- Beyer Anja Saskia
- Himbeersommer
- CR!Z59RA6ZCW910H1M4DF0WBY2Q2K8E_split_040.html
***
Mit der schlafenden Lisa im Arm, stehe
ich weinend vor Magdas Tür. Zum Glück ist sie da, aber besonders
begeistert über meinen spontanen Besuch scheint sie nicht zu
sein.
„Nora, du schon wieder. Und schon
wieder Tränen. Tut mir leid, hier ist auch gerade dicke Luft. Ines
zickt rum, ich glaube fast, sie kommt so langsam in die
Wechseljahre.“
„Oh je. Ich will auch gar nicht
stören. Bin schon wieder weg.“ Ich drehe mich um und wische mir
schnell eine Träne ab.
„Warte, was wolltest du denn?“ Magdas
Stimme klingt so, als wäre sie mit den Gedanken bereits ganz
woanders.
„Ach, kümmere du dich erst mal um
Ines. Wir können ja die Tage quatschen. Und bitte vertragt euch
wieder, ja?“
„Nicht so leicht mit einer komplett
hormonverdrehten Frau. Endlich versteh ich die Männer.“ Magda
lächelt, und ich lächle bemüht zurück.
Und ich verstehe Tobias auch sehr gut.
Das ist ja das Merkwürdige. Ich bin zutiefst verletzt und
enttäuscht und würde ihm am liebsten wild auf die Brust trommeln.
Ich beschließe, ihm Zeit zu geben.
Rasch gehe ich mit Lisa nach Hause und
packe für uns ein paar Sachen in einen Koffer. Windeln, Lätzchen,
Weleda-Popo-Creme, Strampler, Fläschchen, Beba-Milchpulver …
Himmel, da bleibt ja für meine Schuhe gar kein Platz mehr. Und zum
ersten Mal in meinem Leben habe ich nicht das Gefühl, für jede
erdenkliche Gelegenheit ein paar Schuhe zu benötigen. Meine weißen
Asics-Tiger-Turnschuhe mit den grünen Streifen reichen völlig, der
restliche Platz in meinem Leben wird mit Milchpulver und Windeln
gefüllt.
Lisa im Boogaboo und den Rollkoffer in
der anderen Hand, mache ich mich auf zur S-Bahn und bete, dass sich
Jacky unser erbarmen wird.
Ich fühle mich einsam wie eine Palme
auf einer kleinen Insel, kaufe in einer Apotheke noch eine Packung
Oropax für Jacky und schiebe den Kinderwagen verzweifelt auf Jackys
Haus zu, über das holprige Kopfsteinpflaster.
Die alte Frau Piske kommt gerade mit
ihrem Dackel zur Haustür heraus, sieht mich mit dem Kinderwagen und
Koffer bestätigt an, rückt ihre Perücke zurecht und kneift die
Augen.
„Ach nee, zu Hause rausjeflogen? Zwee
Männers waren wohl doch eener zuviel, wa?“
„In der Tat“, sage ich traurig, und
sie tätschelt mir die Wange.
„Det wird schon. Wir Weibsbilder, wir
sind ja stark. Wer hat die janzen Trümmer nachm Krieg wegjeschafft?
Also.“
Ich lächle sie durch einen
Perlenvorhang an und weiß, dass sie recht hat. Gestärkt gehe ich
ins Treppenhaus, lasse den Boogaboo unten stehen, setze Lisa in den
Ergo Carrier und zerre den schweren Koffer eisern hinauf. Bitte,
lieber Gott, lass Jacky da sein. Sonst bin ich
verloren.
Lisa gluckst, ihr scheint die Reise in
unser unsicheres Leben richtig Spaß zu machen.
Ich klingle, und Jacky macht sofort
auf: im schwarz-orange Spitzen-Negligé und mit einem
verführerischen Lächeln auf den Lippen. Ihr Lächeln gefriert, und
wir starren uns beide fassungslos an.
„Wie siehst du denn aus?“, entfährt es
mir kichernd.
