- Beyer Anja Saskia
- Himbeersommer
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Die Saure-Gurken-Zeit geht an mir
leider nicht spurlos vorbei. Ich habe es geahnt, denn Fressattacken
hatte ich schon seit meiner Kindheit. Meine Mutter musste alle
Süßigkeiten immer in einem abschließbaren Schrank verstecken.
Ansonsten hätten sie nicht lange überlebt.
Das bei einer Schwangerschaft
auftretende Symptom der „rasanten Gewichtszunahme“ ist für eine
Frau hochgradig schockierend. Wie um Himmels willen soll sich mein
Bauch auf diese ballonartigen Ausmaße vergrößern, ohne wie eine
Melone, die auf der Straße aufprallt, zu zerplatzen? Und wie bitte
soll das Kind, wenn es nach neun Monaten so riesig ist wie ein
kleines Kalb, jemals aus meiner zierlichen Scheide kommen? Der
Gedanke versetzt mich in blanke Panik und ich beiße in eine
Lauch-Quiche von Magda, um zu verdrängen. Aber es passiert genau
das Gegenteil.
Die Quiche erinnert mich an mein
Picknick mit Daniel am Wannsee. Ich habe mir eine neue Handy-Nummer
zugelegt und ich fürchte, er hat es verstanden. Jedes Mal wenn es
an der Tür klingelt, zucke ich zusammen und mein Herz rast. Aber es
ist zum Glück nie Daniel, sondern nur der Postbote oder Magda.
Meine neue, zweitbeste Freundin.
Mit Jacky ist leider immer noch der
Wurm drin. Sie scheint persönlich beleidigt, dass ich mich von
Daniel habe schwängern lassen und lässt sich diesen Irrsinn nicht
ausreden.
„Hast du denn immer noch nicht
kapiert, was es heißt, alleinerziehend zu sein?!“, sagte sie bei
unserem letzten Mittwochslunch und winkte den dicken
Aushilfskellner her. Jacky war lange Maskenbildnerin beim
Fernsehen. Aber mit Kind ist dieser Job utopisch. Seitdem hält sie
sich mit Verkaufsjobs in Boutiquen über Wasser.
„Hast du Werner doch nicht
getroffen?“, fragte ich ahnungsvoll nach.
„Schön, dass dich das doch mal
interessiert“, erwiderte sie schnippisch. „Wir reden ja nur noch
über Daniel, deine Schwangerschaft und deine
Baustelle.“
„Ich dachte, du willst das wissen,
aber …“
„Natürlich, aber du könntest dich zur
Abwechslung mal wieder für mich interessieren.“ Sie lächelte
plötzlich. „Ich hab in Zukunft weniger Zeit. Werner hat wirklich
Interesse an mir. Trotz Kind.“
„Was? Das sagst du mir jetzt erst?!
Das ist doch toll. Oer gibt es einen Haken?“
„Bis jetzt noch nicht“, Jacky zahlte,
lächelte den dicken Aushilfskellner an. „Aber du weißt ja, bei
Männern gibt es immer einen Haken.“
Der Aushilfskellner, ein kleiner,
feister Mann mit widerlich behaarter Brust, lächelte und schüttelte
den Kopf.
„Bei mir gibt es keinen
Haken!“
Wir sahen uns an und schafften es,
erst auf der Straße loszuprusten.
Da mich die Schwangerschaftsübelkeit
voll erwischt hat, und meine Beine bereits jetzt Wasser einlagern -
so dass ich aussehe wie die alte Frau Piske ohne Perücke - bin ich
froh, nur ein paar Häuser weiter rollen zu müssen, wenn ich eine
gute Freundin brauche, um mich auszuheulen. Denn was Hormone aus
einer taffen Frau Ende 30 machen können, steht in keinem dieser
unzähligen weisen Schwangerschaftsratgeber
beschrieben.
Magda hat immer ein Kleenex und einen
guten Tipp parat. Sie erinnert sich zwar nur noch vage an die
Babyzeit mit Ruby und Wanda – „Wahnsinn wie schnell man das alles
vergisst“ –, aber so nach und nach fällt es ihr wieder
ein.
„Ich habe mich morgens und abends mit
Bio-Olivenöl eingeschmiert. Schenkel, Po, Bauch und nicht zu knapp.
