- Beyer Anja Saskia
- Himbeersommer
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***
Ich wage es nicht, die Packung zu
öffnen, starre erst die verstaubte Lampe über mir und dann mein
aschfahles Gesicht im Spiegel an. Und ich sehe nur Falten! Eine
neue, tiefe Furche an meiner Stirn scheint über Nacht hinzugekommen
zu sein, mindestens eine, wenn nicht zwei. Meine Lippen sind
trocken, spröde, verlieren Kontur. Endlich weiß ich, wieso es
Lippenkonturenstifte gibt, für die Frau ab 39!
Das arme Kind, falls es jemals ein
Kind von mir auf dieser Welt geben wird. „Ist das deine Oma?“, wird
es im Kindergarten sicher gefragt. „Nein, äh … meine … äh …
Mama.“
Mir ist übel, und der Test bestätigt
es. Ein Smiley lacht mir höhnisch entgegen. Schwanger, schwanger,
schwanger!
Daniel und ich haben nach unserem
ersten Mal, das zum Glück gut gegangen ist, mit der
Temperaturmethode verhütet. Aber wie man ja eigentlich als
einigermaßen gebildete Frau weiß, aber gerne verdrängt, ist das die
sicherste Methode, schwanger zu werden. Verhütung für Frauen, die
sich insgeheim ein Kind wünschen, das dem Partner gegenüber – und
sich selbst vielleicht auch nicht - nie offen sagen
würden.
Ich bin am Boden zerstört. Keine
Freude. Nur eine große Leere und viele Tränen, die eine nach der
anderen den grünen Badteppich beträufeln. Grün war die
Hoffnung.
Ich rufe sofort Magda an. Jacky fällt
aus, denn Gregor hat Windpocken und schreit noch mehr als sonst.
Hinzu kommt, dass Jacky die Sache mit Daniel sowieso nicht
verstehen kann - oder will.
„Daniel sagst du es erst einmal
nicht“, versucht Magda mich zu beruhigen, während ich auf ihrem
lila Sessel sitze und meine Handknöchel malträtiere. Sie kocht mir
einen Fenchel-Tee, sieht mich immer wieder besorgt an. „Fenchel-Tee
regt die Milchproduktion an, sorry, vielleicht noch etwas zu
früh.“
„Ich habe einen Magen-Darm-Virus,“
wimmele ich Daniel und unser nächstes Treffen per Handy ab. Nicht
ahnend, dass das kein Grund für Daniel ist, mich nicht zu sehen.
Magda und ich reden viel und wirr. Da
klingelt es und Ruby, deren Hort heute geschlossen hat, wird in
unsere Überlegungen notgedrungen mit einbezogen.
„Voll krass, von einem zwölf Jahre
Jüngeren! Cool.“ Ruby ist hin und weg. Wenigstens eine, die das richtig gut findet.
„Abtreibung kommt aber wohl nicht in
Frage?“, will Magda vorsichtig wissen.
„Natürlich nicht! Wir versuchen seit
zwei Jahren schwanger zu werden!“
Wir? Ein
„Wir“ existiert nicht mehr. Oder doch? Und ich weiß nicht warum, ob
es die Hormone, der natürliche Nestbautrieb oder sonst was ist -
mir ist schlagartig klar, dass Tobias mein Mann ist und bleiben
soll.
„Ich werde ihm sagen, dass ich die
Spritzenmethode probiert habe und dass es sofort geklappt hat. Er
wird zwar sauer sein, dass ich ihn nicht eingeweiht habe, wer der
Spender ist, aber das kann ich nicht ändern.“ Ich sehe die beiden
mit großen Fragezeichen in den Augen an, nippe an meinem Stilltee
und bilde mir ein, die Milch in meine Brüste einschießen zu
spüren.
„Ja, klingt vernünftig“, stimmt Magda
zu.
„Vernünftig schon, aber große Liebe
ist was anderes“, meint Ruby enttäuscht.
Ich zeige ihr ein Foto von Daniel in
meinem Handy und sie findet ihn total
süß.
„Wenn du den nicht willst, nehm ich
ihn. Ich steh auf ältere Männer“, grinst sie und nimmt die
zerfledderte, erogene Zonen-„Petra“ zur Hand.
Trotz Übelkeit versuche ich, mich
tapfer auf meinen Job zu konzentrieren. Zu viel steht auf dem
Spiel. Ich habe einen Termin mit Ingo Baltimore. – Und sage ihn ab.
Das hätte ich mich vor ein paar Wochen noch nicht
getraut!
Baltimore tobt. „Was sich diese
unfähige Architektin einbildet“, regt er sich auf. Ich höre es bis
in Magdas Küche, denn er steht gerade auf seinem Autostellplatz.
Direkt neben dem Piratenschiff.
Es wird schwierig werden, die
PS-gesteuerten Bauherren von unserem neuen Kunst-Konzept zu
überzeugen.
Es war Daniels Idee, und ich hasse ihn
dafür. Denn jetzt muss ich sogar im Job immer an ihn
denken!
Daniel ruft an, will vorbeikommen, mit
Salzstangen und Bananen.
„Tobias ist doch eh in der Kanzlei.“,
sagt er und ich höre bereits seinen Vespa-Schlüssel
klappern.
„Nein! Er arbeitet heute hier“, lüge
ich notgedrungen. Ich zittere und willige in ein Treffen ein. „In
der Mittagszeit, in unserem Park. Mir geht es schon etwas besser,
ich bin bei der Arbeit, auf der Baustelle, ich muss
aufhören.“
Magda lächelt mich aufmunternd
an.
„Ich muss es ganz schnell hinter mich
bringen“, sage ich und weiß, dass es richtig ist.
„Was?“, Magda kann mir nicht ganz
folgen.
„Ich muss Schluss machen. Auch wenn
ich nicht weiß, wie das geht.“
Denn tatsächlich haben vor Tobias alle
Männer mit mir Schluss
gemacht.