- Beyer Anja Saskia
- Himbeersommer
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Ich schiebe Lisa in ihrem Boogaboo mit
ungefähr 30 anderen Müttern durch den Volkspark Friedrichshain.
Eine kleine Gruppe hat sich in topmoderne Jogging-Outfits
geschmissen und trabt, die Kinderwagen in einem Affentempo vor sich
herschiebend, durch den Park. Ich, die ich schon in der Schule
diejenige war, die wie ein nasser Sack gegen den Bock geprallt bin,
sehe diesen Müttern etwas neidisch hinterher und rede mir ein: Für
den von der Geburt ausgeleierten Beckenboden kann dieses Gehopse
auf keinen Fall gut sein. Und ich erinnere mich an Hildes Warnung:
Denk dran, Kindchen, jetzt nach der Geburt fleißig den Beckenboden
trainieren, sonst läufst du bald selbst in Windeln
herum.
Gerade als ich mir die joggenden
Mütter in Windeln vorstelle und sich ein Grinsen auf meinem Gesicht
breit macht, pustet mir Daniel von hinten ins Haar, und ich
gefriere.
Fassungslos sieht er den Kinderwagen
an, der etwas abseits in der Sonne steht, starrt mir auf meinen
nicht mehr prallen, aber leider immer noch ziemlich dicken und
wabbeligen Bauch (wie macht die Klum das nur, ich brauche sofort
ihren Personal Trainer) und seine Miene wird sehr sehr
traurig.
„Ich … ich wollte es dir nicht per SMS
sagen, es tut mir so leid …“, stottere ich hilflos herum und presse
meine angespannte Faust in meinen weichen Bauch. „Sie heißt Lisa
…“
Daniel geht erschüttert einen Schritt
auf uns zu. „Wieso hast du mich nicht zur Geburt gerufen?! Ich hab
es mir so sehr gewünscht.“
„Ich weiß. Aber ich … ich konnte
nicht.“, plappere ich hektisch los. „Es war total stressig, weißt
du, so eine Geburt ist kein Honigschlecken. Sie haben mich da unten
aufgeschnitten wie ein …“ Was rede ich da?! Honigschlecken, unten
aufgeschnitten … Schockiert sehe ich ihn an und er
mich.
„Sie ist wunderschön. Genau wie du.“
Daniel sieht seine Tochter ergriffen an, streckt seine Hand aus und
berührt zart ihr Händchen, das Lisa sofort ergreift.
Das Kind kommt eindeutig nach mir. Ich
habe früher auch alles genommen, was ich nur kriegen konnte, hat
mir meine Mutter erst gestern erzählt. „Du hast mir meine gute
Figur genommen, meine Nerven, meinen Mann. Ich habe dich gewarnt.
Frauen, die etwas glamouröser sind als andere, sollten keine Kinder
bekommen.“
„Ja Mama“, habe ich geantwortet. „Ich
bin aber nicht glamourös. Ich bin total durchschnittlich. Guck dir
nur meine Haarfarbe an. Straßenköterblond.“
Daniel sieht Lisa an, als habe er
einen Regenbogen gesehen. Seine Augen leuchten, sein Mund lächelt.
Und mir wird klar, dass es genau dieser Blick war, der mir bei
Tobias bisher gefehlt hat.
„Erzähl mir von der Geburt, ich will
alles wissen, bitte.“ Daniel nimmt Lisa heraus, als halte er einen
winzigen Engel in Händen.
„Das Köpfchen, du musst es halten“,
schnell eile ich ihm zu Hilfe und unsere Hände berühren sich. Wir
sehen uns an, und es ist wieder da, dieses furchtbar schöne
Gefühl.
Ich setze mich schnell auf eine Bank
und Daniel mit Lisa ebenso. Während ich ihm in drastischen Farben
von Meyer-Geulen und Konsorten und der blutigen Geburt erzähle,
beobachte ich sein Gesicht, dass nun Wange an Wange mit dem von
Lisa ist. Und wie durch ein Wunder schläft sie die ganze Zeit
weiter, als wäre sie endlich angekommen.
Daniel scheint vor Mitleid mit mir und
Glückseligkeit als frisch gebackener Vater überzufließen. Und ich
fühle mich plötzlich, als würde ich die nächste Sekunde ohnmächtig
und wie ein Reissack umkippen.
„Ich muss gehen, Lisa kriegt gleich
Hunger.“ Ich nehme sie ihm ab, und wieder berühren sich unsere
Hände.
„Dann still’ sie doch hier“, er sieht
mich an, als wäre das das Natürlichste der Welt. Aber nicht für
mich, die ich meinem Kind keine Milch geben kann.
„Ich kann nicht“, bringe ich nur
heraus. Lisa fängt sofort an zu schreien, ich lege sie sanft in den
Wagen und schiebe davon. Daniel eilt mir hinterher.
„Bitte, Nora, wie soll das denn jetzt
weitergehen? Wie?!“
„Ich weiß es doch auch nicht. Lass mir
Zeit, ich kann einfach nicht mehr!“
Und er lässt mich und sieht mir mit
hängenden Armen hinterher.