Das Ganze einmassieren und voilà, schau, ich habe keine
Schwangerschaftsstreifen.“ Sie reißt ihr T-Shirt hoch und ich
bewundere ihren Bauch, der so flach ist, wie es mein Bauch noch nie
war. Auch nicht zu meiner
Geburt.
Natürlich befolge ich ihren Rat und
schmiere, was das Zeug hält. Seitdem ist der Absatz unseres kleinen
Bio-Ladens, was Olivenöl betrifft, sprunghaft in die Höhe
geschnellt.
Je größer mein Bauch wird, desto mehr
öle ich. Ein toller Tipp von Magda, wenn man die Preise für
Schwangerschaftsöl einmal aus der Nähe betrachtet. Ich hoffe es
hilft – und auch, dass die Fettflecken auf meinen Kleidern und dem
Bettlaken durch Waschen wieder herausgehen.
„Toll, dass du so schwaches
Bindegewebe hast.“ Sie lacht entschuldigend auf. „Aber das ist
jetzt wirklich ein Vorteil. Ich bin mir sicher, du kommst um diese
fürchterlichen Risse herum.“
Risse. Na wunderbar. Wenigstens jetzt
kann ich mich über mein schlaffes und dehnbares Gewebe endlich mal
freuen. Da hat die Natur so richtig mitgedacht.
Tobias ist wirklich entzückend zu mir.
Er bringt kleine Geschenke mit (was er seit ungefähr sieben Jahren
nicht mehr getan hat), auch für das Kind, und es hilft nichts, ihn
darauf aufmerksam zu machen, dass es ja noch gar nicht geboren
ist.
Wir machen uns daran, die Einrichtung
des Kinderzimmers zu planen, sind uns da aber nicht immer
einig.
Die immer wiederkehrenden Gedanken an
Daniel schiebe ich traurig beiseite. Ich habe das Gefühl, ich werde
nie mehr hundertprozentig glücklich sein können und frage mich, was
ich meinem Kind je über seinen Vater sagen soll.
Eine Wiege und andere Kindersachen
haben wir schon, und der Rest kommt von Ikea. Andere Varianten
werden schnell verworfen. Beim Thema Baby will einem die Industrie
ja so richtig schön das Geld aus der Tasche ziehen.
„Hormongesteuerte Glucken scheinen
dafür optimal bescheuert zu sein“, hat Jacky mal
gesagt.
Aber nicht mit Tobias. Er überwacht
unsere Finanzen wie ein Adler die fliehende Beute und setzt den
Rotstift an.
Ich denke täglich an Daniel. Und fühle
mich immer schäbiger, je mehr mein Bauch wächst. Denn es ist sein
Kind, und ich komme mir vor, als habe ich es ihm geklaut. Dass das
Unsinn ist, ist mir auch klar. Selbst schuld, wenn er mit einer
biologischen Atombombe schläft, ohne sich selbst um die Verhütung
zu kümmern.
Dass Männer in dem Punkt so naiv sind,
wundert mich immer wieder. Es gibt zwei Sorten von Männern, was das
anbelangt. Die einen rennen schreiend davon, wenn sie eine Frau
über 30 kennenlernen, die anderen lassen sich erzählen, die Frau
habe die Temperaturmethode im Griff - oder ein anderes schönes
Märchen von stillenden Müttern: Während man stillt, kann man nicht
schwanger werden.
Tobias` Mutter Hilde hat den contest
„Wer wird worlds best Oma“ ausgerufen. Nur macht meine Mutter nicht
mit. Meine Mutter schenkt mir ein sexy Schwangerschaftskleid und
einen schwarzen Still-BH mit Spitze. „Kindchen, denk daran, das
werden die schwierigsten Jahre in eurer Beziehung.“
Noch schwieriger, denke ich nur und
werde unruhig.
Was, wenn mich Tobias doch noch sitzen
lässt? Alleinerziehend in Berlin ist zwar nicht gerade der
Seltenheitsfall, aber auch wirklich nicht erstrebenswert. Noch dazu
mitten in der Schwangerschaft. Wem soll ich denn dann bei der
Geburt die Hand zerquetschen?
