- Beyer Anja Saskia
- Himbeersommer
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***
Die Fahrt zum Urologen wird
schweigsam. Tobias schaut aus dem Fenster, als habe er noch nie ein
Gucci-Schaufenster von außen gesehen. Während ich über die
Brandenburger Strähnchen vor uns fluche,
„Himmelherrgottsakrament!“, versuche ich zu überholen. Endlich hat
sie ihr Hinterteil in die Parklücke bekommen, und ich kann
schnittig an ihr vorbeifahren. – Natürlich nicht, ohne einen kurzen
Blick auf die neue Gucci-Kinderkollektion im Schaufenster zu
werfen. Rosa Rüschenkleidchen, wie niedlich!
Wir haben uns zu lange vor einem
Arztbesuch gedrückt. Ich, weil ich Angst hatte, nicht einmal fähig
zu sein, Mutter zu werden – Tobias, weil er vor hundert Jahren für
seine Ex-Ex ein Spermiogramm hat machen lassen. „Mit einem
1a-Ergebnis“, wie er lange stolz betont hat. In letzter Zeit betont
er das nicht mehr, wahrscheinlich aus Rücksicht auf
mich.
Ich weiß, es ist das falsche Thema.
Aber um Tobias etwas aufzulockern, erzähle ich ihm von meinem
amüsanten Erlebnis bei meinem attraktiven, sonnengebräunten
Frauenarzt, bei dem ich letzte Woche meine Abschlussuntersuchung
hatte. Wobei ich die Beschreibung seines umwerfenden Äußeren
natürlich ausspare.
Männer sind sensibel. Und Männer, die
in einer halben Stunde Sperma liefern müssen,
besonders.
„Und als mir Dr. Wagner dann gesagt
hat, Frau Blume, an Ihnen liegt es mit 98-prozentiger Sicherheit
nicht“, bin ich ihm um den Hals gefallen und habe ihn dabei zu
Boden gerissen. Das hab ich dir noch gar nicht erzählt,
oder?“
Tobias erwacht kurz aus seiner Starre,
sieht mich fassungslos an. „Deinen Gynäkologen? Und du lagst dann
unten ohne auf ihm?“
„Nein!“, versuche ich ihn lachend zu
besänftigen. „Das war, nachdem ich auf
dem Gyn-Stuhl war. Angezogen.“
„Aha“, sagt er, und wir steigen in den
alten, ehrwürdigen Aufzug aus der Jahrhundertwende, der uns nach
oben bringen soll.
Oben tatsächlich angelangt, öffnet
Tobias die quietschende Aufzugstür und hält abrupt inne. „Wollen
wir nicht einfach noch abwarten?“
Wir stehen vor der Praxis im ersten
Stock. Die alten Teppiche riechen modrig.
„Abwarten? Was?“, frage ich ihn
verwundert. Bis sich dieser Baby-Virus, der unsere schöne Beziehung
immer mehr vergiftet, ganz ausgebreitet hat?
„Ich weiß nicht … wenn wir kein
eigenes Kind kriegen sollten, … ist es doch auch nicht so schlimm,
oder?“
Ich sehe ihn paralysiert an wie ein
hysterisches Kaninchen die lachende Schlange.
„Wir gehen da jetzt rein“, erwidere
ich, und hoffe die Lage in den Griff zu bekommen, drücke gegen die
Tür und betrete die in Grün gehaltene Praxis. Grün ist die
Hoffnung. Und glücklicherweise folgt mir Tobias.
Die blonde Sprechstundenhilfe hinter
dem grünen Tresen lächelt uns freundlich an. Das grüne Ungeheuer
steht mitten im Warteraum, so dass auch jeder mitbekommt, wer
welche Geschlechtskrankheit hat,
„Blasenentzündung?“, tippt sie einfach
mal ins Blaue.
„Nein, äh … mein Freund …“. Ich sehe
Tobias erwartungsvoll an. Wenn ich schon den Termin gemacht habe,
kann er ja wenigstens reden.
„Guten Morgen, ja ich … soll getestet
werden,“ Er quetscht ein misslungenes Lächeln heraus.
„Ah, die Sperma-Probe“, flötet die
Vollbusige laut und streckt ihm einen durchsichtigen Plastikbecher
hin. Durchsichtig, damit auch jeder sofort sieht, wie viel er
konnte?
„Bitte die dritte Tür rechts“, lächelt
sie ihn an, und Tobias ist noch blasser, so blass war er zuletzt,
als Schalke gewonnen hatte.
Tobias nimmt den Becher irgendwie in
Trance entgegen, hält ihn in der Hand und starrt mich an. Dann
stellt er ihn auf den Tresen zurück und zieht mich mit sich
hinaus.
