- Beyer Anja Saskia
- Himbeersommer
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„Hochschwanger würde ich ja nie in so
einen lauten Schuppen gehen“, zischelt eine Anfang 20-Jährige mit
knapp sitzenden Hüftjeans und einwandfreiem Bauch ihrem Freund zu,
als ich mich mit Jacky vorfreudig in die Schlange
stelle.
„Und das in dem Alter. Die kommt doch
eh nich rein“, erwidert der und grinst mich in seinem schwarzen
Mitte-Rolli abschätzig an.
„Soll ich ihm eine scheuern oder
möchtest du das selber tun?“, will Jacky gut hörbar
wissen.
„Ach, gerade im Moment ist mir nicht
nach einer Schlägerei. Die werden schon sehen, wie kompliziert die
nächsten 20 Jahre werden können.“
Jacky lächelt mich an. „Hauptsache,
wir sind immer noch zusammen“, sagt sie und lehnt ihren Kopf an
meine Schulter. „Nur mit den Männern ist das alles `n bisken
kompliziert.“ Jacky hat tatsächlich Tränen in den Augen. Dieser
Werner scheint es ihr wirklich angetan zu haben.
Der Türsteher erkennt uns tatsächlich
wieder. „Hey Mädels! Gott, seid ihr schnuckelige Wonneproppen
geworden!“ Er lacht schallend los. „Genauso `ne Wampe wie ich,
Nora. Geil ey, aber du hast `nen Braten in der Röhre! Kommt
rein.“
Ohne auch nur einen Ton aus unseren
zusammengepressten Mündern herauszubringen, gehen wir mit deutlich
gemischten Gefühlen hinein.
Die Kronleuchter zaubern ein ganz
besonderes Licht und verzaubern unsere Sinne. Die Musik ist laut,
scheint Daniels Kind aber gut zu gefallen. Ich spüre es in mir und
bin heimlich glücklich. Jacky starrt depressiv vor sich
hin.
„He, guck nicht so griesgrämig, sonst
verschreckst du die Typen“, sage ich zu ihr und lächle sie
aufmunternd an.
„Ich will keinen Typen, ich will
Werner, das Schwein!“, schnieft sie und starrt einen Anfang
50-Jährigen an. „Glotz nicht so, du hast doch bestimmt auch schon
zig Frauen zum Heulen gebracht!“
Der Mann guckt erschrocken und dreht
sich unsicher um.
„Im Kerle verscheuchen bin ich eins
a.“ Jacky lässt sich auf einen roten Plüschsessel plumpsen. Ich
setze mich dazu, da ich das Gefühl habe, meine Beine füllen sich
mit Wasser wie eine alte Regentonne.
„Ach komm. Da, der mit den dunklen
Locken, der guckt dich die ganze Zeit an.“
Jacky sieht hin. „Du brauchst echt `ne
Brille, Nora. Der glotzt eindeutig dich an, wie
immer.“
„Meinen dicken Bauch starrt der an, na
toll. Außerdem bin ich ja eh ver … äh ver … dammt wenig
interessiert.“
„Vergeben wolltest du sagen. Doppelt
vergeben sogar. Du Glückliche. Und ich?“ Jacky ist heute wirklich
am Ende.
„Achtung, er kommt.“
Der Mann trägt ein braunes,
langärmliges T-Shirt, braune Hose, braune Schuhe. Bisschen
braunlastig, aber sonst wirkt er eigentlich recht
sympathisch.
Bitte lieber Gott, lass ihn nicht mich
ansprechen, die arme Jacky springt sonst vom Balkon.
„Tag auch, ich bin der Detlef, du sag
mal, ich will dir ja nicht zu nahe treten, aber hast du `ne Ahnung
was du deinem Kind damit antust?“ Der Braunlastige meint eindeutig
mich.
„Was? Was meinst du jetzt konkret,
Detlef?“ Ich antworte im gleichen pädagogisch wertvollen
Ton.
„Ja du, weißt du, ich bin ja
Musiklehrer und so kleine Kinder, die haben ja das absolute
Gehör.“
Jacky und ich sehen uns einen Moment
an und prusten fast los. Doch dann kommt der aschblonde Freund vom
Detlef, und der ist noch ein bisschen brauner angezogen und noch
ein bisschen weniger charmant.
„Hi, sag mal, geht’s noch?
Hochschwanger und in so `ner verrauchten, lauten Disse hier? Was
bist du denn für `ne Ego-Mutti?!“
Jetzt reicht’s! Ich stehe auf und
blaffe ihn an. „Und was hat dir deine Mutti für miese Manieren
beigebracht, du unverschämter Riesenbau-Klotz!?“ Doch aufgrund der
nun wirklich sehr laut einsetzenden Tango-Musik, geht mein Gezeter
unter und ich fürchte, er sieht nur meinen sich öffnenden und
schließenden Mund und hört so gut wie gar nichts. Ich fühle mich
wie ein Goldfisch im Glas und sehe durch meine Glasscheibe hinaus
auf die Tanzfläche – und erstarre. Mein gerade geöffneter Mund
bleibt sperrangelweit offen stehen.
Denn dort tanzt Daniel, versunken und
mit geschlossenen Augen und sinnlich und süß wie eh und je. Daniel
hat ganz offensichtlich Musik im Blut und bewegt sich sanft und
erotisch zur Musik und macht eine wunderbare Drehung nach der
anderen! Als dann auch noch „I’m still loving you“ einsetzt, ist es
um mich geschehen. Ich starre ihn an und weiß, dass ich noch
einiges für ihn empfinde und jetzt sofort fliehen muss, um nicht
wieder in seinen Bann gezogen zu werden. Ich sehe auf meinen Bauch.
Daniel weiß nicht, dass ich schwanger bin, und er darf mich so auf
keinen Fall sehen.
Detlef und sein schleimiger Freund
diskutieren hinter mir mit der genervten Jacky, wieviel Babys durch
die Bauchdecke hören können - oder auch nicht. Ich höre jedenfalls
nichts mehr, ich muss hier weg.
Während Jacky an mir vorbei an die
Theke stürzt, um einen Non-Alkohol-Cocktail für mich beim Ober zu
bestellen, springe ich ohne jede Erklärung auf und haste in die
entgegengesetzte Richtung von Daniel, mal wieder Cinderella-like,
davon.