- Beyer Anja Saskia
- Himbeersommer
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***
Ich sitze auf einem Zwergenstuhl und
meine aufgedunsenen Wasserbeine schmerzen. Es ist Eltern-Info-Abend
in einer der heißbegehrtesten Kitas. Eine Schwangere neben mir
strickt Söckchen.
„Ich habe da noch eine große,
wunderschöne Palme, die könnte ich ihrer Kita spenden“, sagt ein
werdender Vater, Marke Unternehmensberater. Ich fasse es nicht. Er
erdreistet sich wirklich, die Kitaleiterin zu bestechen! Und das
vor aller Ohren. Ich denke an meine mickrige Yucca-Palme, die schon
ziemlich verdorrt ist, und mir wird klar, dass mein Kind nie die
gleichen Chancen haben wird wie seines.
Doch zum Glück lächelt die
Kitaleiterin nur schief. Und erleichtert stelle ich fest, dass der
Typ bei ihr sofort unten durch ist. Kitaleiterinnen sind taffe
Frauen und lassen sich von solchen Männern nicht um den Finger
wickeln.
100% Bio-Essen oder nur Bio-Fleisch,
Bildungsangebote oder nur freies Spiel, Öffnungszeiten,
Ferienschließzeiten, Größe der Gruppe und wie viele Erzieher pro
Gruppe. Es gibt viel zu beachten und mir schwirrt der Kopf. Die
strickende Mutter neben mir lächelt.
„Ich will mein Kind doch nur liebevoll
betreuen lassen.“
Und ich gebe ihr recht. „Ich stelle
die Kita-Suche ein. Immerhin stehe ich auf 25 Wartelisten. Soll das
Schicksal entscheiden.“
Die Kitaleiterin sieht uns streng an.
Getuschelt wird nicht.
Schicksal. Gerade als ich wieder an
Daniel denke, klingelt mein Handy. Es ist Tobias.
„Schatz, wegen der wackelnden
Kloschüssel, kontaktier doch bitte mal den Klempner. Da haben wir
noch Garantie drauf.“
„Ja, klar, mach ich“, antworte ich
leise und lächle vor mich hin. Daniel würde mir nach sieben Jahren
vermutlich auch keine romantische SMS mehr schicken, das ist doch
klar. Denn wenn die Kloschüssel wackelt, muss einfach ein Klempner
her.
Wieder klingelt mein Handy, und die
Kitaleiterin wirft mich raus. Ich habe einfach auf den Knopf meines
Handys gedrückt, stehe jetzt draußen auf einem kühlen Flur und
lausche, wer dran ist.
Daniels Stimme klingt fürchterlich
erotisch.
„Ich vermisse sich. Unendlich. Wo bist
du, ich muss dich sehen!“
Blass starre ich auf die aus Sperrholz
gesägten, bunt angemalten Kindernamen, die über den Garderobenhaken
hängen. Lina, Leon, Lotta, (fällt den Müttern eigentlich noch was
anderes ein außer ein Name mit L?), ah da, Felix, Max, Anna, Mia.
Die Top 10 der beliebtesten Kindernamen. Die
Giraffengruppe.
„Nora? Bitte, wo bist
du?“
„Ich … äh … bei den Giraffen“, höre
ich mich sagen.
„Was machst du im Tierpark?“, wundert
er sich sehr.
Ja, was mache ich hier. Ich melde
deinen Embryo zum Spielen mit Giraffenbabys an, kann ich ja
schlecht sagen und starre einem Affen auf einem Plakat in die
Augen. Daniel darf nicht wissen, dass ich schwanger bin! Nie! Aber
wie soll das nur gehen?!
„Nora?“
Die Elternveranstaltung ist zu Ende.
Die Tür zum Spielraum geht auf, besorgt dreinschauende Eltern
kommen heraus.
„Ich muss Schluss machen, sorry“ ,
mein Blick wandert wieder zu dem Poster. „Das Irren- äh, Affenhaus
schließt.“
Was, wenn ich Daniel einfach nie von
seinem Kind erzähle?
Im gleichen Moment kommt eine
Schwangere in lila Latzhose Richtung Toilette gehuscht. Sie sieht
mich, stoppt, kann es nicht fassen.
„Nora, du hier? Und schwanger, nää!
