- Beyer Anja Saskia
- Himbeersommer
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***
Daniel nimmt mich am Abend liebevoll
in den Arm und aller Frust ist vergessen.
„Du Arme, wenn dieser Idiot so
weitermacht, dann kündigst du sofort, versprochen?“
„Ach, der war vorher auch nicht ganz
so schlimm, der kriegt sich schon wieder ein.“
„Vor was?“
„Na, vor Lisa. Chefs sehen in Frauen,
die gerade Kinder gekriegt haben, nur eine Milch gebende Mutterkuh.
Jackys Worte.“
„Ich fürchte, da hat sie
recht.“
„Ach nein, der frisst mir bald aus der
Hand, du wirst schon sehen.“
Am nächsten Morgen schallt es wieder
aus dem Chefbüro: „Frau Blume, könnten Sie mir und meinen Gästen
bitte Ihren köstliche Latte machen?!“
Ich sehe Benni an und bin stinksauer.
„Der will es nicht anders.“
Er grinst. „Hoffentlich findest du
noch genügend Staub in der Kaffeeküche.“
Und ich nicke und lächle, denn ich
habe eine noch schönere Idee. Benni sieht mich amüsiert,
erwartungsfroh an. „Du hast doch noch was vor? Und
was?“
„Das wirst du schon
sehen.“
Ich stehe auf, bereite genüsslich den
Kaffee zu, stelle die fünf Latte-Gläser auf ein Tablett; Milch und
braunen Zucker dazu, würze mit einer großen Prise Staub und
balanciere das Ganze in den Besprechungsraum. Der Alte sitzt da mit
fünf arrogant blickenden Kunden. Es geht um einen neuen, wichtigen
Auftrag (was ich erst hinterher erfahre, muss ich zu meiner
Verteidigung gestehen).
„Danke, Frau Blume. Stellen Sie sie
bitte da hin.“
Die anderen Herren ignorieren mich, da
ich ja ganz offensichtlich nur die Kaffeetante bin. Oh ja, ich bin
emanzipiert und habe gerade deshalb ein Problem damit, Kaffee zu
bringen. Zumindest Männern wie dem Alten.
Und schwupps kippeln die Latte-Gläser
gefährlich auf meinem Tablett herum, und durch einen kleinen,
unauffälligen Schubs fallen vier ganz um und landen auf diversen
Anzughosen.
„Aaaah, sind Sie wahnsinnig, meine
Eier!?“, schreit der Alte auf. Und einer der Kunden, deren Chef,
japst ebenso laut. „Verdammt noch mal, was haben Sie hier denn für
Personal?!“
„Das tut mir jetzt aber soo leid“,
stammle ich gespielt reumütig, und ein Blick des Alten sagt mir,
dass er verstanden hat. Und ich hoffe, dass er und seine Eier es
sich für immer werden merken können. Nicht mit der
Blume!
Natürlich hat mir die ganze Aktion
nichts gebracht. Zumindest kein eigenes Projekt. Dafür aber
Genugtuung und Freude. Und den Kaffeekochjob bin ich los. Pünktlich
wie ein Buchhalter mache ich jeden Tag meinen Computer aus (das ist
der Vorteil, wenn man keine Projektverantwortung trägt) und hetze
zur Kita. Lisa ist mitten im Spiel und ignoriert mich. Na toll. Auf
der anderen Seite bin ich froh, dass sie sich doch so wohl fühlt
hier. Sie mag partout nicht mit, und ich beobachte sie verzückt,
wie sie einem Jungen eine Erdbeere zeigt. Der Vorteil der großen
Ost-Kita ist, dass es einen riesigen, wunderschönen, altgewachsenen
Garten gibt. Und ich bin froh, hier bei der liebevollen,
vollbusigen Sabine, Lisas Erzieherin mit einem seltenen
Kleidungsgeschmack, gelandet zu sein und nicht in einer dieser
Elterninitiativ-Kitas, die in einer dunklen
Erdgeschoss-Altbauwohnung untergebracht sind, wo die Erzieherinnen
hippe Tattoos und bauchfrei tragen und wo es keinen eigenen Hof
oder Garten gibt. Mal abgesehen davon, dass ich auf Kitaputzen am
Wochenende auch so gar keine Lust habe.
Ich denke an unseren schönen Garten in
der Himbeersiedlung und an Tobias, wie er da alleine, oder
vielleicht schon mit Patrizia von und zu, auf unserer Terrasse
sitzt. Wie sie ihre schlanken, braungebrannten Beine, an der kein
einziger Besenreiser zu sehen ist, in die Sonne streckt, und mein
Magen zieht sich zusammen auf die Größe einer vertrockneten
Pflaume.
Am Abend bringt Daniel
Dörrpflaumen-Mousse aus dem Bistro mit, und ich starre ihn
missmutig an.
