- Beyer Anja Saskia
- Himbeersommer
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***
Am nächsten Morgen gebe ich Lisa in
der Kita ab und bin so froh, dass sie heute das erste Mal freudig
glucksend zu Sabine auf den Arm geht (ihre Arme nach Sabine
ausstreckt, als wäre sie die Mami!), überhaupt nicht weint und sich
noch nicht mal mehr nach mir umguckt. Hallo?! Der bunte Kreisel ist
spannender als ich?! Liebt sie mich nicht mehr? Habe ich als Mutter
versagt oder irgendetwas falsch gemacht? Wieso bin ich ihr
plötzlich so egal, schießt es mir durchs Hirn? Ich weiß, dass das
mütterlich-irrwitzige Gedanken sind und versuche, sie in die Rubrik
Übermutti-Syndrom abzuschieben. Aber sie begleiten mich bis ins
Büro und lassen meine Miene, die durch Jackys Verrat eh schon
dunkel umwölkt ist, offenbar aussehen, als sei ich gerade in ein
wüstes Gewitter gekommen.
Benni sieht mich erschrocken an. „Was
ist denn passiert, Nora? Regnet es draußen?“
Erst jetzt merke ich, dass ich nach
dem Duschen meine Haare überhaupt nicht gestylt habe. Und das ist
mir wirklich noch nie passiert! Ich gehöre zur Fraktion „Nie ohne
Wimperntusche zum Mülleimer“. Meine Haare hängen herunter wie
angeklebte Spaghetti.
„Äh, ja, da, wo ich war, war ein
richtiges Unwetter“, sage ich und lasse mich mies gelaunt auf
meinen billigen Bürostuhl plumpsen, der unter meinem Gewicht
aufächzt. Schön, dass man durchs Stillen abnimmt. Und was ist, wenn
man nicht stillen konnte?!
Ich starre meinen verdorrten Kaktus
an. „Tobias hat es hinter meinem Rücken mit Jacky getrieben, als er
noch mit mir zusammen war.“
Benni sieht mich fassungslos an.
„Was?! Tobias!? Das ist ja der Hammer! Ich dachte, so was gibt’s
nur bei ‚Gute Zeiten, schlechte Zeiten’!“
„Tja. Mein Leben ist eine einzige
Seifenblase.“ Ich hänge auf meinem Bürostuhl wie eine verwelkte
Tulpe.
Benni starrt mich an, und ich gucke
zurück mit diesem Blick: „Jetzt guck nicht so“, aber er guckt noch
intensiver, und erst da merke ich, dass er immer wieder zur Tür
starrt, und ich folge seinem Blick und da steht … Tobias, mit einem
großen, duftenden Strauß weißer Lilien im Arm! Tobias
hier?!
Sofort setze ich mich aufrecht hin,
streiche meine Spaghetti-Haare zurück und stottere giftig herum.
„Was … was machst du denn hier?!“
Tobias kommt unsicher einen Schritt
näher, sieht mich sehnsüchtig an, und weiß nicht so recht, was er
sagen soll. Er drückt mir einfach den Strauß in die Hand, und da
steht zum Glück Benni auf und lässt uns alleine. „Ich muss mal
schnell … äh … für kleine Mädchen.“ Und raus ist er.
„Nora, bitte, es tut mir alles so
leid, ihr fehlt mir so, bitte, kommt zurück, ich denke, ich kann
es, so viele können es, ich denke, ich kann Lisa als mein Kind
annehmen. Ich will es doch so!“
Ich starre ihn an, rieche den Lilien
und meine Wut im Bauch ist auf die Ausmaße eines unförmigen
Zeppelins angeschwollen, der kurz davor ist, mit einem Knall zu
explodieren.
„Du denkst, du kannst es?! Du willst
es so?! Und wenn nicht?! Wenn du sie nicht lieben kannst?! Wie du
mich nie nie nie richtig lieben konntest?! Du bist so ein
unsensibler, korrekter, widerlicher Lackaffe, hier!“ Ich drücke ihm
den Strauß ins Gesicht, eine Blüte fällt dabei zu Boden. Während
ich ihn zur Tür schiebe, trete ich aus Versehen darauf. „Und jetzt
geh! Ich will dich nie wieder sehen. Und Lisa auch nicht. Ich
meine, du Lisa, und sie dich nicht …, geh!“
Tobias lässt es völlig überrumpelt mit
sich geschehen, sieht mich schockstarr dabei an und schließt so
schnell die Tür hinter mir, als hätte er es mit einer Irren zu tun,
die eingesperrt werden muss. Und genau so fühle ich mich
auch.
Da geht die Tür wieder auf und der
Alte sieht mich alarmiert an.
