- Beyer Anja Saskia
- Himbeersommer
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***
Es kommt, wie es kommen
muss.
Daniel hat einen Rucksack dabei.
Gefüllt mit den leckersten, selbst gemachten Köstlichkeiten dieser
Zwischenwelt.
Ich sterbe für eine gute Quiche, und
ich habe immer geahnt: Nora, das wird dir einmal zum
Verhängnis.
Ich flüchte in ein kleines Café und
erleichtere wenigstens meine Blase. Meinem Gewissen hilft das
nichts. Aber immerhin spüre ich eine angenehme Leere in
mir.
„Ich habe etwas Wichtiges vergessen.
Ich muss noch mal schnell in den Supermarkt“, Daniel geht bereits
los. Und ich folge ihm, wie in Trance.
Wir betreten den Supermarkt, als wäre
er ein paralleles Universum. Daniel steuert auf das Gewürzregal zu
und findet, was er sucht. Zimt. Eine Stange natürlich, nicht
gemahlen.
„Wir hatten keinen mehr im Bistro, und
an meinem Nachtisch fehlt ein petit petit davon.“
Wir lächeln uns an, unsere Hände
berühren sich eine Millisekunde, als er mir den Zimt unter die Nase
hält.
Ich sauge den Duft ein, schließe die
Augen. Obwohl ich mich mit aller Kraft dagegen sträube, schafft es
Daniel, mich zum Strahlen zu bringen. Die Pudel-Frisur-Kassiererin
grinst mich an.
„Hach, frisch verliebt is eenfach
chici.“ Mir wird abwechselnd heiß und kalt und ich glaube, ich
werde zum ersten Mal nach vielen Jahren rot wie eine
Chili.
Was redet diese Frau da, es stimmt
einfach nicht. Es ist hot, aber mehr nicht!
.
Daniel hat alles mitbekommen – und
gibt er mir demonstrativ einen Kuss. In den Nacken, was mich
schmelzen lässt.
Denn wenn ich eine besonders erogene
Zone habe, dann ist es dieser Bereich. Angefangen zwischen meinen
Schultern, bis hoch zu meinem Haaransatz. Und Daniel scheint das
intuitiv zu ahnen.
Der Pudel-Frisur bleibt der Mund offen
stehen.
„Respekt, mein neuer Lover is nich so
knackig“, flüstert sie mir grinsend zu.
Ich muss unwillkürlich schmunzeln. Und
mein Selbstbewusstsein steigt, auf einer Skala 1 bis 10, fast auf
die 9. Was soll`s, was die Leute denken, ich will nur ein Kind von
ihm, mehr nicht.
„Der Trend geht zum jüngeren Mann.“
Das hat mir Jacky noch vor ein paar Wochen aus der Gala vorgelesen.
Madonna, Carolin Beil … es gibt immer mehr gut aussehende,
erfolgreiche Frauen, die einfach keinen Beschützer mehr brauchen.
In Amerika gibt es dafür eine Bezeichnung: Cougar. Bedeutet Puma.
Die Parallele liegt zum einen im silbrigen Fell des Pumas
(Silberlöwe) und zum andern in der Jagd (auf jüngere Männer). Demi
Moore und Ashton Kutcher (immerhin hat diese Beziehung unfassbar
lange gehalten), Madonna und Jesus Luz, Nena und ihr Philipp. Es
gab schon einige, nicht gleichaltrige Paare, deren Liebe sehr lange
gehalten hat. Ich befände mich also in bester Gesellschaft, wenn
ich ihn denn wollen würde. Diesen jüngeren Mann. Ich will ihn aber
nicht.
Trotzdem folge ich ihm in die die
S-Bahn, vom Hackeschen Markt nach Wannsee. Ich verstehe mich nicht.
Die Fahrt wird zur Zeitreise. In eine ferne, unbekannte Welt. Wir
sitzen uns gegenüber und ich sehe ihn nicht an, erhasche nur ab und
zu einen Blick.
Berlin rauscht an mir vorbei und ich
versuche, meine Gedanken auf das Baby zu lenken.
Tobias wird ein großartiger Vater
sein, daran zweifle ich nicht. Aber ich zweifle an meinem Verstand.
Was mache ich hier?
Daniel sieht mich an, als wäre ich
zart und zerbrechlich. Und er sagt nichts, und es stört mich nicht.
