- Beyer Anja Saskia
- Himbeersommer
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***
Der Audi fährt rasant vor unserem
Reihenhaus in der Himbeersiedlung vor und hält direkt vor der Tür.
Tobias sieht mich an und überlegt.
„Du kannst mit Lisa im Maxi-Cosi ja
schon mal reingehen, ich will noch schnell zur Tankstelle, ich
brauch jetzt ein Bier. Die Krombacher-Kiste ist alle, hab ich
leider erst gestern gemerkt.“
Ich sehe ihn an und zweifle an meinem
Verstand. „Hallo, ich bin ein unten aufgeschnittenes, blutendes
Huhn, das vor einer halben Stunde ein Monsterei herausgepresst
hat?!“
Tobias, der offensichtlich völlig
durch den Wind ist, tut sein Fauxpas natürlich sofort leid. „Oh
Gott, ja, sorry, Nora, ich bin ja auch wirklich ein
Riesenidiot.“
„Schon gut. Aber ein lieber.“ Ich bin
ihm so dankbar, dass er in dieser meiner schwersten Stunde meines
Lebens bei mir war.
Tobias hilft mir schnell aus dem Auto,
stützt mich und nimmt mit der anderen Hand den Kindersitz, in dem
Lisa friedlich schläft. Wir sehen sie an, das Mondlicht scheint und
Sterne glitzern am Himmel. Tobias gibt mir einen liebevollen Kuss -
und ich bin sehr sehr glücklich.
Die Nacht wird der reinste Alptraum.
Lisa schreit und schreit, und wir, die wir keine Ahnung von Babys
haben, weil wir 39 Jahre keine hatten und uns 37 Jahre nicht dafür
interessiert haben, kriegen sie nicht zur Ruhe. Ich schlafe völlig
erschöpft neben dem schreienden Kind ein und bin mir sicher, dass
mich Tobias am nächsten Tag verlassen wird. Wieso sollte sich ein
Mann das antun, noch dazu, wenn es nicht mal sein eigener
Schreihals ist.
Am nächsten Morgen kommt endlich meine
Hebamme Katja, die mich schon vor der Geburt betreut hat. Katja ist
eine 30-jährige Alleinerziehende, die von Männern die Nase
mindestens so voll hat wie Jacky. Ihrer hat sie geschlagen, und sie
hat das vier Jahre mitgemacht! Eine Tatsache, die ich nie verstehen
werde, und eigentlich hätte ich deshalb lieber eine andere Hebamme,
aber ich will Katja nicht auch noch weh tun.
Das Stillen klappt immer noch nicht,
und Katja hat viel zu tun, mich zu beruhigen. „Das wird schon. Das
hat noch bei allen Frauen geklappt.“ Sehr beruhigend.
Alarmiert rufe ich Magda an, und sie
kommt sofort vorbei.
„Wann soll ich Daniel von der Geburt
berichten?“, bricht es aus mir leise heraus, während sich Katja vor
der Schlafzimmertür mit Tobias über die perfekten Windeln
unterhält. Pampers Baby Dry, oder doch besser Moltex Öko
…?
„Auf keinen Fall jetzt. Du musst
erstmal zu dir kommen. Der errechnete Geburtstermin ist doch eh
erst in einer Woche“, zischt mir Magda zu.
„Ich kann es ihm doch nicht eine Woche
nicht sagen?!“ Ich sehe sie hilflos an,
wie ein Hundewelpe seine Mama.
„Was sagt Jacky denn
dazu?“
Jacky! Oh mein Gott, ja. Ich habe
meiner besten Freundin noch gar nicht gesagt, dass ich Mutter bin.
Mutter! Ich bin Mutter! „Sie weiß noch nichts. Aber sie ist ja eh
komplett Anti-Daniel.“
„Dann ruf doch erst mal sie an und
Daniel in einer Woche.“ Magda sieht mich ernst an. „Du bist jetzt
im Wochenbett und musst dich erholen und ganz auf dein Kind und das
Stillen konzentrieren. Eine Freundin von mir hat sich viel zu früh
zu viel zugemutet und war dann noch mal im
Krankenhaus.“
Erneut bei diesem Chauvi Meyer-Geulen
oder dem zungengepiercten Assi mit seinen anzüglichen Bemerkungen,
das halte ich nicht aus. Darum nicke ich und lasse Magda
entscheiden. Daniel soll von der Geburt seiner Tochter vorerst noch
nichts wissen. Ich bekomme eine Schonfrist und fühle mich wie ein
Blatt im Herbst, das auf die Erde segelt. In der Gewissheit, dass
es sehr bald sehr hart landen wird.
