- Beyer Anja Saskia
- Himbeersommer
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***
Ich wache auf, und Regentropfen
peitschen gegen die Scheiben.
Das Bett neben mir ist leer, ich höre
kein einziges Geräusch aus der Küche!
Schnell sehe ich nach, ob Tobias`
Laptop noch da ist. Ja, er ist es. Ein Glück! Ich hatte plötzlich
panische Angst, er könnte mich verlassen haben. Und das, wo ich
vielleicht endlich schwanger bin!
Schlagbohrhämmer dröhnen auf meiner
Baustelle, und plötzlich sieht meine Welt nicht mehr rosa, sondern
staubig aus. Ich ziehe mich rasch an.
In einer Stunde habe ich einen sehr
wichtigen Termin auf der Baustelle, und in drei Stunden soll unser
Apfelbäumchen geliefert werden. Haus bauen,
Kind kriegen, Apfelbäumchen pflanzen.
Mein Gott, hoffentlich bin ich nicht
wirklich schwanger! Dabei wünsche ich mir doch so sehnlich ein
Kind.
Ich starre in mein Müsli und denke, es
könnte Babybrei sein.
Es klingelt. Magda ist es und fragt
mich ziemlich blass und aufgewühlt, ob ich ganz ausnahmsweise eine
Stunde auf ihre Tochter Ruby aufpassen könnte. Wanda ist bei einer
Freundin. Aber Ruby kriegt sie nicht untergebracht.
„Ich hab einen ganz dringenden
Termin.“ Magda beginnt zu flüstern. „Der Arzt hat was in meiner
Brust getastet.“
Ich sehe sie schockiert
an.
„Klar kann ich“, sage ich sofort.
„Eine Stunde, kein Problem.“
Als sie weg ist und Ruby
kaugummikauend auf unserem Sofa sitzt, wird mir klar, dass mir das
jetzt gerade noch gefehlt hat. Egal. Lenkt vielleicht
ab.
Ruby ist es langweilig, und
gleichzeitig klingelt es an der Tür. Der Elektriker. Den habe ich
ja völlig vergessen. Ich drücke Ruby eine „Petra“ in die Hand,
Titelthema „Erogene Zonen über 40“ und erkläre dem Elektriker mein
Problem. Nicht das mit den Schmetterlingen, sondern das mit dem
Lichtschalter.
Ruby scheint fasziniert von den
erogenen Zonen der 40-Jährigen und sieht mich immer wieder grinsend
an. Ich bin nicht 40, würde ich ihr am liebsten sagen, lasse es
aber, denn für eine 12-Jährige macht es wirklich keinen
Unterschied, ob man 39 oder 40 ist. Für eine 39 einen
großen!
Erogene Zonen habe ich en masse, wie
ich seit gestern wieder weiß, und nebulös von Tobias. Denn wenn ich
mich zurückerinnere, war Tobias ein mindestens genauso guter
Liebhaber wie Daniel. Betonung auf „war“. Jobstress, Alltag und
Kinderfrust, haben unser Sexleben einschlafen lassen wie eine
Schildkröte, die ihren Winterschlaf hält. Doch wenn der Frühling
kommt, wacht eine Schildkröte wieder auf!
Keine Nachricht von Tobias, aber
wieder eine SMS von Daniel. Nachdem ich mindestens 18 Antwort-SMSe
entworfen und vor dem Abschicken wieder gelöscht habe, schreibe ich
ihm:
„Tut mir leid, hoffe du verstehst
mich. War wunderschön. Bin verwirrt. Melde mich.“
Ruby hat Durst.
„Habt ihr Sex?“, will sie wissen, als
ich ihr das Glas Orangensaft in die Hand drücke. Gut, dass sie es
bereits hält, sonst wäre es mir herausgerutscht.
Was weiß sie? Woher weiß sie? Und wie
kommt sie darauf?
„Die SMS war von Tobias.“ Ich sehe sie
blass an.
„Klar, von wem sonst. Und, habt ihr
noch Sex?“
„Äh … wieso sollten wir denn nicht?“
Ich weiche mittelgeschickt aus.
„Mama und Mama hatten mal länger
keinen Sex mehr. Dann haben sie so einen
Yoga-Massage-Tantra-Dings-Kurs gemacht und danach war wieder alles
schön.“
Aha. Interessant, was man so über die
Nachbarschaft erfährt.
„Tja, … bei uns ist das nicht das
Problem.“
Ruby horcht grinsend auf. Dass Kinder
immer so feinfühlig sein müssen. „Und wieso hast du dann keine
Kinder?“
Das musste ja kommen. Ich hasse diese
Frage.
