- Beyer Anja Saskia
- Himbeersommer
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***
Die Entenmama ist nicht zu sehen. Die
Wasserrosen verblüht.
Daniel weiß, dass etwas passiert sein
muss. Sein Gesicht spricht Bände. Und meines auch. Wir sehen uns
lange wortlos an. Ich nicke nur, während eine Elster dicht neben
uns auf der Wiese landet, im Gras herumpickt und einen Wurm
herauszieht. Im Park spielen Kinder Fußball. Ein kleiner Junge auf
seinem Dreirad düst haarscharf an uns vorbei.
Es ist wie eine stumme Szene in einem
dramatischen Liebesfilm. Nur fehlt die aufwühlende
Musik.
„Wir lieben uns, Nora“, sagt er und
nimmt meine Hand. Ich entziehe sie ihm und sehe ihn traurig
an.
„WARUM?“
„Ich weiß es nicht“, sage ich, und
drehe mein Gesicht weg. „Ich weiß einfach nicht, ob ich dich noch
in einem Monat lieben kann. Ich weiß nicht, ob meine Gefühle für
dich tief genug sind. Wir kennen uns doch kaum.“
„Aber ich weiß es. Gib mir zwei
Monate, Nora, drei, vier, viele …! Du bist eine sinnliche,
gefühlvolle Frau. Tobias passt nicht zu dir. Es gibt für Verliebte
kein Zurück.“
Sauer sehe ich ihn an. „Natürlich habe
ich eine Wahl!“
Er merkt, dass er diesmal genau das
Falsche gesagt hat.
„Das mit Tobias, das hat seine Höhen
und Tiefen, wie jede andere Beziehung auch. Bildest du dir ein, bei
uns wäre das nach sieben Jahren anders?“
Er sieht mich an und sagt kein
Wort.
„Tobias war immer meine große Liebe
und wird es immer bleiben. Tobias ist großherzig, sensibel, und
zuverlässig.“ Ich habe mehr gesagt als nötig war, um Daniel zu
zerstören.
„Sag bitte Tobias nichts von uns. Von
unserer…“
Er sieht mich verletzt an. „Von
unserer Affäre? War es das für dich? Eine billige, kleine Affäre
mit einem jüngeren Knackarsch?!“
Ich sehe ihn schockiert an und laufe
aufgewühlt davon. Wenigstens darin bin ich sehr gut.
Und er lässt mich gehen.
Ich bin sicher, er weiß, dass er mehr
war für mich. Und er weiß, dass ich es mir nicht leicht gemacht
habe. Aber jetzt besinne ich mich ganz auf meine Schwangerschaft,
auf mein Kind.
Mein unglaublich gut aussehender
Frauenarzt bestätigt es freudig. Eine kleine Kaulquappe schwimmt in
mir herum und freut sich des Lebens. Und es ist ein seltsames
Gefühl, Aquarium zu sein. Durchsichtig und sehr
zerbrechlich.
Ich sage es Tobias abends im Bett. Er
hat wirklich viel gearbeitet die letzten Wochen. War nie zum
Abendessen zu Hause. Deshalb hätte ein hübsches Essen mit
Kerzenschein auch keinen Sinn gemacht, um ihm die
freudig-verwirrende Nachricht zu überbringen.
„Du bist schwanger?!“, sieht er mich
fassungslos an.
„Mit der Spritze ging das ganz einfach
und hat auch sofort geklappt, ich wollte dir erstmal nichts
erzählen, du hattest so viel anderes im Kopf und hättest dir
vielleicht unnötig Hoffnung gemacht. Tut mir leid, freust du dich
trotzdem?“, schießt es aus mir heraus.
Tobias` Augen fangen an zu strahlen,
so langsam sickert die frohe Kunde durch. Er packt mich, hebt mich
hoch, dreht mich einmal im Kreis und drückt mich ganz, ganz
fest.
„Wir werden endlich eine richtige,
kleine Familie.“
Spätestens jetzt weiß ich, die absolut
richtige Entscheidung getroffen zu haben. Und ich wage es, mich zu
freuen, auch wenn Daniel leidet. Tobias` Geruch, der mir so
vertraut ist, tut so gut.