Mensch, du hast dich ja verändert, naja, wir werden alle älter, so
ein Zufall, du fandest Kinder doch immer den reinsten Horror?“ Sie
fällt mir einfach um den Hals. Erst als ich ihren Knoblauch-Geruch
einatme, fällt es mir wieder ein. Wir hatten uns im 1. Semester in
München kennen gelernt. Und stimmt, ich fand Kinder damals
Horror.
„Supi, du hast auch so dicke
Elefantenbeine wie ich. Dieses Wasser, sagt meine Tante, geht ja
nie wieder ganz raus. Knoblauch hilft, hoffe ich.“
„Ach Trudi, Zufälle gibt’s“, murmle
ich schockiert und mir wird klar, dass ich Daniel ganz sicher noch
mindestens 50 000 Mal in meinem Leben über den Weg laufen werde.
Denn das Schicksal will es so. Und er muss kein Mathegenie sein, um
sich auszurechnen, dass dieses niedliche Kind an meiner Hand, das
exakt seinen sinnlichen Mund hat, das seine sein muss. Danke, Trudi
für diese niederschmetternde Erkenntnis. Man trifft sich immer
mehrmals im Leben. Ich muss es ihm sagen. Möglichst bald. Trudi
muss ganz schnell „pullern“, ich soll ja warten, um die
Handy-Nummern auszutauschen, aber ich warte nicht. Knoblauch-Trudi
war mir damals schon peinlich, als sie die Typen anquatschte mit
„Hey, meine Freundin steht auf dich, sie ist nur so schüchtern,
weil sie eine Zahnspange hat, die stört aber nicht beim
Knutschen.“
Sie hat gestört. Vielleicht war und
bin ich aber auch einfach zu sensibel.
Zu Hause lege ich mich erstmal in die
Badewanne und betrachte meine immer dicker werdenden Schenkel.
Schwanger sein ist eine wirkliche Nervenprobe. Nie wieder wird sich
ein Mann für mich interessieren, falls mich Tobias verlassen
sollte, denke ich. Und schon dreimal kein jüngerer.
Was am Schwangersein dagegen großartig
ist, das sind meine neuen, prallen Brüste. Meine neue, als Teenie
so sehnlichst herbeigewünschte, Körbchengröße C, die ich von nun ab
mit tiefen Ausschnitten üppig in Szene setzen werde.
Die Gerüstbauer auf meiner Baustelle
werden begeistert sein. Tobias dagegen erkundigt sich am nächsten
Morgen nur, ob ich nicht besser einen Schal anziehen will, „nicht,
dass du dich verkühlst.“
Beim hektischen Espresso-Frühstück
lege ich ihm den Prospekt einer Hebammenpraxis auf den
Tisch.
„Sieh dir das mal an. Wir müssen
dringend mit dem Geburtsvorbereitungskurs anfangen. Vermutlich sind
wir eh schon wieder viel zu spät damit dran, … wie mit dem
Kinderkriegen“, versuche ich einen Scherz.
Er sieht mich an und wirkt plötzlich
sehr sehr nachdenklich.
„Ein Mutter-Vater-Kurs? Ich bin doch gar nicht … ich meine, ich
komme dafür doch immer viel spät aus der Kanzlei.“
„Wolltest du jetzt etwa sagen, du bist
nicht der Vater?!“
„Nein, natürlich nicht.“
„Wolltest du doch!“ Meine Stimme
klingt plötzlich gereizt.
„Nora. Die Kurse fangen doch bestimmt
alle um fünf an.“
„Pech gehabt. Der da ist um acht.
Hier.“
Ich knalle ihm den esoterisch
angehauchten Flyer auf die Untertasse, dass es
scheppert.
Er starrt auf das Yin- und Yang-Symbol
und schüttelt den Kopf.
„So ein Eso-Hechelkurs, das ist nichts
für Männer.“
Ich sehe ihn fassungslos an, und in
dem Moment klingelt sein Handy. Er nimmt dankbar ab, doch seine
Stimme klingt sofort genervt.
„Mama … Was? Ja, ich habe Stress … Ja
mit Nora. Wie kommst du darauf?“
Mein Blick wird noch fassungsloser,
aber er lächelt jetzt.
„Schwangere Frauen sind eine tickende
Zeitbombe - so, so, wem sagst du das. Es ging nur um einen
Geburtsvorbereitungskurs. Mal ehrlich. Vater hat damals doch
bestimmt auch keinen mitgemacht, oder?“
Er lauscht, aber die Antwort scheint
ihm nicht zu gefallen.
