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Ich packe zögerlich noch ein paar Umzugskisten aus, halte dann aber inne, bin mir nicht sicher, ob ich weiter auspacken soll. Und niste mich bei Jacky ein.

 

Die hat mal wieder eine Schreinacht hinter sich, und ich nehme ihr Gregor ab. Er wimmert, bekommt neue Zähne. Männer können so wehleidig sein.
Jacky sieht aus wie eine leer gesaugte Milchtüte und würde Gregor am liebsten verschenken.
Werner hat sich nach ihrem letzten Telefonat nicht mehr gemeldet, nachdem Gregor im Hintergrund die ganze Zeit geschrieen hat. Ich nehme sie in den Arm.
„Das hast du wirklich nicht verdient, Süße.“

 

Wir diskutieren, wie schwerwiegend Tobias’ Vertrauensbruch war, ob ich weiter mit ihm leben kann, ob es eine Möglichkeit gibt zu verzeihen.
Nach fünf anstrengenden Stunden, fünf Gläsern Baileys und dank Jacky ist mir klar, ich liebe Tobias sehr und er ist der Vater meiner Kinder.
„Aber ich kann ihm nicht verzeihen, dass er mich angelogen hat.“
Jacky verdreht die Augen und erinnert mich an meine Lüge vor fünf Jahren.
„Du hast Tobias damals auch angeschwindelt!“
„Das war etwas ganz anderes.“
„Ja, ja. So rasend eifersüchtig wie er auf Olaf ist, war es schon auch ein großes Ding.“
Beste Freundinnen haben das Feingefühl einer Stecknadel.
Stimmt. Ich hatte Tobias gesagt, dass ich mit Jacky in einem Fastenhotel an der Ostsee bin. Stattdessen war ich mit meinem Ex auf Sardinien.
„Ich brauchte eine Auszeit und einen guten männlichen Freund. Und Tobias hätte nie verstanden, dass es so etwas wie `Sex mit dem Ex´ bei mir nicht gibt“, verteidige ich mich halbherzig.
„Gibt es ja auch nicht. Also wie oft ich schon mit irgendwelchen Exen …“ Jacky lächelt amüsiert vor sich hin.
Das mit Olaf war vorbei, aber die Tatsache, dass er mich immer noch unglaublich erotisch fand, ziemlich ähnliche Ansichten wie Tobias hatte, aber nicht so gut aussieht wie Tobias, ließ ihn zur perfekten Auszeit-Begleitung werden. Natürlich hat Tobias die Flugtickets gefunden und natürlich hat er mir verziehen. So wie nun ich ihm verzeihen muss. Denn das ist wahre Größe.
Aber ich kann es nicht. Und versuche es trotzdem. Ich wollte schon als Kind groß sein. Aber ich bin nur 1 Meter 71.

 

„Ich will mich in die Seele eines Mannes hineinversetzen“, sage ich zu Jacky und wir sehen uns an, prusten beide los. Was für ein sinnloses Unterfangen.
„Die Seele eines Mannes ist duster, du wirst nichts finden – außer einem großen schwarzen Loch“, amüsiert sich Jacky, während sie ihren Still-BH für Gregor öffnet. Gierig schnappt er nach ihrem Nippel.
„Au! Siehst du“, jammert sie, „nicht beißen, sonst beiße ich zurück, du kleiner Satansbraten!“
Ich sehe die beiden an und stelle mir plötzlich vor, ein saugendes Baby an meiner Brust zu haben.
„Vielleicht ist es das“, überlege ich laut, während ich meine Beine aufs Sofa ziehe und das Kuhfell-Kissen im Arm zerknautsche.
„Zurückbeißen?“, grinst Jacky, „willst du dich von einem anderen schwängern lassen, um es Tobias heimzuzahlen?“
Wir sehen uns an. Ich nicke.
„Nein, das kann ich nicht. Ich bin kein rachsüchtiger Mensch.“ Ich mache einen Rückzieher.
„Stimmt. Du hast dir schon in der Schule die Pausenbrote klauen lassen. Und statt dich zu wehren, hast du am nächsten Tag Nutella-Brote für alle mitgebracht.“
„Woher weißt du …?“
„Deine Mutter.“
„Na wunderbar. Ich war also schon immer naiv und unsagbar bescheuert?“
„Sagen wir – zu gut für die Männerwelt, deshalb liebt dich Tobias ja so.“
„Tut er das? Seltsame Art, mir das zu zeigen.“ Ich werfe das Kissen in die Ecke, als wäre es ein Schmetterball.
„Finde es heraus. Einen Besseren kriegst du eh nicht mehr mit 39 und beginnender Cellulite.“
Ich schnappe mir das Kissen erneut und werfe es Richtung Jackys Kopf. Sie duckt sich, das Kissen schießt eine Vase um, die zerbricht.
„Verdammt.“ Ich stehe auf, um die Scherben aufzusammeln.
„Soll ich wirklich?“ Ich sehe eine scharfkantige Scherbe an.
„Klar, Tobias ist der tollste Mann, den ich kenne, wenn du ihn nicht mehr willst, nehm ich ihn“, sie grinst – und ich schneide mich.

 

Himbeersommer
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