Jahr Zwei, 29. September. Nachmittag I
Überall in Rennes-le-Château arbeiteten die Bewohner fieberhaft an den Befestigungsanlagen. Nicht nur wegen des bevorstehenden Angriffs der New-World-Soldaten, auch wegen der veränderten Bedrohungslage durch das Auftreten der Struggler-Zeds bedurfte es einer gründlichen Überarbeitung der Abwehreinrichtungen rund um den Siedlungsberg.
Im südlichen Bereich stapelten Holger und Ralle mit einigen jungen Männern die vorhandenen Zwanzig-Fuß-Container zu einer Wand auf, die mehr als sechs Meter hoch wurde. Die untere Lage wurde mit Zwischenräumen gestellt, darauf dann weitere Container versetzt gestapelt und miteinander verschweißt. In die Zwischenräume der unteren Containerlage setzten die Männer hochkant gestellte Leitplanken ein, so dass sich gepanzerte Schießscharten ergaben.
Die Stahlsammelwut der Prepper machte sich nun bezahlt. Sie verarbeiteten kilometerweise Straßenleitplanken, Überseecontainer, Rohre und Gitter zu mächtigen Wehranlagen, die einiges auszuhalten versprachen. Mittlerweile erinnerte das einst so idyllische kleine Bergdörfchen an eine Festung aus einem Sci-Fi-Mad-Max-Albtraum. Überall stachen rostige Spikes in die Luft, und patinierte Metallflächen luden zum Draußenbleiben ein. Die Teams hatten mehr als einhundertfünfzig Stahlcontainer zu einer bogenförmigen Festungsmauer zusammengeschweißt, die das Dorf im Süden umgab, wo die Anhöhe etwas sanfter anstieg als im Norden, wo steile Klippen den Siedlungsplatz begrenzten. Auch die noch immer bedrohlich wirkenden Stachelwalzen, mit denen die Dorfgemeinschaft vor einiger Zeit einen großen Zed-Angriff zurückgeschlagen hatte, hingen nun an speziellen Auslegern vor der Containerwand, jederzeit bereit, abgeworfen zu werden und unter potenziellen Angreifern furchtbare Ernte für den Schnitter einzufahren.
Im Norden hatten die Männer aus Maschendraht, Gittern und losem Netzwerk Fangzäune für Kleinraketen errichtet; diese waren flexibel und lose aufgehängt, um einem anfliegenden Projektil möglichst wenig Widerstand zu bieten und die Antriebsenergie zu neutralisieren. Kleinere MANPAD-Raketen konnten so gut abgefangen werden und ihr Ziel im Dorf nicht erreichen. Auf den Dächern der Häuser spannten sich Hochspannungsdrähte, und die meisten offenen Plätze waren mit verstärkten Tarnnetzen abgehängt, um ein Abseilen zu erschweren. An vielen Stellen ragten bis zu zwanzig Meter hoch Rohre und Stangen aus dem Boden auf, das machte es für Hubschrauberpiloten sehr schwer, tief genug herunterzugehen, um Soldaten abzusetzen.
Am heutigen Tag installierten Holger und Ralle gerade die Nebelwerfer und Feuerwerksbatterien, die über Funkzündungen verfügten und gewaltige Ladungen bis in etwa einhundert Meter Höhe feuern konnten. Die Batterien bestanden aus kurzen, dicken Rohren, in denen aus Dutzenden Lagen Papier und Pappe gefertigte Bomben aus Schwarzpulver und Chemie, gemischt mit klein- und großspanigen Metallbestandteilen, lagen.
Mittels unterschiedlich starker Treibladungen würden die Explosivkörper dann abgefeuert und detonierten in grellen Lichtexplosionen mit extrem starker Rauchentwicklung. Die kleineren Metallspäne sorgten für grelle Farben, während die gröberen Bestandteile eine verheerende Schrapnellwirkung entfalten würden.
Als Alv zur Baustelle West kam, waren die beiden gerade dabei, auf der Mauer zwischen Magdalenenturm und Orangerie drei mächtige Batterien zu verkabeln. Der Tag war frisch, aber nicht kalt, etwas feucht, aber wenigstens regnete es nicht. Ein lauer Ostwind brachte wärmere Meeresbrisen aus Port-la-Nouvelle herüber, die Luft roch salzig und nach Küste.
»Sieht aus wie eine verdammte Stalinorgel!«, rief Alv den Männern zu, als er die Treppe zur Mauerkrone erklomm.
»Ah, Hallo, Cheffe!«, antwortete Holger, ohne von seiner Arbeit auf der Mauer aufzusehen. Alv trat hinzu und besah sich das scheinbare Durcheinander von Drähten und Kabeln. Natürlich wirkte das nur auf Laien chaotisch. Die beiden Schrauber führten ihre Arbeiten stets in bester Qualität und vor allem funktional aus.
»Gegen unsere Böller kackt ihr mit euren Raketen aber voll ab, mein Bester!«, unterstellte Ralle, der etwas weiter rechts gerade den Bodenanker für die Abschussrohre der dritten Batterie setzte. Mit Schwerlastdübeln und dicken Maschinenschrauben wurde die geschweißte Abschusseinrichtung fixiert. Alv ging zu ihm hinüber und besah sich das Kunstwerk. Die Rohre hatten einen Durchmesser von etwa zwanzig Zentimetern und waren innen gefettet. Je dreißig Rohre in drei Zehnerreihen bildeten eine Batterie. Das Zündkabel wurde durch eine seitliche Bohrung eingeführt. Ralle zog die Kabel nun durch und hängte sie über den Rand der Rohre.
