***

 

Daniel nimmt mich am Abend liebevoll in den Arm und aller Frust ist vergessen.
„Du Arme, wenn dieser Idiot so weitermacht, dann kündigst du sofort, versprochen?“
„Ach, der war vorher auch nicht ganz so schlimm, der kriegt sich schon wieder ein.“
„Vor was?“
„Na, vor Lisa. Chefs sehen in Frauen, die gerade Kinder gekriegt haben, nur eine Milch gebende Mutterkuh. Jackys Worte.“
„Ich fürchte, da hat sie recht.“
„Ach nein, der frisst mir bald aus der Hand, du wirst schon sehen.“

 

Am nächsten Morgen schallt es wieder aus dem Chefbüro: „Frau Blume, könnten Sie mir und meinen Gästen bitte Ihren köstliche Latte machen?!“
Ich sehe Benni an und bin stinksauer. „Der will es nicht anders.“
Er grinst. „Hoffentlich findest du noch genügend Staub in der Kaffeeküche.“
Und ich nicke und lächle, denn ich habe eine noch schönere Idee. Benni sieht mich amüsiert, erwartungsfroh an. „Du hast doch noch was vor? Und was?“
„Das wirst du schon sehen.“
Ich stehe auf, bereite genüsslich den Kaffee zu, stelle die fünf Latte-Gläser auf ein Tablett; Milch und braunen Zucker dazu, würze mit einer großen Prise Staub und balanciere das Ganze in den Besprechungsraum. Der Alte sitzt da mit fünf arrogant blickenden Kunden. Es geht um einen neuen, wichtigen Auftrag (was ich erst hinterher erfahre, muss ich zu meiner Verteidigung gestehen).
„Danke, Frau Blume. Stellen Sie sie bitte da hin.“
Die anderen Herren ignorieren mich, da ich ja ganz offensichtlich nur die Kaffeetante bin. Oh ja, ich bin emanzipiert und habe gerade deshalb ein Problem damit, Kaffee zu bringen. Zumindest Männern wie dem Alten.
Und schwupps kippeln die Latte-Gläser gefährlich auf meinem Tablett herum, und durch einen kleinen, unauffälligen Schubs fallen vier ganz um und landen auf diversen Anzughosen.
„Aaaah, sind Sie wahnsinnig, meine Eier!?“, schreit der Alte auf. Und einer der Kunden, deren Chef, japst ebenso laut. „Verdammt noch mal, was haben Sie hier denn für Personal?!“
„Das tut mir jetzt aber soo leid“, stammle ich gespielt reumütig, und ein Blick des Alten sagt mir, dass er verstanden hat. Und ich hoffe, dass er und seine Eier es sich für immer werden merken können. Nicht mit der Blume!

 

Natürlich hat mir die ganze Aktion nichts gebracht. Zumindest kein eigenes Projekt. Dafür aber Genugtuung und Freude. Und den Kaffeekochjob bin ich los. Pünktlich wie ein Buchhalter mache ich jeden Tag meinen Computer aus (das ist der Vorteil, wenn man keine Projektverantwortung trägt) und hetze zur Kita. Lisa ist mitten im Spiel und ignoriert mich. Na toll. Auf der anderen Seite bin ich froh, dass sie sich doch so wohl fühlt hier. Sie mag partout nicht mit, und ich beobachte sie verzückt, wie sie einem Jungen eine Erdbeere zeigt. Der Vorteil der großen Ost-Kita ist, dass es einen riesigen, wunderschönen, altgewachsenen Garten gibt. Und ich bin froh, hier bei der liebevollen, vollbusigen Sabine, Lisas Erzieherin mit einem seltenen Kleidungsgeschmack, gelandet zu sein und nicht in einer dieser Elterninitiativ-Kitas, die in einer dunklen Erdgeschoss-Altbauwohnung untergebracht sind, wo die Erzieherinnen hippe Tattoos und bauchfrei tragen und wo es keinen eigenen Hof oder Garten gibt. Mal abgesehen davon, dass ich auf Kitaputzen am Wochenende auch so gar keine Lust habe.
Ich denke an unseren schönen Garten in der Himbeersiedlung und an Tobias, wie er da alleine, oder vielleicht schon mit Patrizia von und zu, auf unserer Terrasse sitzt. Wie sie ihre schlanken, braungebrannten Beine, an der kein einziger Besenreiser zu sehen ist, in die Sonne streckt, und mein Magen zieht sich zusammen auf die Größe einer vertrockneten Pflaume.

