- Beyer Anja Saskia
- Himbeersommer
- CR!Z59RA6ZCW910H1M4DF0WBY2Q2K8E_split_034.html
***
Ich steche mit meiner Gabel eine
kleine Tomate ab. Jacky sitzt mir bei unserem Mittwochslunch
gegenüber und sieht mich mitleidig an.
„Und ich frage mich die ganze Zeit,
wie dieses riesige Kind jemals da unten herauskommen soll!?“ Ich
fasse auf meinen Bauch und bin blass.
„Das ist ein echter Alptraum, ich
weiß. Ich hatte ja echt Glück und einen
Not-Kaiserschnitt.“
Schlagartig ist mir klar, dass das die
rettende Lösung ist, und ich überlege fieberhaft, ob meine
auserkorene Klinik, das Westend, auch wirklich darauf spezialisiert
ist.
„Aber das ist wirklich keine super
Lösung“, verpasst mir Jacky gleich einen Dämpfer.
„Wieso denn nicht? Reißverschluss auf,
Kind raus, Reißverschluss wieder zu und das Ganze völlig ohne
Schmerzen, da unter Narkose!?“
„Ein Kaiserschnitt ist erstens nicht
gut fürs Kind, wegen der Lungenatmung oder so, frag mich nicht, und
zweitens ein neverending Horror für dich. Statt ein paar Stunden
hast du mindestens eine ganze Woche die fiesesten Schmerzen und
musst sogar in die Bettpfanne pieseln. So war’s bei mir
zumindest.“
Ich sehe Jacky schockiert an und zupfe
an meinen Stützstrümpfen.
„Also gut. Dann brauche ich aber auf
jeden Fall eine PDA.“ Ganz egal, was in diesem säuselnden
Hebammenbuch steht, das alle Frauen dazu bringen will, im Zeitalter
von Waschmaschinen auf eine PDA zu verzichten. Schließlich wäscht
man heutzutage ja auch nicht mehr von Hand im eisigen Fluss,
sondern benutzt eine wunderbare, technische Errungenschaft, die
Waschmaschine. Moderne gebärende Frauen müssen keine Schmerzen mehr
erleiden. Einmal im Monat Regelschmerzen und ab und zu auch noch
Eisprungschmerzen, das reicht ja wohl völlig!
Wir verschlingen noch schnell unseren
Rucola mit Putenbrust, und ich fühle mich irgendwie elend, strecke
die Flügel und will ganz schnell nach Hause.
Dort angekommen erwartet mich, neben
meinem chaotischen Haushalt und meinem mir auf Schritt und Tritt
folgenden schlechten Gewissen, weil ich die fertige Spülmaschine
immer noch nicht ausgeräumt habe, ein Brief von Daniel! Oder sagen
wir besser, ein Zettel, den er unter der Haustür durchgeschoben
hat. Mit einer sehr schönen, geschwungenen Handschrift darauf. Im
Schönschreiben wird unser Kind also mal keine Probleme bekommen. Im
Rechnen allerdings schon, wenn es nach mir kommt. Meine
Grundschullehrerin ist wirklich an mir verzweifelt. Dass ich jemals
Architektur studieren würde, hätte ich selbst im Leben nicht
gedacht. Ich glaube, es war eher eine Rebellions-Entscheidung, da
meine Mutter wollte, dass ich African-Tänzerin werde oder
Töpferkurse gebe.
„Schau bitte im Garten nach. In Liebe
Daniel“, steht da auf diesem Zettel und ich gehe mit wankenden
Knien, als hätte ich gerade fünf Gläser Eierlikör von meiner Oma
auf Ex getrunken, zum Küchenfenster und sehe in unseren
Garten.
Der Frühling bemüht sich redlich, die
Knospen sprießen zu lassen, doch bisher sind es nur die Blätter der
Johannisbeerbüsche, die tapfer Form annehmen.
Ich starre mutig hinaus, als erwartete
ich eine Explosion. Oder wenigstens ein Mini-Weltwunder. Und da
sehe ich eines: Eine Amsel baut ihr Nest. Und ich fasse intuitiv
auf meinen Bauch, als ich die Überraschung von Daniel erblicke.
Mein Magen zieht sich zusammen und wird so klein wie ein
Jojo.
Auf unserem Rollrasen, der noch nicht
richtig angewachsen ist, steht … ein wunderschöner, Kinderwagen aus
den 50ern. Eines dieser Prunkstücke, mit denen Mütter, die einen
richtig guten Geschmack haben, im Prenzlauer Berg herumschieben.
Drumherum ist eine gelbe Schleife gebunden und darin sehe ich, wenn
ich meine Augen etwas zusammenkneife, ein ebenso niedliches
Enten-Stoffbaby wie das, das Daniel mir bereits geschenkt
hat.
