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Ich sitze auf einem Zwergenstuhl und meine aufgedunsenen Wasserbeine schmerzen. Es ist Eltern-Info-Abend in einer der heißbegehrtesten Kitas. Eine Schwangere neben mir strickt Söckchen.
„Ich habe da noch eine große, wunderschöne Palme, die könnte ich ihrer Kita spenden“, sagt ein werdender Vater, Marke Unternehmensberater. Ich fasse es nicht. Er erdreistet sich wirklich, die Kitaleiterin zu bestechen! Und das vor aller Ohren. Ich denke an meine mickrige Yucca-Palme, die schon ziemlich verdorrt ist, und mir wird klar, dass mein Kind nie die gleichen Chancen haben wird wie seines.
Doch zum Glück lächelt die Kitaleiterin nur schief. Und erleichtert stelle ich fest, dass der Typ bei ihr sofort unten durch ist. Kitaleiterinnen sind taffe Frauen und lassen sich von solchen Männern nicht um den Finger wickeln.
100% Bio-Essen oder nur Bio-Fleisch, Bildungsangebote oder nur freies Spiel, Öffnungszeiten, Ferienschließzeiten, Größe der Gruppe und wie viele Erzieher pro Gruppe. Es gibt viel zu beachten und mir schwirrt der Kopf. Die strickende Mutter neben mir lächelt.
„Ich will mein Kind doch nur liebevoll betreuen lassen.“
Und ich gebe ihr recht. „Ich stelle die Kita-Suche ein. Immerhin stehe ich auf 25 Wartelisten. Soll das Schicksal entscheiden.“
Die Kitaleiterin sieht uns streng an. Getuschelt wird nicht.
Schicksal. Gerade als ich wieder an Daniel denke, klingelt mein Handy. Es ist Tobias.
„Schatz, wegen der wackelnden Kloschüssel, kontaktier doch bitte mal den Klempner. Da haben wir noch Garantie drauf.“
„Ja, klar, mach ich“, antworte ich leise und lächle vor mich hin. Daniel würde mir nach sieben Jahren vermutlich auch keine romantische SMS mehr schicken, das ist doch klar. Denn wenn die Kloschüssel wackelt, muss einfach ein Klempner her.
Wieder klingelt mein Handy, und die Kitaleiterin wirft mich raus. Ich habe einfach auf den Knopf meines Handys gedrückt, stehe jetzt draußen auf einem kühlen Flur und lausche, wer dran ist.
Daniels Stimme klingt fürchterlich erotisch.
„Ich vermisse sich. Unendlich. Wo bist du, ich muss dich sehen!“
Blass starre ich auf die aus Sperrholz gesägten, bunt angemalten Kindernamen, die über den Garderobenhaken hängen. Lina, Leon, Lotta, (fällt den Müttern eigentlich noch was anderes ein außer ein Name mit L?), ah da, Felix, Max, Anna, Mia. Die Top 10 der beliebtesten Kindernamen. Die Giraffengruppe.
„Nora? Bitte, wo bist du?“
„Ich … äh … bei den Giraffen“, höre ich mich sagen.
„Was machst du im Tierpark?“, wundert er sich sehr.
Ja, was mache ich hier. Ich melde deinen Embryo zum Spielen mit Giraffenbabys an, kann ich ja schlecht sagen und starre einem Affen auf einem Plakat in die Augen. Daniel darf nicht wissen, dass ich schwanger bin! Nie! Aber wie soll das nur gehen?!
„Nora?“
Die Elternveranstaltung ist zu Ende. Die Tür zum Spielraum geht auf, besorgt dreinschauende Eltern kommen heraus.
„Ich muss Schluss machen, sorry“ , mein Blick wandert wieder zu dem Poster. „Das Irren- äh, Affenhaus schließt.“
Was, wenn ich Daniel einfach nie von seinem Kind erzähle?
Im gleichen Moment kommt eine Schwangere in lila Latzhose Richtung Toilette gehuscht. Sie sieht mich, stoppt, kann es nicht fassen.
„Nora, du hier? Und schwanger, nää! Mensch, du hast dich ja verändert, naja, wir werden alle älter, so ein Zufall, du fandest Kinder doch immer den reinsten Horror?“ Sie fällt mir einfach um den Hals. Erst als ich ihren Knoblauch-Geruch einatme, fällt es mir wieder ein. Wir hatten uns im 1. Semester in München kennen gelernt. Und stimmt, ich fand Kinder damals Horror.
„Supi, du hast auch so dicke Elefantenbeine wie ich. Dieses Wasser, sagt meine Tante, geht ja nie wieder ganz raus. Knoblauch hilft, hoffe ich.“