„Was hast du denn?“, will er besorgt
wissen.
„Nichts.“
„Ach komm, ich seh’s dir doch an. Hab
ich irgendwas falsch gemacht?“
„Nein, hast du nicht!“
„Aber irgendwas hast du doch,
Bella.“
„Mein Gott, ich will halt einfach mal
nichts reden, okay?“
„Nicht okay. Weil, wenn du nichts reden willst, dann ist Holland in Not.
Ist es, weil ich Lisa heute Nacht nicht in unserem Bett haben
wollte?“
„Nein, Herrgott. Jetzt red dir doch
nicht immer ein, dass du irgendwas falsch gemacht hast, das ist ja
furchtbar. Muss an deinem Alter liegen.“
Daniel sieht mich traurig an. „Bisher
hattest du kein Problem mit meinem Alter.“
„Hab ich auch nicht. Und du mit
meinem?“ Ich weiß, dass ich ungerecht und unausstehlich bin, aber
ich kann es einfach nicht abschalten.
Er schüttelt lächelnd den Kopf, nimmt
mich in den Arm, hält mich ganz fest, streichelt meinen Nacken und
haucht: „Ich liebe dich, Nora. Wie wär’s, wenn wir am Samstag mal
wieder so richtig schön ausgehen. Das haben wir seit Lisas Geburt
nicht mehr gemacht.“
Ich sehe ihn etwas ruhiger an.
„Ausgehen?“
„Ja, wir essen im Bistro eine
köstliche Kleinigkeit und gehen dann tanzen. In Kreuzkölln hat ein
neuer Club aufgemacht.“
„Ein Club? Lassen die mich da
überhaupt noch rein?“
Er lacht. „Du bist unglaublich.
Natürlich.“
„Und Lisa?“
Er sieht mich an, als habe er diese
kleine Winzigkeit vergessen. „Wir finden schon einen
Babysitter.“
„Irgendeiner, das geht nicht. Wie
stellst du dir das vor? Wenn sie denjenigen nicht kennt, kriegt sie
Angst und schreit.“
„Ach was. Lisa ist cool. Sie kommt
nach dir.“
Ich sehe ihn genervt an. „Daniel. Man
kann so ein kleines Kind nicht irgendjemandem in die Hand drücken
und gehen. Ich mache das nicht. Man muss sie an die Person langsam
gewöhnen. Und das kostet alles. Und so viel Geld haben wir im
Moment nun auch wieder nicht.“
Er wirkt nicht gerade begeistert.
„Also gut. Ich bekoche dich heute Abend und wir machen es uns
wieder hier gemütlich.“
„Daniel, du bist süß.“
„Und du süßer.“ Er knabbert an meinem
Ohr und beißt aus Spaß hinein.
„Kann denn deine Mum nicht mal
babysitten?“, fängt er wieder an.
„Meine Mum hetzt vom Kundalini-Yoga
zur Meditationsstunde und zum Bio-Laden. Sie hat keine Zeit für so
was. Und genug Windeln in ihrem jetzigen Leben gewechselt. Das
reiche für ihre drei nächsten Leben als Ameise, Maus oder Kuh auch
noch, hat sie gesagt.“
Hilde hätte es gemacht, denke ich,
aber da sie von Tobias zwischenzeitlich weiß, dass Lisa nicht ihr
Enkelchen ist, leider auch nicht mehr. Sie hat sich bei mir seit
unserer Trennung kein einziges Mal gemeldet.
Enttäuschend.
Und Daniels Eltern sind leider beide
schon tot. Sie sind bei einem Autounfall in den Bergen ums Leben
gekommen, als er 14 war. Daniel ist damals sofort in die Schweiz
gefahren, um sie ein letztes Mal zu sehen. Aber sie waren so
zerquetscht, dass er sie nicht mehr erkannt hat. Es muss furchtbar
gewesen sein. Ich nehme ihn beschützend in den Arm und hege
plötzlich auch für ihn mütterliche Gefühle - und das schockiert
mich.
Am Samstag schicke ich Daniel alleine
in einen Club, und ich bleibe mit Lisa zu Hause.
„Du darfst diesen Mann nicht
einsperren, Nora“, hat meine Mutter am Telefon gesagt. „Gerade die
jungen Männer, die kommen nicht damit zurecht, plötzlich gar nicht
mehr ausgehen zu können.“
„Ja, Mum. Mach ich schon nicht. Ich
bin ja kein Anfänger“, habe ich geantwortet und mich überwunden und
Daniel gefragt, ob er alleine gehen will.
Die Antwort hat mich etwas verletzt.
„Klar, endlich mal wieder raus“, hat er gesagt und sich gleich
geduscht und chic gemacht.