 

Am Abend bringt Daniel Dörrpflaumen-Mousse aus dem Bistro mit, und ich starre ihn missmutig an.
„Was hast du denn?“, will er besorgt wissen.
„Nichts.“
„Ach komm, ich seh’s dir doch an. Hab ich irgendwas falsch gemacht?“
„Nein, hast du nicht!“
„Aber irgendwas hast du doch, Bella.“
„Mein Gott, ich will halt einfach mal nichts reden, okay?“
„Nicht okay. Weil, wenn du nichts reden willst, dann ist Holland in Not. Ist es, weil ich Lisa heute Nacht nicht in unserem Bett haben wollte?“
„Nein, Herrgott. Jetzt red dir doch nicht immer ein, dass du irgendwas falsch gemacht hast, das ist ja furchtbar. Muss an deinem Alter liegen.“
Daniel sieht mich traurig an. „Bisher hattest du kein Problem mit meinem Alter.“
„Hab ich auch nicht. Und du mit meinem?“ Ich weiß, dass ich ungerecht und unausstehlich bin, aber ich kann es einfach nicht abschalten.
Er schüttelt lächelnd den Kopf, nimmt mich in den Arm, hält mich ganz fest, streichelt meinen Nacken und haucht: „Ich liebe dich, Nora. Wie wär’s, wenn wir am Samstag mal wieder so richtig schön ausgehen. Das haben wir seit Lisas Geburt nicht mehr gemacht.“
Ich sehe ihn etwas ruhiger an. „Ausgehen?“
„Ja, wir essen im Bistro eine köstliche Kleinigkeit und gehen dann tanzen. In Kreuzkölln hat ein neuer Club aufgemacht.“
„Ein Club? Lassen die mich da überhaupt noch rein?“
Er lacht. „Du bist unglaublich. Natürlich.“
„Und Lisa?“
Er sieht mich an, als habe er diese kleine Winzigkeit vergessen. „Wir finden schon einen Babysitter.“
„Irgendeiner, das geht nicht. Wie stellst du dir das vor? Wenn sie denjenigen nicht kennt, kriegt sie Angst und schreit.“
„Ach was. Lisa ist cool. Sie kommt nach dir.“
Ich sehe ihn genervt an. „Daniel. Man kann so ein kleines Kind nicht irgendjemandem in die Hand drücken und gehen. Ich mache das nicht. Man muss sie an die Person langsam gewöhnen. Und das kostet alles. Und so viel Geld haben wir im Moment nun auch wieder nicht.“
Er wirkt nicht gerade begeistert. „Also gut. Ich bekoche dich heute Abend und wir machen es uns wieder hier gemütlich.“
„Daniel, du bist süß.“
„Und du süßer.“ Er knabbert an meinem Ohr und beißt aus Spaß hinein.
„Kann denn deine Mum nicht mal babysitten?“, fängt er wieder an.
„Meine Mum hetzt vom Kundalini-Yoga zur Meditationsstunde und zum Bio-Laden. Sie hat keine Zeit für so was. Und genug Windeln in ihrem jetzigen Leben gewechselt. Das reiche für ihre drei nächsten Leben als Ameise, Maus oder Kuh auch noch, hat sie gesagt.“
Hilde hätte es gemacht, denke ich, aber da sie von Tobias zwischenzeitlich weiß, dass Lisa nicht ihr Enkelchen ist, leider auch nicht mehr. Sie hat sich bei mir seit unserer Trennung kein einziges Mal gemeldet. Enttäuschend.
Und Daniels Eltern sind leider beide schon tot. Sie sind bei einem Autounfall in den Bergen ums Leben gekommen, als er 14 war. Daniel ist damals sofort in die Schweiz gefahren, um sie ein letztes Mal zu sehen. Aber sie waren so zerquetscht, dass er sie nicht mehr erkannt hat. Es muss furchtbar gewesen sein. Ich nehme ihn beschützend in den Arm und hege plötzlich auch für ihn mütterliche Gefühle - und das schockiert mich.
Am Samstag schicke ich Daniel alleine in einen Club, und ich bleibe mit Lisa zu Hause.
„Du darfst diesen Mann nicht einsperren, Nora“, hat meine Mutter am Telefon gesagt. „Gerade die jungen Männer, die kommen nicht damit zurecht, plötzlich gar nicht mehr ausgehen zu können.“
„Ja, Mum. Mach ich schon nicht. Ich bin ja kein Anfänger“, habe ich geantwortet und mich überwunden und Daniel gefragt, ob er alleine gehen will.
Die Antwort hat mich etwas verletzt. „Klar, endlich mal wieder raus“, hat er gesagt und sich gleich geduscht und chic gemacht.
Jetzt sitze ich also zu Hause und stelle mir vor, wie er von Anfang 20-jährigen, bauchfreien, gertenschlanken Mädels angebaggert wird und mit ihnen eng umschlungen tanzt. Denn ich weiß ja, er tanzt fürchterlich erotisch!
Lisa schläft auch schlecht, und ich hole sie in unser Bett und schmuse mich an sie. Es ist schon zwei Uhr, und Daniel ist immer noch nicht zurück. Lisa patscht ihre kleinen Händchen auf mein Gesicht und streichelt es und ich bin wieder glücklich.
Und mir wird klar, dass ich auf jeden Fall arbeiten muss. Auch, damit wir uns bald einen Babysitter leisten können, denn zusammen ab und zu ausgehen ist für eine Beziehung extrem wichtig.
Daniel kommt um vier Uhr nach Hause, legt sich leise zu uns ins Bett und riecht nach Alkohol.

