Jahr Zwei, 30. September. Morgen

»Starten Sie.«

Marschall Gärtner nickte dem Schweizer zu, und der General erteilte den Startbefehl an die Sondereinsatzstaffel.

»Sierra Tango Eins bis Sieben. Sie haben Starterlaubnis. Halten Sie Funkstille bis zum vereinbarten Zeitpunkt.«

»Okay. Roger. Sierra Tango One geht in Führung. Startfreigabe«, quäkte es aus dem Lautsprecher der Einsatzzentrale. Der Marschall und sein Generalstab hatten sich hier versammelt, um den Beginn der Operation Rheingold mitzuverfolgen. Diesen pathetischen Namen hatte Gärtner, ein Wagner-Fan, der Operation kurz vor dem Start noch verpasst. Sein Rheingold, das er bergen wollte, bestand aus einer Schwangeren, einigen Wissenschaftlern und einem Haufen Dateien. Doch dies war ihm mehr wert als alles Gold dieser Erde. Seine Beute, sein Schatz, sollte ihn in gewisser Weise unsterblich werden lassen.

Draußen auf dem großen Helipad im Bereich des oberirdischen Teils der Hauptverwaltung liefen die Rotoren der Hubschrauber an.

Der feine Schneegriesel wurde aufgewirbelt und stob in alle Richtungen davon. Einweiser mit Signalleuchtstäben gaben den Piloten Signale und duckten sich dann. Der Wind trug den ohrenbetäubenden Lärm startender Hubschrauber über das Eis nach Westen. In ihrem Eisdom konnten Leutnant Morosow und sein Kamerad Koroljow mit ihren Männern das Starten hören, sie nickten einander zu. Der Tanz begann. Morosow schenkte sich Tee nach und steckte sich eine übel riechende Machorka zwischen die Lippen. Auch im Hauptquartier auf der Insel machte sich Zufriedenheit breit.

»Dann sind unsere Teams also unterwegs. Sehr gut.«

Marschall Gärtner schaute nickend in die Runde und sprach weiter.

»Ich erwarte heute Abend Bericht aus dem Zwischenlager, General Ruetli.«

»Selbstverständlich. Zu Befehl, Herr Marschall!«, erwiderte der kleine Mann diensteifrig.

Gärtner wandte sich an den Flottenadmiral.

»Hershew, haben wir brauchbare Schiffe dort unten? Satelliten? Irgendetwas Nutzbringendes?«

Der Amerikaner zuckte mit den Schultern, auf denen goldene Schulterstücke tanzten. »Zur Zeit leider nicht, nein. Die chinesischen Satelliten haben wir nach dem, ähm, Ausscheiden von General Deng leider verloren. Wir haben allerdings noch eine Grumman E2C in Reichweite, die könnte ich als Beobachtungsflugzeug abkommandieren. Sie ist auf dem Träger Charles de Gaulle stationiert, der liegt in der Biskaya.«

»Bringen Sie die Maschine morgen Vormittag hoch. Ich will Bilder vom Einsatz. Was ist mit Helmkameras bei den Teams?«

General Pjotrew antwortete.

»Wir haben keinen Übertragungsweg über diese Distanz. Wenn der Admiral allerdings ein Beobachtungsflugzeug vor Ort hat, könnten wir es vielleicht als Relais für eine Aufschaltung zu einem Satelliten nutzen.«

»Ist das machbar, Hershew?«

»Prinzipiell schon. Wir müssten den Piloten die Übertragungsfrequenzen und die Passwörter für den Satelliten übermitteln, dann könnte die Mannschaft das Videosignal shutteln und an uns über den nördlichen Com-Link übertragen.«

»Machen Sie es so, Admiral. Koordinieren Sie das mit General Pjotrew.«

Der Russe war mit der Entwicklung zufrieden. Wenn es ihm gelang, in der Zusammenarbeit mit dem Amerikaner an die Passworte für den Satelliten-Uplink zu kommen, dann konnte er Wissarion diese übermitteln. Der Hacker konnte dann das Signal splitten und es den Verteidigern in Rennes zuspielen. Das würde es diesem Bulvey und seinen Leuten ermöglichen, Livebilder von der Aktion zu erfassen und gegebenenfalls ihre Taktiken anzupassen. Die SpezNas-Soldaten des Teams Charly hatten sowieso Order, so viel wie möglich zu filmen, insbesondere von dem, was die amerikanischen Seals und die britischen SAS-Kräfte taten.