Jetzt sitze ich also zu Hause und
stelle mir vor, wie er von Anfang 20-jährigen, bauchfreien,
gertenschlanken Mädels angebaggert wird und mit ihnen eng
umschlungen tanzt. Denn ich weiß ja, er tanzt fürchterlich
erotisch!
Lisa schläft auch schlecht, und ich
hole sie in unser Bett und schmuse mich an sie. Es ist schon zwei
Uhr, und Daniel ist immer noch nicht zurück. Lisa patscht ihre
kleinen Händchen auf mein Gesicht und streichelt es und ich bin
wieder glücklich.
Und mir wird klar, dass ich auf jeden
Fall arbeiten muss. Auch, damit wir uns
bald einen Babysitter leisten können, denn zusammen ab und zu
ausgehen ist für eine Beziehung extrem wichtig.
Daniel kommt um vier Uhr nach Hause,
legt sich leise zu uns ins Bett und riecht nach
Alkohol.
Leider macht mir mein Job kaum noch
Spaß. Der Alte lässt mich zwar keinen Kaffee mehr kochen, aber
Projektverantwortung überträgt er mir auch keine. Und das, wo ich
mit 39 doch endlich vor meinem Durchbruch stand. Karriereknick, ich
komme!
„Frau Blume, haben Sie die Kopien für
die Müllentsorgungsfirma zur Hand?“
Da macht es gerade Pling, und ich
starre auf meinen E-Mail-Posteingang, es ist eine Mail von
Tobias!
„Nein, hab ich nicht“, ruf ich dem
Alten zu, wohl wissend, wo die Kopien liegen, und lese hastig, was
mir Tobias schreibt.
„Liebe Nora, denkst du an die
Überweisung für die Hausversicherung? Meinen Anteil habe ich schon
überwiesen.“
Ich starre den Computer an, als wäre
er eine fleischfressende Pflanze, die ihre Greifarme nach mir
ausstreckt.
Benni kommt gerade an meinem
Arbeitsplatz vorbei, sieht mir über die Schulter und echauffiert
sich. „Sag mal, spinnt der, er wohnt doch alleine in eurem Haus, da
kann er ja wohl die Hausversicherung alleine zahlen!“
Ich starre Benni an und werde sauer.
„Was fällt dir ein, meine Mails zu lesen!?“
„Sorry, aber, das sprang mir so ins
Auge …“
„Und ich spring dir gleich ins
Gesicht! Was Tobias mir schreibt, das geht dich überhaupt nichts
an! Und ich finde es völlig okay, von allem die Hälfte zu zahlen,
das haben wir nämlich so ausgemacht.“
„Ist ja gut, ist ja gut, Nora, ich
wollte doch nur, dass du dich von dem Herrn Anwalt nicht übern
Tisch ziehen lässt.“
„Tobias würde mich nie übern Tisch
ziehen, er ist ein herzensguter Mensch, er würde nie …“ Ich breche
in Tränen aus. Benni versucht, mich sofort, bestürzt, zu
trösten.
„Nora, ach Mensch, tut mir leid, ich
bin aber auch ein Holzkopf manchmal. Was ist denn, läuft’s mit Dani
doch nicht mehr so gut?“
Ich schluchze etwas vor mich hin und
schüttle den Kopf. „Es ist dieser langweilige Job. Ich hasse Ablage
machen. Ich will endlich wieder was für meinen Kopf! Wenn sich
nicht bald was ändert, da mach ich doch lieber ein Mütter-Café auf,
da hab ich wenigstens keinen Chef wie den Alten!“
In dem Moment geht die Tür des
Chefbüros auf, und Gräbner kommt mit einem strahlenden Lächeln auf
mich zu.
„Frau Blume, Sie weinen ja. Ach
Gottchen.“
Benni reicht mir dezent ein
Taschentuch und ich rotze hörbar rein. „Tu ich nicht“, sage ich
mürrisch, „das ist der Pollenflug.“ Der Alte sieht verwirrt zum
Fenster, das geschlossen ist.
„Ich bin allergisch gegen … alles
hier“, setze ich hinzu.
Der Alte übergeht das und strahlt
erneut.
„Frau Blume, ich habe eine
Überraschung für Sie.“
„Eine Überraschung? Ihre
Überraschungen kenne ich. Soll ich die Regale in Ihrem Büro
abstauben oder was? Eine Stauballergie habe ich übrigens
auch.“
Er lächelt. „Besser.“
„Noch besser?“ Ich sehe Benni fragend
an. Der zuckt die Schultern, weiß offenbar von nichts.
Der Alte winkt die Kollegen her, um
seine Neuigkeit gleich vor allen zu verkünden. „Ich habe gerade
einen Anruf von ‚Architektur Online’ bekommen. Sie wissen ja, dass
die gerade Marktführer am Fachzeitschriften-Himmel sind.“ Er macht
eine bedeutungsschwangere Pause. Mir wird etwas flau im Magen, wie
immer, wenn ich denke, irgendwas falsch gemacht zu
haben.