Mein Herz steht still und ich spüre
die Explosion in meinem Körper.
Dann drehe ich meinen Kopf und sehe
die Nachbarin aus Haus 18, die für die Gerüchteküche in unserer
Siedlung zuständig ist, neugierig in unseren Garten
glotzen.
Schnell wie eine Schildkröte mit
eingebautem Motor rase ich los in den Garten und schiebe das Ding
aus ihrer Sichtweite. Ich schiebe es zu Magda auf die Terrasse und
klingle Sturm.
„Ich darf keinem Fremden aufmachen!“,
ruft mir Ruby durch die Tür entgegen.
„Sind deine Mamas nicht da?“, rufe ich
zurück. „Hier ist Nora.“
„Ach so, nee, soll ich was
ausrichten?“ Ruby scheint mich in die Kategorie „noch fremd genug,
um nicht die Tür zu öffnen“ zu stecken, und ich sehe das
ein.
„Nein, schon okay, nur viele Grüße.
Und keine Sorge, die Wehen haben noch nicht
eingesetzt.“
Ich entferne die Schleife und schiebe
den hübschen Kinderwagen eilig zur S-Bahn. Eine ältere Frau beugt
sich an der Haltestelle darüber und will sich das entzückende Baby
anschauen. Als sie das Entenbaby sieht, macht sie einen Satz
zurück. Ihrer Miene ist zu entnehmen: Hier scheint irgendetwas
gewaltig schiefzulaufen. Das sehe ich genauso.
Ich zerre den Kinderwagen die Treppen
zu Jacky hinauf, merke erst jetzt. wie schwer das antiquierte Teil
ist und verfluche Daniel und den fehlenden Aufzug.
Angelockt von dem Lärm kommt die alte
Frau Piske aus ihrer Wohnung.
„Hallo, Frau Piske, brauchen Sie einen Kinderwagen? Vielleicht als
Körbchen für Ihren Dackel?“
Frau Piske schüttelt nur grimmig den
Kopf und knallt die Tür wieder zu.
Die eine Tür ist zu, die andere geht
auf. So ist das im Leben. Jacky sieht mich und das Trumm
entgeistert an.
„Bist du jetzt völlig durchgeknallt?!
Das kommt mir nicht in die Bude. Das ist doch bestimmt von Daniel!
Tobias kauft gerade den Boogaboo. Mit
Extra-Ausstattung.“
Ich starre sie fassungslos an. Die
Auswahl eines Kinderwagens ist für einen Mann wie die Entscheidung,
einen Porsche oder einen Fiat Punto zu kaufen. Nur in dem Fall ist
der Porsche endlich mal erschwinglich. Die alles entscheidende
Frage ist also nicht: Liegt mein Kind darin weich und orthopädisch
richtig, sondern: Ist der Wagen geländegängig und kurventauglich,
und werden mich meine Anwaltskollegen darum beneiden?!
„Woher weißt du das?“
„Weil ich gerade mit ihm telefoniert
habe. Er hat mich nach meiner fachfraulichen Mutti-Meinung gefragt
und ich habe ihn darin bestärkt. Diese hippen Boogaboo-Teile sind
zwar scheißteuer, aber Tobias will nur das Beste für euer Kind und
was Trendiges für dich.“
Beschämt sehe ich sie an. Und sehne
mich nach Tobias.
Während er sich entzückende Gedanken
um mich und das Baby macht, überlege ich, wie ich das Geschenk
meiner Affäre beseitigen kann! Bin ich eigentlich noch zu
retten?!
Jacky hat folgende Vorschläge: den
Kinderwagen von Daniel a) auf der nächsten Müllkippe zu entsorgen,
ihn b) bei eBay zu versteigern und von dem Geld eine
Ganzkörpermassage von einem durchtrainierten Masseur machen zu
lassen, oder c) ihn bei ihr im Keller zu deponieren und dort mit
Spinnweben überwuchern und verrotten zu lassen, falls Jacky doch
noch ihren Traummann findet und ein weiteres Baby mit ihm bekommen
will. Wir zerren ihn also gemeinsam die Treppe runter, begleitet
von lautem Gebell, das aus Frau Piskes Wohnung kommt.
Jacky flucht, was das Zeug hält. „Du
hast Tobias überhaupt nicht verdient. Immer kriegen die andern die
tollen Männer ab!“
„Du kriegst auch noch einen prima
Mann“, predige ich das, was ich seit zehn Jahren
predige.
