- Beyer Anja Saskia
- Himbeersommer
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***
Tobias’ Notebook ist weg. Und meine
Hoffnung auf ein Wunder auch. Da höre ich ein Geräusch aus dem
Schlafzimmer. Sind das Einbrecher oder ist Tobias noch hier? Ich
gehe rasch hoch und sehe, wie er seine Socken langsam und starr in
seinen Samsonite-Flycase sortiert. Sein Notebook liegt bereits
darin.
„Bitte, es tut mir so leid“, höre ich
mich sagen, ohne zu wissen, was ich sagen kann, um die Verletzung
dieses Mannes zu lindern.
„Kein Problem“, stellt er bitter fest,
„du hast dich entschieden.“
„Das habe ich. Für dich. Ich hab mich
doch nur … von ihm verabschiedet.“
„Verabschiedet? Nora, du stehst auf
diesen Kerl. Das sieht doch ein Blinder.“
Oh Gott. Tatsächlich?! Ja, ich stehe
auf ihn. Aber das allein reicht doch nicht.
„Aber das allein reicht doch nicht“,
höre ich mich sagen und würde den Satz am liebsten
löschen.
„Ich meine, nur weil er ganz niedlich
aussieht, ist er nicht der Mann meines Lebens. Das bist
du.“
Tobias sieht mich an, hält eine Socke
starr in der Hand.
„Und du siehst tausendmal niedlicher
aus …“
„Wo ist die andere Socke?“, will er
mit belegter Stimme wissen und schnappt sich, da ich nach Luft
schnappe, seine Unterhosen.
„Bitte, Tobias, das alles ist doch nur
passiert, weil wir so unbedingt dieses Kind wollten.“
„Du“, verbessert er mich. „Und weil
ich keines zeugen kann, richtig? Ich bin also schuld.“
„Nein, das bist du nicht. Ich hab alles kaputt gemacht, ich hätte niemals mit
Daniel …“ Ich beiße mir auf die Zunge.
„So, Daniel heißt er also.“ Tobias
nimmt jetzt ein kleinkariertes Hemd vom Bügel.
„Ja, Daniel. Und ich habe ihn gerade
gebeten, uns sein zu lassen, ich meine allein … , als kleine
Familie, und nicht als Zweitpapa aufzutreten.“
„Und das macht er mit?“ In Tobias`
Stimme liegt ein winziger Funken Hoffnung.
„Naja, nein, sieht nicht so aus“, muss
ich diese im Keim ersticken. „Aber es ist doch auch okay, wenn er
sich kümmern will. Ich meine, dann haben wir ab und zu einen
Babysitter, das hatten wir doch so besprochen.“
„Besprochen hatten wir etwas ganz
anderes, Nora. Kein Sex, keine Gefühle. Das war unser
Deal.“
„Ich weiß. Ich bin halt auch bloß ein
Mensch.“ Ich setze mich aufs Bett, halte meinen Bauch und starre
vor mich hin.
Tobias sieht mich an, ringt mit sich,
hat sichtlich Mitleid. Er kommt langsam zu mir, kniet sich nieder,
nimmt meine Hände.
„Schnecki, ich weiß, du hast da
offenbar einiges alleine durchgemacht. Ich weiß ja, wie sensibel du
bist. Aber ich kann so nicht leben.“
„Wie, nicht leben?“ Ich sehe ihn an
und meine Augen füllen sich mit Tränen.
„Mit dem Gefühl, dass du ihn
vielleicht doch mehr liebst als mich.“
„Tu ich nicht. Ehrlich.“
„Glaub ich dir ja. Aber wenn das Baby
da ist und ihm ähnlich sieht, vielleicht dann?“
„Und wenn nicht? Willst du Schluss
machen, nur weil es vielleicht sein
kann, dass ich dich in ein paar Jahren weniger liebe? Das kann
immer sein, Tobias. Immer. Dann darf man sein Herz ja niemandem
öffnen. Nie. Bitte, wir gehören doch zusammen, wir
beide.“
Tobias scheint beeindruckt von meinem
Plädoyer, das einem Staatsanwalt alle Ehre gemacht hätte. Er lässt
meine Hand los, steht auf, geht im Raum auf und ab und sieht mich
anwaltlich ernst an.
„Ich werde die Faktenlage für mich in
Ruhe prüfen und dir dann mitteilen, zu welchem Ergebnis ich
gekommen bin.“
„Die Faktenlage in Ruhe prüfen?!“
Magda, zu der ich geflüchtet bin, kann es nicht fassen und rupft
noch stärker an den Blättern ihrer Tomaten, die auf ihrer Terrasse
in Töpfen stehen. Ausgeizen nennt man das. Weg mit den kleinen
Nebentrieben, damit die großen stärker wachsen können. Survival of
the fittest sozusagen. Das Gleiche ist es auch mit den Männern.