„Unsere großartige Frau Blume hier hat
als Architektin und Projektleiterin für die Himbeersiedlung einen
Preis gewonnen!“
Allgemeines Geraune der Kollegen,
neidische, aber auch erfreute Blicke treffen mich. Ich sehe Gräbner
fassungslos an. Ich, Nora Blume, eingebildete talentfreie Zone seit
ihrer Geburt, soll einen Preis gewonnen haben? Für die vielen
Fehler, die mein Kollege gerade so noch ausmerzen
konnte?
„Das Kunstobjekt Kind und Familie
wurde besonders hervorgehoben. Die Himbeersiedlung wird in
‚Architektur Online’ als die
Vorzeigeanlage für junge Familien gehandelt.“
„Wow, cool, Nora“, freut sich Benni,
„herzlichen Glückwunsch!“
Und auch die anderen Kollegen beeilen
sich, mir zu gratulieren, auch wenn ich in ihren Mienen eher
Unverständnis ablesen kann.
„Frau Blume“, wendet sich Gräbner an
mich. „Ich habe ja gleich gesagt, dass Sie Talent
haben.“
„Talent, Kaffee zu kochen, hatten Sie
gesagt“, entfährt es mir. Allgemeines Gelächter der
Kollegen.
„Und Humor haben Sie auch“, lächelt
Gräbner nachsichtig. „Sobald ein neues Projekt ansteht, können wir
darüber reden.“
„Ach, jetzt doch“, erwidere ich,
taktisch nicht besonders klug. Er sieht mich nun leicht verschnupft
an, besinnt sich aber und scheint angesichts des Preises für sein
Büro besänftigt. „Die Preisverleihung findet übermorgen statt. Ich
werde natürlich dabei sein. Es wird viel Fachpresse kommen. Unser
Büro wird in aller Munde sein.“
Alle klatschen. Ich verbeuge mich aus
Reflex (so wie ich es als Biene Maja auf der Bühne als Kind damals
getan habe) und freue mich riesig. Ich habe einen Preis gewonnen,
und das ich, die ich noch nie in meinem Leben eine Auszeichnung
oder Belobigung irgendeiner Art bekommen habe. Es muss an dem
Kunstobjekt liegen, denke ich, und das war Daniels glorreiche Idee.
Ich schicke ihm sofort eine freudige SMS, dass ich dank ihm
gewonnen habe, aber er scheint die SMS nicht zu sehen, er antwortet
nicht.
Und dann frage ich mich das, was sich
Benni auch fragt. „Wie sind die eigentlich auf die Himbeersiedlung
gekommen?“, will er wissen, und ich zucke die
Schultern.
„Keine Ahnung. Also ich habe die Fotos
nirgends herumgeschickt.“
„Das sieht dir auch nicht ähnlich,
Nora. Du bist immer viel zu bescheiden.“ Er geht wieder an seinen
Schreibtisch, der meinem gegenüber steht, zurück.
„Findest du?“
„Ja. Typisch Frau wahrscheinlich.
Zumindest ist meine Petra genauso. Deshalb gibt’s ja auch nicht so
viele von euch in den oberen Etagen.“ Er sieht mich forschend an.
„Du gehst aber schon hin zu dieser Preisverleihung,
oder?“
„Ähm, wieso nicht?“
„Na weil der Alte so was meinte, wie,
reicht ja, wenn er hingeht. Die Blume ist eh nicht so
fotogen.“
„Was?! Das hat er gesagt?“ Ich sehe
meinen Kaktus an und beschließe, einen neuen zu kaufen. Einen
aufrechten, größeren, stattlichen, mit seehr langen
Stacheln.
„Ich gehe da hin, da kannst du Gift
drauf nehmen.“
Benni lächelt und nickt
zufrieden.
Dann sehe ich mir im Internet den
Artikel genauer an. Ein paar hübsche Fotos der Himbeersiedlung
zieren den überaus löblichen Bericht. Ich erkenne Magdas Haus, das
Piratenschiff, und da ist unser wunderschönes Haus, mit … Moment
mal, wessen Bein ist das denn da am Rand? Ich nehme eine Lupe aus
meiner Schreibtischschublade, in der ein chaotisches Durcheinander
herrscht, und nähere mich damit dem Bildschirm. Ein elegantes,
schlankes Bein in beigen Pumps ist am rechten Rand des Bildes zu
sehen. Und ich identifiziere es eindeutig als … Patrizias Bein! Ich
sehe Benni stinksauer an.