 

Leider macht mir mein Job kaum noch Spaß. Der Alte lässt mich zwar keinen Kaffee mehr kochen, aber Projektverantwortung überträgt er mir auch keine. Und das, wo ich mit 39 doch endlich vor meinem Durchbruch stand. Karriereknick, ich komme!
„Frau Blume, haben Sie die Kopien für die Müllentsorgungsfirma zur Hand?“
Da macht es gerade Pling, und ich starre auf meinen E-Mail-Posteingang, es ist eine Mail von Tobias!
„Nein, hab ich nicht“, ruf ich dem Alten zu, wohl wissend, wo die Kopien liegen, und lese hastig, was mir Tobias schreibt.
„Liebe Nora, denkst du an die Überweisung für die Hausversicherung? Meinen Anteil habe ich schon überwiesen.“
Ich starre den Computer an, als wäre er eine fleischfressende Pflanze, die ihre Greifarme nach mir ausstreckt.
Benni kommt gerade an meinem Arbeitsplatz vorbei, sieht mir über die Schulter und echauffiert sich. „Sag mal, spinnt der, er wohnt doch alleine in eurem Haus, da kann er ja wohl die Hausversicherung alleine zahlen!“
Ich starre Benni an und werde sauer. „Was fällt dir ein, meine Mails zu lesen!?“
„Sorry, aber, das sprang mir so ins Auge …“
„Und ich spring dir gleich ins Gesicht! Was Tobias mir schreibt, das geht dich überhaupt nichts an! Und ich finde es völlig okay, von allem die Hälfte zu zahlen, das haben wir nämlich so ausgemacht.“
„Ist ja gut, ist ja gut, Nora, ich wollte doch nur, dass du dich von dem Herrn Anwalt nicht übern Tisch ziehen lässt.“
„Tobias würde mich nie übern Tisch ziehen, er ist ein herzensguter Mensch, er würde nie …“ Ich breche in Tränen aus. Benni versucht, mich sofort, bestürzt, zu trösten.
„Nora, ach Mensch, tut mir leid, ich bin aber auch ein Holzkopf manchmal. Was ist denn, läuft’s mit Dani doch nicht mehr so gut?“
Ich schluchze etwas vor mich hin und schüttle den Kopf. „Es ist dieser langweilige Job. Ich hasse Ablage machen. Ich will endlich wieder was für meinen Kopf! Wenn sich nicht bald was ändert, da mach ich doch lieber ein Mütter-Café auf, da hab ich wenigstens keinen Chef wie den Alten!“
In dem Moment geht die Tür des Chefbüros auf, und Gräbner kommt mit einem strahlenden Lächeln auf mich zu.
„Frau Blume, Sie weinen ja. Ach Gottchen.“
Benni reicht mir dezent ein Taschentuch und ich rotze hörbar rein. „Tu ich nicht“, sage ich mürrisch, „das ist der Pollenflug.“ Der Alte sieht verwirrt zum Fenster, das geschlossen ist.
„Ich bin allergisch gegen … alles hier“, setze ich hinzu.
Der Alte übergeht das und strahlt erneut.
„Frau Blume, ich habe eine Überraschung für Sie.“
„Eine Überraschung? Ihre Überraschungen kenne ich. Soll ich die Regale in Ihrem Büro abstauben oder was? Eine Stauballergie habe ich übrigens auch.“
Er lächelt. „Besser.“
„Noch besser?“ Ich sehe Benni fragend an. Der zuckt die Schultern, weiß offenbar von nichts.
Der Alte winkt die Kollegen her, um seine Neuigkeit gleich vor allen zu verkünden. „Ich habe gerade einen Anruf von ‚Architektur Online’ bekommen. Sie wissen ja, dass die gerade Marktführer am Fachzeitschriften-Himmel sind.“ Er macht eine bedeutungsschwangere Pause. Mir wird etwas flau im Magen, wie immer, wenn ich denke, irgendwas falsch gemacht zu haben.
„Unsere großartige Frau Blume hier hat als Architektin und Projektleiterin für die Himbeersiedlung einen Preis gewonnen!“
Allgemeines Geraune der Kollegen, neidische, aber auch erfreute Blicke treffen mich. Ich sehe Gräbner fassungslos an. Ich, Nora Blume, eingebildete talentfreie Zone seit ihrer Geburt, soll einen Preis gewonnen haben? Für die vielen Fehler, die mein Kollege gerade so noch ausmerzen konnte?
„Das Kunstobjekt Kind und Familie wurde besonders hervorgehoben. Die Himbeersiedlung wird in ‚Architektur Online’ als die Vorzeigeanlage für junge Familien gehandelt.“
„Wow, cool, Nora“, freut sich Benni, „herzlichen Glückwunsch!“
Und auch die anderen Kollegen beeilen sich, mir zu gratulieren, auch wenn ich in ihren Mienen eher Unverständnis ablesen kann.
„Frau Blume“, wendet sich Gräbner an mich. „Ich habe ja gleich gesagt, dass Sie Talent haben.“
„Talent, Kaffee zu kochen, hatten Sie gesagt“, entfährt es mir. Allgemeines Gelächter der Kollegen.
„Und Humor haben Sie auch“, lächelt Gräbner nachsichtig. „Sobald ein neues Projekt ansteht, können wir darüber reden.“
„Ach, jetzt doch“, erwidere ich, taktisch nicht besonders klug. Er sieht mich nun leicht verschnupft an, besinnt sich aber und scheint angesichts des Preises für sein Büro besänftigt. „Die Preisverleihung findet übermorgen statt. Ich werde natürlich dabei sein. Es wird viel Fachpresse kommen. Unser Büro wird in aller Munde sein.“
Alle klatschen. Ich verbeuge mich aus Reflex (so wie ich es als Biene Maja auf der Bühne als Kind damals getan habe) und freue mich riesig. Ich habe einen Preis gewonnen, und das ich, die ich noch nie in meinem Leben eine Auszeichnung oder Belobigung irgendeiner Art bekommen habe. Es muss an dem Kunstobjekt liegen, denke ich, und das war Daniels glorreiche Idee. Ich schicke ihm sofort eine freudige SMS, dass ich dank ihm gewonnen habe, aber er scheint die SMS nicht zu sehen, er antwortet nicht.
Und dann frage ich mich das, was sich Benni auch fragt. „Wie sind die eigentlich auf die Himbeersiedlung gekommen?“, will er wissen, und ich zucke die Schultern.
„Keine Ahnung. Also ich habe die Fotos nirgends herumgeschickt.“
„Das sieht dir auch nicht ähnlich, Nora. Du bist immer viel zu bescheiden.“ Er geht wieder an seinen Schreibtisch, der meinem gegenüber steht, zurück.
„Findest du?“
„Ja. Typisch Frau wahrscheinlich. Zumindest ist meine Petra genauso. Deshalb gibt’s ja auch nicht so viele von euch in den oberen Etagen.“ Er sieht mich forschend an. „Du gehst aber schon hin zu dieser Preisverleihung, oder?“
„Ähm, wieso nicht?“
„Na weil der Alte so was meinte, wie, reicht ja, wenn er hingeht. Die Blume ist eh nicht so fotogen.“
„Was?! Das hat er gesagt?“ Ich sehe meinen Kaktus an und beschließe, einen neuen zu kaufen. Einen aufrechten, größeren, stattlichen, mit seehr langen Stacheln.
„Ich gehe da hin, da kannst du Gift drauf nehmen.“
Benni lächelt und nickt zufrieden.

 

