- Beyer Anja Saskia
- Himbeersommer
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Ich packe zögerlich noch ein paar
Umzugskisten aus, halte dann aber inne, bin mir nicht sicher, ob
ich weiter auspacken soll. Und niste mich bei Jacky
ein.
Die hat mal wieder eine Schreinacht
hinter sich, und ich nehme ihr Gregor ab. Er wimmert, bekommt neue
Zähne. Männer können so wehleidig sein.
Jacky sieht aus wie eine leer gesaugte
Milchtüte und würde Gregor am liebsten verschenken.
Werner hat sich nach ihrem letzten
Telefonat nicht mehr gemeldet, nachdem Gregor im Hintergrund die
ganze Zeit geschrieen hat. Ich nehme sie in den Arm.
„Das hast du wirklich nicht verdient,
Süße.“
Wir diskutieren, wie schwerwiegend
Tobias’ Vertrauensbruch war, ob ich weiter mit ihm leben kann, ob
es eine Möglichkeit gibt zu verzeihen.
Nach fünf anstrengenden Stunden, fünf
Gläsern Baileys und dank Jacky ist mir klar, ich liebe Tobias sehr
und er ist der Vater meiner Kinder.
„Aber ich kann ihm nicht verzeihen,
dass er mich angelogen hat.“
Jacky verdreht die Augen und erinnert
mich an meine Lüge vor fünf Jahren.
„Du hast Tobias damals auch
angeschwindelt!“
„Das war etwas ganz
anderes.“
„Ja, ja. So rasend eifersüchtig wie er
auf Olaf ist, war es schon auch ein großes Ding.“
Beste Freundinnen haben das Feingefühl
einer Stecknadel.
Stimmt. Ich hatte Tobias gesagt, dass
ich mit Jacky in einem Fastenhotel an der Ostsee bin. Stattdessen
war ich mit meinem Ex auf Sardinien.
„Ich brauchte eine Auszeit und einen
guten männlichen Freund. Und Tobias hätte nie verstanden, dass es
so etwas wie `Sex mit dem Ex´ bei mir nicht gibt“, verteidige ich
mich halbherzig.
„Gibt es ja auch nicht. Also wie oft
ich schon mit irgendwelchen Exen …“ Jacky lächelt amüsiert vor sich
hin.
Das mit Olaf war vorbei, aber die
Tatsache, dass er mich immer noch unglaublich erotisch fand,
ziemlich ähnliche Ansichten wie Tobias hatte, aber nicht so gut
aussieht wie Tobias, ließ ihn zur perfekten Auszeit-Begleitung
werden. Natürlich hat Tobias die Flugtickets gefunden und natürlich
hat er mir verziehen. So wie nun ich ihm verzeihen muss. Denn das
ist wahre Größe.
Aber ich kann es nicht. Und versuche
es trotzdem. Ich wollte schon als Kind groß sein. Aber ich bin nur
1 Meter 71.
„Ich will mich in die Seele eines
Mannes hineinversetzen“, sage ich zu Jacky und wir sehen uns an,
prusten beide los. Was für ein sinnloses Unterfangen.
„Die Seele eines Mannes ist duster, du
wirst nichts finden – außer einem großen schwarzen Loch“, amüsiert
sich Jacky, während sie ihren Still-BH für Gregor öffnet. Gierig
schnappt er nach ihrem Nippel.
„Au! Siehst du“, jammert sie, „nicht
beißen, sonst beiße ich zurück, du kleiner
Satansbraten!“
Ich sehe die beiden an und stelle mir
plötzlich vor, ein saugendes Baby an meiner Brust zu
haben.
„Vielleicht ist es das“, überlege ich
laut, während ich meine Beine aufs Sofa ziehe und das
Kuhfell-Kissen im Arm zerknautsche.
„Zurückbeißen?“, grinst Jacky, „willst
du dich von einem anderen schwängern lassen, um es Tobias
heimzuzahlen?“
Wir sehen uns an. Ich
nicke.
„Nein, das kann ich nicht. Ich bin
kein rachsüchtiger Mensch.“ Ich mache einen
Rückzieher.
„Stimmt. Du hast dir schon in der
Schule die Pausenbrote klauen lassen. Und statt dich zu wehren,
hast du am nächsten Tag Nutella-Brote für alle
mitgebracht.“
„Woher weißt du …?“
„Deine Mutter.“
„Na wunderbar. Ich war also schon
immer naiv und unsagbar bescheuert?“
„Sagen wir – zu gut für die
Männerwelt, deshalb liebt dich Tobias ja so.“
„Tut er das? Seltsame Art, mir das zu
zeigen.“ Ich werfe das Kissen in die Ecke, als wäre es ein
Schmetterball.
„Finde es heraus. Einen Besseren
kriegst du eh nicht mehr mit 39 und beginnender
Cellulite.“
Ich schnappe mir das Kissen erneut und
werfe es Richtung Jackys Kopf. Sie duckt sich, das Kissen schießt
eine Vase um, die zerbricht.
„Verdammt.“ Ich stehe auf, um die
Scherben aufzusammeln.
„Soll ich wirklich?“ Ich sehe eine
scharfkantige Scherbe an.
„Klar, Tobias ist der tollste Mann,
den ich kenne, wenn du ihn nicht mehr willst, nehm ich ihn“, sie
grinst – und ich schneide mich.