- Beyer Anja Saskia
- Himbeersommer
- CR!Z59RA6ZCW910H1M4DF0WBY2Q2K8E_split_026.html
***
Hilde steht schon wieder vor der Tür.
„Kindchen, du siehst aber schlecht aus.“ Einer ihrer
Lieblingssätze. Ich frage mich jedes Mal, wie man als Frau nur so
unsensibel sein kann.
„Danke, du auch“, entfährt es mir
deshalb, und ich sehe sie schockiert über mich selbst an. Aber zum
Glück hat sie mir mal wieder gar nicht richtig zugehört. Sie
rauscht herein und betrachtet das unaufgeräumte Wohnzimmer, als
wäre es eine stinkende Müllkippe.
„Tut mir leid, Hilde, ich muss auf die
Baustelle.“ Eigentlich hätte ich noch eine halbe Stunde Zeit, aber
überhaupt keine Lust auf schwiegermütterlichen
Smalltalk.
„Kindchen, in deinem Zustand solltest
du jetzt wirklich kürzer treten.“
„In welchem Zustand?“
„Eine Schwangere auf einer Baustelle.
Da kann doch so viel passieren.“
„Du meinst, ein Dachziegel könnte
direkt auf meinen Bauch fallen?“
Sie sieht mich sauer an.
„Ich werde mit Tobias darüber reden.
Er verdient doch genug.“
„Darum geht es doch nicht. Das ist
mein Projekt. Ich bin Projektleiterin und will es bis zum
Mutterschutz so weit wie möglich …“
„Bis zum Mutterschutz?!“, unterbricht
sie mich in einer hysterischen Tonlage. „Du weißt schon, dass es
dann ein hyperaktives Kind werden kann?“
Ich sehe sie an, und die Tränen
steigen mir in die Augen. Das fängt ja gut an.
„Du hast doch auch gearbeitet, als du
mit Tobias schwanger warst.“
„Sicher, aber du siehst ja, was dabei
herausgekommen ist. Der Junge hat Hummeln im Hintern.“
„Stimmt. Aber das hat er von dir.“ Ich
lächle nett und schiebe sie dezent mit mir zur Tür. Hilde sieht
mich an, muss grinsen und gibt mir einen Knuff. „Du trägst das Herz
auf der Zunge, Kindchen. Das mag ich an dir.“
Mit einer Schwiegermutter in spe gut
klarzukommen, ist ungefähr so schwer, wie zweimal die Woche zum
Sport zu gehen, danach nicht beim
Bäcker einen Streuselkuchen zu kaufen, denn immerhin hat man ja 23
Kalorien verloren.
Bis jetzt war mein Verhältnis zu Hilde
ziemlich sportlich. Doch wenn das Kleine erst mal da sein wird,
fürchte ich, müssen wir einen neuen Oma-Fitnesstest
bestehen.
Magda, bei der ich noch schnell einen
Espresso trinke, bevor ich auf die Baubesprechung muss, grinst mich
an.
„Dein Leben wird sich um 360 Grad
ändern, Nora. Man kann es sich nicht vorstellen, wie krass das mit
einem Kind ist, aber es ändert sich einfach - alles. Und da ist das
Verhältnis zur Schwiegermutter noch der harmlosere Teil. Tausend
Mal schlimmer ist die Schuhgröße! Denk an deinen Schuhschrank,
kannste alle wegwerfen.“
Ich sehe sie blass an und vor meinem
inneren Auge fliegen meine braunen Lieblings-Gabor-Stiefel, meine
blauen Gucci-Pumps und alle anderen Schuhe einer nach dem anderen
aus dem Fenster und landen auf einer sonnigen Wiese.
„Du bist verrückt, ich schmeiß doch
meine Schuhe nicht weg!“ Ich glaube ihr kein Wort.
„Pro Kind eine Nummer größer, wenn
ich’s dir sage.“
„Verdammt, ich hab doch jetzt schon
42!“ Ich sehe Magda erschüttert an und starre dann auf meine großen
Füße. „Modelmaße“ hat meine Mutter immer gesagt. Um mich zu
trösten, als mich die Nachbarsjungen wieder mit meinen Entenfüßen
aufgezogen hatten. Aber in der Tat, die meisten Models haben
42!