Wir stolpern die vielen Treppen
hinunter und sind endlich an der frischen Luft. Auf der Straße
bricht dann alles aus ihm heraus.
„Ich kann nicht. Ich …“ Er
stoppt.
„Was?“, will ich tonlos wissen, und
meine Knie fühlen sich an wie grüner Schleim, den es in meiner
Kindheit in Plastikbechern gab.
„Kinder … ich kann keine Kinder …
zeugen, Nora, es tut mir so leid … Ich … ich hab mich testen lassen
… vor einem halben Jahr schon … ich wollte es dir damals schon
sagen, aber ich hab irgendwie nie … ich hatte so Angst … dass ich
dich verliere … es muss an diesen verdammten Masern liegen, die ich
letztes Jahr hatte …“
Stille. Ein kleines Mädchen, das uns
auf seinem Puky-Dreirad entgegenkommt, wiehert mit seinem
Barbiepferd durch die Prärie. Die Welt scheint eine zweite
Zeitebene erreicht zu haben. Ich kriege Flecken. Hektische Flecken
am Hals und würde am liebsten lachen und wiehern … EIN HALBES JAHR
weiß er es schon!?!
***
Als hätte ich ein Ziel - irre ich
umher. Schwangere Frauen kommen mir entgegen, winken mir zu. Aus
Kinderwagen ist höhnisches Babygekicher zu hören. Ich habe das
Gefühl, ich drehe mich im Kreis.
Da sehe ich die rettende Insel. Ein
kleines, französisches Bistro, umwuchert von Flieder und Himbeeren.
Ich durchschreite den betörenden Duft und flüchte mich hinein in
ein bezauberndes Ambiente. Kleine braune Bistrotische, liebevoll
dekoriert mit echten Mohnblumen.
„Eine Flasche Weißwein zum Mitnehmen,
egal welcher“, sage ich, bevor sich meine Augen an das dunklere
Licht gewöhnt haben, und setze mich auf einen braunen Barhocker,
eine Sekunde, bevor meine Füße ihren Dienst versagen.
Da keine Reaktion von dem Mann hinterm
Tresen kommt, kneife ich meine Augen zusammen und sehe ihn finster
an. Erst jetzt erkenne ich ihn im Nebel.
Es ist der faltenlose Vespa-Fahrer,
der mich erstaunt und besorgt ansieht.
„Ich mach dir eine heiße Schokolade.“
Er entscheidet einfach über meinen Kopf hinweg und fängt an, die
Milch aufzuschäumen. Mir ist kalt, und die Vorstellung, die Kälte
etwas verscheuchen zu können, lässt mich sitzen
bleiben.
Daniel wirft mir immer wieder einen
besorgten Blick zu, schüttet Kakao-Pulver in die Tasse, rührt
nachdenklich um. Er fragt nicht nach und ich bin ihm sehr dankbar
dafür.
„Zigarette?“ Das ist die einzige
Frage, die ich gelten lasse. Ich sehe ihn an und rutsche dabei in
Zeitlupe vom Barhocker - zu Boden.
Daniel ist sofort bei mir, hilft mir
hoch, wir sehen uns an.
„Ich habe noch nie in meinem ganzen
Leben auch nur eine einzige Zigarette geraucht“, sage ich, als
würde ich sagen: „Ich habe eine Wassermelone getragen.“ Und wer wie
ich über den Tod von Patrick Swayze immer noch nicht hinweg ist,
weiß, wie ich mich gerade fühle.
„Jetzt ist genau der richtige
Zeitpunkt,“ sagt Daniel, „für alles.“
„Der Haut einer Frau sieht man jede
einzelne Zigarette an, sagt meine Mutter immer.“ Ich
fröstele.
Er lächelt und streicht mir zart über
die Wange.
„Wie ein Babypopo.“
Ich schluchze los, und er nimmt mich
einfach in seinen Arm. Und duftet - viel zu gut.
Ich mache mich schnell wieder los,
streiche mir meine Haarsträhne aus dem Gesicht und setze mich
ungalant schniefend auf den Barhocker.
Daniel stellt mir die heiße Schokolade
hin, dazu eine ungeöffnete Flasche Chardonnay, nimmt eine
Streichholzschachtel aus einer Schale vom Tresen, zündet das
Streichholz an und sieht mir über das Feuer hinweg in die Augen.
Eine Sekunde, zwei, drei …
„Mist.“ Er schüttelt seine Hand, denn
er hat sich verbrannt. „Wir haben uns verbrannt“, sagt er grinsend
dahin. „Für die Liebe muss man manchmal verrückte Dinge
tun.“
„Was soll dieses schicksalsschwangere
Geschwafel“, fauche ich ihn an und ziehe an der Zigarette, als wäre
es die letzte meines Lebens. Natürlich huste ich sofort los. Und
die Zigarette geht aus.