„Die hat sich da wirklich schon
eingenistet!“
„Was?“
„Die Von-und-zu-Kuh!“
„Von wem redest du?!“
„Ach egal. Jetzt weiß ich wenigstens,
wer die Fotos zu dem Bericht gemacht hat.“
„Und wer?“
„Tobias!“
„Tobias? Wow.“
„Wieso wow?!“
„Na, wenn er die Fotos gemacht hat,
dann steckt er dahinter. Dann hat er
der Redaktion den Tipp gegeben. Weil er wollte, dass du berühmt
wirst.“
„Was?“, reagiere ich lahm, und so
langsam sickert die Kunde in mein Kleinhirn. „Woow.“
Benni grinst. „Er liebt dich noch,
Nora. Wenn ich’s dir sage.“
Ich sehe ihn blass an. „Woher willst
du denn das wissen?“
„Weil ich ein Mann bin. Und zwar kein
Chauvi-Typ wie der Alte, sondern ein netter, aber auch cooler, wie
Tobias. Einer, den die Frauen mögen, wenn sie’s denn mal endlich
kapiert haben.“ Er grinst noch mehr.
Warme Strömungen durchfluten meinen
Körper, und mir wird sehr sehr warm ums Herz. Tobias hat DAS für
mich getan?
Und plötzlich habe ich wieder ein
untrügliches, starkes Gefühl -Hunger. Ich beiße in mein
mitgebrachtes Tomate-Mozzarella-Brötchen, lehne mich zurück und
lächle versonnen vor mich hin.
Da kommt eine SMS von Daniel.
„Wahnsinn, gratuliere, Bella. Lass uns das heute Abend bei einem
köstlichen Mahl feiern. In Liebe, Daniel.“
Aber ich bin satt und habe keinen
Appetit mehr.
Nachdenklich mache ich mich an meine
Arbeit und würde am liebsten nach Hause, ich meine natürlich in
unser altes Haus, zu Tobias fahren. Tolle Idee, Nora, sagt mein
Großhirn zum Kleinhirn. Und was, wenn er es gerade mit den zwei
schlanken Beinen auf UNSEREM roten Flokati treibt?!
Auf dem Nachhauseweg mache ich kehrt
und fahre bei Jacky vorbei. Nachdem ich Jacky alles erzählt habe,
sieht sie mich sehr ernst und sehr ruhig an.
„Nora, er liebt dich
noch.“
„Ihr macht mich alle
wahnsinnig.“
„Wer ist wir?“
„Benni und du.“
„Sagt er das Gleiche?“
„Mmhm.“
„Na also“, juchzt Jacky auf. „Und er
ist ein Mann. Weißt du nämlich, was wir immer falsch gemacht haben,
bei den Männern, wir zwei?!“
„Vermutlich alles. Was genau meinst
du?“
„Wir haben immer versucht, die
Aussagen oder Taten eines Mannes zu interpretieren. Aber das geht
nicht!“
„Weil sie nicht wissen, was sie
tun?“
Sie schüttelt lachend den Kopf. „Weil
es Männer sind! Wir hätten einfach einen Mann fragen sollen. Wenn
ein Mann zum Beispiel sagt: Ich rufe dich an. Dann heißt das, dass
er nicht anrufen wird. Wenn er es
nämlich vorhat, dann macht er es, und sagt es nicht an. Gott, was
mir Werner alles klar gemacht hat über meine
Ex-Typen!“
„Du hast mit ihm deine ganzen
Ex-Affären durchgehechelt?“
„Klar. Mit Werner kann ich über alles
reden. So wie du mit Tobias … damals.“
„Das hast du doch jetzt extra gesagt.
Jacky, ich kann mit Daniel auch alles bereden.“
„Ach ja? Hast du ihm von deinen neuen
Altersflecken auf den Händen erzählt? Und dass deine Wangen an der
Seite etwas schlaffer werden in letzter Zeit?“ Sie sieht mich
herausfordernd an.
„Das muss ich ihm ja nicht auf die
Nase binden, er hat ja Augen im Kopf.“
„Tobias hättest du davon eins
vorgejammert.“
„Fragt sich, was besser
ist.“
Sie lächelt. „Nora, was ich dir doch
nur klarmachen will, vielleicht ist ja doch Tobias der Mann deines
Lebens. Und nicht Daniel.“
Ich rege mich auf. „Du spinnst ja
total. Daniel ist so süß zu Lisa und zu mir sowieso. Und Tobias hat
mir keine einzige Träne nachgeweint. So groß kann die Liebe ja
nicht gewesen sein. Er hat null um mich gekämpft! Und sich
nie nach Lisa erkundigt. Er wollte sie
ja noch nicht einmal sehen seit unserer
Trennung!“
Jacky sieht mich nachdenklich an und
scheint sich bestätigt zu fühlen. „Ich bin mir sicher, dass er
geweint hat, Nora. Marshmallows?“
„Nein, aus dem Alter bin ich raus.“
Ich drücke das Kissen genervt in meinen Bauch. „Aber was mich
wirklich ankotzt, ist, dass er so schnell Ersatz gefunden hat. Dass
diese adlige Schnepfe in meinem Haus sitzt …“
„… und in deinem Bettchen schläft und
von deinem Tellerchen isst.“ Jacky sieht mich kopfschüttelnd an.