„Ach Trudi, Zufälle gibt’s“, murmle ich schockiert und mir wird klar, dass ich Daniel ganz sicher noch mindestens 50 000 Mal in meinem Leben über den Weg laufen werde. Denn das Schicksal will es so. Und er muss kein Mathegenie sein, um sich auszurechnen, dass dieses niedliche Kind an meiner Hand, das exakt seinen sinnlichen Mund hat, das seine sein muss. Danke, Trudi für diese niederschmetternde Erkenntnis. Man trifft sich immer mehrmals im Leben. Ich muss es ihm sagen. Möglichst bald. Trudi muss ganz schnell „pullern“, ich soll ja warten, um die Handy-Nummern auszutauschen, aber ich warte nicht. Knoblauch-Trudi war mir damals schon peinlich, als sie die Typen anquatschte mit „Hey, meine Freundin steht auf dich, sie ist nur so schüchtern, weil sie eine Zahnspange hat, die stört aber nicht beim Knutschen.“
Sie hat gestört. Vielleicht war und bin ich aber auch einfach zu sensibel.
Zu Hause lege ich mich erstmal in die Badewanne und betrachte meine immer dicker werdenden Schenkel. Schwanger sein ist eine wirkliche Nervenprobe. Nie wieder wird sich ein Mann für mich interessieren, falls mich Tobias verlassen sollte, denke ich. Und schon dreimal kein jüngerer.
Was am Schwangersein dagegen großartig ist, das sind meine neuen, prallen Brüste. Meine neue, als Teenie so sehnlichst herbeigewünschte, Körbchengröße C, die ich von nun ab mit tiefen Ausschnitten üppig in Szene setzen werde.
Die Gerüstbauer auf meiner Baustelle werden begeistert sein. Tobias dagegen erkundigt sich am nächsten Morgen nur, ob ich nicht besser einen Schal anziehen will, „nicht, dass du dich verkühlst.“
Beim hektischen Espresso-Frühstück lege ich ihm den Prospekt einer Hebammenpraxis auf den Tisch.
„Sieh dir das mal an. Wir müssen dringend mit dem Geburtsvorbereitungskurs anfangen. Vermutlich sind wir eh schon wieder viel zu spät damit dran, … wie mit dem Kinderkriegen“, versuche ich einen Scherz.
Er sieht mich an und wirkt plötzlich sehr sehr nachdenklich.
„Ein Mutter-Vater-Kurs? Ich bin doch gar nicht … ich meine, ich komme dafür doch immer viel spät aus der Kanzlei.“
„Wolltest du jetzt etwa sagen, du bist nicht der Vater?!“
„Nein, natürlich nicht.“
„Wolltest du doch!“ Meine Stimme klingt plötzlich gereizt.
„Nora. Die Kurse fangen doch bestimmt alle um fünf an.“
„Pech gehabt. Der da ist um acht. Hier.“
Ich knalle ihm den esoterisch angehauchten Flyer auf die Untertasse, dass es scheppert.
Er starrt auf das Yin- und Yang-Symbol und schüttelt den Kopf.
„So ein Eso-Hechelkurs, das ist nichts für Männer.“
Ich sehe ihn fassungslos an, und in dem Moment klingelt sein Handy. Er nimmt dankbar ab, doch seine Stimme klingt sofort genervt.
„Mama … Was? Ja, ich habe Stress … Ja mit Nora. Wie kommst du darauf?“
Mein Blick wird noch fassungsloser, aber er lächelt jetzt.
„Schwangere Frauen sind eine tickende Zeitbombe - so, so, wem sagst du das. Es ging nur um einen Geburtsvorbereitungskurs. Mal ehrlich. Vater hat damals doch bestimmt auch keinen mitgemacht, oder?“
Er lauscht, aber die Antwort scheint ihm nicht zu gefallen.
Jetzt lächle ich. „Gib mal her.“
Ich ergreife sein Handy.
„Hallo Hilde. Und, hat Raimund oder hat er nicht?“
„Nora, Liebes, grüß dich“, flötet es aus dem Hörer. „Selbstverständlich hat er mitgemacht. Glaubst du, ich hätte ihm das durchgehen lassen?“
Ich liebe meine Schwiegermutter in spe. Tobias steht derweil auf und zieht seinen Mantel an. So kommt er mir nicht davon.
„Weißt du, Nora, Tobias ist manchmal etwas lasch, du musst ihm schon zeigen, wo’s lang geht.“
„Mach ich, Hilde, darauf kannst du dich verlassen. Tschötschö.“
Ich lege auf. Tobias will gerade gehen, doch ich pfeife ihn zurück wie ein Schiedsrichter einen kleinen Jungen im Trikot.
„Dein Handy, Schatz. Und Kuss.“
Tobias nimmt sein Handy und küsst mich hektisch auf den Mund.
„Du kannst ja nichts dafür, Schnecki. Du bist halt schwanger“, sagt er noch und lässt mich mit offenem Mund und saurem Aufstoßen zurück.