„Du hast aber zwei, und ich versteh
einfach nicht, wie du Tobias so verarschen kannst!“
„Ich auch nicht. Ich meine, du weißt
doch ganz genau, dass das überhaupt nicht meine Art ist, aber
…“
„Nichts aber, da gibt’s nichts zu
beschönigen, Nora. Du hast es getan, du bist von dem Jungschen
schwanger und hörst nicht auf, Tobias zu hintergehen. Allein mit
dem Teil da!“ Sie zeigt auf den Kinderwagen, den wir jetzt endlich
in den Keller gewuchtet haben, die Ente liegt schief.
Ich sehe das Teil an, und meine Stimme
wird leise und mein schlechtes Gewissen laut. „Ich kann doch nichts
dafür, dass er mir das geschenkt hat?!“
„Du hättest es ja direkt in den
nächsten Baucontainer kippen können. Aber nein, es ist dir ja doch
irgendwie superheilig!“
Sie gibt dem Teil einen Schubs in ihr
Kellerabteil, macht die alte knarzende Tür mit Schwung zu und
schließt lautstark ab.
„Danke“, sage ich leise und fühle mich
begossen wie ein Pudel. Das Gebell aus dem Treppenhaus ist bis hier
unten zu hören. Ich halte mir die Ohren zu und will nur noch weg.
Wenn einen die beste Freundin nicht mehr versteht, ist es Zeit,
sehr sehr lange und intensiv über sein Leben
nachzudenken.
Und das können Frauen am besten - mit
anderen Frauen.
Magda ist jetzt zum Glück wieder da
und hört mir, einen Schwangerschafts-Tee kochend, zu, und auch Ines
findet es „echt schwach“ von Jacky.
„Mein Gott, es ist jetzt wie es ist.
Sieh dir die Kugel doch mal an. Als gute Freundin muss sie zu dir
halten!“, sagt Magda und bringt mir eine Tasse Tee.
„Tut sie ja auch, irgendwie“,
verteidige ich unsere Freundschaft, die schon so viele irrwitzige
Männergeschichten überstanden hat. „Aber sie ist nun mal Tobias-Fan
und himmelt ihn an. Er ist ja auch großartig.“
Trübsinnig starre ich in die Tasse und
dann auf meinen riesigen Bauch.
„Machst du auch schön
Heublumensitzbäder, Nora?“, reißt mich Ines aus meinen
Gedanken.
„Äh, was?! Nein. Ich will ja gar
nicht, dass das Kind da jemals rauskommt“, lächle ich schwach und
frustriert.
„Naja, verstehe schon, aber wat mut,
dat mut. Und der Muttermund sollte sich weiten, sonst tut es bei
der Geburt ja noch mehr weh.“ Ines bekommt von Magda einen strengen
Blick zugeworfen.
„Hör doch auf, Nora hat schon genug
Panik, das geht auch ohne Heublumen“, lächelt sie mich an und
streckt mir eine Karotte hin. „Hier, damit es tolle Adleraugen
kriegt. So wie du.“
Wenn sie wüsste! „Ich bin fast 40 und
schwanger und brauche eine Lesebrille!“, entfährt es mir, und mir
wird klar, dass das wirklich das geringste meiner Probleme
ist.
„Du immer mit deinen Karotten“, faucht
Ines Magda an, „das ist ja wirklich peinlich.“ Sie nimmt ihre
Tasche und geht.
Magda setzt sich frustriert mit ihrem
Tee zu mir. „So geht das schon seit Wochen. Wegen der kleinsten
Lappalie macht sie mich an und fährt aus der Haut. Manchmal glaube
ich, sie hat eine andere.“
„Oder PMS“, lächle ich Magda an.
„Sorry, aber eine andere kann ich mir nicht vorstellen. Bei euch
ist doch alles in Ordnung, ich meine, sieht zumindest nach außen so
aus.“
„Komm, lass uns shoppen gehen. Das
beruhigt.“ Magda steht nervös auf.
„Super Idee, meine
Schwangerschaftsklamotten sind alle total ausgeleiert und
verwaschen. Lohnt sich zwar eigentlich nicht mehr wirklich, meine
Tage sind ja gezählt, aber egal.“
„Eben, egal. Auch als Hochschwangere
musst du immer heiß und begehrenswert sein und Schuhe gehen immer.
Aber denk dran, eine Nummer größer.“ Magda hat zum Glück ihre gute
Laune wieder.
„Aber wir gehen nicht zur
Friedrichstraße, weil … die Läden dort, die hab ich alle schon
durch!“
Ich will weder Tobias noch Daniel in
die Arme laufen, stehe schnell auf und hake mich bei meiner neuen
zweitbesten Freundin unter. Schuhläden wir kommen! Schuhe gehen
immer!