„Was haben Sie mit Ihrem Mann gemacht,
Frau Blume? Kastriert oder so was in der Art?“ Er grinst
anzüglich.
„Fragen Sie besser, was dieser Mann
mit mir gemacht hat, Alter, ich meine Herr Gräbner!“, blaffe ich
ihn an.
Er grinst nur. „Wie sehen Sie heute
überhaupt aus?! Sie wissen schon, dass die Preisverleihung in einer
Stunde ist?!“
„Was?! Wieso heute? Ich dachte morgen
früh?!“
„Hat Ihnen das Frau Schulte nicht
gesagt? Sie wurde verschoben. Schade, da können Sie dann ja wohl
nicht mitkommen.“
„Und wieso nicht?“ Ich funkle ihn
an.
Er lacht und zeigt mit dem Finger auf
meine Haare. „So? Als Tagliatelle? Auf keinen Fall. Sie wissen
doch, dass da die ganze Fachpresse anwesend sein wird. Der Ruf
unseres Büros steht auf dem Spiel.“
„Sie ahnen gar nicht, wie schnell ich
mich umstylen kann.“
Er lacht wieder. „Da wären Sie aber
die erste Frau auf dieser Welt. Ist aber doch alles kein Problem,
Schätzchen. Ich nehme den Preis für Sie, also für unser Büro,
entgegen, und Sie dürfen ihn dann von mir aus auch mal auf ihren
Schreibtisch stellen.“ Er sieht den verdorrten Kaktus und das
übliche Chaos auf meinem Schreibtisch fast angeekelt an. „Oder
vielleicht stellen wir ihn doch besser auf meinen.“
„Nennen Sie mich nie wieder
Schätzchen!“
„Mein Gott. Na gut. Schätz … ähem,
schätze, ich bin heute Nachmittag wieder zurück und berichte dann.“
Er geht.
Gerade als ich ihm etwas
hinterherpfeffern will, klingelt mein Handy und das Wort „Kita“
leuchtet auf. Schnell gehe ich ran und höre Sabines besorgte
Stimme. „Hallo, Frau Blume, hier ist Sabine von der Kita
Sonnenhügel, ich fürchte, die Lisa hat Temperatur.“
„Fieber?! Wie hoch denn?“
„38,5. Und die Süße ist ziemlich
unruhig.“
„Ich komme sofort. Danke, Sabine, dass
Sie mich angerufen haben.“
Ich lege auf und denke fieberhaft
nach. Fieber! Ausgerechnet jetzt. Ich wähle Daniels Nummer, doch
der geht mal wieder nicht an sein Handy, und auch im Bistro geht
keiner ran. Damals, als er noch was von mir wollte, da ist er immer
sofort ans Telefon gegangen, denke ich wütend, nehme meine Tasche
und sage Benni, der gerade zurückkommt, dass ich zu Lisa
muss.
„Aber sag dem Alten, dass ich zur
Preisverleihung da bin. Hübsch und adrett, total fotogen und eine
Augenweide fürs Büro.“
„Super“, ruft er mir
hinterher.
Super, ja. Alles super. Wem kann ich
mein krankes Kind anvertrauen, wenn der Herr Papa wieder mal nicht
auffindbar ist? Jacky auf keinen Fall. Und meine Mutter oder Magda
gehen auch nicht, die beiden kennt meine Süße ja kaum. Gerade wenn
Lisa krank ist, will sie eigentlich nur zu Mama auf den Arm, oder
zur Not zu Papa.
Ich rase zur U-Bahn und natürlich hat
diese heute Verspätung. Ein obdachloser Jugendlicher mit einer
Pulle Bier in der Hand grinst mich höhnisch an. „der Zug is
abgefahrn! Scheiß verdammtes Leben!“
Endlich kommt die nächste Bahn und ich
hetze hinein. Die arme Lisa, wundert sich bestimmt, wo ihre Mami
bleibt.
Sabine hat die schlafende Lisa auf dem
Arm, während sie einem anderen Kind liebevoll das Rotznäschen
säubert.
„Sabine, tausend Dank, es ging leider
nicht schneller, diese verflixte Bahn …“
„Kein Problem, Frau Blume.
Lisa-Mäuschen, die Mami ist da.“
Ich nehme meine Kleine auf den Arm und
fühle mit der Wange ihre Stirn. „So wahnsinnig heiß kommt sie mir
gar nicht vor.“
„Ich glaube, das Fieber ist auch
wieder etwas runtergegangen. Zum Glück.“
„Zum Glück.“ Ich lächle sie an. „Komm,
Mäuschen, wir gehen nach Hause, zu Papi. Hoffentlich ist er jetzt
da.“