- Beyer Anja Saskia
- Himbeersommer
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Schockgefroren wie Käpt`n Iglo,
lächelt mich Tobias an, als ich mit Jacky und Baby Gregor zu meiner
Geburtstagsparty in der Tür unseres gerade erworbenen Häuschens
erscheine. Unsere gemeinsamen Freunde und zukünftigen neuen
Nachbarn unterhalten sich bereits prächtig, freuen sich, mich zu
sehen, busseln mich ab und merken nichts. Schon als Kind war ich
eine überzeugende Biene, bei unserer Biene-Maja-Aufführung in der
3. Klasse.
„Das Buffet ist ja schon halb leer
gefuttert“, beschwert sich Jacky, „komm, wir gehen wieder“, aber
ich schüttele den Kopf und ziehe sie mit herein. Wir erhaschen
fettige Frühlingsrollen und kalte Chicken-Wings. Und ich muss
Glückwunschküsschen über mich ergehen lassen.
Während ich dem Blick von Tobias
ausweiche, nehme ich Baby Gregor auf den Arm und wiege
ihn.
„Guckt er?“, frage ich Jacky leise,
denn ich will ihm wehtun. So wie er mir wehgetan hat.
„Ja. Wer sind denn die?“, fragt Jacky
und deutet mit dem Kinn auf die Neuen aus Haus 5. „Echte Spießer,
oder?“
„Kann sein. Oder gerade nicht. Guck
mal da drüben, der coole Portugiese, der hat sich als echter
Spießer rausgestellt. Zwanghaft pingelig, will eine Thuja-Hecke,
hat seine Wiese drei Stunden geharkt. Ein echter
Albtraum.“
„Echt, schade, sieht süß aus“, findet
Jacky und stopft sich eine zuckrige Dattel in den Mund. „Der Mann,
die Mogelpackung.“
„Das ist Konrad Wolkner, dem gehört
das Eckhaus, und das ist seine Frau Monique und ihre entzückende
Tochter Sarah.“
„Mann, hat die ein Figürchen.“ Jacky
wirkt gefrustet, denn sie hat seit der Geburt von Gregor fünf Kilo
zugenommen.
„Konrad hat noch drei Kinder aus
erster Ehe. Also sehr potent.“
„Und die Hippies da?“ Jacky sieht sie
etwas zu auffällig an.
„Die Meissners. Drei Kinder, jedes
Jahr eins. Sag mal, spinn ich oder ist die schon wieder schwanger?“
Ich starre Frau Meissner an, als wäre sie ein
Zeppelin.
Jacky sieht mich etwas besorgt an und
schüttelt langsam den Kopf.
„Komm, dieser Werner, der mit den
längeren Haaren, den muss ich mir mal genauer angucken, nur fürs
Ego. Und du stellst mich vor, das ist doch ein Freund von Tobias,
oder nicht?“
„Werner ist glücklich verheiratet und
hat zwei Kinder!“ Ich versuche sie schnell
einzubremsen.
„Na und“, findet Jacky, „der guckt
aber. Wetten, die haben seit Monaten keinen Sex mehr. Solche Männer
machen tolle Komplimente. “ Typisch Jacky.
„Was wolltest du mir überhaupt noch
erzählen?“, fällt es mir ein.
„Ach nix. Ich hab `nen Typen im
Supermarkt kennengelernt. Nasigoreng Fertigmenü. Alles klar, dachte
ich mir und hab ihn angequatscht. Ganz nett, aber nix gegen diesen
Werner da. Der ist voll mein Beuteschema.“
Wir lächeln. Ich stelle ihr Werner vor
und werde dabei von Magda und Ines beobachtet, dem lesbischen Paar
aus Haus 7.
Als ich Jacky ihrem Werner überlasse,
spricht mich Magda an.
„Dafür, dass du heute Geburtstag hast,
siehst du verdammt traurig aus.“
„Was?! Nein, überhaupt nicht. Alles
super!“
Magda lächelt mitleidig, sieht Baby
Gregor an, den ich immer noch krampfhaft im Arm halte, und löst
meine Faust, die sich in sein Beinchen verkrallt hat. Wir sehen uns
kurz an, dann streichle ich Gregor, dem das Ganze zum Glück nichts
ausgemacht hat. Er gluckst selig.
Magda hat gesehen, dass Ines`
Schnürsenkel offen ist, bückt sich und macht ihr die Schlaufe zu.
Ines lacht.
„Wenn ihr immer noch nicht wisst, was
wahre Liebe ist, das hier ist sie!“
Ich sehe die beiden an. Sie wirken
sehr glücklich, so wie Tobias und ich - vor nicht allzu langer
Zeit.
Mit Magda und Ines hatte ich bei den
Baubesprechungen die wenigsten Probleme. Sie ticken wie ich, haben
den gleichen Geschmack und die gleiche Einstellung zu Fliesen und
Männern. Fliesen sind hart und kalt und sehr, sehr wenige
interessant.