„Ich bin mir sicher, Tobias sitzt alleine in eurem Haus, einsam und
traurig. Und wünscht sich nichts sehnlicher, als dich und Lisa
zurück. Aber dass er sich nichts traut, wo du ja mit Daniel
zusammen bist und -wohnst, ist doch wohl auch klar. Tobias ist kein
Draufgänger, der zieht sich eher zurück in sein Schneckenhaus und
rotzt es voll.“
Ich zucke nur die Schultern und starre
stoisch vor mich hin.
„Geh doch einfach mal zu ihm; sonst tu
ich es“, sagt sie und sieht mich dabei seltsam an.
„Du?“
„Ja, ich meine, Werner ist toll, aber
Tobias gefällt mir schon noch besser. Er hat mir schon immer
gefallen, und …. ich ihm auch“, fügt Jacky leise
hinzu.
Unsere Blicke treffen
sich.
„WAS willst du damit
sagen?“
„Nichts.“
„Jetzt sag schon.“
„Willst du ihn zurück oder
nicht?“
„Nicht. Also sag.“
„Naja, wenn du ihn eh nicht zurück
magst, kann ich es dir ja sagen.“
Ich starre sie an, und wieder wird mir
übel. „Du hattest mal was mit Tobias?“
Sie zögert eine Sekunde und nickt dann
beschämt, entschuldigt sich schnell. „Es tut mir so leid, Nora, ich
wollte es dir nie sagen, wir waren betrunken, also Tobias noch mehr
als ich …“
Ich stehe erschüttert auf. „Ihr habt
miteinander geschlafen?!“
Sie nickt, ihre Finger krallen sich im
Sofa fest.
„Wann?“, frage ich tonlos „und wie
lange ging das?“
Jacky sieht mich unter Tränen an und
stammelt: „Erinnerst du dich an dieses verkorkste Silvester, vor
drei Jahren?“
Ich erinnere mich. Wir hatten ein paar
Gäste geladen, aber alle hatten nach und nach abgesagt, wie das
Silvester oft so ist, wenn plötzlich doch noch jeder eine Einladung
auf eine bessere Party bekommt. Nur Jacky, Tobias und ich waren
übrig geblieben. Ich fand die Vorstellung nicht so grandios, zu
dritt zu feiern. Aber ich wollte meiner besten Freundin, die sonst
keine Einladung hatte, natürlich nicht absagen. Also hatten wir ein
Fondue geplant, alles vorbereitet, alles geschmückt. Dann kam der
Anruf meiner Mutter. Ihr jüngerer Lover hatte sie verlassen und sie
klang, als springe sie gleich aus dem fünften Stock. Ich bin sofort
zu ihr gerast, und Tobias und Jacky hatten alleine ins neue Jahr
gefeiert! Meine Mutter war sturzbetrunken, kotzte die ganze Nacht,
und ich bin die ganze Zeit bei ihr geblieben, um für sie da zu sein
und die Bettwäsche zu wechseln. Ich hatte Tobias angerufen, dass
ich bei ihr schlafe, und ich erinnere mich, dass er es nicht so
schlimm fand!
Ich sehe Jacky an, und meine Welt, in
der auf eine beste Freundin immer Verlass ist, in der eine Freundin
einen nie belügt und auf gar keinen Fall mit dem eigenen Freund
betrügt, bricht gerade scheppernd wie der Turm von Lisas bunten
Plastikhütchen zusammen. Meine Beine sind wie gelähmt. Mit eisernem
Willen befehle ich ihnen, einen Schritt vor den anderen zu setzen
und so stakse ich wortlos, und in meinen Grundfesten zerstört, aus
Jackys Wohnung.
Daniel ist völlig überfordert mit mir
als heulendem Elend, denn er sah in mir bisher immer die starke
Frau. Ich verstehe beim besten Willen nicht, wieso.
„Hey, pscht, Bella, ganz ruhig. Wieso
hast du dich denn mit Jacky so gestritten?!“
„Wir haben uns nicht gestritten“,
heule ich ihn voll. „Es ist aus, ich will diesen Namen nie wieder
hören, verstanden?!“
Alle weiteren Versuche, mich zum
Sprechen zu bringen, enden in einer Wutsalve über treulose
Tomaten-Freundinnen und dass ich einfach meine Ruhe haben
will.