Dann sehe ich mir im Internet den Artikel genauer an. Ein paar hübsche Fotos der Himbeersiedlung zieren den überaus löblichen Bericht. Ich erkenne Magdas Haus, das Piratenschiff, und da ist unser wunderschönes Haus, mit … Moment mal, wessen Bein ist das denn da am Rand? Ich nehme eine Lupe aus meiner Schreibtischschublade, in der ein chaotisches Durcheinander herrscht, und nähere mich damit dem Bildschirm. Ein elegantes, schlankes Bein in beigen Pumps ist am rechten Rand des Bildes zu sehen. Und ich identifiziere es eindeutig als … Patrizias Bein! Ich sehe Benni stinksauer an.
„Die hat sich da wirklich schon eingenistet!“
„Was?“
„Die Von-und-zu-Kuh!“
„Von wem redest du?!“
„Ach egal. Jetzt weiß ich wenigstens, wer die Fotos zu dem Bericht gemacht hat.“
„Und wer?“
„Tobias!“
„Tobias? Wow.“
„Wieso wow?!“
„Na, wenn er die Fotos gemacht hat, dann steckt er dahinter. Dann hat er der Redaktion den Tipp gegeben. Weil er wollte, dass du berühmt wirst.“
„Was?“, reagiere ich lahm, und so langsam sickert die Kunde in mein Kleinhirn. „Woow.“
Benni grinst. „Er liebt dich noch, Nora. Wenn ich’s dir sage.“
Ich sehe ihn blass an. „Woher willst du denn das wissen?“
„Weil ich ein Mann bin. Und zwar kein Chauvi-Typ wie der Alte, sondern ein netter, aber auch cooler, wie Tobias. Einer, den die Frauen mögen, wenn sie’s denn mal endlich kapiert haben.“ Er grinst noch mehr.
Warme Strömungen durchfluten meinen Körper, und mir wird sehr sehr warm ums Herz. Tobias hat DAS für mich getan?
Und plötzlich habe ich wieder ein untrügliches, starkes Gefühl -Hunger. Ich beiße in mein mitgebrachtes Tomate-Mozzarella-Brötchen, lehne mich zurück und lächle versonnen vor mich hin.
Da kommt eine SMS von Daniel. „Wahnsinn, gratuliere, Bella. Lass uns das heute Abend bei einem köstlichen Mahl feiern. In Liebe, Daniel.“
Aber ich bin satt und habe keinen Appetit mehr.
Nachdenklich mache ich mich an meine Arbeit und würde am liebsten nach Hause, ich meine natürlich in unser altes Haus, zu Tobias fahren. Tolle Idee, Nora, sagt mein Großhirn zum Kleinhirn. Und was, wenn er es gerade mit den zwei schlanken Beinen auf UNSEREM roten Flokati treibt?!

 

Auf dem Nachhauseweg mache ich kehrt und fahre bei Jacky vorbei. Nachdem ich Jacky alles erzählt habe, sieht sie mich sehr ernst und sehr ruhig an.
„Nora, er liebt dich noch.“
„Ihr macht mich alle wahnsinnig.“
„Wer ist wir?“
„Benni und du.“
„Sagt er das Gleiche?“
„Mmhm.“
„Na also“, juchzt Jacky auf. „Und er ist ein Mann. Weißt du nämlich, was wir immer falsch gemacht haben, bei den Männern, wir zwei?!“
„Vermutlich alles. Was genau meinst du?“
„Wir haben immer versucht, die Aussagen oder Taten eines Mannes zu interpretieren. Aber das geht nicht!“
„Weil sie nicht wissen, was sie tun?“
Sie schüttelt lachend den Kopf. „Weil es Männer sind! Wir hätten einfach einen Mann fragen sollen. Wenn ein Mann zum Beispiel sagt: Ich rufe dich an. Dann heißt das, dass er nicht anrufen wird. Wenn er es nämlich vorhat, dann macht er es, und sagt es nicht an. Gott, was mir Werner alles klar gemacht hat über meine Ex-Typen!“