Jetzt lächle ich. „Gib mal
her.“
Ich ergreife sein Handy.
„Hallo Hilde. Und, hat Raimund oder
hat er nicht?“
„Nora, Liebes, grüß dich“, flötet es
aus dem Hörer. „Selbstverständlich hat er mitgemacht. Glaubst du,
ich hätte ihm das durchgehen lassen?“
Ich liebe meine Schwiegermutter in
spe. Tobias steht derweil auf und zieht seinen Mantel an. So kommt
er mir nicht davon.
„Weißt du, Nora, Tobias ist manchmal
etwas lasch, du musst ihm schon zeigen, wo’s lang
geht.“
„Mach ich, Hilde, darauf kannst du
dich verlassen. Tschötschö.“
Ich lege auf. Tobias will gerade
gehen, doch ich pfeife ihn zurück wie ein Schiedsrichter einen
kleinen Jungen im Trikot.
„Dein Handy, Schatz. Und
Kuss.“
Tobias nimmt sein Handy und küsst mich
hektisch auf den Mund.
„Du kannst ja nichts dafür, Schnecki.
Du bist halt schwanger“, sagt er noch und lässt mich mit offenem
Mund und saurem Aufstoßen zurück.
Zwei Stunden später steht Hilde auf
der Matte. Elegant und nach Chanel Nr. 5 duftend wie immer. Sie hat
einen Geburtsvorbereitungskurs für uns gebucht.
„Voilà!“
„Wie bitte?! Woher weißt du denn, wann
wir Zeit haben?“
„Kindchen, du bist schwanger, du hast
Zeit und mein Herr Sohn nur spät abends. Wie ich euch beide kenne,
würde es bis nach der Geburt dauern, bis ihr euch für einen Kursus
entscheiden könnt. Du, weil du zu der Kategorie Frauen gehörst, die
notorisch entscheidungsschwach sind, und er, weil er sich gerne um
so Dinge drückt. Tobias wollte schon als Kind nicht mit seiner
Cousine Vater, Mutter, Kind spielen.“
„Was aber an seiner herrschsüchtigen
Cousine lag, die immer wollte, dass er das Baby ist, hat er mir mal
erzählt“, werfe ich in einer Atemholpause von Hilde ein, auch um
meinen Liebsten zu verteidigen und nicht als unsensiblen Deppen
dastehen zu lassen.
„Wie auch immer. Ihr braucht einen
Schubs. Hier ist er.“
Ich sehe mir die Broschüre an.
„Geburtsvorbereitung der Extraklasse. Aha.“
„Ein ganz normaler Kurs. Wenn du sonst
irgendwie Unterstützung brauchst, ich habe mein Charity-Engagement
eine Zeit lang niedergelegt, ich will jetzt ganz für meinen Enkel
oder meine Enkelin da sein.“
Ich starre Hilde an. Sie weiß nicht,
dass das da in meinem Bauch nicht wirklich ihr Enkel ist. Was, wenn
sie es wüsste?
„Das ist aber lieb von dir“, beeile
ich mich zu sagen. „Aber im Moment muss ich ja nur
brüten.“
Sie lacht. „Kann ich mal das
Kinderzimmer sehen?“
Ich fahre etwas zusammen, denn ich bin
mir sicher, dass das Kinderzimmer im jetzigen Ist-Zustand bei
Weitem nicht den Vorstellungen von Hilde entspricht.
„Es ist doch noch längst nicht alles
fertig.“
„Eben drum. Ich kaufe gerne noch was
ein. Na los, zeig schon.“
Und schon ist sie auf dem Weg nach
oben. Deutlich langsamer folge ich ihr hoch und höre auch schon
einen Entsetzensschrei.
„Kindchen, das geht aber nicht! Das
Bett kann doch nicht am Fenster stehen. Das ist ein Südzimmer,
wollt ihr, dass das Kleine in der Sonne verbrennt?!“
„Natürlich nicht. Wie gesagt, wir sind
ja noch längst nicht fertig.“
Hilde nickt vielsagend. „Ihr habt ja
wirklich gar keine Ahnung.“
Sie sieht sich noch mal um, zückt
ihren Timer und macht sich eine Notiz. Neugierig spähe ich ihr über
die Schulter, sehe aber nichts. Es ist übel, aber
wahr.
Ich bin 39 und brauche eine
Lesebrille!