- Beyer Anja Saskia
- Himbeersommer
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***
Seine Wohnung über dem Bistro wird
unser Nest.
Wir haben viel Sex, liegen aber auch
stundenlang Arm in Arm und erzählen über uns und unser Leben. Lange
nicht habe ich mich so jung und schön gefühlt.
Doch mein schlechtes Gewissen holt
mich immer wieder ein. Ich bin nicht der Typ, der so etwas kann.
Mit zwei Männern zusammen sein, ganz ohne Skrupel. Es muss endlich
eine Lösung her.
Und mein Herz sagt ganz klar: „Ich
weiß es nicht.“
Jacky, die ich jetzt endlich wieder zu
unserem Mittwochslunch treffe, sagt es mir schonungslos ins
Gesicht.
„Nora, das ist unterste Schublade, was
du da abziehst. Du wolltest ein Kind mit Tobias und vögelst jetzt
mit dem Samenspender rum.“
„Wir vögeln nicht rum, wir sind uns so
nahe.“
„Verliebt. Allerunterste Schublade.
Tobias ist so ein toller Typ, du machst jetzt sofort Schluss mit
diesem Teenieverschnitt, kapiert? Ach, hab ich dir gesagt, dass
dieser Werner wieder angerufen hat?“
Ich sehe sie fassungslos an. Und mir
bleibt ein Blatt Rucola mitsamt Soja-Sprosse im Mundwinkel
stecken.
„Werner?“
„Ja, der ist ja so süß. Er will sich
mit mir treffen. Mit
Gregor!“
„Herzlichen Glückwunsch“, bringe ich
über die Lippen und denke an mein Kind und dass ich mich
entscheiden muss.
Ich drücke mich weiter um eine
Entscheidung. Mein altes
Schnitzel-oder-nehm-ich-doch-den-Salat-mit-Hühnchenbrust-Problem.
Die letzten Jahre hat Tobias in Restaurants für mich bestellt, um
den Ober nicht in die völlige Verzweiflung zu treiben. Doch jetzt
muss ich erwachsen werden.
Daniel mit Kind oder Tobias ohne. Oder
Tobias mit?
Daniel will ein Kind von mir, oder
zwei oder drei, und malt sich unsere Zukunft sehr bunt und
aufregend aus. Sein Bistro läuft recht gut und er versucht mich
immer wieder zu überreden, mich für unsere einzigartige Liebe zu
entscheiden.
Da erwischt uns Magda knutschend im
Volkspark im Friedrichshain. Es ist mir unendlich peinlich, ich
will mich erklären. Doch Magda zwinkert mir lächelnd zu und
geht.
„Magda, warte, es ist nicht so wie du
denkst!“
Oh Gott, ich habe ihn gesagt, den so
ziemlich dämlichsten Satz in der Filmgeschichte.
Magda ist weg, aber meine trüben
Gedanken bleiben. Ich muss jetzt allein sein und schicke Daniel
weg.
Zu Hause passe ich Magda bei ihren
Tomaten ab.
„Du, das vorhin im Park …“, stottere
ich los.
Doch Magda will nichts
hören.
„Du musst mir doch nichts erklären,
Nora“, lächelt sie mich an.
„Will ich aber, weil … ich deinen Rat
brauche. Meine Freundin Jacky, die findet das alles so unterirdisch
von mir … Und ich ja auch.“
Magda sieht mich lieb an und wir
setzen uns auf die Stufen ihrer Veranda.
Nachdem ich ihr alles erzählt habe,
erzählt sie mir, wie sie früher von einem Mann wegen einer Jüngeren
verlassen wurde. „Anfangs konnte ich es nicht fassen, aber dann
wurde mir nach und nach klar, dass in unserer Beziehung so einiges
nicht mehr in Ordnung war.“
„Welche Beziehung ist schon perfekt“,
verteidige ich das, was ich mit Tobias habe. Denn es ist annähernd
perfekt.
Magda fährt fort. „Und heute bin ich
dieser Frau sehr dankbar. Denn mit Ines ist alles viel
unbeschwerter, leichter. Ich kann dir nichts raten, Nora,
wirklich.“
„Und wie findest du den
Altersunterschied?“, will ich leise wissen.
„Den finde ich nicht schlimm“, sagt
sie und fügt lächelnd hinzu: „Der Trend geht zum jüngeren
Mann.“
„Ich weiß, das Alter ist auch wirklich
nicht unbedingt mein Problem. Eher das da.“ Ich zeige auf mein
Herz.
Magda nickt. „Versteh ich. Erinnerst
du dich, wir haben dir doch erzählt, dass sich Ines auch mal in
eine andere verguckt hat.“
„Ja, und dass du nicht nachtragend
warst“
„Und wir seitdem wissen, was wir
aneinander haben.“
„Und dass ihr froh seid, dass ihr euch
nicht getrennt habt, nach all den
Jahren, wegen dieser Jüngeren.“
Magda nickt lächelnd.
Und ich bin ihr unendlich
dankbar.
Und wie immer, wenn ich kurz davor
bin, mich endlich zu entscheiden - wird für mich
entschieden.