***

 

Tobias’ Notebook ist weg. Und meine Hoffnung auf ein Wunder auch. Da höre ich ein Geräusch aus dem Schlafzimmer. Sind das Einbrecher oder ist Tobias noch hier? Ich gehe rasch hoch und sehe, wie er seine Socken langsam und starr in seinen Samsonite-Flycase sortiert. Sein Notebook liegt bereits darin.
„Bitte, es tut mir so leid“, höre ich mich sagen, ohne zu wissen, was ich sagen kann, um die Verletzung dieses Mannes zu lindern.
„Kein Problem“, stellt er bitter fest, „du hast dich entschieden.“
„Das habe ich. Für dich. Ich hab mich doch nur … von ihm verabschiedet.“
„Verabschiedet? Nora, du stehst auf diesen Kerl. Das sieht doch ein Blinder.“
Oh Gott. Tatsächlich?! Ja, ich stehe auf ihn. Aber das allein reicht doch nicht.
„Aber das allein reicht doch nicht“, höre ich mich sagen und würde den Satz am liebsten löschen.
„Ich meine, nur weil er ganz niedlich aussieht, ist er nicht der Mann meines Lebens. Das bist du.“
Tobias sieht mich an, hält eine Socke starr in der Hand.
„Und du siehst tausendmal niedlicher aus …“
„Wo ist die andere Socke?“, will er mit belegter Stimme wissen und schnappt sich, da ich nach Luft schnappe, seine Unterhosen.
„Bitte, Tobias, das alles ist doch nur passiert, weil wir so unbedingt dieses Kind wollten.“
„Du“, verbessert er mich. „Und weil ich keines zeugen kann, richtig? Ich bin also schuld.“
„Nein, das bist du nicht. Ich hab alles kaputt gemacht, ich hätte niemals mit Daniel …“ Ich beiße mir auf die Zunge.
„So, Daniel heißt er also.“ Tobias nimmt jetzt ein kleinkariertes Hemd vom Bügel.
„Ja, Daniel. Und ich habe ihn gerade gebeten, uns sein zu lassen, ich meine allein … , als kleine Familie, und nicht als Zweitpapa aufzutreten.“
„Und das macht er mit?“ In Tobias` Stimme liegt ein winziger Funken Hoffnung.
„Naja, nein, sieht nicht so aus“, muss ich diese im Keim ersticken. „Aber es ist doch auch okay, wenn er sich kümmern will. Ich meine, dann haben wir ab und zu einen Babysitter, das hatten wir doch so besprochen.“
„Besprochen hatten wir etwas ganz anderes, Nora. Kein Sex, keine Gefühle. Das war unser Deal.“
„Ich weiß. Ich bin halt auch bloß ein Mensch.“ Ich setze mich aufs Bett, halte meinen Bauch und starre vor mich hin.
Tobias sieht mich an, ringt mit sich, hat sichtlich Mitleid. Er kommt langsam zu mir, kniet sich nieder, nimmt meine Hände.
„Schnecki, ich weiß, du hast da offenbar einiges alleine durchgemacht. Ich weiß ja, wie sensibel du bist. Aber ich kann so nicht leben.“
„Wie, nicht leben?“ Ich sehe ihn an und meine Augen füllen sich mit Tränen.
„Mit dem Gefühl, dass du ihn vielleicht doch mehr liebst als mich.“
„Tu ich nicht. Ehrlich.“
„Glaub ich dir ja. Aber wenn das Baby da ist und ihm ähnlich sieht, vielleicht dann?“
„Und wenn nicht? Willst du Schluss machen, nur weil es vielleicht sein kann, dass ich dich in ein paar Jahren weniger liebe? Das kann immer sein, Tobias. Immer. Dann darf man sein Herz ja niemandem öffnen. Nie. Bitte, wir gehören doch zusammen, wir beide.“
Tobias scheint beeindruckt von meinem Plädoyer, das einem Staatsanwalt alle Ehre gemacht hätte. Er lässt meine Hand los, steht auf, geht im Raum auf und ab und sieht mich anwaltlich ernst an.
„Ich werde die Faktenlage für mich in Ruhe prüfen und dir dann mitteilen, zu welchem Ergebnis ich gekommen bin.“

 

