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Schockgefroren wie Käpt`n Iglo, lächelt mich Tobias an, als ich mit Jacky und Baby Gregor zu meiner Geburtstagsparty in der Tür unseres gerade erworbenen Häuschens erscheine. Unsere gemeinsamen Freunde und zukünftigen neuen Nachbarn unterhalten sich bereits prächtig, freuen sich, mich zu sehen, busseln mich ab und merken nichts. Schon als Kind war ich eine überzeugende Biene, bei unserer Biene-Maja-Aufführung in der 3. Klasse.
„Das Buffet ist ja schon halb leer gefuttert“, beschwert sich Jacky, „komm, wir gehen wieder“, aber ich schüttele den Kopf und ziehe sie mit herein. Wir erhaschen fettige Frühlingsrollen und kalte Chicken-Wings. Und ich muss Glückwunschküsschen über mich ergehen lassen.
Während ich dem Blick von Tobias ausweiche, nehme ich Baby Gregor auf den Arm und wiege ihn.
„Guckt er?“, frage ich Jacky leise, denn ich will ihm wehtun. So wie er mir wehgetan hat.
„Ja. Wer sind denn die?“, fragt Jacky und deutet mit dem Kinn auf die Neuen aus Haus 5. „Echte Spießer, oder?“
„Kann sein. Oder gerade nicht. Guck mal da drüben, der coole Portugiese, der hat sich als echter Spießer rausgestellt. Zwanghaft pingelig, will eine Thuja-Hecke, hat seine Wiese drei Stunden geharkt. Ein echter Albtraum.“
„Echt, schade, sieht süß aus“, findet Jacky und stopft sich eine zuckrige Dattel in den Mund. „Der Mann, die Mogelpackung.“
„Das ist Konrad Wolkner, dem gehört das Eckhaus, und das ist seine Frau Monique und ihre entzückende Tochter Sarah.“
„Mann, hat die ein Figürchen.“ Jacky wirkt gefrustet, denn sie hat seit der Geburt von Gregor fünf Kilo zugenommen.
„Konrad hat noch drei Kinder aus erster Ehe. Also sehr potent.“
„Und die Hippies da?“ Jacky sieht sie etwas zu auffällig an.
„Die Meissners. Drei Kinder, jedes Jahr eins. Sag mal, spinn ich oder ist die schon wieder schwanger?“ Ich starre Frau Meissner an, als wäre sie ein Zeppelin.
Jacky sieht mich etwas besorgt an und schüttelt langsam den Kopf.
„Komm, dieser Werner, der mit den längeren Haaren, den muss ich mir mal genauer angucken, nur fürs Ego. Und du stellst mich vor, das ist doch ein Freund von Tobias, oder nicht?“
„Werner ist glücklich verheiratet und hat zwei Kinder!“ Ich versuche sie schnell einzubremsen.
„Na und“, findet Jacky, „der guckt aber. Wetten, die haben seit Monaten keinen Sex mehr. Solche Männer machen tolle Komplimente. “ Typisch Jacky.
„Was wolltest du mir überhaupt noch erzählen?“, fällt es mir ein.
„Ach nix. Ich hab `nen Typen im Supermarkt kennengelernt. Nasigoreng Fertigmenü. Alles klar, dachte ich mir und hab ihn angequatscht. Ganz nett, aber nix gegen diesen Werner da. Der ist voll mein Beuteschema.“
Wir lächeln. Ich stelle ihr Werner vor und werde dabei von Magda und Ines beobachtet, dem lesbischen Paar aus Haus 7.
Als ich Jacky ihrem Werner überlasse, spricht mich Magda an.
„Dafür, dass du heute Geburtstag hast, siehst du verdammt traurig aus.“
„Was?! Nein, überhaupt nicht. Alles super!“
Magda lächelt mitleidig, sieht Baby Gregor an, den ich immer noch krampfhaft im Arm halte, und löst meine Faust, die sich in sein Beinchen verkrallt hat. Wir sehen uns kurz an, dann streichle ich Gregor, dem das Ganze zum Glück nichts ausgemacht hat. Er gluckst selig.
Magda hat gesehen, dass Ines` Schnürsenkel offen ist, bückt sich und macht ihr die Schlaufe zu. Ines lacht.
„Wenn ihr immer noch nicht wisst, was wahre Liebe ist, das hier ist sie!“
Ich sehe die beiden an. Sie wirken sehr glücklich, so wie Tobias und ich - vor nicht allzu langer Zeit.
Mit Magda und Ines hatte ich bei den Baubesprechungen die wenigsten Probleme. Sie ticken wie ich, haben den gleichen Geschmack und die gleiche Einstellung zu Fliesen und Männern. Fliesen sind hart und kalt und sehr, sehr wenige interessant.
