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Ich schiebe Lisa in ihrem Boogaboo mit ungefähr 30 anderen Müttern durch den Volkspark Friedrichshain. Eine kleine Gruppe hat sich in topmoderne Jogging-Outfits geschmissen und trabt, die Kinderwagen in einem Affentempo vor sich herschiebend, durch den Park. Ich, die ich schon in der Schule diejenige war, die wie ein nasser Sack gegen den Bock geprallt bin, sehe diesen Müttern etwas neidisch hinterher und rede mir ein: Für den von der Geburt ausgeleierten Beckenboden kann dieses Gehopse auf keinen Fall gut sein. Und ich erinnere mich an Hildes Warnung: Denk dran, Kindchen, jetzt nach der Geburt fleißig den Beckenboden trainieren, sonst läufst du bald selbst in Windeln herum.
Gerade als ich mir die joggenden Mütter in Windeln vorstelle und sich ein Grinsen auf meinem Gesicht breit macht, pustet mir Daniel von hinten ins Haar, und ich gefriere.
Fassungslos sieht er den Kinderwagen an, der etwas abseits in der Sonne steht, starrt mir auf meinen nicht mehr prallen, aber leider immer noch ziemlich dicken und wabbeligen Bauch (wie macht die Klum das nur, ich brauche sofort ihren Personal Trainer) und seine Miene wird sehr sehr traurig.
„Ich … ich wollte es dir nicht per SMS sagen, es tut mir so leid …“, stottere ich hilflos herum und presse meine angespannte Faust in meinen weichen Bauch. „Sie heißt Lisa …“
Daniel geht erschüttert einen Schritt auf uns zu. „Wieso hast du mich nicht zur Geburt gerufen?! Ich hab es mir so sehr gewünscht.“
„Ich weiß. Aber ich … ich konnte nicht.“, plappere ich hektisch los. „Es war total stressig, weißt du, so eine Geburt ist kein Honigschlecken. Sie haben mich da unten aufgeschnitten wie ein …“ Was rede ich da?! Honigschlecken, unten aufgeschnitten … Schockiert sehe ich ihn an und er mich.
„Sie ist wunderschön. Genau wie du.“ Daniel sieht seine Tochter ergriffen an, streckt seine Hand aus und berührt zart ihr Händchen, das Lisa sofort ergreift.
Das Kind kommt eindeutig nach mir. Ich habe früher auch alles genommen, was ich nur kriegen konnte, hat mir meine Mutter erst gestern erzählt. „Du hast mir meine gute Figur genommen, meine Nerven, meinen Mann. Ich habe dich gewarnt. Frauen, die etwas glamouröser sind als andere, sollten keine Kinder bekommen.“
„Ja Mama“, habe ich geantwortet. „Ich bin aber nicht glamourös. Ich bin total durchschnittlich. Guck dir nur meine Haarfarbe an. Straßenköterblond.“
Daniel sieht Lisa an, als habe er einen Regenbogen gesehen. Seine Augen leuchten, sein Mund lächelt. Und mir wird klar, dass es genau dieser Blick war, der mir bei Tobias bisher gefehlt hat.
„Erzähl mir von der Geburt, ich will alles wissen, bitte.“ Daniel nimmt Lisa heraus, als halte er einen winzigen Engel in Händen.
„Das Köpfchen, du musst es halten“, schnell eile ich ihm zu Hilfe und unsere Hände berühren sich. Wir sehen uns an, und es ist wieder da, dieses furchtbar schöne Gefühl.
Ich setze mich schnell auf eine Bank und Daniel mit Lisa ebenso. Während ich ihm in drastischen Farben von Meyer-Geulen und Konsorten und der blutigen Geburt erzähle, beobachte ich sein Gesicht, dass nun Wange an Wange mit dem von Lisa ist. Und wie durch ein Wunder schläft sie die ganze Zeit weiter, als wäre sie endlich angekommen.
Daniel scheint vor Mitleid mit mir und Glückseligkeit als frisch gebackener Vater überzufließen. Und ich fühle mich plötzlich, als würde ich die nächste Sekunde ohnmächtig und wie ein Reissack umkippen.
„Ich muss gehen, Lisa kriegt gleich Hunger.“ Ich nehme sie ihm ab, und wieder berühren sich unsere Hände.
„Dann still’ sie doch hier“, er sieht mich an, als wäre das das Natürlichste der Welt. Aber nicht für mich, die ich meinem Kind keine Milch geben kann.
„Ich kann nicht“, bringe ich nur heraus. Lisa fängt sofort an zu schreien, ich lege sie sanft in den Wagen und schiebe davon. Daniel eilt mir hinterher.
„Bitte, Nora, wie soll das denn jetzt weitergehen? Wie?!“
„Ich weiß es doch auch nicht. Lass mir Zeit, ich kann einfach nicht mehr!“
Und er lässt mich und sieht mir mit hängenden Armen hinterher.

 

Himbeersommer
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