Peinliche Szenen habe ich in meinem
Leben schon genug geliefert, und ich finde, diese muss verkürzt
werden.
Die Zigarette im Mundwinkel, schnappe
ich mir die Streichholzschachtel und den Chardonnay und stürme nach
draußen.
Ein eiskalter Wind weht mich fast um,
drückt mich mit dem Rücken an die nächstbeste Schaufensterscheibe.
Ich wage es nicht, mich umzudrehen, denn ich ahne es und habe
recht. Es ist ein Spielwarengeschäft.
Tobias findet mich. Zitternd und
blass, bei Nino, meinem Eisverkäufer - mit sechs Kugeln Erdbeereis
in der blau angelaufenen Hand.
Nino schaut Tobias an, als habe er
seine Frau eine Hure genannt. Und Tobias glaubt, dass ich Nino in
allen Details von seiner Unfruchtbarkeit erzählt habe. Ich lasse
ihn schmoren. So wie er mich hat schmoren lassen, in dem Glauben,
nicht fruchtbar zu sein. Je länger ich darüber nachdenke, desto
gemeiner finde ich es. Ein halbes Jahr!
„Nora, bitte, es tut mir so leid, aber
kannst du dir vorstellen, was das Ganze für mich bedeutet?!“ Tobias sieht mich flehentlich
an.
Ich starre fassungslos zurück. Und
strafe ihn mit Schweigen. Das, was er die letzten Monate so gut
konnte. Während ich all die Gyn-Untersuchungen über mich habe
ergehen lassen.
„Meine Party, ich muss doch noch den
Rucola-Drecksdings-Salat machen“, höre ich mich durch dumpfe Watte
fluchen. Und mir ist schlecht.
Tobias wirkt irgendwie erleichtert,
dass ich noch funktioniere. Er legt Nino ein ordentliches Trinkgeld
hin, nimmt mich liebevoll am Arm und führt mich zu unserem Audi.
Den Tobias vor einem dreiviertel Jahr gekauft hat, falls ich über
Nacht schwanger werde.
Der Kombi scheint mich zu verhöhnen
und glotzt wie ein Auto.
Tobias wirkt verzweifelt. „Ich will
Kinder mit dir, Nora. Wirklich. Ich liebe dich. Wir könnten …
welche adoptieren?“
„Adoptieren?!“, entfährt es mir spitz.
„Auf keinen Fall!“
Meine Cousine hat ein sehr großes
Herz. Sie hat ein Mädchen adoptiert. Mia. Mia ist jetzt elf und
knutscht mit einem 16-Jährigen. Letztes Jahr hat meine Cousine
herausgefunden, dass Mias Mutter eine 15-Jährige Prostituierte war.
Seitdem hat sie panische Angst, bald Großmutter zu werden. Nein,
ich glaube an Gene. Auch wenn meine nicht die einer Heidi Klum,
sondern eher die einer Bridget Jones sind. Und ich nie auf einer
Hochbegabten-Schule angemeldet werden musste. Ich fände es einfach
niedlich, wenn mir mein Töchterchen irgendwie ähnlich sieht und
ist. Keine Frage. Ich finde Leute anbetungswürdig, die ein fremdes
Kind bei sich aufnehmen. Hut ab vor meiner Cousine. Aber – es mag
ein Einzelfall sein - ihre Ehe leidet sehr seit Satansbraten
Mia.
„Wie lange wolltest du dieses Spiel
noch treiben?!“, fauche ich Tobias an und Tränen drücken sich mir
niagaraverdächtig in die Augen.
Er schluckt, schüttelt unglücklich den
Kopf. Er scheint es selbst nicht zu wissen und starrt auf seine
braunen Riccardo-Cartillone-Schuhe. Ich habe sie ihm zu unserem
Siebenjährigen geschenkt.
„Ich habe einfach … den richtigen
Zeitpunkt verpasst. Kennst du das nicht?“
Doch. Kenne ich. Bei meinen Haaren.
Wenn sie strähnig ins Gesicht fallen. Und Otto, mein Friseur,
gerade nach Malle abgereist ist.
Tobias hält mir bittend die Autotür
auf. Wieder fällt mir eine Haarsträhne ins Gesicht. Ich lasse sie
hängen.
Ich bin keine Frau, die
zusammenbricht. Ich verbiege mich nur manchmal zu
sehr.
Ich befehle Tobias, mich zu Jacky zu
fahren. Sonst wüsste ich
nicht, wohin mit mir.