- Beyer Anja Saskia
- Himbeersommer
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***
Der Abend wird ein Desaster. Der
Schweinebraten war 20 Minuten zu kurz im Ofen. Da Stuart richtig
Hunger hat, schneide ich den Braten auf und brutzele die
Fleischscheiben in der Pfanne an. Die Pfanne vergesse ich auf dem
Herd und die Scheiben verkohlen. Ich wende Trick 17 meines Vaters
an: Was verkohlt ist, lässt sich wunderbar panieren. So sieht man
nicht, was man da isst. Und Maggi sei Dank werden wenigstens die
Klöße richtig lecker.
Ich flunkere ein wenig, „das ist ein
Rezept meiner Mutter“.
„Mmhm, tatsächlich?“ Stuart scheint
zufrieden.
Und eigentlich ist es auch nicht
gelogen, denn die Klöße meiner Mutter wären aus dem Päckchen
gewesen, wenn sie denn mal Klöße gemacht hätte.
Meine Mutter stammt aus der Päckchen-
und Tütchen-Generation. Salatsauce Knorr Fix, Maggi Jägersauce,
Fisch à la Bordelaise. Sie findet es unter ihrer Würde, sich an den
Herd zu stellen.
Wie viele Geschmacksverstärker und
Konservierungsstoffe ich intus habe, will ich gar nicht wissen.
Erstaunlich, dass aus mir kein hyperaktives Neurodermitis-Kind
wurde.
Leider habe ich so nie Kochen gelernt.
Leider für Stuart. Er kaut auf dem zähen Bratenstück herum und ich
beobachte ihn dabei panisch. Jetzt rutscht die Panade zur Seite!
Doch nicht.
Tobias bringt unser Anliegen schnell
und nüchtern auf den Punkt.
„Sag mal, du weißt ja, wir wünschen
uns schon länger ein Kind – und in Noras Alter – du weißt schon,
klappt das ja nicht mehr so leicht.“
Hätte ich nicht gerade das Weinglas am
Mund, würde mir in dem Moment die Kinnlade nach unten fallen. Tut
sie auch. Doch sie wird vom unteren Glasrand
aufgefangen.
Sag jetzt nichts, Nora, er braucht das
für sein Ego, sagt meine innere Stimme zu mir.
Stuart kaut, nickt und wirft mir einen
bedauernden Blick zu. Tobias nimmt einen weiteren Schluck und kommt
zur Sache. „Und wir dachten, … ich meine wir sind ja alle moderne,
aufgeklärte Menschen … dass es vielleicht schneller geht, wenn Nora
sich das Sperma mit einer … Spritze einführt. Dein
Sperma.“
Stuart hustet lautstark los,
verschluckt sich und wäre um ein Haar als Spender ausgefallen, da
erstickt, weil er den verkohlten Bratenbissen in die Luftröhre
bekommen hat.
Doch dank meiner handfesten Art hilft
mein auf-den-Rücken-schlagen wunderbar. Als er sich wieder etwas
gefangen hat, quietscht er wie ein Meerschweinchen, stößt dann
hechelnd hervor. „Und wieso nicht dein Sperma, Alter?“
Tobias sieht mich todtraurig an. Es
bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich zu outen.
„Naja, weißt du, … ich hatte
Masern.“
Stuart versteht. Und ich
auch.
Die Tatsache, dass er keine Kinder
zeugen kann, hat Tobias` Selbstbewusstsein bis ins Mark
erschüttert. Stuart ist blass wie das moderne Gemälde an der
Wand.
„Und da habt ihr gedacht… Mann, ihr
seid ja echt abgefahren. Ehrt mich total. Also echt. Ich hab ja
wirklich tolle Gene …“
„Du kannst es dir ruhig noch mal in
Ruhe überlegen,“ sage ich rasch.
„Da gibt es nichts zu überlegen.“
Stuart sieht uns fest an. Tobias nimmt glücklich meine Hand, wir
strahlen uns an.
Doch das Strahlen
erstirbt.
„Ich bin ja nicht verrückt“. Stuart
schüttelt den Kopf. „Und da werdet ihr auch keinen halbwegs
normalen Typen für finden. Die Nummer ist so was von
Einlaufgefährdet. Da lebt dann so eine Göre von mir und ich hab
ständig das Gefühl, mich kümmern zu müssen. Nee
danke.“
„Musst du nicht.“ Ich versuche zu
retten, was nicht zu retten ist. „Naja, ab und an mal Babysitten“,
Tobias pfeift mich zurück.
„Nein, wirklich. Wenn er nicht will.“
Wir funkeln uns an. Schon gehen die ersten
Meinungsverschiedenheiten los.
Stuart steht auf, legt das Besteck
hin. „Ich lass euch dann mal allein. Bei euch ist ja eh schon
länger der Wurm drin. Wär eh nicht so gut, wenn ihr ein Kind
kriegt, solang ihr eure Probleme nicht gelöst habt.“
Das saß. Genau deshalb haben wir doch
unsere Probleme, will ich ihm ins Gesicht schleudern, aber ich
halte mich zurück. Was genau hat Tobias seinem Kumpel über uns
erzählt?
Kein Kind, zumindest bei starkem
Kinderwunsch – ist ein echtes
Beziehungs-Killerkommando.