Im Gegenteil. Ich fühle mich zart und zerbrechlich wie Liv Tyler
als Elfenkönigin. Ein verrücktes Gefühl.
Die S-Bahn hält am Savignyplatz. Ein
kleines, blondes Mädchen, ganz in Rosa, steigt mit seiner Mutter
ein und lächelt Daniel an. Und er lächelt zurück, macht Faxen, und
spielt plötzlich verrückt. Die Kleine lacht und auch ich kann mir
ein Schmunzeln nicht verkneifen.
Wie gut er bei kleinen Kindern
ankommt. Aber leider bei jungen, sehr schlanken und faltenfreien
Müttern nicht minder!
Mein 39-jähriges Gesicht spiegelt sich
in der schmutzigen Scheibe, Graffities jagen vorbei, und ich frage
mich ernstlich, ob ich nicht nur die elfenfarbene Haut mit den
Sommersprossen, sondern auch die Veranlagung zum unschönen
Doppelkinn von meiner Oma Else väterlicherseits geerbt habe.
Irgendwie werden meine Sommersprossen von Jahr zu Jahr zahlreicher.
Und großflächiger. Sind das etwa Altersflecken?!
Was will dieser Kerl von mir? Mein Selbstbewusstsein ist wieder bei einer
schwächlichen fünf angelangt. Was unter anderem an dem miserablen
Zustand meines geplagten Gewissens liegen dürfte.
Daniel könnte doch eine Jüngere,
länger Gebärfähige haben. Aber nein, er will mir sein Sperma schenken! Und weiß es noch nicht
einmal.
„Ich weiß es“, fängt Daniel mit
ernster Miene an.
„Du …weißt es?“ Ich bin wirklich
schockiert. Befinde ich mich in einem dieser amerikanischen Filme,
in denen der Held Gedanken lesen kann?
„Ich weiß es einfach.“
Charlottenburg rast an mir
vorbei.
Die Sonne sticht, ich schwitze. Was
nur werde ich Tobias sagen? Dass ich bei Jacky war?
Da sie seit Stunden nicht an ihr Handy
geht, ernenne ich sie zum perfekten Alibi.
„Ich fühle mich mit dir … wohl, auch
wenn wir nicht reden“, sagt er und streicht sich eine störrische
Strähne aus dem Gesicht.
Wieder sage ich nichts. Und spüre es.
Ich fühle mich auch wohl. Er nimmt meine Hand. Und meine Muskeln,
die sie zurückziehen könnten, versagen den Dienst.
Das blonde Mädchen grinst, seine
Mutter lächelt.
Die S-Bahn fährt in Wannsee
ein.
Ich sterbe vor Hunger. Daniel hält
meine leblose Hand und erst jetzt spüre ich meine Finger wieder.
Ich bewege sie, als hätte ich Gicht.
Gut, dass Berlin so groß ist. Die
Wahrscheinlichkeit, hier einem Freund oder Kollegen von Tobias zu
begegnen, geht gen Null.
„Hallo Nora, du hier?“
Ich erstarre und drehe mich
um.
Glücklicherweise ist es Nino. Mein
Eisverkäufer, der Daniel abschätzend mustert. Daniel lächelt ihn
an, und sein Charme zaubert sogar italienischen Machos ein Lächeln
ins Gesicht. Nino zwinkert mir zu und geht, den Daumen heimlich
nach oben haltend, weiter.
Und nach dieser Schrecksekunde geht es
mir plötzlich besser. Nino hat mich gesehen, als es mir schlecht
ging. So schlecht wie noch nie in meinem Leben. Weil Tobias mir
vorgegaukelt hatte, ein rassiger Zuchtbulle zu sein. Ein halbes
Jahr lang! Während ich mich gefühlt habe wie eine vertrocknete
Erbse, die widerlich schmeckt und nicht einmal fähig ist, sich
fortzupflanzen!
Und irgendwie ist der
schlechtgewissige Kloß im Magen plötzlich auf die Größe einer
kleinen Eiskugel geschrumpft. Und ich hoffe, er wird noch weiter
schmelzen.
Daniel zaubert Cremes und Törtchen aus
seinem Rucksack, und ich falle ausgehungert darüber her. Daniel ist
ein begnadeter Koch, und der Hauch Zimt gibt dem Nachtisch
tatsächlich eine betörende Note.