„Und was machst du jetzt hier?!“,
entgegnet sie sauer. „Werner kommt in zwei Minuten, Gregor ist noch
eine Stunde in der Kita und ich hab jetzt keine Zeit für …“, sie
spreizt ihre Finger: „Ach, ich weiß einfach nicht, ob ich den
Jüngeren oder doch den ollen Tobias nehmen soll!“ Sie verdreht ihre
Augen.
Mein Kichern hat sich in ein
hysterisches Räuspern verwandelt. „Schön zu wissen, wie du über
mich denkst.“
„Das weißt du ganz genau. Also, was
ist los? Hast du Tobias verlassen und willst jetzt etwa hier
pennen?“ Sie sieht mich an, als würde ich von ihr verlangen, in
ihrem Negligé einmal durchs Müttercafé in Mitte zu
spazieren.
„Nein, will ich nicht.“
„Willst du doch. Komm schon rein.“ Sie
lächelt mich an und öffnet weit die Tür.
Eine beste Freundin zu haben, ist das
Beste, was es gibt auf der Welt. Auch, oder gerade, wenn sie einem
knallhart sagt, was sie von einem hält.
Eine Minute später, ich habe Lisa in
Gregors Babywippe von Baby Björn gelegt, die wunderbar beruhigt,
und bin gerade mitten am Erzählen, da klingelt es erneut. Jacky,
die aufgrund meines Redeschwalls noch nicht dazu gekommen ist, ihr
Negligé auszuziehen, und ihr Outfit offenbar auch völlig vergessen
hat, öffnet Werner so. Der arme Mann starrt erst sie in schwarzer
Spitze und dann mich, die ich im Hintergrund auf dem Sofa sitze und
bemüht lächle, fast schon panisch an.
„Ihr wollt … einen Dreier?!“, entfährt
es ihm überfordert, und wir prusten los.
„Oh ja, komm rein“, lacht Jacky, zieht
ihn gespielt verführerisch zu sich und gibt ihm einen dicken Kuss.
„Natürlich nicht. Nora ist nur vor Tobias geflohen. Aber warum
genau, das erzählt sie gerade, jetzt komm schon.“
Jacky wirft sich eine
Norweger-Strickjacke mit Zopfmuster über und zieht Werner ins
Wohnzimmer.
„Hi“, quetscht er heraus, mit einem
irritierten Seitenblick auf Jackys abstruses Outfit.
„Hi. Tut mir leid, dass ich euer Date
störe, aber …“, ich breche verzweifelt ab.
„Was ist denn?“, will Werner
einfühlsam wissen und setzt sich zu mir.
Ich sehe Jacky an und freue mich für
sie, dass sie so einen sensiblen, netten Kerl abgekriegt
hat.
„Wieso bist du überhaupt hier“, lenke
ich von meinem eigenen Drama neugierig ab. „Du hattest dich bei
Jacky doch wochenlang nicht mehr gemeldet?“
Jacky und Werner lächeln sich an,
nehmen sich bei der Hand und wirken sehr sehr
glücklich.
„Tja, das war genau so, wie wir Mädels
es uns immer einreden, wenn ein Typ plötzlich keine SMSe mehr
schreibt“, beginnt Jacky strahlend. „Werner lag nach einem Unfall
im Krankenhaus, ist das nicht genial?!“
Ich sehe sie an und zweifle an ihrem
Verstand.
„Also, ich meine natürlich nicht, dass
er einen Autounfall hatte, aber so schwer war der gar nicht. Paar
Rippenbrüche eben. Aber was ich meine, er konnte sich deshalb nicht
melden, weil sein Akku alle war!“
„Nein!“, entfährt es mir begeistert.
„Das ist ja wunderbar! Also eben nicht, dass du im Krankenhaus
warst, Werner, aber dass du doch nicht so einer bist.“
„Was für so einer?“, will Werner
wissen, aber Jacky und ich lächeln uns nur verschwörerisch
an.
„Und“, fährt Jacky glücklich fort,
„Werner ist total süß zu Gregor, und
wenn man es nicht wüsste, würde man meinen, er ist sein richtiger
Daddy.“
„Echt?“ Ich sehe die beiden an und
Tränen kullern mir über die Wangen.