Ich seufze. Sehe Tobias an, der sich gerade mit der Nachbars-Mami aus Haus 3 unterhält. Sie ist schwanger, und er starrt ihr immer wieder auf den Bauch.
Ich hasse diesen Bauch und drücke Baby Gregor seiner Mama Jacky, die gerade zu mir kommt, in den Arm. Sie wirkt etwas verstört, will aber nicht sagen warum.
Ich stelle mich neben den Bauch und höre Tobias zu. Der sagt Sachen wie „Wenn dein Mann immer so lang arbeitet und du Werkzeug brauchst …“
„… willst du ihr deinen Hammer leihen?!“ Ich unterbreche ihn fassungslos.
Die beiden scheinen mich erst jetzt zu registrieren. Tobias sieht mich todtraurig, aber auch angriffslustig an.
„Oder eine Säge. Katrin ist eine Zauberkünstlerin.“
„Aha. Eine Zauberkünstlerin. Wen hast du denn verzaubert?“, ich wende mich kühl an den Bauch, und schicke Tobias einen grimmigen Seitenblick.
Katrin sieht uns beide unwohl an, weicht unbewusst einen Schritt zurück.
„Äh … das war doch nur Quatsch. Ich glaube ich hol mir noch was von eurem leckeren Buffet.“
Und weg ist sie.
Wir funkeln uns an.
„Du willst es nicht verstehen, wie immer.“ Tobias fährt sich gekränkt durchs Haar. Eine Geste, die er sonst nur macht, wenn er von seiner Mutter genervt ist.
„Ich bin nicht deine Mutter!“, schmettere ich ihm entgegen, da werden wir vom melodischen Klopfen an ein Glas unterbrochen.
Alle Blicke wenden sich Werner und seiner etwas aufgedunsenen Frau Corinna zu, die etwas blass in der Mitte des Wohnzimmers auf unserem roten Flokati stehen.
„Also, ich will die Party jetzt wirklich nicht sprengen, aber da hier alle Bauherren der Himbeersiedlung beisammen sind …“, beginnt Werner unwohl. Corinna, die schon immer das Heft in der Hand hatte, redet weiter.
„Wir werden uns scheiden lassen, das Haus aber trotzdem behalten. Werner wird ausziehen. Vorerst. Wir wollten nur, dass ihr das wisst, damit es kein Gerede gibt.“
Die Partygäste sehen sich betreten an. Gemurmel setzt ein, ich sehe Jacky an, dass sie etwas überfordert ist mit der Situation. Baby Gregor fängt an zu schreien. Und mir ist auch danach.
„Können wir reden?“, flüstert mir Tobias zu.
„Nein!“, fauche ich ihn an.
„Habt ihr etwa auch Probleme?“, will Kuno, Tobias` verklemmter Anwaltskollege, scherzend wissen. Und ein paar andere Gäste sehen her.
„Nein! Wir doch nicht! Wir sind doch Mr. und Mrs. Right“, erwidere ich, auf Krawall gebürstet.
Doch Tobias geht dazwischen. “Bitte, Nora, ich glaube, du bist heute etwas …“
„Überspannt“, vollende ich seinen Satz bitter lächelnd. „Wir können keine Kinder kriegen, weißt du, Kuno, weil …“
Tobias packt mich am Arm.
„Das muss doch jetzt wirklich nicht sein!? Wenn Kuno es weiß, weiß es die ganze Kanzlei,“ zischt er.
Wir hatten noch nie eine Szene. Aber ich schätze, das war sie. UNSERE Szene.
Der Großteil der Gäste hat mitbekommen, dass wir uns streiten. Und Jacky, die sich um den armen Werner kümmert, macht mir Zeichen, dass es eindeutig Zeit für einen Break ist.
Tobias, der ihre Gestik auch gesehen hat, nickt und wendet sich an unsere Freunde und Nachbarn.
„Ich fürchte, heute ist irgendwie der Wurm drin. Vielleicht sollten wir die Feier an dieser Stelle beenden.“
Allgemeine Zustimmung, und die ersten machen sich sogleich auf den Weg. Sie wirken irgendwie erleichtert. Ich nicht.
Ich stehe in der Ecke und sehe Tobias zu, wie er die Gläser zusammenräumt. Und Jacky und Werner helfen ihm. Mir wird bewusst, wie zerbrechlich eine Beziehung ist. Kann ich ihm diesen Verrat jemals verzeihen? Liebt er mich überhaupt noch wirklich?
Und vor allem: Kann ich mit ihm wieder glücklich werden, auch ohne Kinder?

 

Himbeersommer
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