause, da kann ich mir ruhig ein Schlückchen erlauben. Aber wenn du weiter so an deinem Bayernbier nuckelst, kannst du mich ja gleich trotzdem gern heimfahren.«
»Trink nur ein paar Kölsch, du hast es verdient«, antworte Tim.
»Die letzten Tage waren bestimmt harte, frustrierende Arbeit.«
»Frustrierend ist gar kein Ausdruck.« Mit einem Ruck leerte sie ihr Glas und bedeutete dem Wirt, dass sie umgehend Nachschub erwartete. »Aber tu nicht so, als hättest du Mitgefühl.«
Tim nahm ihr diese Bemerkung nicht übel. Sie wusste um seine Unfähigkeit, Gefühle in sich zu identifizieren. Er dachte darüber nach, warum sie von ihm so viel wusste, er umgekehrt jedoch kaum etwas von ihr. Als ihr nächstes Bier kam, begann sie von sich zu erzählen, als hätte sie seine Gedanken erraten. Tim erfuhr zum ersten Mal, seit sie sich kannten, Dinge aus ihrer Kindheit in Köln-Ostheim. Von ihrem Bruder, der auf der Straße fast totgeschlagen wurde und seitdem schwer behindert bei ihren Eltern lebte. Offenbar war dies Teil ihrer Motivation gewesen, Polizistin zu werden. Tim erzählte ihr im Gegenzug von seiner Mutter, die nach der Scheidung in ihre britische Heimat zurückgekehrt war, als er dreizehn war. Von seinem Vater, dem erfolgreichen Juristen, der ihn regelmäßig im Schachspiel schlug. Und ehe er sich versah, schwärmte er von den Bergen der Welt, von Matterhorn und Mont Blanc. Er erzählte von Tibet und seinen wundervollen Menschen, die die chinesische Unterdrückung mit eben jener Kraft ertrugen, die von den gewaltigen Bergen des Landes ausging, vom Khumbu in Nepal und von seinem Traum, dort die Ama Dablam zu besteigen, jene geheimnisvolle göttliche Mutter im ewigen Eis.
»Und was macht deine Familie?«, fragte Lena dann unvermittelt. »Ich meine, jetzt gerade, wo du wieder vierundzwanzig Stunden am Stück nicht zu Hause bist?«
»Ich habe keine Ahnung«, antwortete er. »Moni wird natürlich schon schlafen, sie ist ja gerade erst sieben. Veronika arbeitet vielleicht noch an einem Werbetext. Sie ist als freie Mitarbeiterin für eine Agentur tätig, da arbeitet sie, wann immer sie Lust und Zeit hat.«
Er sagte nichts von seiner Vorstellung, dass sie am Vormittag, wenn Monika in der Schule war, vielleicht Besuch von einem netten Kollegen erhielt, der sie dann richtig durchvögelte.
»Meinst du nicht, sie könnte sich vernachlässigt fühlen?«, fragte Lena weiter nach.
Frauen und ihre Intuition, dachte Tim.
»Und wie ist es bei dir?«, wich er aus.
Sie leerte ihr viertes Bier. »Ich habe niemanden, den ich vernachlässigen könnte. Mein Freund verlangt nichts von mir, und ich will es auch nicht anders. Irgendwann wird sich das ändern, und dann werde ich in meinem Büro sitzen und um fünf alles fallenlassen. Doch so lange mir die Arbeit noch gefällt, hänge ich mir keine privaten Verpflichtungen an den Hals.«
Tim wusste darauf nichts zu sagen. Sie schwiegen eine Weile. Dann zog sie ihr Portemonnaie und legte einen Schein auf die Theke, dazu die beiden Deckel.
»Ich bezahle dein Nuckelbier, und du fährst mich nach Hause.«
Tim hatte nichts dagegen. Sie rutschten von den Barhockern und verließen das Lokal. Auf dem kurzen Weg bis zu seinem Wagen sprachen sie kein Wort, stiegen ein und saßen dann schweigend nebeneinander im Auto. Tim spürte die Müdigkeit. Es war ein langer Tag gewesen. Aber er würde es ihr gleich richtig besorgen. Sie stand auf die härtere Tour. So sollte man einen solchen Tag beenden.