„Du hast mit ihm deine ganzen Ex-Affären durchgehechelt?“
„Klar. Mit Werner kann ich über alles reden. So wie du mit Tobias … damals.“
„Das hast du doch jetzt extra gesagt. Jacky, ich kann mit Daniel auch alles bereden.“
„Ach ja? Hast du ihm von deinen neuen Altersflecken auf den Händen erzählt? Und dass deine Wangen an der Seite etwas schlaffer werden in letzter Zeit?“ Sie sieht mich herausfordernd an.
„Das muss ich ihm ja nicht auf die Nase binden, er hat ja Augen im Kopf.“
„Tobias hättest du davon eins vorgejammert.“
„Fragt sich, was besser ist.“
Sie lächelt. „Nora, was ich dir doch nur klarmachen will, vielleicht ist ja doch Tobias der Mann deines Lebens. Und nicht Daniel.“
Ich rege mich auf. „Du spinnst ja total. Daniel ist so süß zu Lisa und zu mir sowieso. Und Tobias hat mir keine einzige Träne nachgeweint. So groß kann die Liebe ja nicht gewesen sein. Er hat null um mich gekämpft! Und sich nie nach Lisa erkundigt. Er wollte sie ja noch nicht einmal sehen seit unserer Trennung!“
Jacky sieht mich nachdenklich an und scheint sich bestätigt zu fühlen. „Ich bin mir sicher, dass er geweint hat, Nora. Marshmallows?“
„Nein, aus dem Alter bin ich raus.“ Ich drücke das Kissen genervt in meinen Bauch. „Aber was mich wirklich ankotzt, ist, dass er so schnell Ersatz gefunden hat. Dass diese adlige Schnepfe in meinem Haus sitzt …“
„… und in deinem Bettchen schläft und von deinem Tellerchen isst.“ Jacky sieht mich kopfschüttelnd an. „Ich bin mir sicher, Tobias sitzt alleine in eurem Haus, einsam und traurig. Und wünscht sich nichts sehnlicher, als dich und Lisa zurück. Aber dass er sich nichts traut, wo du ja mit Daniel zusammen bist und -wohnst, ist doch wohl auch klar. Tobias ist kein Draufgänger, der zieht sich eher zurück in sein Schneckenhaus und rotzt es voll.“
Ich zucke nur die Schultern und starre stoisch vor mich hin.
„Geh doch einfach mal zu ihm; sonst tu ich es“, sagt sie und sieht mich dabei seltsam an.
„Du?“
„Ja, ich meine, Werner ist toll, aber Tobias gefällt mir schon noch besser. Er hat mir schon immer gefallen, und …. ich ihm auch“, fügt Jacky leise hinzu.
Unsere Blicke treffen sich.
„WAS willst du damit sagen?“
„Nichts.“
„Jetzt sag schon.“
„Willst du ihn zurück oder nicht?“
„Nicht. Also sag.“
„Naja, wenn du ihn eh nicht zurück magst, kann ich es dir ja sagen.“
Ich starre sie an, und wieder wird mir übel. „Du hattest mal was mit Tobias?“
Sie zögert eine Sekunde und nickt dann beschämt, entschuldigt sich schnell. „Es tut mir so leid, Nora, ich wollte es dir nie sagen, wir waren betrunken, also Tobias noch mehr als ich …“
Ich stehe erschüttert auf. „Ihr habt miteinander geschlafen?!“
Sie nickt, ihre Finger krallen sich im Sofa fest.
„Wann?“, frage ich tonlos „und wie lange ging das?“
Jacky sieht mich unter Tränen an und stammelt: „Erinnerst du dich an dieses verkorkste Silvester, vor drei Jahren?“