Daniel tut das, was ein Mann in so
einem Fall tun muss.
Er geht. Mit Lisa einmal um den Block.
Denn Lisa weint, vermutlich weil ihre Mutter weint. Wie konnte mir
Tobias das nur antun?!, zermartere ich mein Hirn. Und vor allem,
wie oft hat er mich noch, mit welcher meiner anderen Freundinnen
und in welchen Stellungen betrogen?!
Bewaffnet mit einem Fernrohr und zu
allem entschlossen, biege ich wie eine Amazone in die
Himbeersiedlung ein.
Ich will sehen, ob er leidet, ich will
sehen, ob Patrizia bei ihm ist.
Da ich schon lange nicht mehr hier
draußen war, bin ich erstaunt, wie grün alles geworden ist.
Bambusse wiegen sich am Spielplatzrand im Wind, die Weigelien,
Hortensien und der Sommerflieder sind schön gewachsen. Wie sehr
hatte ich mich auf unseren eigenen kleinen Garten gefreut, wie
schade, dass Lisa nun nicht hier spielen kann, umgeben von wilden
Himbeeren.
Magda scheidet als einzige meiner
Freundinnen als Ex-Gespielin von Tobias aus, da sie lesbisch ist
(ich traue ihm plötzlich alles zu, schließlich ist er auch nur ein
Mann!). Sie ist meine einzig wahre, beste Freundin und freut sich
sehr, mich zu sehen.
„Nora, du siehst aus wie die Rächerin
der Enterbten“, lächelt sie mich an. „Komm rein, ich habe gerade
einen Tee gemacht.“
Wir sitzen bei ihr neben den Tomaten
auf der Veranda, und Magda hört mir sehr ernst zu. Als ich meine
Schimpftirade auf Jacky beendet habe, nimmt sie meine
Hand.
„Also, irgendwie glaub ich das alles
nicht.“
„Genauso ging es mir auch. Tobias!?
Das hätte ich nie von ihm gedacht. Und von Jacky, naja, jetzt wo
ich’s weiß … Sie fand Tobias wirklich schon immer aufregend. Und
chronisch untervögelt war sie damals auf jeden Fall - wie fast jede
Alleinerziehende.“
„Nora“, unterbricht mich Magda lieb.
„Ich hab dir doch mal erzählt, dass ich mir wegen Ines Sorgen
mache.“
„Ach ja, tut mir leid, dass ich gar
nicht mehr nachgefragt habe, Mensch, Magda …“
„Kein Problem. Es war ja nichts. Sonst
hätte ich dich schon längst angerufen. Sie hat sich mit einer
Ex-Kollegin getroffen. Um ihr Tipps zu geben wegen ihres Chefs, der
sie sexuell belästigt hat. Sie haben einen so schönen Busen, Sie
könnten damit ins Fernsehen, hat er gesagt und sie
begrabscht.“
„Ach super, ich meine, das ist ja toll
für dich, dass Ines nicht so ist wie ein Mann.“
Wir lächeln uns an.
„Tomate?“, fragt Magda und pflückt
eine knallrote Cherrytomate ab.
Ich nicke und stecke sie mir in den
Mund. Der Geschmack erinnert mich an meine Kindheit im Garten
meiner Oma, an Daniels wunderbare Salatkreationen, an Tobias`
Fertigpizza, die er immer mit frischen Tomaten
verfeinerte.
„Und was willst du nun mit dem
Fernrohr?“, fragt Magda und deutet darauf. „Ihn
erschlagen?“
„Am liebsten ja. Oder diese
impertinente Kuh. Keine Ahnung. Ich will ihn einsam und leidend in
unserem Haus sitzen sehen. Oder sehen, wie er unter Patrizia liegt,
während sie auf ihm sitzt und die Peitsche schwingt.“ Wir
lachen.
„Mmhm, von hier aus kannst du leider
nur in euer nördliches Kinderzimmer oder in euer Familienbad
schauen. Aber vielleicht liegen sie ja zufällig genau jetzt
zusammen in der Badewanne?“
Wir stellen uns in Position. Ich setze
das Fernrohr an, das aussieht wie ein altes Piraten-Fernrohr, und
versuche, Tobias, der um diese Uhrzeit und dem Audi nach zu
schließen, zu Hause sein müsste, ausfindig zu machen. Da!
Tatsächlich!
Ein nackter Hintern schiebt sich mir
ins Bild. Erschrocken reiße ich das Fernrohr vom Auge, und
überlege, ob es sich um einen weiblichen oder männlichen Po
gehandelt hat. Ich gucke noch mal.
„Also nackt ist er schon mal.“ Ich
identifiziere den Hintern eindeutig als den von Tobias.