„Die Faktenlage in Ruhe prüfen?!“ Magda, zu der ich geflüchtet bin, kann es nicht fassen und rupft noch stärker an den Blättern ihrer Tomaten, die auf ihrer Terrasse in Töpfen stehen. Ausgeizen nennt man das. Weg mit den kleinen Nebentrieben, damit die großen stärker wachsen können. Survival of the fittest sozusagen. Das Gleiche ist es auch mit den Männern. Der, der dran bleibt, gewinnt, hat meine Mutter immer gesagt. Mein Handy piept, eine SMS von Daniel. Aber ich bin stark und sehe sie mir nicht an. Ich will nicht, dass er gewinnt.
„Tobias ist wirklich ein typischer Anwalt. Bist du sicher, dass du nicht doch diesen jungen Prinz Charming willst?“ Magda sieht mich forschend an.
„Ganz sicher“, sage ich mit fester Stimme.
„Sehr gut. War nur ein kleiner Test. Also dann. Dann darfst du diesen Jungschen bis zur Geburt nicht mehr sehen!“
„Was? Ich meine, wieso bis zur Geburt?“
„Weil es vorher keinen Grund gibt, und danach hat er ja sozusagen ein Recht darauf, sein Kind zu sehen.“
„Ist das so?“ Zu dumm, dass ich meinen Anwalt nicht fragen kann. Wäre etwas taktlos.
„Es ist besser so, wirklich.“ Magda rupft aufgewühlt erneut ein Blatt ab. Erst jetzt merke ich, dass sie ganz offensichtlich auch etwas auf dem Herzen hat.
„Und was ist bei dir gerade kompliziert?“
„Alles. Irgendwie. Irgendwie ist Ines in letzter Zeit so seltsam.“
„Seltsam? Wie denn?“
Magda sieht mich traurig an. „Zwei Frauen, das schleift sich genauso ab wie mit `nem Kerl. Wir kriegen uns oft in die Haare im Moment. Alltag ist eben Alltag.“
„Aber Alltag ist doch auch etwas Wunderschönes. Ich wäre froh, ich hätte endlich mal wieder unseren ganz normalen Alltag mit Tobias, so wie früher am Wochenende. Lange schlafen, Croissants im Bett, Kino …“
Magda lächelt mich an. „Den wirst du leider die nächsten 20 Jahre nie wieder haben.“ Sie deutet auf meinen Bauch und mir wird plötzlich schwindelig.
„Also Nora, du triffst diesen Daniel bis zur Geburt nicht mehr, keine Telefonate, keine SMS. Nur noch eine, die genau das ankündigt. Und nach der Geburt sieht man weiter. Jetzt musst du erstmal deine Ehe retten.“
„Wir sind nicht verheiratet.“
„Du weißt genau, was ich meine.“
Ich nicke unsicher und weiß nicht, wie ich das alles schaffen soll. Ich habe mich als Kind immer auf dem Dachboden versteckt, wenn meine Mutter zu viel von mir auf einmal wollte. Blockflöte üben, Makramee Blumenampeln knüpfen, Wellensittich-Käfig sauber machen. Dort habe ich mir vorgestellt, ich sei ein Schlossgespenst und unsichtbar.
Magda setzt noch einen drauf. „Denk dran, dein Baby spürt, wenn es dir nicht gut geht. Und du willst doch nicht, dass dein Baby leidet, oder?“
„Natürlich nicht!“ Ich sehe sie ziemlich schockiert an.
„Jetzt guck nicht so, als wäre ich ein Geist.“ Magda ist fertig mit den Tomaten, und ich bin es auch. Ich bin eine Rabenmutter, noch bevor mein Kind geboren wurde. Diese Erkenntnis trifft mich wie ein Schlag in die Herzgegend.
Ich krame mein Handy raus und schreibe Daniel eine SMS. „Bitte lass mich bis zur Geburt in Ruhe.“ Nein, das klingt zu hart. Ich lösche die SMS und fange erneut an. „Lieber Daniel, es ist besser für das Kind, wenn wir uns bis zur Geburt nicht mehr sehen.“ Klingt etwas seltsam, aber egal. Ich füge noch hinzu. „Bitte keine Anrufe oder SMSe mehr bis dahin. Gruß Nora.“
Gruß Nora. Allein damit komme ich mir schäbig vor. Ich drücke schnell auf Senden, bevor ich es mir anders überlege.
Ich bin eine Rabenmutter! Die Einzige, die für diese Erkenntnis Verständnis hat, ist Jacky. Denn sie nennt sich selbst immer Rabenmutter. Ich rufe sie an.
„Jacky, leg bitte nicht auf“; ich klinge wirkich verzweifelt. „Es tut mir so leid, dass ich dich mit den Cocktails bei diesem Detlef stehen lassen hab. Wie oft soll ich das denn noch sagen?“
All meine Versuche, sich bei ihr für mein nächtliches Sitzenlassen in Clärchens Ballhaus zu entschuldigen, wurden bisher abgeblockt.
„Ich bin jetzt schon eine miese Mutter, und die Einzige, die mich versteht, bist du.“
„Weil ich auch `ne miese Mutter bin? Danke!“ Sie macht eine Pause. „Na gut, willkommen im Club. Komm vorbei, du dummes Stück“, sagt sie ruppig und ich bin ihr unendlich dankbar.

 

Himbeersommer
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