Dass ein junger Mann so fantastisch
kochen kann, lässt mich einiges vermuten. Entweder, dass er a)
früher nie etwas Schmackhaftes zu essen bekommen hat, b) eine
richtig tolle Mutter hat, also eine perfekte Schwiegermutter und
Omi für mein Kind!, oder c) ein sehr sensibler, kreativer Typ
ist.
Ich bete für die nette Schwiegermutter
und die Kreativität. Denn Letzteres wäre für unseren gemeinsamen
Nachwuchs wirklich von Vorteil, und die Schwiegermutter als
Babysitter ist hiermit bereits fest eingeplant.
Meine Mutter als Oma wird ein
Totalausfall. Da bin ich mir inzwischen leider sehr sicher. Sie
kann mit Kindern, wie ich jetzt weiß, leider ziemlich wenig
anfangen. Ich frage mich ernstlich, wie sie wohl früher zu mir war.
Und ob ich davon irgendwelche Langzeitschäden davongetragen habe?
Ich meine solche, die mir bisher noch nicht bekannt
sind?
Tobias` Mutter Hilde ist das genaue
Gegenteil. Sie liebt Kinder und wünscht sich nichts sehnlicher als
einen Enkel. Auch wenn sie vermutlich nicht gerade viel von ihm
haben wird. Sie ist eine Frau mit Klasse, hat einen extravaganten
Kleidungsstil und führt ein ausgefülltes, spannendes Leben (und das
in dem Alter!). Vermutlich hat sie dadurch wenig bis gar keine Zeit
für ihren Enkel oder ihre entzückende Enkelin. Und vielleicht ist
das dann auch wieder mein Glück. Denn Hilde kann sehr, sehr
anstrengend sein.
Wir finden ein einsames Plätzchen
direkt am See. Wildschweinspuren bestätigen das.
Daniel hat eine Decke dabei. Ich
schätze, es ist ein afrikanischer Webstoff, in Braun, Lila, Orange
gehalten. Wie wohl seine Wohnung eingerichtet ist?
„Wohnst du eigentlich alleine oder in
einer WG?“, höre ich mich fragen, ohne vorher über die Wirkung
meiner Worte nachgedacht zu haben.
„Wieso willst du das wissen?“,
amüsiert er sich.
„Nicht, weil ich bei dir einziehen
will.“
„Schade.“
„Und?“
„Alleine. Über meinem Bistro. Es ist
eine Wohnung für zwei.“
Er sieht mich an, als wollte er mir
gleich einen Heiratsantrag machen. Nein, Nora, das bildest du dir
jetzt wirklich ein! Männer denken nicht in weißen
Rüschen.
„Ich bin da mit meiner damaligen
Freundin eingezogen. Aber, sie war nicht die
Richtige.“
„Scheint so“, quetsche ich aus mir
heraus und werde nervös.
Er merkt das, nimmt wieder meine Hand,
hält sie ganz fest.
„Es entscheidet sich in den ersten
Sekunden. Das war schon immer so.“ Daniel sieht mich ernst
an.
Wie kann ein so junger Mann nur so
romantisch sein. Ist er vielleicht ein verwunschener
Prinz?
Ich sehe einen Frosch am Ufer und
entziehe Daniel meine Hand. Sie fängt an zu zittern.
Frauen sind so einfach zu betören.
Diese große Liebe-, das-Schicksal-hat-uns-zusammengeführt-Nummer
zieht einfach immer. Zumindest bei so romantisch veranlagten Frauen
wie mir, die an die große Liebe glauben und bisher gedacht haben,
sie zu erleben.
Wie traurig, am Ende eines Lebens
resümieren zu müssen, dass man sie nie getroffen hat, die Liebe
seines Lebens. Vielleicht, weil man es nie gewagt hat, auf sein
Herz zu hören? Weil man nie sein altes, gemütliches Leben über Bord
geworfen hat, um etwas zu riskieren? Ich war mir bisher so sicher,
dass es Tobias ist. Mein Mr Right. Und was, wenn er es ist und ich ihn fort werfe wie einen –
Frosch!?
Ich darf nichts kaputt machen. So wie
meine Mutter ihre Männer immer kaputt gemacht hat.