Wenn nun Wissarion noch die Luftbilder und die Bilder der Helmkameras der Einsatzkräfte sicherte, gäbe das in jedem Fall vortreffliches Material für den geplanten Umsturz. Zusammen mit den Bildern des gestrigen Tages ergaben sich hier ungeahnte Propagandamittel. Pjotrew hatte keinerlei Skrupel, dieses Material zu veröffentlichen, wenn es an der Zeit war. Immerhin handelte es sich um die Wahrheit, die er beabsichtigte, ungeschnitten und unkommentiert der Öffentlichkeit zu präsentieren, bevor er den Angriff auf das Hauptquartier starten wollte.

Dröhnend hoben die Helikopter ab und bildeten eine Formation, bei der die vier Black Hawks eine Raute bildeten, in der die drei Sea Kings in einem Dreieck eingebunden waren. Man hatte alle Helikopter mit zusätzlichen Treibstofftanks ausgerüstet, so dass für Waffen und Munition nur ein begrenzter Raum zur Verfügung stand. Allen Teammitgliedern war klar, dass es schnell gehen musste. Für lange Stellungskämpfe blieb kein Raum. Rein – zuschlagen – raus!, hieß die Devise.

Doch zunächst lag das primäre Ziel etwas südlich von Paris. General Ruetli hatte den ursprünglichen Flugplan geändert und sich für ein sicheres Auftanken südlich von Paris entschieden. Dort hatte ein Pionierbataillon auf einem kleinen Militärflugplatz einen gesicherten Bereich errichtet, die Männer sollten hier übernachten und sich auf den Angriff vorbereiten. Die Mitglieder der Special Forces wussten noch immer nicht exakt, worum es ging. Allein die SpezNas-Soldaten besaßen einen Informationsvorsprung, denn General Pjotrew hatte sie in seinen Plan eingeweiht. Im Hubschrauber Sierra Tango Seven saßen die zwölf Soldaten eng beisammen um ihren Zugführer Leutnant Juri Paladin. Der alte Helikopter wurde vom Wetter ordentlich durchgeschüttelt, es klapperte und schepperte an allen Ecken und Enden.

»Ein ziemlich wilder Ritt, was, Leutnant?«, meinte einer der Männer auf Russisch.

»Amerikanisches Fabrikat. Dosenblech«, antwortete der Zugführer lapidar. Alle lachten.

»Also, Männer«, führte der Leutnant weiter aus, »im Lager kein Wort zu den Amerikanern und den Engländern. Sie trauen uns sowieso nicht, und es würde mich nicht wundern, wenn der eine oder andere von ihnen russisch spricht. Also Vorsicht, Männer!«

Die Männer nickten.

Paladin ließ eine Schachtel Machorka-Zigaretten herumgehen, alle griffen zu und rauchten. Die erste Etappe ging über etwa neunhundert Kilometer und würde knappe fünf Stunden dauern. Die Männer versuchten, sich zu entspannen, so gut es eben ging. Einer las in einer kleinen Feldbibel, der nächste träumte vor sich hin, einer betrachtete Fotos von Liebsten, die wahrscheinlich Opfer der Zombies geworden waren, andere checkten zum x-ten Mal ihre Waffen. Nach einer guten Stunde Flugzeit hatten sich alle an den Lärm und das Gerüttel gewöhnt und die meisten schliefen oder dösten.