Magda grinst. „42?! Oh, also, wenn du
noch ein Baby kriegst, hast du dann leider 44 und beim Dritten,
sorry, 45!“
„Sehr witzig. Ich werde ganz bestimmt
nicht noch ein Kind kriegen. Von Tobias mangels Spermienqualität ja
sowieso nicht und von Daniel … schon gleich dreimal nicht.“ Ich
starre meinen Bauch an und ahne, dass sich mein Leben in Kürze in
eine Naturkatastrophe verwandeln wird, die auf einer Richterskala
einfach nicht mehr zu messen ist.
Es ist Zeit für die Baubesprechung mit
Baltimore. Dabei habe ich immer noch keinen Künstler, der sich für
unser schmales Budget erwärmen konnte. Ich hetze los.
„Darling, Sie sind wirklich an
Lahmarschigkeit nicht zu überbieten“, empfängt er mich lächelnd.
„Und da schwangere, arbeitende Frauen immer als gleichwertig
behandelt werden wollen, ist der Fötus da drin auch keine
Ausrede.“
„Werter Herr Baltimore“, versuche ich
ruhig zu atmen wie ich es in meiner letzten Yoga-Stunde gelernt
habe. „Ihre Dreistigkeit ist nicht zu überbieten, und ich möchte
Sie hiermit bitten, sich von diesem Bauprojekt zurückzuziehen. Mit
Ihnen möchte keiner in dieser Siedlung wohnen. Und ich betone
keiner!“
Baltimore sieht mich verdutzt an, und
zum ersten Mal fällt ihm kein dummer Spruch mehr ein. Ich lächle
zuckersüß, raffe meine Unterlagen zusammen und gehe. Wenn ich eines
gelernt habe durch meine Schwangerschaft, dann ist es das: nicht
mit nervtötenden Leuten seine Zeit verschwenden. Denn das Baby im
Bauch spürt schlechte Stimmung. Und selbst wenn man nicht schwanger
ist: Es tut einem einfach nicht gut.
Gerade, als ich stolz über mich in
unsere Küche komme, um mir einen Schwangerschaftstee von Kräuter
Kühne aufzugießen, klingelt mein Handy.
„Werner hat mich versetzt, das
Riesenarschloch“, donnert mir Jacky entgegen. Im Hintergrund höre
ich wie immer quäkendes Babygeschrei, und ich muss gestehen, ich
verstehe ihn ein wenig.
„Also irgendwie ist das ja schon
komisch, dass Gregor so viel schreit“, versuche ich mich möglichst
nicht auf dieses „Männer-sind-alle-Schweine“-Niveau herunter zu
begeben (die einzige Ausnahme ist Baltimore), sondern die Ursache
psychologisch zu durchleuchten.
„Was willst du denn damit sagen?!“,
faucht Jacky mich an. „Dass es an mir liegt, dass Greggy ein
nervtötender Schreihals ist?! Weil ja immer die Eltern an allem
schuld sind und die alleinerziehenden Mütter sind ja sowieso die
Totalversager?!“
„Äh, nein, das wollte ich nicht sagen.
Aber jetzt mal ganz ehrlich. Irgendwie versteht man ja fast, dass
das einem Mann, der nicht der Vater ist, manchmal einfach … zu viel
ist. Egal wie toll die Frau auch sein mag.“
Pause, Pause, Pause am anderen Ende
der Leitung.
Wie verprellt man seine beste Freundin
in drei Sekunden?
„Aber Jacky, der kommt schon wieder“,
füge ich schnell noch hinzu. „Ich hab das Leuchten in seinen Augen
gesehen, wenn er bei dir ist.“
Jacky ist noch eine Sekunde still und
kichert dann. „Also ich würde das Geplärre anders herum keine
Milli-Sekunde mitmachen. Mist, jetzt hab ich einen unverschämt
teuren Babysitter über diese Halsabschneider-Agentur gebucht. So
kurzfristig absagen wäre fast gleich teuer. Kommst du mit, ich
wollte mit Werner tanzen gehen, in Clärchens Ballhaus in Mitte.
Bitte, bitte, Nora, so wie früher.“
Jacky und mich schweißt eine wilde
Vergangenheit zusammen. Wir waren die heißblütigen Königinnen der
Nacht. Lange vor Tobias. Damals waren wir fünf bis zehn Kilo
leichter und sonnengebräunt vom Herumliegen und Cappuccino trinken
im Monbijou-Park.
Tanzen? Warum nicht. Ich fühle mich
zwar im Moment eher müde und runzlig wie Queen Mum herself, aber
schwindlig ist mir ja eh schon, und dem Baby tut das Geschaukel
sicher auch gut.