Jahr Zwei, 24. September. Nachmittag I
Er reckte langsam die Nase in den eisigen Wind, der aus Osten weitere Schneeflocken herantrieb, und lauschte. Leichte Pulverschneeverwirbelungen trieben durch den dämmrigen Nachmittag, unter seinen Füßen knirschte es bei jedem Schritt. Selbst hier, auf der Straße, die parallel zum Zaun verlief, lag der Schnee schon wieder knöcheltief, obwohl mehrfach täglich der Weg geräumt wurde.
Es schien noch nicht lange her zu sein, dass die letzte motorisierte Patrouille hier vorbeigekommen war, und es war weit und breit nichts zu sehen oder zu hören, das ihn stören würde.
Hier oben, in der nördlichen Region der Oblast Wologda an der M08, dort, wo sie nach Nordosten abbog, verhielt es sich meist ruhig. Zwar herrschten hier unmenschliche Temperaturen weit unter null Grad, aber dafür blieb man hier meist unbehelligt. Viel mehr Positives ließ sich dieser Gegend aber auch nicht abgewinnen.
Wojtyla Stepanczek schob Dienst am Zaun, der dem Verlauf des Flüsschens Sukhona folgte. Seine traurige Aufgabe bestand darin, diesen verfluchten Zaun tagein, tagaus abzulaufen und – ja, was eigentlich? Den massiven Metallzaun bewachen? Aufpassen, dass ihn niemand stiehlt? Eine einfallende Zombiehorde nur mit seiner Kalaschnikow zurückschlagen? Er schüttelte den Kopf bei diesen Gedanken. Seit er hier seinen Dienst versah, war am Zaun nichts passiert. Nur ab und an kamen größere Räumfahrzeuge und Schneefräsen, welche die mächtige Barrikade von Schneeverwehungen befreiten. In der restlichen Zeit passierte hier absolut nichts.
Wojtyla Stepanczek verrichtete seinen Dienst nicht freiwillig. Vor vier Monaten hatte man ihn in Gdynia auf offener Straße verhaftet und gemeinsam mit hunderten anderer einfach in einen Zug verfrachtet, der ihn in dieser gottlosen Gegend wieder ausgespien hatte. Er wusste nicht einmal, warum er hier in der Kälte herumlaufen musste.
In der Heimat hatte er einen Job, eine Familie, Kollegen und Freunde. Sein einziges Verbrechen war wohl, dass er gern mal seine Meinung sagte. Er hatte sich über den Tubenfraß mokiert, den das Militär verteilte, und die Soldaten gefragt, ob sie diesen Dreck auch fressen würden.
Nun, die Antwort auf seine Frage hatte er jetzt. Zwangsrekrutiert, abgeurteilt und an die Ostfront deportiert, kam er nun auch als unfreiwilliges Mitglied der New World Army in den immer noch zweifelhaften Genuss dieser widerlichen Paste, von der böse Zungen behaupteten, sie würde aus den Kadavern von Zombies hergestellt.
Glücklicherweise war hier am Hinterteil der Welt die Überwachung nicht derart lückenlos, wie es in den Siedlungsgebieten der Fall zu sein schien. Die meisten seiner Kameraden galten wie Wojtyla als Gesinnungstäter und Staatsfeinde, was in der Truppe für eine gewisse Solidarität sorgte. Man unterstützte sich gegenseitig.
Normalerweise bestand eine Fußpatrouille aus vier Mann, doch die findigen Männer hatten sich mit der Situation arrangiert. Während Wojtyla insgesamt vier der vorgeschriebenen GPS-Schrittzähler mit sich herumtrug, befassten sich die anderen drei Kameraden damit, zu fischen oder aus Lebensmittelresten, die sie in der Stadt in Wohnungen oder Kellern fanden, eine undefinierbare Brühe anzusetzen, aus der sie Schnaps destillierten.
So kam es, dass die Schrittzähler an jedem elektronischen Datenpunkt brav die vollständige Patrouille meldeten, während das Gros der Truppe dafür sorgte, dass die Männer nicht jeden Tag diese widerliche Paste essen mussten. Der Schnaps, den sie brannten, schmeckte zwar widerlich, aber er machte betrunken und ließ die Männer Trauer und Kummer für ein Weilchen vergessen.
