- Beyer Anja Saskia
- Himbeersommer
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***
Starke Männerhände umfassen meine
Hüfte.
Es ist Tobias. Ich packe hektisch
Kisten aus. Er ist heute früher nach Hause gekommen und extrem gut
gelaunt.
„Es ist irgendwie Wahnsinn, aber ich
freue mich schon tierisch auf das Baby“, sagt er und
lächelt.
Ich lächle zurück, korrigiere „unser
Baby“ und bin wieder beruhigt, genau das Richtige zu tun. So hat
mich Tobias schon lange nicht mehr angefasst. Seine Augen haben
schon lange nicht mehr so vorfreudig gestrahlt. Und offenbar hat er
sich mit der Idee bestens angefreundet.
„Hast du schon ein Opfer gefunden?“
will er neugierig wissen. Doch da ich noch nicht dazu gekommen bin,
Daniel zu fragen, schüttele ich nachdenklich den Kopf.
„Nein. Aber ich habe ein gutes
Gefühl.“
Was für ein Satz. Ich habe ein gutes
Gefühl. Hat mein Vater gesagt, als ich ihn als 14-Jährige gefragt
hatte, ob er mit meiner Mutter glücklich ist. Kurz danach hat er
die Scheidung eingereicht. Ich bin ein verkorkstes Trennungskind
und ganz sicher therapiebedürftig. Aber noch sträube ich mich
dagegen.
Ich habe Daniel meine Handy-Nummer
gegeben. Und ich bin sicher, er ruft bald an. Männer sind so
unberechenbar.
Ich liege in der Badewanne und starre
abwechselnd auf meine Platt-Spreiz-Senk-Füße, meinen vermurksten
Nagellack und mein altes Nokia-Handy. Das neuere Smart-Phone-Modell
liegt bereits im Regal. Ich bin aber nicht fähig, die
Telefonnummern zu bluetoothen, und Tobias hat nach der Arbeit keine
Lust mehr auf so etwas. Früher hätte er es für mich gemacht. Früher
war alles anders. Da hatte auch noch nicht jeder ein iPhone. Außer
mir.
Wieso vergeuden wir eigentlich so
viele Stunden unseres Lebens mit dem Warten auf den Anruf
irgendeines Kerls? Und während wir warten, schauen Männer
Autorennen, machen sich eine Fertigpizza heiß, schneiden sich vor
dem Fernseher die Fußnägel und lassen sie da liegen, oder checken
den Goldpreis. Sie vergeuden keine Millisekunde damit, uns warten
zu lassen. Wieso warten wir? Wieso schaffen wir es nicht, uns
solange ein gutes Buch zur Hand zu nehmen, konzentriert das
Auslandsjournal zu schauen, ohne währenddessen mindestens alle drei
Minuten unser Handy zu hypnotisieren.
Mein Handy klingelt! Ich angle danach
und um ein Haar wäre es in der Wanne untergegangen - mit
mir.
Am anderen Ende ist Jacky. Ich mache
ihr blitzschnell klar, dass die Handyleitung frei sein muss. Ich
rufe sie auf Festnetz zurück.
Von meinem konfusen Bericht über den
Tag mit Daniel ist sie so begeistert wie über den neuesten
Sabber-Milchfleck auf ihrer ein Monate alten Mango-Bluse, einem
Internet-Schnäppchen.
„War ja klar. Du bist verknallt!“ Sie
klingt zutiefst frustriert.
„Spinnst du? Natürlich nicht, ich hab
ja nicht mit ihm geschlafen“, entgegne ich verwirrt, „und das werde
ich auch nicht tun.“ Um mir im gleichen Moment da nicht mehr ganz
so sicher zu sein.
„Vergiss es. Das macht der nie mit“,
sagt sie und beißt in einen Apfel. „Der ist viel zu knackig. Der
verbaut sich doch nicht seine Zukunft mit einem Blag.“
Gregor fängt wieder an zu schreien.
Und es schmerzt mir zum ersten Mal sehr im Ohr.
„Aber wenn wir nicht bald ein Kind
kriegen, dann war’s das … mit uns,“ sage ich leise, und der Schaum
unter meinem Kinn zittert so sanft wie ein gerade geschlüpftes
Küken.
Das Wasser ist kalt. Ich habe keine
Lust mehr zu baden, geschweige denn zu warten.
„Lass uns morgen weiterreden, ich
erfriere“, unterbreche ich Jacky, die gerade mit einer
Schimpftirade loslegen will. Denn Baby Gregor hat „eingekackert“,
wie Jacky gerade flucht. Warum eigentlich nehmen alle Mütter diese
Kita-Sprache an? Und das selbst im Umgang mit kinderlosen, gewählt
sprechenden Freundinnen? Werde ich je Mutter sein?
Endlich. Eine SMS von
Daniel!