- Beyer Anja Saskia
- Himbeersommer
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„Da ist ja einiges schief gelaufen“,
resümiert der 29-jährige Kollege, der frisch von der Uni kommt und
in unserem Architekturbüro zu einem miesen Gehalt lange schuften
darf.
Wir stehen gerade neben dem
Betonmischer, und am liebsten würde ich ihm ins Gesicht springen,
mich an seiner langen Nase festhalten und sagen: Mach es besser,
Bürschchen. Auf so einer komplizierten Baustelle kann nun mal jeden
Tag einiges schief gehen. Dafür finde ich meinen Fehlerschnitt gar
nicht so übel. Ich war schon in der Schule keine Einser-Frau und
bin es bis heute nicht. Guck mich doch an. Dafür bin ich jede Wette
besser bezahlt als du, weil ich ungefähr 100 Berufsjahre mehr auf
dem Buckel habe. Um ehrlich zu sein nur, weil mein Großonkel meinen
Chef aus dem Tennisverein kennt.
Sagen tu ich nur: „Findest
du?“
Das bin doch wieder mal typisch ich.
Er guckt mir mitleidig auf meinen Bauch und sagt lapidar dahin: „Du
bist ja auch schwanger, ist ja auch kein Wunder.“
Genauso gut hätte er sagen können: „Du
bist ja auch eine Frau. Ist ja auch kein Wunder.“
Jetzt fahre ich aber doch meine
Krallen aus und höre mich sagen: „Wenn du willst, kann ich dir
gerne noch das eine oder andere abnehmen. Um ein paar Sachen
auszubügeln. So dass es keiner im Büro mitkriegt natürlich. Wegen
der Versicherung.“ Waren das meine Krallen?!
Herr, schmeiß Hirn herunter! Habe ich
da gerade angeboten, gratis und hochschwanger für ihn weiter zu
schuften, damit er die Lorbeeren
einheimsen kann?!
Zum Glück ist er ein ehrgeiziger
Zeitgenosse und meint, wie so viele Männer, alles selbst am besten
zu können. Tobias zum Beispiel denkt sogar, die Spülmaschine besser
einräumen zu können. Ich lasse ihn gerne in dem Glauben und stelle
mich extra blöd an.
„Nee, nee, lass mal. Sonst bringst du
noch mehr durcheinander“, sagt der junge Kollege in diesem
überheblichen Ton, den nur Männer, die frisch von der Uni kommen,
haben können.
Wieder rettet mir meine eine
Yogastunde im Leben selbiges, indem ich mich aufs ruhige Atmen
konzentriere.
Dann lächle ich ihn bemüht
an.
„Aber eines mache ich noch. Das ist
mir sehr wichtig. Ich hake noch mal bei der Künstlerin nach, die
die Kunstobjekte für den Spielplatz entwerfen soll. Ich habe eine
sehr gute ausfindig gemacht, die Interesse hat. Trotz des geringen
Budgets.“
„Kunstobjekte für den Spielplatz?“,
sagt er in einem Ton, als habe er gerade Dünnpfiff und es gäbe
keine Toilette weit und breit. Er zuckt nur mit den
schweißdurchtränkten Achseln und macht sich auf zu meiner
Baubesprechung, die immer ich geleitet habe.
Abgeben fällt mir nicht gerade leicht.
Ich konnte noch nie auch nur ein winziges Stück einer
Schokoladentafel abgeben, obwohl ich kein verzogenes Einzelkind
bin. Aber meine Schwester hat mir nun mal nichts gegönnt. Nicht
einmal meinen ersten Freund, obwohl dieser etwas moppelig und lahm
wie eine Ente war.
Ich betrachte meine halbfertige
Himbeersiedlung und mir wird bewusst, wie gerne ich diese Arbeit
gemacht habe. Aber jetzt ruft ein anderer Job. Ich streichle über
meinen Bauch und plötzlich steht Daniel neben mir.
„Da bist du ja“, er klingt ziemlich
außer Atem.
Ich weiche einen Schritt zurück, aber
der Betonmischer bohrt sich mir in den Rücken und lässt eine Flucht
einfach nicht zu.