 

Ich erinnere mich. Wir hatten ein paar Gäste geladen, aber alle hatten nach und nach abgesagt, wie das Silvester oft so ist, wenn plötzlich doch noch jeder eine Einladung auf eine bessere Party bekommt. Nur Jacky, Tobias und ich waren übrig geblieben. Ich fand die Vorstellung nicht so grandios, zu dritt zu feiern. Aber ich wollte meiner besten Freundin, die sonst keine Einladung hatte, natürlich nicht absagen. Also hatten wir ein Fondue geplant, alles vorbereitet, alles geschmückt. Dann kam der Anruf meiner Mutter. Ihr jüngerer Lover hatte sie verlassen und sie klang, als springe sie gleich aus dem fünften Stock. Ich bin sofort zu ihr gerast, und Tobias und Jacky hatten alleine ins neue Jahr gefeiert! Meine Mutter war sturzbetrunken, kotzte die ganze Nacht, und ich bin die ganze Zeit bei ihr geblieben, um für sie da zu sein und die Bettwäsche zu wechseln. Ich hatte Tobias angerufen, dass ich bei ihr schlafe, und ich erinnere mich, dass er es nicht so schlimm fand!

 

Ich sehe Jacky an, und meine Welt, in der auf eine beste Freundin immer Verlass ist, in der eine Freundin einen nie belügt und auf gar keinen Fall mit dem eigenen Freund betrügt, bricht gerade scheppernd wie der Turm von Lisas bunten Plastikhütchen zusammen. Meine Beine sind wie gelähmt. Mit eisernem Willen befehle ich ihnen, einen Schritt vor den anderen zu setzen und so stakse ich wortlos, und in meinen Grundfesten zerstört, aus Jackys Wohnung.

 

Daniel ist völlig überfordert mit mir als heulendem Elend, denn er sah in mir bisher immer die starke Frau. Ich verstehe beim besten Willen nicht, wieso.
„Hey, pscht, Bella, ganz ruhig. Wieso hast du dich denn mit Jacky so gestritten?!“
„Wir haben uns nicht gestritten“, heule ich ihn voll. „Es ist aus, ich will diesen Namen nie wieder hören, verstanden?!“
Alle weiteren Versuche, mich zum Sprechen zu bringen, enden in einer Wutsalve über treulose Tomaten-Freundinnen und dass ich einfach meine Ruhe haben will.
Daniel tut das, was ein Mann in so einem Fall tun muss.
Er geht. Mit Lisa einmal um den Block. Denn Lisa weint, vermutlich weil ihre Mutter weint. Wie konnte mir Tobias das nur antun?!, zermartere ich mein Hirn. Und vor allem, wie oft hat er mich noch, mit welcher meiner anderen Freundinnen und in welchen Stellungen betrogen?!