»Wenn Holger drüben fertig ist, bringe ich die Ladungen her«, führte Ralle weiter aus, »er verbindet die Kabel mit der Treibladung und dann stopfen wir unsere lustigen Handbälle in die Rohre. Wenn unsere speziellen Freunde dann auf der Bildfläche erscheinen, genügt ein Knopfdruck, und die Batterien gehen hoch. Wir schalten drei Zündkreisläufe auf alle Batterien synchron, so dass ihr im Grunde dreimal starten könnt. Dreimal volles Rohr, dann ist Schluss. Wir haben insgesamt zwölf Batterien á dreißig Bomben. Damit kannst du im Grunde halb Hamburg einnebeln. Am sinnvollsten ist es, wenn die Hubschrauber im Überflug sind oder dicht davor. Je dichter die Bomben vor den Pilotenkanzeln hochgehen, desto besser der Blendeffekt. Ob die Schrapnelle ausreichen, um die Außenwände der Hubschrauber zu durchschlagen, kann ich nicht sagen, dazu kenne ich mich zu wenig mit Armeehelis aus. Aber die Jungs werden sich ordentlich erschrecken, soviel steht fest.«
Alv nickte zustimmend.
»Das genau soll es auch bewirken. Wie sieht es mit den Befestigungsanlagen aus? Sind wir rundum einigermaßen dicht?«
»Na ja, in den letzten Wochen haben wir alle hier im Dorf echt geackert. Schätze mal, wir haben ganz schön was geschafft. Der Süden sieht gut aus. Da ist alles stabil, das sollte auch in Zukunft so bleiben.«
»Unbedingt. Sieht zwar nicht besonders schmuck aus, aber wirksam. Wenn wir den Angriff erfolgreich abwehren können, helfen uns die Anlagen auch in der Zukunft. Diese neue Zombieart bereitet mir ziemliches Kopfzerbrechen.«
»Natürlich werden wir das schaffen, Alv. Ich bin mit meiner Frau und den Jungs nicht hierhergekommen, um zu sterben. Du doch wohl auch nicht, oder?«
»Jedenfalls nicht in absehbarer Zeit, nein«, lachte Alv, »ihr zwei macht hier verdammt gute Arbeit, und ich weiß, dass ihr euch kaum eine freie Minute gönnt. Aber wenn das alles durchgestanden ist, dann haben wir hier etwas, das jedem Angriff standhalten wird, davon bin ich überzeugt. Ohne eure Ideen und eure Tatkraft wären wir ganz schön aufgeschmissen. Ich weiß das sehr zu schätzen.«
Holger kam hinzu und schaute die beiden an.
»Ist jetzt irgendwie Kaffeekränzchen, oder was? Wir haben zu tun, Alv, also steh uns nicht im Weg.« Er lachte, Alv und Ralle mussten auch schwer grinsen.
»Na, dann will ich den werktätigen Teil unserer Dorfbevölkerung mal nicht länger mit meiner Anwesenheit behelligen und werde etwas durch den Garten flanieren, um die frische Luft zu genießen«, spöttelte Alv und spazierte auf der Mauer entlang Richtung Norden, hin zu Birtes und Sepps Wohntrailer.
Dort angekommen, empfing ihn Birte mit einem Becher Tee am Vorzelt, Sepp war ebenfalls zugegen. Den Platz um den Trailer herum hatte Birte mit wilden Orchideen, die sie in der Umgebung gesammelt hatte, hübsch bepflanzt und sehr ansehnlich gestaltet. Alv sah sich um und fragte Birte lapidar:
»Hübsch hier. Nestbau?«
»Du bist doof, Alv Bulvey.«
»Sag mir etwas, das ich noch nicht weiß.«
Beide lachten. Überhaupt wurde im Dorf momentan viel gelacht. Die Bewohner versuchten damit wohl, die Spannung zu lösen, die der unheimliche Druck, der auf ihnen lastete, erzeugte.
Alv ging mit den beiden in das gemütlich eingerichtete Vorzelt, sie setzten sich und genossen den Nachmittagstee. Sepp fragte:
»Wo soll ich den Hulk lassen? Draußen oder lieber drinnen?«
»Ich würde vorschlagen, du lässt ihn draußen am Tor stehen, wo er immer steht. Häng deinen Auflieger ein, volltanken, Proviant und Waffen einladen. Falls ihr schnell wegmüsst.«
»Kommt gar nicht in Frage«, erwiderte Birte, »wir bleiben natürlich. Ihr alle hier seid im Grunde meinetwegen in Gefahr, darum werde ich euch nicht im Stich lassen. Komme, was wolle.«
Alv blickte streng.
»Sepp. Wenn es so aussieht, als würden wir verlieren und ich dir Bescheid gebe, dann haust du deiner Frau eins auf die Zwölf, nimmst sie und alle kleinen Kinder aus der unteren Höhle mit und bringst euch in Sicherheit. Ist das klar? Seht zu, dass ihr in die Wälder kommt und grabt euch irgendwo ein, bis der Spuk vorbei ist. Ich möchte nicht, dass die Kleinen im Kugelhagel sterben.«
Birte war sauer.
»Das kommt überhaupt nicht in Frage!«
»Versprich es mir, Sepp!«
»Okay. Versprochen«, gab er leise zurück.
»Hab ich hier überhaupt nichts mehr zu melden?«, rief Birte.
Alv reagierte völlig gelassen, aber man sah ihm an, dass er nicht scherzte.
»Was das angeht: nein, Birte. Das ist nämlich der letzte Befehl. Da widerspricht man nicht.«
»Auch nicht ein ganz klein bisschen?«
»Nein.«