„Wir wünschen uns ein Kind. Aber, in
unserem Alter klappt das nicht mehr so.“
Ruby nickt ernst. „Bist du nicht eh
schon viiiel zu alt für ein Baby?“
Na, vielen Dank für das
Gespräch.
Aber Ruby lässt mich nicht in Ruhe.
Sie will jetzt wissen, wo genau der G-Punkt auf dieser Zeichnung
ist, was man da fühlt und wie man das hinkriegt, dass man da was
fühlt. Ich bin erstaunt, wie gut sie sich auskennt, setze mich zu
ihr und erkläre ihr, was ich weiß. Seit gestern Nacht glaube ich
mehr zu wissen, und Ruby und ich haben viel Spaß.
Die Stunde ist fast zu schnell rum, da
klingelt Magda an der Tür.
„Entschuldige bitte, Himmel, dass die
ihre Praxis einfach nicht organisiert kriegen, ich musste zwei
Stunden warten!“
„Zwei Stunden? Wie viel Uhr ist es
denn?“
„Schon fast zwölf, tut mir wirklich
leid.“ Magda nimmt Ruby in den Arm.
„Verdammt. Dann hab ich eine wichtige
Baubesprechung verpasst.“
„Oh nein, wie kann ich das wieder gut
machen?“
„Lass gut sein, … was kam denn
heraus?“
„Der Ultraschall war immer noch
unklar. Ich muss zur Mammografie und hab so ne Angst!“
Ich nehme Magda in den Arm und sie
schluchzt los. Ruby sieht sie verstört an. Magda reißt sich schnell
zusammen.
Das sind sie, die echten Probleme des
Lebens.
Da jetzt eh Mittagszeit ist, trinken
wir noch einen Kaffee zusammen und fühlen uns sehr nah. Magda als
neue Freundin hier in der Himbeersiedlung, das wäre
schön.
Plötzlich steht Tobias in der Tür und
sieht uns drei Mädels verwundert an. Magda trinkt ihren Kaffee aus,
und die beiden verabschieden sich schnell.
„Wieso bist du um die Zeit da?“, frage
ich Tobias unruhig und schleiche um ihn herum.
„Weil wir was Wichtiges zu bereden
haben.“
Ich werde nervös und bereite mich
schon innerlich auf die nahende Trennung vor.
„Stell dir vor, mein Chef fliegt für
drei Monate nach China. Er hat mich gebeten, einen Großteil seines
Jobs mit zu übernehmen und die neue Kollegin
einzuarbeiten.“
„Toll“, entfährt es mir erleichtert
und ich lasse die „Erogenen Zonen“ unter dem Sofakissen
verschwinden.
„Dir ist klar was das
bedeutet?“
„Äh, nein, was?“
„Du wirst mich die nächste Zeit kaum
noch sehen, ich muss rund um die Uhr arbeiten. Du müsstest das mit
dem Haus, was noch ansteht, alles alleine managen.“
Ich starre ihn an. Ich habe eine
Galgenfrist bekommen, und kann mir in Ruhe meinen und den Kopf von
Jacky zerbrechen, welchen von beiden Männern ich für den Rest
meines Lebens will.
„Scheint dir ja nichts auszumachen.“
Tobias ist etwas verschnupft.
Ich beeile mich, ein trauriges Gesicht
zu machen und fühle mich mies.
„Doch, klar, aber das ist ja auch eine
riesige Chance für dich, oder?“
Er lächelt wieder. „Sehe ich
genauso.“
Er kommt auf mich zu, küsst mich. Ich
lasse es geschehen, werde innerlich rot.
„Du bist die tollste Frau auf der
Welt, Nora. Ich liebe dich.“
Muss er mir das genau heute sagen? Wo
er es so gut wie nie über die Lippen bringt? Ich hauche ein „ich
dich auch“, und mir ist inzwischen speiübel.
Männer schaffen es, im Schnitt zweimal
im Jahr zu sagen „Ich liebe dich“. Wenn überhaupt. Einmal nach
einem gigantomanischen Orgasmus, das zweite Mal, wenn sie ein
schlechtes Gewissen haben, weil zu viel Zeit im Büro verbracht
(oder im schlimmeren Fall bei der Geliebten).
Daniel ist da eine echte Ausnahme. Wir
sehen uns die nächste Zeit täglich und er sagt es mir mindestens
viermal am Tag. „Ich liebe dich, Nora, unendlich.“
Und es ist mir weder zu romantisch,
noch zu viel. Ich schwebe, und versuche mich mit aller Kraft wieder
auf den Boden der Tatsachen zu holen. Aber es gelingt mir
nicht.