„Wahrscheinlich kommt sie gleich splitternackt dazu.“
„Das Schwein.“ Magda ist jetzt
unsicher, ob Tobias nicht doch hundertmal mieser ist, als er in
seinen korrekten Anwaltsanzügen immer aussieht.
Ich setze das Fernrohr erneut an und …
sehe seinen knackigen, hübschen Hintern, der gerade in die
Badewanne steigt. Alleine. Nur mit Lisas rosa Gummidrachen in der
Hand. Tobias lässt den Drachen traurig übers Wasser fahren und
wirkt sehr allein.
„Er vermisst uns tatsächlich!“, hauche
ich verblüfft, während ich ihn weiter beobachte. „Was macht er denn
jetzt?!“
Magda will mir neugierig das Fernrohr
aus der Hand nehmen, doch ich wehre sie ab. Tobias ist, mit dem
Gummidrachen in der Hand, aus der Wanne gestiegen, sieht ihn an,
wirft meinen alten Bademantel über, den ich vergessen habe,
schnuppert versonnen daran und verlässt mit ernster Miene triefend
den Raum.
„Er hat an meinem Bademantel
geschnüffelt! Und jetzt geht er …“
„Ach, echt? Das war aber ein kurzes
Bad mit seinem Gummidrachen.“ Magda sieht mich stirnrunzelnd
an.
„Hat ihn wohl zu sehr an uns
erinnert“, nicke ich und werde sentimental. „Wir haben früher am
liebsten zu zweit und seit Lisas Geburt zu dritt
gebadet.“
Wehmütig erinnere ich mich an unsere
glücklich-stressige Anfangszeit mit Lisa zurück. Und aus der
Entfernung überwiegen die glücklichen Momente, und der Schlafhorror
der ersten Wochen tritt in erstaunlich weite Ferne
zurück.
„Sag mal, mit Daniel, ist es wohl doch
nicht so rosig und schön wie erhofft?“ Magda sieht mich an, und mir
wird klar, dass sie irgendwie recht hat.
„Es liegt nicht am Alter. Also seinem.
Vielleicht an meinem?“
„Wie meinst du das denn jetzt,
Nora?“
„Naja, ich schätze, in unserem Alter
weiß man einfach, was man will, was einem wichtig ist. Es ist doch
mit jedem Typen das Gleiche. Am Anfang ist alles unfassbar
romantisch und wenn dann der Alltag oder gar noch ein Kind kommt …
Daniel wirkt, als sei ihm alles zu viel. Er macht so viel anders,
wie ich es nicht machen würde, wie es Tobias auch nie gemacht hat.
Ach, was red ich da …“
„Ich weiß, was du meinst.“ Magda
seufzt. „In Erziehungsfragen und Alltagsdingen auf einem Nenner zu
sein, ist nicht so einfach. Das muss oft zusammenwachsen. Bei Ines
und mir war das zum Glück nie ein Problem. Und ich bin froh, dass
ich diese langjährige Beziehung habe. Ich finde es beruhigend und
schön, dass da jemand ist, der für einen da ist, auch wenn man
immer älter und runzliger und … einbrüstiger wird. Willst du mal
meine Brust-Prothese sehen?“
Ich sehe sie überrascht an. Hätte
selbst nicht gewagt, sie danach zu fragen.
„Wenn du magst?“
„Inzwischen ja.“ Sie zeigt sie mir,
und ich bin erstaunt, wie natürlich und formschön sie
ist.
Ich nehme sie in den Arm, wir lächeln
uns an und dann werfe ich noch mal einen Blick durchs
Piraten-Fernrohr. Ich zucke zusammen.
„Tobias ist jetzt in Lisas altem
Kinderzimmer!“
„Was macht er denn da?“
„Er sieht sich um; keine Ahnung.“ Ich
platze vor Neugierde.
„Weißt du was, geh doch einfach rüber
und klingle bei ihm. Ich bin mir sicher, er wird sich
freuen.“
„Bist du verrückt?! Er hat mich mit
meiner besten… , also ich meine mit Jacky betrogen!“
„Stimmt auch wieder.“ Wir seufzen
unisono. So laut, dass sich sogar die Amsel, die sich auf der
Terrasse niedergelassen hat, erschreckt und wegfliegt.
„Schade um seinen Hintern. Der war
wirklich niedlich.“
Magda nimmt lächelnd meine Hand und
tröstet mich.
„Da draußen, da laufen so viele
Knackärsche rum. Und außerdem hast du doch noch einen jüngeren,
bestimmt noch knackigeren zu Hause.“
Ich nicke und frage mich, wo mein zu
Hause denn eigentlich ist. Und dann wird mir klar, dass es immer da
sein wird, wo Lisa ist, und ich fühle mich plötzlich sehr
aufgehoben und geborgen und will sofort zu ihr.