Doch wie soll man sich schonen, wenn
sich aufgeregte Omas die Klinke in die Hand geben, aber nicht im
Haushalt helfen, sondern warten, bis der Kaffee serviert wird?
Zumindest Tobias` Mutter Hilde, die eine feine Lady ist, würde nie
auf die Idee kommen, mal einen Berg Wäsche für mich zu waschen. Und
ihr Sohn, der es leider gewohnt ist, dass ich das mache (es hat
sich in den Jahren so eingeschlichen, auch wenn ich das als
halbwegs emanzipierte Frau nie wollte), genauso wenig. Wenn Tobias
sieht, dass der Wäschepuff überquillt, hängt er seine alten
Unterhosen eben über die Heizung.
Und meine Mutter, die selbst ziemlich
chaotisch ist und ganz sicher nicht die perfekte Hausfrau,
überhäuft mich nur mit Büchern wie „Eine Ehe hält kein ganzes
Leben“, oder „Nach den Kindern ging alles bergab“.
Jacky hat mir zur Geburt zwar am
Telefon gratuliert, aber sie war noch nicht da. Gregor sei total
verschnupft, und sie will Lisa nicht mit diesem fiesen RS-Virus,
einem Schnupfenvirus, anstecken, der für Neugeborene
lebensgefährlich ist. Eine Freundin von ihr war deshalb eine Woche
auf Intensiv mit ihrem Baby.
Das alles, der ungewohnte, krasse
Schlafmangel, Daniels ständige SMSe, die ich einfach nicht mehr
beantworte, und vor allem die Tatsache, dass das Stillen immer noch
nicht klappt, bringen mich an den Rand des
Nervenzusammenbruchs.
Hilde ist der festen Überzeugung, dass
ich nur nicht stillen will, um meine
Brüste nicht zu ruinieren.
„Das stimmt nicht, Hilde, natürlich
würde ich meinem Kind am liebsten das Allerbeste
geben.“
„Sogar Adoptivmütter können stillen“,
kontert sie, und ich weiß, das Gleiche steht in diesem Stillbuch,
das ich am liebsten in der Spree versenken würde.
„Eine Frau, die ihrem Kind keine
Muttermilch geben kann oder will, ist keine richtige Mutter.“ Hilde
sagt das ungeniert, während sie mit gespreiztem Finger in ihrem
Espresso rührt. Dabei beobachtet sie Lisa verzückt, als wäre sie
ein neugeborenes Eisbärbaby im Zoo, anstatt sie auch nur ein Mal
auf den Arm zu nehmen.
Stillterror vom Feinsten. Meine Tränen
fließen, nur die Milch nicht, und ich komme mir vor wie eine
Milchkuh, die mit der Milchpumpe gemolken wird. Jede Stunde müssen
meine Brüste an die Pumpe, und stets sind es nur ein paar
lächerliche, mich verhöhnende Tropfen. Woran das liegt, vermag mir
keiner zu sagen. Vielleicht an einem fehlenden Hormon, vielleicht
an der Tatsache, dass ich zu alt bin, und es gewagt habe, mit einem
so viel jüngeren Mann zu schlafen?! Meine Gedanken drehen sich im
Kreis. Ich sehe die leuchtende, grüne Lampe über mir an und
erinnere mich dunkel, wie grün sie war, die Hoffnung.
Wieder ein Anruf von Daniel und wieder
geht meine Mailbox ran.
Ich höre sie ab. „Nora, wie geht es
dir, ich freue mich schon so auf unser Baby! Bitte ruf mich zurück
und auf jeden Fall, wenn du die allererste Wehe spürst. Wie gern
würde ich dich und deinen wunderschönen Bauch jetzt in meinen Armen
halten.“
Lisa schreit und ich würde es am
liebsten auch tun. Tobias kommt, nimmt sie liebevoll heraus und
gibt ihr die Flasche. Ich sehe die beiden an und verkrieche mich
unter der Decke.
„Weißt du eigentlich, dass ich auch
ein Flaschenkind war?“, höre ich Tobias` Stimme dumpf in meiner
Höhle.
Ich schlage die Decke zurück und sehe
ihn fassungslos an. „DU warst ein Flaschenkind?! Wieso hackt dann
deine Mutter ständig auf mir herum, dass ich nicht stillen
kann?!“
„Was?! Das tut sie?!“ Tobias, der
offensichtlich immer gerade dann nicht im Raum war, kann es nicht
fassen. „Das ist wieder so typisch Mutter. Immer die Ärztemeinung,
die gerade angesagt ist, vertritt sie selbst, als wäre es die ihre.
