- Beyer Anja Saskia
- Himbeersommer
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Nicht arbeiten zu dürfen, ist für
viele Frauen eine echte Strafe.
Vermutlich lassen deshalb so viele
Männer einfach ihre stinkigen Socken am Abend neben dem Sofa
liegen?! Sie wollen nicht, dass wir uns unnütz fühlen.
Denn das Gefühl, zu nichts nütze zu
sein, außer als Brutmaschine, ist ziemlich gewöhnungsbedürftig.
Zumindest für die meisten von uns.
Nachdem ich mir noch nicht mal
türkisfarbenen Nagellack auf die Fußnägel lackieren kann, aus
Angst, die fiese Chemie würde in mein Inneres eindringen und das
Kind schädigen, sitze ich wie ein Klops auf dem Sofa und stopfe
gesunde, ziemlich scharfe Radieschen in mich hinein. Und dann
beruhige ich mich mit dem Gedanken, dass ich bei dem Bauchumfang,
den das Ganze inzwischen angenommen hat, auch gar nicht mehr an
meine Fußnägel kommen würde. Endlich verstehe ich, warum Schwangere
immer unter eingewachsenen Fußnägeln leiden. Eine professionelle
Pediküre scheint unabwendbar, wenn man nicht seinen Liebsten darum
bitten möchte. „Du, Schatz, kannst du mir mal bitte mein Hühnerauge
abfeilen?“ Tobias würde das bestimmt tun, aber vor Daniel wäre mir
das hochnotpeinlich. Wieder ein Punkt für Tobias!
Ich fühle mich wie eine auf dem Rücken
liegende Schildkröte. Nicht fähig, irgendetwas zu tun. Die
Staubschicht auf den Regalen wächst proportional zu meinem
Bauchumfang.
Da steht eines Tages plötzlich Tobias`
Mutter Hilde auf der Matte. Wie immer perfekt gestylt.
„Kindchen, hier sieht es ja aus wie
bei Hempels! Du hast doch Zeit. Wieso arrangierst du denn nicht
alles hübsch und adrett?“
Weil ich den ganzen Tag darüber
nachdenke, ob dein Sohn der richtige Mann für den Rest meines
Lebens ist, würde ich am liebsten sagen und fühle mich faul wie
eine schimmelige Tomate.
„Weil ich mich schonen soll“, sage ich
besser, „hat der Arzt gesagt.“
Kleine Notlügen sind bei
Schwiegermüttern in spe erlaubt.
„Schonen?! Um Gottes Willen, Liebchen,
dann leg dich ganz schnell hin. Wenn der Arzt das sagt, dann ist
damit nicht zu spaßen! Du bewegst dich keinen Meter mehr vom Sofa
fort, ich sage meinen Friseurtermin bei Udo ab und bleibe den
ganzen Tag hier, bis Tobias kommt!“
Manche Notlügen sollte man sich
wirklich etwas genauer überlegen. Die gute Hilde den ganzen Tag,
das überlebe ich nicht.
„Nein, nein, er hat nicht ‚liegen’
gesagt. Alles gut, Hilde, dem Baby geht’s gut. Er hat ‚Ruhe’
gesagt, ich brauche ganz viel Ruhe.“ Ich mache eine bedauernde
Geste zur Tür.
Hilde versteht. „Natürlich, Ruhe. Ich
bin schon weg. Und telefonier nicht so viel. Vor allem nicht mit
deiner Katastrophenfreundin, dieser Jacky. Das regt alles viel zu
sehr auf.“
Und weg ist sie. Und es herrscht
wieder Ruhe. Und die verwirrenden Gedanken sind wieder da, die um
mein Problem kreisen, während ich brüte. Zwei Männer und mein
Baby.
Fünf Minuten später klingelt es
wieder. Hat Hilde ihre Hermès-Tasche vergessen oder ist das etwa
Daniel? Während ich überlege, ob ich einfach liegen bleiben soll
wie ein Käfer, da mir beide Alternativen keine zu sein scheinen,
pocht es an die Tür und ich höre Magdas Stimme. Ein Glück. Ich
ächze mich vom Sofa hoch, öffne ihr und falle ihr in die Arme.