Wojtyla, der keine dreißig Lenze zählte, konnte etwa hundert Meter weiter den kleinen Verschlag ausmachen, den die Männer in den Schnee gegraben hatten. Ein einfaches Blechdach mit Schneewänden drum herum und einer kleinen Feuerstelle.
Hier konnte sich der Posten ein wenig ausruhen, ein Feuerchen entfachen und mit etwas Selbstgebranntem die Kälte aus den Knochen vertreiben.
Der junge Mann betrat den Unterstand von der Straße aus, hier waren zwei Schneewände zueinander versetzt so errichtet, dass man zwischen ihnen hindurchgehen konnte, aber der Wind nicht durchkam.
Er zog seine Handschuhe aus und entfachte in der kleinen Eisentonne, die in der Mitte des winzigen Raumes stand, ein Feuerchen. In dem Unterstand gab es eine aus Schnee geformte Sitzbank mit einer rohen Holzplanke darauf, die kleine Feuertonne, etwas Brennholz und sonst nichts. Mehr brauchte es auch nicht.
Schnell begann das Feuer den kleinen Raum zu wärmen und Wojtyla entspannte sich. Er nahm eine kleine Kunststoffflasche aus der Innentasche seines Wintermantels und schraubte den schäbigen Verschluss ab. Ein widerlicher Geruch strömte ihm entgegen, eine Mischung aus faulem Altbrot und gammeligem Obst; daraus setzten die Männer die Gärung für ihren Selbstgebrannten an.
Er wollte sich mit einem guten Schluck innerlich etwas wärmen, denn er fand, das hätte er sich verdient.
Als er die Flasche anhob, um daraus zu trinken, stockte er mitten in der Bewegung. Der Alkohol lief aus dem Flaschenhals und tropfte auf den Boden, der sich dunkelrot färbte. Geschockt sah Wojtyla an sich herab. Das Letzte, was er wahrnahm, war eine riesige blutige Faust, die aus seinem Brustkorb herausragte. In der Hand zuckte ein Herz. Seines. Dann sackte sein Kopf nach vorn.
*
Kzu’ul hatte sich dem Unterstand unauffällig und leise genähert. Seine geschärften Sinne ließen ihn durch die Schneewand hindurch das Wärmebild des Wachsoldaten erfassen.
Als er seine Hand mit voller Wucht durch die dünne Schneewand stieß, durchdrang sie den warmen, weichen Körper vollständig und tötete die Beute sofort. Der mächtige Struggler brach nun durch die Wand und begann, sich am Fleisch des toten Wachsoldaten zu nähren. Das noch warme, blutige Herz fraß er zuerst, dann machte er sich über den Rest der Leiche her. Er fraß, bis an den Knochen kein verwertbares Fleisch mehr haftete. Eine knappe halbe Stunde später verließ er den Ort des Geschehens.
Er wandte sich dem hohen Zaun zu, den er überwinden wollte, um auf der anderen Seite mit seinesgleichen zusammenzutreffen. Der Zed verspürte den unwiderstehlichen Drang, sich mit den Strugglern auf der anderen Seite der Barriere zu vereinen, um gemeinsam diese Barriere niederzureißen und eine riesige Zombieherde in die Weidegründe der New World zu führen.
Er würde die Gleichen alles lehren, was er in seiner Gefangenschaft erfahren hatte, seine Absicht war es, mit den vielen, vielen Zombies des Ostens eine Armee aufzubauen, um die Stellungen der Menschen anzugreifen. Dort gab es Fleisch. Warmes, weiches Fleisch und den guten, roten Saft, den die Zeds doch so sehr begehrten.
Mit einem einzigen Satz sprang er auf die Krone des Bollwerks. Es störte ihn nicht, dass Stacheldraht sein Fleisch schnitt und Stromschläge durch seinen Körper fuhren.
Jeder andere Zed, egal ob Walker oder Hunter, wäre jetzt handlungsunfähig zusammengebrochen. Nicht so Kzu’ul, er war von anderer Art. Die Mutation des Virus in seinen Zellen ermöglichte es ihm, sich selbst zu reparieren, sein Fleisch gehorchte anderen Gesetzen als das der lahmem Zeds.
Und das Schlimme war: Kzu’ul wusste das.