Damals in den 60ern war das Flaschegeben üblich, da hat man maximal
sechs Wochen gestillt. Wenn überhaupt.“
Und plötzlich geht es mir schon
wesentlich besser. Tobias setzt sich mit Lisa im Arm zu mir und
gibt mir einen Kuss. „Wir drei, wir schaffen das
schon.“
Und ich hoffe so sehr, dass er recht
hat.
Der eigentliche Geburtstermin naht,
und Daniels Freude und meine Panik sind nicht mehr zu zügeln. Da
ich auf seine wildromantischen SMSe gar nicht, beziehungsweise nur
sehr spärlich antworte, steht er plötzlich vor der Tür. Ich sehe
sein ebenmäßiges Gesicht vom Kinderzimmerfenster aus, aber er sieht
meines nicht, zum Glück. Denn zwischen Milchpumpe und
Folgemilch-Anrühren habe ich mir eine Anti-Stress-Maske von Alterra
aufs Gesicht geklatscht. Atemlos lehne ich mich rücklings an die
Bärchen-Tapete und fühle mich wie ein weißer Zombie im
Jogging-Anzug. Denn ich weiß: Die schlaflosen Schreinächte haben
die Falten um meinen Mund zu tiefen Kratern werden
lassen.
Wieder klingelt er Sturm und mein Herz
rast.
Hoffentlich kommt Tobias, der nur kurz
Milchpulver holen wollte, jetzt nicht nach Hause, denke ich und
zähle bis hundert: … 58, 59, 60 .
Daniel geht und Tobias kommt. Ob sie
sich vorne am Weg noch begegnet sind, lässt sich Tobias nicht
anmerken.
Er gibt mir allerdings keinen
Kuss.
„He, krieg ich keinen Kuss“, versuche
ich normal zu klingen und will ihn umarmen, doch Tobias wehrt
ab.
„Ich küsse keinen bröckelnden Quark“,
sagt er nüchtern und schleudert seine Schuhe in den
Flur.
Natürlich, meine Gesichtsmaske, die
hatte ich ja ganz vergessen. Ich sehe in den Spiegel, sie bröckelt
tatsächlich. Und unsere Beziehung? Gibt es da auch schon Risse, die
kaum noch zu kitten sind? Tobias gibt sich wirklich Mühe, aber er
gibt sich weniger mit meiner Süßen ab, als ich mir das in meinen
schwangeren Träumen von unserer kleinen Happy family so vorgestellt
habe. Oder bilde ich mir das alles nur ein? Vielleicht wäre er die
erste Zeit bei unserem eigenen Baby ja genauso lange im Büro
geblieben?
Tobias, der heute auf mein Drängen
einen Home-Office-Tag genommen hat, sitzt vor seinem Notebook und
checkt seine Mails. Ich betrachte ihn, wie er konzentriert auf den
Bildschirm starrt und seine hohe Stirn angespannt runzelt. Dann
sehe ich mir Lisa an, die endlich mal zwei Stunden am Stück schläft
und bete, dass sie später mir und nicht Daniel ähnlich sehen wird.
Denn wie könnte Tobias sie wirklich lieben, wenn sie ihrem Erzeuger
wie aus dem Gesicht geschnitten ist?!
Ich wasche meine Gesichtsmaske ab,
creme mich ein und setze mich fettglänzend zu Tobias an unseren
großen Esstisch, an dem mindestens eine Familie mit vier Kindern
Platz hat.
„Tobias, ich muss mit dir
reden.“
Genervt sieht er mich an. „Nora, was
ist das denn jetzt für Zeug, du glänzt wie eine eingeölte Pfanne.
Und abgesehen davon, du siehst doch, dass ich
arbeite.“
„Schon, aber es ist wichtig. Und das
mit der alten Pfanne nimmst du zurück.“
Er seufzt. „Ölig, nicht alt. Also, was
gibt es?“
„Wir müssen …, ich muss …, also
wir müssen Daniel endlich sagen, dass
Lisa schon auf der Welt ist.“
Tobias starrt mich an, als hätte ich
gesagt: „Schatz, weißt du eigentlich, dass ich mit dir noch nie
einen Orgasmus gehabt habe?“.
„Das ist dein Ding. Ich halte mich da
raus“, sagt er leise, und ich habe das schreckliche Gefühl, dass er
sich am liebsten aus allem hier raushalten würde.
Er steht auf und Lisa schreit. „Ich
muss mich jetzt wirklich konzentrieren, ich geh ins Büro. Einer von
uns beiden muss ja das Geld für das Haus verdienen.“ Und weg ist
er.