„Nora, shit, hab ich was Falsches
gesagt? Ja, hab ich, logisch, ach komm, meine Süße.“ Sie nimmt mich
in den Arm und drückt mich ganz feste.
„Wieso kann Tobias das nicht?“,
schniefe ich in ihre Strickjacke, und Werner steht leise
auf.
„Ich hol dann mal Gregor aus der Kita
ab und dreh noch `ne Runde mit ihm im Park, okay?“
„Du bist ein Schatz“, lächelt ihn
Jacky verliebt an, und ich schniefe erneut.
Werner schickt ihr noch schnell ein
Luftbussi und geht.
„Was mach ich denn jetzt, wo soll ich
denn hin, hier stör ich euch doch nur?!“ Ich bin sichtlich
verzweifelt. Aber Jacky lässt das nicht zu.
„Weißt du was, Schnegge, ich könnte
doch `ne Zeit lang mit Gregor zu Werner ziehn. Wir haben sowieso
schon übers Zusammenziehen nachgedacht. Also zumindest ich, und
dann kannst du solange mit Lisa hier in meiner Bude
wohnen.“
„Wirklich? Ich meine, das würdest du
für uns tun?!“ Ich sehe sie an und fühle mich endlich wieder
geborgen.
„Klaro. Und ich hoffe mal, dass du das
auch für mich tust, wenn ich in ein, zwei Jahren bei Werner
rausfliege, weil ich immer meine BHs über den Türklinken hängen
lasse.“
„Ach, jetzt hör aber auf. Du bist die alte Pessimistin von uns beiden! Das
mit Werner geht gut. Ihr passt zusammen.“
„Meinst du?“
„Klar. Der lässt hundertpro auch seine
alten Socken überall rumfliegen.“ Ich grinse. „Der hat Verständnis
für Chaos-Frauen.“
Jacky lächelt verliebt, sieht mich
dann aber wieder mit diesem Blick an, der besagt: Aber bei Männern
weiß man nie.
„Das macht das Leben doch erst
spannend. Das man nie weiß, was alles kommt.“
„Ach super, jetzt reicht’s aber wieder
mit schlauen Sprüchen, Nora. Pack du deinen Koffer aus, ich pack
meinen ein.“
Ich stapele die Windeln im Bad und
erzähle von Daniel. „Er ist wirklich niedlich mit Lisa. Er liebt
sie sehr.“
„Klar, ist ja auch sein Kind. Außerdem
weiß er ganz genau, dass er dich damit weichkochen kann.“ Jacky
sieht das Ganze gleich wieder pragmatisch.
„Ja. Weiß er. Er ist einer der Männer,
die ganz genau wissen, was Frauen hören wollen. Und das Schlimme
ist, ich falle auch noch drauf rein. Und das in meinem Alter! Also,
ich meine, inzwischen schmelze ich nicht mehr blind dahin, aber zu
Beginn, als wir uns kennen gelernt haben …“
Jacky sieht mich an und ich schüttle
den Kopf.
„Nein, wirklich nicht. Ich bin über
ihn weg.“
„So, so. Bist du denn immer dabei,
wenn er Lisa sieht?“
„Bist du verrückt? Ich geh in der Zeit
shoppen, zur Ganzkörper-Massage, Maniküre Pediküre … Nein. Ich will
so wenig wie möglich mit ihm zusammen sein. Sicher ist sicher. Zwei
Väter zu haben ist übrigens gar nicht so schlecht, man hat öfter
mal ein paar Stunden für sich.“ Ich rede es mir ein und glaube es
selbst.
Doch dann schüttelt Jacky nur
mitleidig den Kopf. „Süße, wenn ich das richtig kapiert habe, hast
du keine zwei Väter mehr. Tobias ist raus aus dem
Spiel.“
Ich nicke und starre Lisa
schmerzerfüllt an. Denn mir wird bitter bewusst, dass ich Tobias
verloren habe, für immer.