 

Bewaffnet mit einem Fernrohr und zu allem entschlossen, biege ich wie eine Amazone in die Himbeersiedlung ein.
Ich will sehen, ob er leidet, ich will sehen, ob Patrizia bei ihm ist.
Da ich schon lange nicht mehr hier draußen war, bin ich erstaunt, wie grün alles geworden ist. Bambusse wiegen sich am Spielplatzrand im Wind, die Weigelien, Hortensien und der Sommerflieder sind schön gewachsen. Wie sehr hatte ich mich auf unseren eigenen kleinen Garten gefreut, wie schade, dass Lisa nun nicht hier spielen kann, umgeben von wilden Himbeeren.
Magda scheidet als einzige meiner Freundinnen als Ex-Gespielin von Tobias aus, da sie lesbisch ist (ich traue ihm plötzlich alles zu, schließlich ist er auch nur ein Mann!). Sie ist meine einzig wahre, beste Freundin und freut sich sehr, mich zu sehen.
„Nora, du siehst aus wie die Rächerin der Enterbten“, lächelt sie mich an. „Komm rein, ich habe gerade einen Tee gemacht.“
Wir sitzen bei ihr neben den Tomaten auf der Veranda, und Magda hört mir sehr ernst zu. Als ich meine Schimpftirade auf Jacky beendet habe, nimmt sie meine Hand.
„Also, irgendwie glaub ich das alles nicht.“
„Genauso ging es mir auch. Tobias!? Das hätte ich nie von ihm gedacht. Und von Jacky, naja, jetzt wo ich’s weiß … Sie fand Tobias wirklich schon immer aufregend. Und chronisch untervögelt war sie damals auf jeden Fall - wie fast jede Alleinerziehende.“
„Nora“, unterbricht mich Magda lieb. „Ich hab dir doch mal erzählt, dass ich mir wegen Ines Sorgen mache.“
„Ach ja, tut mir leid, dass ich gar nicht mehr nachgefragt habe, Mensch, Magda …“
„Kein Problem. Es war ja nichts. Sonst hätte ich dich schon längst angerufen. Sie hat sich mit einer Ex-Kollegin getroffen. Um ihr Tipps zu geben wegen ihres Chefs, der sie sexuell belästigt hat. Sie haben einen so schönen Busen, Sie könnten damit ins Fernsehen, hat er gesagt und sie begrabscht.“
„Ach super, ich meine, das ist ja toll für dich, dass Ines nicht so ist wie ein Mann.“
Wir lächeln uns an.
„Tomate?“, fragt Magda und pflückt eine knallrote Cherrytomate ab.
Ich nicke und stecke sie mir in den Mund. Der Geschmack erinnert mich an meine Kindheit im Garten meiner Oma, an Daniels wunderbare Salatkreationen, an Tobias` Fertigpizza, die er immer mit frischen Tomaten verfeinerte.
„Und was willst du nun mit dem Fernrohr?“, fragt Magda und deutet darauf. „Ihn erschlagen?“
„Am liebsten ja. Oder diese impertinente Kuh. Keine Ahnung. Ich will ihn einsam und leidend in unserem Haus sitzen sehen. Oder sehen, wie er unter Patrizia liegt, während sie auf ihm sitzt und die Peitsche schwingt.“ Wir lachen.
„Mmhm, von hier aus kannst du leider nur in euer nördliches Kinderzimmer oder in euer Familienbad schauen. Aber vielleicht liegen sie ja zufällig genau jetzt zusammen in der Badewanne?“
Wir stellen uns in Position. Ich setze das Fernrohr an, das aussieht wie ein altes Piraten-Fernrohr, und versuche, Tobias, der um diese Uhrzeit und dem Audi nach zu schließen, zu Hause sein müsste, ausfindig zu machen. Da! Tatsächlich!
Ein nackter Hintern schiebt sich mir ins Bild. Erschrocken reiße ich das Fernrohr vom Auge, und überlege, ob es sich um einen weiblichen oder männlichen Po gehandelt hat. Ich gucke noch mal.
„Also nackt ist er schon mal.“ Ich identifiziere den Hintern eindeutig als den von Tobias. „Wahrscheinlich kommt sie gleich splitternackt dazu.“
„Das Schwein.“ Magda ist jetzt unsicher, ob Tobias nicht doch hundertmal mieser ist, als er in seinen korrekten Anwaltsanzügen immer aussieht.