Der, der dran bleibt, gewinnt, hat meine Mutter immer gesagt. Mein
Handy piept, eine SMS von Daniel. Aber ich bin stark und sehe sie
mir nicht an. Ich will nicht, dass er gewinnt.
„Tobias ist wirklich ein typischer
Anwalt. Bist du sicher, dass du nicht doch diesen jungen Prinz
Charming willst?“ Magda sieht mich forschend an.
„Ganz sicher“, sage ich mit fester
Stimme.
„Sehr gut. War nur ein kleiner Test.
Also dann. Dann darfst du diesen Jungschen bis zur Geburt nicht
mehr sehen!“
„Was? Ich meine, wieso bis zur
Geburt?“
„Weil es vorher keinen Grund gibt, und
danach hat er ja sozusagen ein Recht darauf, sein Kind zu
sehen.“
„Ist das so?“ Zu dumm, dass ich meinen
Anwalt nicht fragen kann. Wäre etwas taktlos.
„Es ist besser so, wirklich.“ Magda
rupft aufgewühlt erneut ein Blatt ab. Erst jetzt merke ich, dass
sie ganz offensichtlich auch etwas auf dem Herzen hat.
„Und was ist bei dir gerade
kompliziert?“
„Alles. Irgendwie. Irgendwie ist Ines
in letzter Zeit so seltsam.“
„Seltsam? Wie denn?“
Magda sieht mich traurig an. „Zwei
Frauen, das schleift sich genauso ab wie mit `nem Kerl. Wir kriegen
uns oft in die Haare im Moment. Alltag ist eben
Alltag.“
„Aber Alltag ist doch auch etwas
Wunderschönes. Ich wäre froh, ich hätte endlich mal wieder unseren
ganz normalen Alltag mit Tobias, so wie früher am Wochenende. Lange
schlafen, Croissants im Bett, Kino …“
Magda lächelt mich an. „Den wirst du
leider die nächsten 20 Jahre nie wieder haben.“ Sie deutet auf
meinen Bauch und mir wird plötzlich schwindelig.
„Also Nora, du triffst diesen Daniel
bis zur Geburt nicht mehr, keine Telefonate, keine SMS. Nur noch
eine, die genau das ankündigt. Und nach der Geburt sieht man
weiter. Jetzt musst du erstmal deine Ehe retten.“
„Wir sind nicht
verheiratet.“
„Du weißt genau, was ich
meine.“
Ich nicke unsicher und weiß nicht, wie
ich das alles schaffen soll. Ich habe mich als Kind immer auf dem
Dachboden versteckt, wenn meine Mutter zu viel von mir auf einmal
wollte. Blockflöte üben, Makramee Blumenampeln knüpfen,
Wellensittich-Käfig sauber machen. Dort habe ich mir vorgestellt,
ich sei ein Schlossgespenst und unsichtbar.
Magda setzt noch einen drauf. „Denk
dran, dein Baby spürt, wenn es dir nicht gut geht. Und du willst
doch nicht, dass dein Baby leidet, oder?“
„Natürlich nicht!“ Ich sehe sie
ziemlich schockiert an.
„Jetzt guck nicht so, als wäre ich ein
Geist.“ Magda ist fertig mit den Tomaten, und ich bin es auch. Ich
bin eine Rabenmutter, noch bevor mein Kind geboren wurde. Diese
Erkenntnis trifft mich wie ein Schlag in die
Herzgegend.
Ich krame mein Handy raus und schreibe
Daniel eine SMS. „Bitte lass mich bis zur Geburt in Ruhe.“ Nein,
das klingt zu hart. Ich lösche die SMS und fange erneut an. „Lieber
Daniel, es ist besser für das Kind, wenn wir uns bis zur Geburt
nicht mehr sehen.“ Klingt etwas seltsam, aber egal. Ich füge noch
hinzu. „Bitte keine Anrufe oder SMSe mehr bis dahin. Gruß
Nora.“
Gruß Nora. Allein damit komme ich mir
schäbig vor. Ich drücke schnell auf Senden, bevor ich es mir anders
überlege.
Ich bin eine Rabenmutter! Die Einzige,
die für diese Erkenntnis Verständnis hat, ist Jacky. Denn sie nennt
sich selbst immer Rabenmutter. Ich rufe sie an.
„Jacky, leg bitte nicht auf“; ich
klinge wirkich verzweifelt. „Es tut mir so leid, dass ich dich mit
den Cocktails bei diesem Detlef stehen lassen hab. Wie oft soll ich
das denn noch sagen?“
All meine Versuche, sich bei ihr für
mein nächtliches Sitzenlassen in Clärchens Ballhaus zu
entschuldigen, wurden bisher abgeblockt.
„Ich bin jetzt schon eine miese
Mutter, und die Einzige, die mich versteht, bist du.“
„Weil ich auch `ne miese Mutter bin?
Danke!“ Sie macht eine Pause. „Na gut, willkommen im Club. Komm
vorbei, du dummes Stück“, sagt sie ruppig und ich bin ihr unendlich
dankbar.