Ich seufze. Sehe Tobias an, der sich
gerade mit der Nachbars-Mami aus Haus 3 unterhält. Sie ist
schwanger, und er starrt ihr immer wieder auf den
Bauch.
Ich hasse diesen Bauch und drücke Baby
Gregor seiner Mama Jacky, die gerade zu mir kommt, in den Arm. Sie
wirkt etwas verstört, will aber nicht sagen warum.
Ich stelle mich neben den Bauch und
höre Tobias zu. Der sagt Sachen wie „Wenn dein Mann immer so lang
arbeitet und du Werkzeug brauchst …“
„… willst du ihr deinen Hammer
leihen?!“ Ich unterbreche ihn fassungslos.
Die beiden scheinen mich erst jetzt zu
registrieren. Tobias sieht mich todtraurig, aber auch
angriffslustig an.
„Oder eine Säge. Katrin ist eine
Zauberkünstlerin.“
„Aha. Eine Zauberkünstlerin. Wen hast
du denn verzaubert?“, ich wende mich kühl an den Bauch, und schicke
Tobias einen grimmigen Seitenblick.
Katrin sieht uns beide unwohl an,
weicht unbewusst einen Schritt zurück.
„Äh … das war doch nur Quatsch. Ich
glaube ich hol mir noch was von eurem leckeren
Buffet.“
Und weg ist sie.
Wir funkeln uns an.
„Du willst es nicht verstehen, wie
immer.“ Tobias fährt sich gekränkt durchs Haar. Eine Geste, die er
sonst nur macht, wenn er von seiner Mutter genervt
ist.
„Ich bin nicht deine Mutter!“,
schmettere ich ihm entgegen, da werden wir vom melodischen Klopfen
an ein Glas unterbrochen.
Alle Blicke wenden sich Werner und
seiner etwas aufgedunsenen Frau Corinna zu, die etwas blass in der
Mitte des Wohnzimmers auf unserem roten Flokati
stehen.
„Also, ich will die Party jetzt
wirklich nicht sprengen, aber da hier alle Bauherren der
Himbeersiedlung beisammen sind …“, beginnt Werner unwohl. Corinna,
die schon immer das Heft in der Hand hatte, redet
weiter.
„Wir werden uns scheiden lassen, das
Haus aber trotzdem behalten. Werner wird ausziehen. Vorerst. Wir
wollten nur, dass ihr das wisst, damit es kein Gerede
gibt.“
Die Partygäste sehen sich betreten an.
Gemurmel setzt ein, ich sehe Jacky an, dass sie etwas überfordert
ist mit der Situation. Baby Gregor fängt an zu schreien. Und mir
ist auch danach.
„Können wir reden?“, flüstert mir
Tobias zu.
„Nein!“, fauche ich ihn
an.
„Habt ihr etwa auch Probleme?“, will
Kuno, Tobias` verklemmter Anwaltskollege, scherzend wissen. Und ein
paar andere Gäste sehen her.
„Nein! Wir doch nicht! Wir sind doch
Mr. und Mrs. Right“, erwidere ich, auf Krawall
gebürstet.
Doch Tobias geht dazwischen. “Bitte,
Nora, ich glaube, du bist heute etwas …“
„Überspannt“, vollende ich seinen Satz
bitter lächelnd. „Wir können keine Kinder kriegen, weißt du, Kuno,
weil …“
Tobias packt mich am Arm.
„Das muss doch jetzt wirklich nicht
sein!? Wenn Kuno es weiß, weiß es die ganze Kanzlei,“ zischt
er.
Wir hatten noch nie eine Szene. Aber
ich schätze, das war sie. UNSERE Szene.
Der Großteil der Gäste hat
mitbekommen, dass wir uns streiten. Und Jacky, die sich um den
armen Werner kümmert, macht mir Zeichen, dass es eindeutig Zeit für
einen Break ist.
Tobias, der ihre Gestik auch gesehen
hat, nickt und wendet sich an unsere Freunde und
Nachbarn.
„Ich fürchte, heute ist irgendwie der
Wurm drin. Vielleicht sollten wir die Feier an dieser Stelle
beenden.“
Allgemeine Zustimmung, und die ersten
machen sich sogleich auf den Weg. Sie wirken irgendwie erleichtert.
Ich nicht.
Ich stehe in der Ecke und sehe Tobias
zu, wie er die Gläser zusammenräumt. Und Jacky und Werner helfen
ihm. Mir wird bewusst, wie zerbrechlich eine Beziehung ist. Kann
ich ihm diesen Verrat jemals verzeihen? Liebt er mich überhaupt
noch wirklich?
Und vor allem: Kann ich mit ihm wieder
glücklich werden, auch ohne Kinder?