 

 

Zwei Stunden später steht Hilde auf der Matte. Elegant und nach Chanel Nr. 5 duftend wie immer. Sie hat einen Geburtsvorbereitungskurs für uns gebucht.
„Voilà!“
„Wie bitte?! Woher weißt du denn, wann wir Zeit haben?“
„Kindchen, du bist schwanger, du hast Zeit und mein Herr Sohn nur spät abends. Wie ich euch beide kenne, würde es bis nach der Geburt dauern, bis ihr euch für einen Kursus entscheiden könnt. Du, weil du zu der Kategorie Frauen gehörst, die notorisch entscheidungsschwach sind, und er, weil er sich gerne um so Dinge drückt. Tobias wollte schon als Kind nicht mit seiner Cousine Vater, Mutter, Kind spielen.“
„Was aber an seiner herrschsüchtigen Cousine lag, die immer wollte, dass er das Baby ist, hat er mir mal erzählt“, werfe ich in einer Atemholpause von Hilde ein, auch um meinen Liebsten zu verteidigen und nicht als unsensiblen Deppen dastehen zu lassen.
„Wie auch immer. Ihr braucht einen Schubs. Hier ist er.“
Ich sehe mir die Broschüre an. „Geburtsvorbereitung der Extraklasse. Aha.“
„Ein ganz normaler Kurs. Wenn du sonst irgendwie Unterstützung brauchst, ich habe mein Charity-Engagement eine Zeit lang niedergelegt, ich will jetzt ganz für meinen Enkel oder meine Enkelin da sein.“
Ich starre Hilde an. Sie weiß nicht, dass das da in meinem Bauch nicht wirklich ihr Enkel ist. Was, wenn sie es wüsste?
„Das ist aber lieb von dir“, beeile ich mich zu sagen. „Aber im Moment muss ich ja nur brüten.“
Sie lacht. „Kann ich mal das Kinderzimmer sehen?“
Ich fahre etwas zusammen, denn ich bin mir sicher, dass das Kinderzimmer im jetzigen Ist-Zustand bei Weitem nicht den Vorstellungen von Hilde entspricht.
„Es ist doch noch längst nicht alles fertig.“
„Eben drum. Ich kaufe gerne noch was ein. Na los, zeig schon.“
Und schon ist sie auf dem Weg nach oben. Deutlich langsamer folge ich ihr hoch und höre auch schon einen Entsetzensschrei.
„Kindchen, das geht aber nicht! Das Bett kann doch nicht am Fenster stehen. Das ist ein Südzimmer, wollt ihr, dass das Kleine in der Sonne verbrennt?!“
„Natürlich nicht. Wie gesagt, wir sind ja noch längst nicht fertig.“
Hilde nickt vielsagend. „Ihr habt ja wirklich gar keine Ahnung.“
Sie sieht sich noch mal um, zückt ihren Timer und macht sich eine Notiz. Neugierig spähe ich ihr über die Schulter, sehe aber nichts. Es ist übel, aber wahr.
Ich bin 39 und brauche eine Lesebrille!

 

 

Himbeersommer
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