Sofern eine Umarmung mit diesem riesigen Höckerbauch überhaupt noch
möglich ist.
„Was ist denn?“, flüstert sie mir ins
Ohr, während ich ihr in die Haare schniefe.
„Daniel. Er war auf der Baustelle, und
er kommt ganz bestimmt bald wieder!“
Sie sieht mich an und streichelt
beruhigend meinen Bauch.
„Und was hat er gesagt?“
„Was wohl? Dass er nie aufgibt,
nie!“
„Aber Nora, das war doch klar. In dir
wachsen seine Gene! Er ist ein Mann!“
Magda, führt mich in meine Wohnung und
sieht sich verdutzt um.
Sie hebt eine Socke vom Boden auf,
legt sie dezent zur Seite.
„Dir geht’s nicht so gut, Honig,
stimmt’s?“
„Ich … nein. Ich fühle mich furchtbar.
Wie gelähmt, kennst du das?“
Sie nickt. „Oh ja. Und Tobias? Hilft
er dir gar nicht im Haushalt?“
„Nein. Er arbeitet gerade so viel.
Ach, du denkst jetzt sicher, dass ich depressiv bin, oder so
was.“
„Unsinn.“ Sie schiebt ein paar
Kleidungsstücke weg, um sich aufs Sofa setzen zu
können.
„Gibt es denn auch eine praenatale Depression?“, frage ich ängstlich und
setze mich neben sie auf eine leere Folsäurepackung.
„Nein. Glaube ich nicht. Also ich
kenne nur die postnatale. Ich tippe mal … aufs Hausfrauensyndrom.“
Magda nimmt lächelnd ein altes Wasserglas und gießt damit meine
Yucca-Palme, die kurz vorm Exitus ist.
„Du bist gerade in einem ziemlichen
Loch. Weil du deine Baustelle nicht mehr hast, weil du eine
komplizierte Männergeschichte zu viel hast und weil das
Kinderzimmer dummerweise schon perfekt eingerichtet ist.“ Sie
lächelt.
„Perfekt ist bei mir leider gar
nichts. Ach doch, meine neueste Krone. Findet zumindest mein
Zahnarzt.“
Wir grinsen uns an, und endlich atme
ich wieder etwas freier.
„Kenn ich. Das Gelähmtsein, das hatte
ich oft. Nach meiner Abiprüfung, nach dem Magister, und nach der
Trennung von meinem Mann … Aber ich bin jedes Mal herausgekrochen
aus diesem Krater. Und habe mich jedes Mal ein bisschen stärker
gefühlt. Es geht, Honig, wenn man nur will.“
Wir reden eine ganze Stunde, und
danach fühle ich mich deutlich wohler in meiner stark gespannten
Haut.
Diese positive Veränderung merkt
Tobias am Abend auch und bezieht sie sofort auf sich.
„Du hast ihn getroffen, stimmt’s?“,
fragt er in einem unheilvollen Ton, als hätte ich den Fernseher
kurz vor der WM mit Wasser begossen (wie ich es vor zwei Jahren aus
Versehen gemacht habe, als ich eine Lilie darauf gießen wollte).
Ich schüttle den Kopf.
„Nein. Ja …, aber nicht freiwillig. Er
war einfach da, auf der Baustelle.“
„Er wird immer da sein, Nora,
immer.“
Tobias steht auf, schnappt seine
Joggingschuhe, geht joggen. Es ist spät und dunkel und draußen
bläst ein kalter, eisiger Wind.
Vermutlich ist Tobias nur noch aus
Mitleid-mit-werdenden-Müttern mit mir zusammen und wird, sobald das
Kind da ist, für immer davonlaufen. Ganz weit weg. Egal wie kalt es
ist. Wie es mein Vater gemacht hat, bis nach Mexiko. Da ist es
wenigstens schön warm.