Ich setze das Fernrohr erneut an und … sehe seinen knackigen, hübschen Hintern, der gerade in die Badewanne steigt. Alleine. Nur mit Lisas rosa Gummidrachen in der Hand. Tobias lässt den Drachen traurig übers Wasser fahren und wirkt sehr allein.
„Er vermisst uns tatsächlich!“, hauche ich verblüfft, während ich ihn weiter beobachte. „Was macht er denn jetzt?!“
Magda will mir neugierig das Fernrohr aus der Hand nehmen, doch ich wehre sie ab. Tobias ist, mit dem Gummidrachen in der Hand, aus der Wanne gestiegen, sieht ihn an, wirft meinen alten Bademantel über, den ich vergessen habe, schnuppert versonnen daran und verlässt mit ernster Miene triefend den Raum.
„Er hat an meinem Bademantel geschnüffelt! Und jetzt geht er …“
„Ach, echt? Das war aber ein kurzes Bad mit seinem Gummidrachen.“ Magda sieht mich stirnrunzelnd an.
„Hat ihn wohl zu sehr an uns erinnert“, nicke ich und werde sentimental. „Wir haben früher am liebsten zu zweit und seit Lisas Geburt zu dritt gebadet.“
Wehmütig erinnere ich mich an unsere glücklich-stressige Anfangszeit mit Lisa zurück. Und aus der Entfernung überwiegen die glücklichen Momente, und der Schlafhorror der ersten Wochen tritt in erstaunlich weite Ferne zurück.
„Sag mal, mit Daniel, ist es wohl doch nicht so rosig und schön wie erhofft?“ Magda sieht mich an, und mir wird klar, dass sie irgendwie recht hat.
„Es liegt nicht am Alter. Also seinem. Vielleicht an meinem?“
„Wie meinst du das denn jetzt, Nora?“
„Naja, ich schätze, in unserem Alter weiß man einfach, was man will, was einem wichtig ist. Es ist doch mit jedem Typen das Gleiche. Am Anfang ist alles unfassbar romantisch und wenn dann der Alltag oder gar noch ein Kind kommt … Daniel wirkt, als sei ihm alles zu viel. Er macht so viel anders, wie ich es nicht machen würde, wie es Tobias auch nie gemacht hat. Ach, was red ich da …“
„Ich weiß, was du meinst.“ Magda seufzt. „In Erziehungsfragen und Alltagsdingen auf einem Nenner zu sein, ist nicht so einfach. Das muss oft zusammenwachsen. Bei Ines und mir war das zum Glück nie ein Problem. Und ich bin froh, dass ich diese langjährige Beziehung habe. Ich finde es beruhigend und schön, dass da jemand ist, der für einen da ist, auch wenn man immer älter und runzliger und … einbrüstiger wird. Willst du mal meine Brust-Prothese sehen?“
Ich sehe sie überrascht an. Hätte selbst nicht gewagt, sie danach zu fragen.
„Wenn du magst?“
„Inzwischen ja.“ Sie zeigt sie mir, und ich bin erstaunt, wie natürlich und formschön sie ist.
Ich nehme sie in den Arm, wir lächeln uns an und dann werfe ich noch mal einen Blick durchs Piraten-Fernrohr. Ich zucke zusammen.
„Tobias ist jetzt in Lisas altem Kinderzimmer!“
„Was macht er denn da?“
„Er sieht sich um; keine Ahnung.“ Ich platze vor Neugierde.
„Weißt du was, geh doch einfach rüber und klingle bei ihm. Ich bin mir sicher, er wird sich freuen.“
„Bist du verrückt?! Er hat mich mit meiner besten… , also ich meine mit Jacky betrogen!“
„Stimmt auch wieder.“ Wir seufzen unisono. So laut, dass sich sogar die Amsel, die sich auf der Terrasse niedergelassen hat, erschreckt und wegfliegt.
„Schade um seinen Hintern. Der war wirklich niedlich.“
Magda nimmt lächelnd meine Hand und tröstet mich.
„Da draußen, da laufen so viele Knackärsche rum. Und außerdem hast du doch noch einen jüngeren, bestimmt noch knackigeren zu Hause.“
Ich nicke und frage mich, wo mein zu Hause denn eigentlich ist. Und dann wird mir klar, dass es immer da sein wird, wo Lisa ist, und ich fühle mich plötzlich sehr aufgehoben und geborgen und will sofort zu ihr.

 

 

Himbeersommer
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