Doch dann will Tobias natürlich
wissen, wer es war. Ich schlucke schwer und sage dann das, was ich
mir zuvor in der Badewanne bei einem dreistündigen Telefonat mit
Magda überlegt habe.
„Er ist blond, sehr sportlich,
intelligent, kreativ, wie du. Aber viel jünger als ich, du brauchst
also überhaupt nicht eifersüchtig zu sein, und ich finde es besser,
wenn du nicht genau weißt, wer es ist.“ Ich sehe ihn ängstlich an.
„Findest du nicht auch?“
Tobias sieht mich an, in ihm arbeitet
es.
„Viel jünger als du, was heißt
das?“
„Zwölf Jahre. Ich fand das prima, dann
musst du dir wirklich keine Gedanken machen, dass ich mich in ihn
verlieben könnte.“ Ich rede sehr schnell und sehe ihn hoffnungsvoll
an. Und Magdas Theorie klappt.
Tobias nickt und lächelt.
„Stimmt. Der will ganz sicher nichts
von dir.“ Er freut sich.
Ich sehe ihn fassungslos an ob dieser
Frechheit, reiße mich aber zusammen und umarme ihn schnell, damit
er meine Zornesfalten nicht sieht.
Magda war der Meinung, dass sich ein
Mann normalerweise nicht vorstellen kann, mit einer zwölf Jahre
älteren Frau zusammen zu sein. Und sie hatte wirklich recht. Das
Thema Kindsvater ist erstmal vom Tisch.
Wir kuscheln uns ins Bett und
schmieden Pläne. Wie soll er-sie-es heißen, in welchem Krankenhaus
will ich entbinden? Eine Intensivstation nebenan muss sein, um
meine Panik vor der Geburt etwas zu mindern.
„Nehmen wir die dicke, burschikose
Hebamme, die unsere frühere Nachbarin schräg gegenüber hatte, oder
die junge, alleinerziehende von Jacky?“ Tobias redet, als hätte er
schon fünf Geburten hinter sich. Wir amüsieren uns sehr und sind
uns wieder ganz ganz nahe.
Plötzlich gibt es zig offene Fragen
und ziemlich wenige Antworten in meinem neuen Leben und dem meiner
kleinen Kaulquappe. Ich beschließe, mich sofort mit der
Mütter-Mafia in der Siedlung anzufreunden, um die wichtigen
Windel-und-Still-Infos zu bekommen, die man als zukünftige Mama
braucht. Welcher Schwangerschaftstee aus welchem Kräuterladen
lockert am besten die Beckenbodenmuskulatur? Wie lange muss ich
Folsäure schlucken, und ist es sehr schlimm, dass ich die nicht vor
der Schwangerschaft schon genommen habe? Mir schwirrt der
Kopf.
Tobias ruft seinen Chef in China an
und bittet ihn, einen Kollegen mit der zusätzlichen Arbeit zu
beauftragen.
„Von jetzt an will ich ganz für meine
schwangere Frau da sein“, sagt er lächelnd und geht
duschen.
Ich lächle trübsinnig ein weißes
Stoffschaf an, das mir Magda von Ruby vermacht hat.
Tobias kommt aus der Dusche und
strahlt.
„Nora, wir müssen
heiraten!“
„Was? Spinnst du? Wir müssen gar
nichts!“
„Äh, okay, das war jetzt nicht gerade
der Heiratsantrag, der bei „Nur die Liebe zählt“ unter die Top five
kommen wird.“ Tobias versucht, der Situation die Schärfe zu
nehmen.
„Ich will doch nur nicht, dass mein
Kind unehelich geboren wird, verstehst du?“
„Nein, verstehe ich nicht. Wir leben
doch nicht mehr im Mittelalter.“ Ich wundere mich
sehr.
„Ich habe noch nie verstanden, wie man
schwanger heiraten kann. Eine Party ohne Alkohol kommt ja wohl gar
nicht in Frage.“
„Du denkst immer nur an dein Vergnügen.“ Tobias sieht mich vorwurfsvoll
an.
„Das stimmt, aber das soll gefälligst
auch so bleiben“, antworte ich sauer, denn mich ganz verleugnen
will ich mich als Mama nicht, das habe ich mir immer
geschworen.
Tobias nimmt mich in den Arm. „Also
gut, mit einer Hochzeit warten wir bis nach der Geburt. Ich liebe
dich.“