Daniel zieht eine kleine Stoffente aus
seiner Jackentasche. Die Ente sieht aus wie das Kleine der
Entenmama im Friedrichshain.
„Hier, für unser Baby. Weißt du denn
inzwischen, ob es ein Mädchen oder ein Junge wird?“
„Nein“, antworte ich bemüht kühl,
meine innere Hitzewallung verzweifelt unterdrückend. „Ich will es
nicht wissen. Und ich will, dass du uns einfach nur in Ruhe
lässt.“
Er sieht mich an, mit einer
Leidenschaft und Inbrunst wie Brad Pitt seine Angelina in Mr. und
Mrs. Smith und drückt mir das weiche, flauschige Entenküken in die
Hand, nur um meine Finger schier endlose Sekunden zu berühren. Ich
entziehe sie ihm schnell, aber, mag es hormonell bedingt sein oder
nicht, der Flaum des Kükens hat meine Sinne berührt.
„Geh bitte“, sage ich harsch, so
harsch, wie es mir nur gelingt.
Der junge Kollege mit der langen Nase
ist inzwischen am Baucontainer angelangt, dreht sich zu uns um und
schaut etwas pikiert.
Peinlichkeit hat keine Grenzen, denke
ich nur, und schiebe Daniel, der wieder einen Schritt auf mich
zugegangen ist, von mir.
„Lass es, ich möchte das nicht!“, sage
ich wie zu einem Kind und nun ziemlich laut. Ein paar Bauarbeiter
sehen nun auch herüber.
„Nora, bitte, das ist doch Wahnsinn,
du kannst doch nicht mein Kind als Beziehungsretter für dich und
Tobias sehen?! Das klappt nie!“
„Das klappt wohl!“ Ich sehe ihn sauer
an. „Ich meine, das ist doch Unsinn, unsere Beziehung ist völlig in
Ordnung!“
„Und deshalb verliebst du dich in mich
und verbringst mit mir die leidenschaftlichsten Stunden deines
Lebens?!“
Ich hasse ihn. Ich hasse ihn für das,
was er da sagt. Weil ich natürlich nicht ganz sicher weiß, ob er
nicht doch recht hat.
„Geh weg, lass mich in Ruhe, lass mich
einfach in Ruhe!“, brülle ich nun fast, und schon kommen drei
meiner Bauarbeiter angelaufen, mit Schaufeln und Eisenstangen in
den Händen.
„Hast du nicht gehört, Frau will haben
Ruhe!“, herrscht der eine, ein Einmeterneunzig-Schrank mit tollen
Muckis, ihn an.
„Verpiss dich“, sagt Richi, mein
Lieblingselektriker, der mit seiner Faust locker eine Kartoffel
zerdrücken könnte, und hebt die Eisenstange hoch. „Aber
dalli!“
„Was willst du pickeliges Würstchen
denn überhaupt von diesem Klasseweib?!“, setzt Manni, der Polier,
noch eins drauf.
Ich strahle ihn an. Klasseweib hat
noch keiner zu mir gesagt. Wobei es etwas nach Rubensfigur klingt,
wie ich gleich darauf überlege. Findet er mich etwa fett? Zum Glück
habe ich gerade andere Probleme, als das, dass mich mein Polier in
hochschwangerem Zustand fett finden könnte. Denn jetzt heißt es zu
verhindern, dass Daniel gleich stolz verkündet, der Vater meines
Kindes zu sein. Und das, wo doch alle denken, dass dies natürlich
Tobias ist! Mein persönliches Drama in mehreren Akten geht nun
wirklich keinen meiner Bauarbeiter etwas an. Daniel sieht meinen
Blick und versteht.
„Leute, alles okay. Ich tu ihr schon
nichts“, sagt Daniel mit leicht erhobenen Händen. „War nur ein
Missverständnis.“
Manni und Richi erheben noch mal ihre
Waffen, und Daniel tritt, nach einem sehnsüchtigen Blick zu mir,
für einen Moment den Rückzug an.