Ich bin mir zwar sicher, dass sich
Daniel meiner erbarmen würde, aber ich habe ja beschlossen, dass er
nicht der ist, den ich will. Und ich habe mir das inzwischen so gut
eingeredet, dass ich Daniel auch nicht als Notpapa missbrauchen
würde.
„Wie ist eigentlich Sex in der
Schwangerschaft“, will Ruby von mir wissen, als sie von Magda eine
Tüte gebrauchter Strampler bringt.
„Also, um ehrlich zu sein … kocht mir
gerade die Milch über. Sag deiner Mama ganz lieben Dank für die
Strampler, tschühüss.“
Ich schließe die Tür. Nein, Tobias und
ich hatten keinen Sex seit Daniel. Aber das muss ich Ruby ja nicht
unbedingt auf die Nase binden.
Eine Umfrage bei meinen neuen
Mütterfreundinnen hat sowieso Spannendes ergeben. Manche Männer
stehen sehr auf ihre schwangeren, vollbusigen Frauen, andere
kriegen die große Panik und verweigern sich im Bett.
„Mein Kind soll jetzt schon
Bekanntschaft mit meinem Schwanz machen?!“, hat der Mann einer
Schwangeren aus der Nachbarschaft gesagt und seine Frau Heidi in
eine pränatale Depression getrieben.
„Ich bin hässlich, ich bin fett, ich
bin unsexy, ein Nilpferd. Klar, dass er nicht mehr mit mir schlafen
will“, meinte Heidi. Und weder Magda noch ich konnten sie
beruhigen. Alle anderen Erklärungen prallen an hormonverdrehten
Gedanken ab. Und mit jedem Gramm mehr auf der Waage wird die
persönliche Krise schlimmer.
Tobias gehört genau zu letzter
Fraktion. „Ich tu dem Baby doch weh, wenn ich in dich
eindringe.“
Ich wusste, dass Männer gern an
übersteigertem Selbstbewusstsein leiden, aber dass sie denken, ihr
Schwanz wäre so lang wie ein Staubsaugerrohr und dass sie in
Biologie offensichtlich nicht aufgepasst haben, macht mich fertig.
In unserem Fall ist es mir allerdings recht.
Ich will noch nicht mit Tobias
schlafen. Seit ich Daniel gespürt habe. Und ich bin sehr froh um
Tobias` Fantasien und heize sie an.
In den Arbeitspausen, wenn ich mich
nicht gerade mit Ingo Baltimore und der Suche nach einem Sponsor
für mein Kunstprojekt herumschlagen muss, lasse ich mich auf
überfüllte Kita-Wartelisten setzen.
Baltimore will jetzt gerichtlich gegen
mich vorgehen. Eine Tatsache, die mich vor meiner Schwangerschaft
an den Rand des Nervenzusammenbruchs gebracht hätte, bringt mich
nun nicht extrem aus der Ruhe.
„Soll er doch“, habe ich zu Tobias
gesagt. „Die anderen finden den größeren Spielplatz
toll.“
Plötzlich gibt es Wichtigeres in
meinem Leben als den Job. Nämlich die Frage, mit welchem Tee stoppe
ich mein saures Aufstoßen, oder wie ergattere ich einen der so
begehrten Kita-Plätze.
Kita-Plätze gibt es in Berlin wie Sand
am Meer. Aber Plätze in von Übermüttern empfohlenen Kitas sind rar
gesät. Und in Gegenden wie der unseren, wo es vor Kindern und
jungen Familien nur so wimmelt, sind sie gar heiß umkämpft. Magda
rät mir, mich schon jetzt, in der Schwangerschaft, um einen Platz
zu bemühen. Ich finde das wirklich absurd, mache aber, was sie
sagt. Und stelle auch hier fest: Schwangersein
ist eine Wissenschaft für sich.
Es ist wie ein Studium, sich in all
die diffizilen, tückischen Themen einzuarbeiten. Jetzt begreife ich
endlich, warum sich Mütter stundenlang über ihren Nachwuchs
unterhalten können und müssen. Das, was jeden Single-Menschen zur
Weißglut bringt, und wo sich jeder sicher ist, so werde und will
ich nie sein, zu so einem Muttertier mutiert man, wenn sich da so
ein kleiner Alien in einen reingeschlichen hat und man keine Ahnung
hat, ob „Listeriose“ eine neue Zahnpasta-Marke ist.