Daniel hat sich mit einem Grashalm
zwischen den Zähnen auf den Rücken gelegt und betrachtet den
Himmel.
Ich lege mich neben ihn und sehe, was
er sieht. Eine große, weiche Wolke zieht über uns hinweg. Sie sieht
aus, als könnte man sich darin verlieren.
In meinem Alter legt man sich nicht
mehr wöchentlich auf eine Decke und betrachtet den Himmel. Das
sollte man aber unbedingt tun!
Wenn man von den roten Ameisen, die
gerade meinen Fuß als Straße entdeckt haben, und der Panik, auf dem
kühlen Boden eine Blasenentzündung zu bekommen, absieht, hat es
etwas Beruhigendes, sehr Erdendes. Erde und Ameisen ersetzen so
manche Therapie.
Das Wasser glitzert, eine Entenmama
schwimmt mit ihren Jungen vorbei. Wir lächeln uns an.
Daniel springt auf, zieht sich aus und
rennt in den See. Ich fühle mich schlagartig in einen Super-8-Film
meiner Eltern versetzt, bin nicht mehr in meinem Körper. Ich ziehe
mich auch aus, denke nicht an meinen unperfekten Hintern oder meine
der Schwerkraft folgenden Brüste, fühle mich frei wie selten zuvor
und renne ihm nach.
Das Wasser ist kalt, aber es stört
mich nicht. Daniel taucht plötzlich ab, und nur ein paar Blasen
lassen ahnen, wo er sich befand. Plötzlich packt ein Wassermonster
meine Beine und zieht mich zu sich hinab in die Tiefe.
Da unten ist es still, unendlich
still. Wir nehmen uns fest in den Arm, ich spüre seine nackte
Haut.
Ich mache mich los und schwimme ans
rettende Ufer zurück. Doch es ist keine Rettung in
Sicht!
Daniel kommt dazu, wickelt mich zart
in die Decke, legt seinen Arm um mich und ist beruhigend
warm.
Ich spüre seinen Atem und schließe die
Augen.
Meine Welt steht still.
Daniel ist ein einfühlsamer Liebhaber.
Seine Hände berühren mich so, wie mein Körper seit Jahren wieder
berührt werden will. Zärtlich und fordernd, lustvoll und
schmeichelnd. Ich habe das Gefühl, die Hauptrolle in Titanic zu
spielen.
Ich habe vergessen, wie es ist,
begehrt zu werden. Eines der größten Probleme in langjährigen
Beziehungen. Dass Männer ihren Frauen dieses Gefühl nicht mehr
geben. Dieses Gefühl, das wir so dringend brauchen. Denn sonst
können wir uns nicht fallen lassen, denken die ganze Zeit: „Wie
schaffe ich es, meinen Bauch zu verdecken, und in welcher Stellung
sieht mein Busen am besten aus?“
Daniels Hände geben mir das Gefühl,
sexy und erotisch zu sein, und ich werde mutiger. So lasziv hat
mich Tobias schon lange nicht mehr erlebt. Und daran ist er
wirklich selbst schuld!
Nassgeschwitzt und völlig verstört
liege ich in Daniels Armen, rieche ihn und sehe ihm beim Schlafen
zu. In dem Alter hat man wohl noch keine Nasenhaare, zumindest sehe
ich nichts vibrieren.
Erst jetzt bemerke ich Ameisen an
meinem Bein. Es brennt.
Daniel atmet ruhig und zufrieden.
Nicht einmal der weiße Schmetterling, der sich ausgerechnet auf
seinen Bauch gesetzt hat, scheint ihn zu stören.
Plötzlich bin ich hellwach, versuche,
den Schmetterling zu verscheuchen, muss aber einsehen, dass da gar
keiner war.
Ich setze mich auf. Bin ich verrückt?
Ich, die ich Fremdgeher immer zutiefst verachtet habe, habe
selbiges getan. Und Tobias Vertrauen aufs Widerlichste
missbraucht!
Da auch Daniel nur ein Mann ist - also
sehr schnell, sehr tief schläft - kann ich mich unbemerkt anziehen
und schnell davon rennen. Dass es nicht möglich ist, vor seinem
schlechten Gewissen wegzulaufen, wird mir just in dem Moment
schlagartig klar.