***

 

Seine Wohnung über dem Bistro wird unser Nest.
Wir haben viel Sex, liegen aber auch stundenlang Arm in Arm und erzählen über uns und unser Leben. Lange nicht habe ich mich so jung und schön gefühlt.
Doch mein schlechtes Gewissen holt mich immer wieder ein. Ich bin nicht der Typ, der so etwas kann. Mit zwei Männern zusammen sein, ganz ohne Skrupel. Es muss endlich eine Lösung her.
Und mein Herz sagt ganz klar: „Ich weiß es nicht.“

 

Jacky, die ich jetzt endlich wieder zu unserem Mittwochslunch treffe, sagt es mir schonungslos ins Gesicht.
„Nora, das ist unterste Schublade, was du da abziehst. Du wolltest ein Kind mit Tobias und vögelst jetzt mit dem Samenspender rum.“
„Wir vögeln nicht rum, wir sind uns so nahe.“
„Verliebt. Allerunterste Schublade. Tobias ist so ein toller Typ, du machst jetzt sofort Schluss mit diesem Teenieverschnitt, kapiert? Ach, hab ich dir gesagt, dass dieser Werner wieder angerufen hat?“
Ich sehe sie fassungslos an. Und mir bleibt ein Blatt Rucola mitsamt Soja-Sprosse im Mundwinkel stecken.
„Werner?“
„Ja, der ist ja so süß. Er will sich mit mir treffen. Mit Gregor!“
„Herzlichen Glückwunsch“, bringe ich über die Lippen und denke an mein Kind und dass ich mich entscheiden muss.
Ich drücke mich weiter um eine Entscheidung. Mein altes Schnitzel-oder-nehm-ich-doch-den-Salat-mit-Hühnchenbrust-Problem. Die letzten Jahre hat Tobias in Restaurants für mich bestellt, um den Ober nicht in die völlige Verzweiflung zu treiben. Doch jetzt muss ich erwachsen werden.
Daniel mit Kind oder Tobias ohne. Oder Tobias mit?
Daniel will ein Kind von mir, oder zwei oder drei, und malt sich unsere Zukunft sehr bunt und aufregend aus. Sein Bistro läuft recht gut und er versucht mich immer wieder zu überreden, mich für unsere einzigartige Liebe zu entscheiden.

 

Da erwischt uns Magda knutschend im Volkspark im Friedrichshain. Es ist mir unendlich peinlich, ich will mich erklären. Doch Magda zwinkert mir lächelnd zu und geht.
„Magda, warte, es ist nicht so wie du denkst!“
Oh Gott, ich habe ihn gesagt, den so ziemlich dämlichsten Satz in der Filmgeschichte.
Magda ist weg, aber meine trüben Gedanken bleiben. Ich muss jetzt allein sein und schicke Daniel weg.

 

Zu Hause passe ich Magda bei ihren Tomaten ab.
„Du, das vorhin im Park …“, stottere ich los.
Doch Magda will nichts hören.
„Du musst mir doch nichts erklären, Nora“, lächelt sie mich an.
„Will ich aber, weil … ich deinen Rat brauche. Meine Freundin Jacky, die findet das alles so unterirdisch von mir … Und ich ja auch.“
Magda sieht mich lieb an und wir setzen uns auf die Stufen ihrer Veranda.
Nachdem ich ihr alles erzählt habe, erzählt sie mir, wie sie früher von einem Mann wegen einer Jüngeren verlassen wurde. „Anfangs konnte ich es nicht fassen, aber dann wurde mir nach und nach klar, dass in unserer Beziehung so einiges nicht mehr in Ordnung war.“
„Welche Beziehung ist schon perfekt“, verteidige ich das, was ich mit Tobias habe. Denn es ist annähernd perfekt.
Magda fährt fort. „Und heute bin ich dieser Frau sehr dankbar. Denn mit Ines ist alles viel unbeschwerter, leichter. Ich kann dir nichts raten, Nora, wirklich.“
„Und wie findest du den Altersunterschied?“, will ich leise wissen.
„Den finde ich nicht schlimm“, sagt sie und fügt lächelnd hinzu: „Der Trend geht zum jüngeren Mann.“
„Ich weiß, das Alter ist auch wirklich nicht unbedingt mein Problem. Eher das da.“ Ich zeige auf mein Herz.
Magda nickt. „Versteh ich. Erinnerst du dich, wir haben dir doch erzählt, dass sich Ines auch mal in eine andere verguckt hat.“
„Ja, und dass du nicht nachtragend warst“
„Und wir seitdem wissen, was wir aneinander haben.“
„Und dass ihr froh seid, dass ihr euch nicht getrennt habt, nach all den Jahren, wegen dieser Jüngeren.“
Magda nickt lächelnd.
Und ich bin ihr unendlich dankbar.
Und wie immer, wenn ich kurz davor bin, mich endlich zu entscheiden - wird für mich entschieden.

 

Himbeersommer
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