Tobias und ich meiden an den nächsten
Tagen das Kinderzimmer.
Man sollte sich kein Haus kaufen,
bevor die Kinder nicht geboren sind. Es ist ein schlechtes Omen,
finde ich.
Und sicherlich auch Brad Pitt. Denn
Brad und seine Jennifer hatten damals, als die Ehe noch gut war,
„the room“. Ein bereits hübsch eingerichtetes, grün bemaltes
Kinderzimmer. Aber kein Kind weit und breit. Irgendwann, als sie
kein Grün mehr sehen konnten, haben sie sich getrennt. Es muss ein
Albtraum gewesen sein.
Die nächsten Tage reden wir kaum.
Tobias arbeitet bis Mitternacht und ich gehe shoppen - ohne Sinn
und Verstand. Ein brauner Mohairpulli beruhigt, die beige
Handtasche gibt Hoffnung und die blau-türkise Kette, tja, die
verbindet. Mich und Tobias. Denn so eine hat er mir in unserem
allerersten Urlaub, wir waren in Tunesien, geschenkt. Und die
passende Handtasche dazu. Bis dato wusste er nicht, dass ich 35
Handtaschen im Schrank habe.
Und ich bleibe an jedem Schaufenster
mit Kindersachen mindestens zehn Minuten stehen, bevor mir klar
wird, dass ich nie einen Strampler für mein eigenes Baby kaufen
darf.
Ich bin die gereifte Generation
Bridget Jones. War vor Tobias verzweifelt auf der Suche nach dem
Richtigen. Hatte meinen Rentiermann in ihm gefunden - und den gebe
ich nicht mehr her. Weil wir uns so perfekt verstehen, weil ich ein
echter Beziehungsmensch bin – und weil ich Respekt vor Tobias habe.
Und Respekt vor einem Mann zu haben ist gar nicht so einfach.
Frauen, die gerade ihren arbeitslos-frustrierten Hermann aufbauen,
wissen, wovon ich spreche.
Ich habe Respekt vor Tobias, und das
gelingt mir nicht bei vielen Männern. Tobias ist die perfekte
Mischung zwischen Frauenversteher und Macho. Richard Gere kommt dem
Ganzen recht nahe. Auch wenn ich Tobias` graue Schläfen betrachte.
Ich liebe ihn und ich werde nicht zulassen, dass Richard, ich meine
Tobias, und ich uns trennen.
Vermutlich ist es wirklich zu
unangenehm, in unserem privaten Bekannten- und Freundeskreis nach
einer Spermaprobe zu fragen.
„Haben Sie vielleicht ein Ei für
mich“, kam mir bei meinen Nachbarn ja schon immer schwer über die
Lippen, wenn ich spontan Pfannkuchen backen wollte.
„Was soll der denn denken?! Dass ich
unfähig bin, ordentlich einzukaufen?“, habe ich Tobias
gefragt.
Nein, es muss jemand sein, den keiner,
den wir kennen, kennt, den wir aber kennen, sonst könnten wir ihn
nicht fragen.
Und der aber trotzdem nett,
zuverlässig, verantwortungsbewusst, hochintelligent und wunderschön
ist. Nein. Er muss nur so verrückt sein, uns diesen „kleinen“
Gefallen zu tun.
Geld. Es geht alles mit Geld. Zum
einen steckt unser Geld aber in den italienischen, blauen Fliesen,
meinem extragroßen Einbau-Schuhschrank und diversen anderen
Sonderwünschen, ohne die mir mein Leben nicht lebenswert
vorkam.
Und zum anderen wären wir dann kurz
vor der Samenbankvariante. Und die, da gebe ich Magda recht, nicht
nur gruselig, sondern indiskutabel ist. Ein Vater meines Kindes,
der es nur des Geldes wegen „gezeugt“ hat, geht gar
nicht.
Das wäre ein Trauma für das
Selbstbewusstsein meines Nachwuchses, und wie lebenseinengend ein
mieses Selbstbewusstsein ist, sehe ich an mir.
Meine Mutter hat alles, also wirklich
alles versucht, mich zu einem selbstbewussten, forschen Menschen zu
erziehen. Sie hat mich mit einer Blume auf dem Kopf auf die Bühne
geschubst, hat mich in den Gitarren-Unterricht geschleppt und mich
Weihnachten vor versammelter Familie gezwungen, einen Song von
Janis Joplin zu singen. Ich wirke zwar nach außen straight und
tough, aber tief in mir drin sieht es aus wie in meinem
Kleiderschrank. Sehr durcheinander.
Und von wem ich die Veranlagung dazu
habe? Von meinem Vater. Einem etwas schusseligen Mann, der in
seinem Leben eindeutig zu viel gekifft hat und von meiner Mutter
überfordert war. Meiner extrovertierten Mutter mit ihrem „komm,
Mädchen, das steht dir nicht, dafür hast du zu breite Hüften“. An
solchen Tagen habe ich sogar den Schokoladenkuchen meiner Oma
abgelehnt. In der Hoffnung, schmalere Hüften zu bekommen. Oma
meinte immer, „ein gebärfreudiges Becken, das kannst du noch
gebrauchen“. Und meine Oma war eine kluge Frau.
Es kann doch nicht so schwer sein,
einen Samenspender zu finden?