- Beyer Anja Saskia
- Himbeersommer
- CR!Z59RA6ZCW910H1M4DF0WBY2Q2K8E_split_008.html
***
Tobias kommt müde und wortkarg von der
Arbeit nach Hause.
„Abendbrot fertig?“, muffelt er vor
sich hin, setzt sich vor den Fernseher, Füße auf den Couchtisch,
die Socken riechen.
Und ich stelle mir meinen muskulösen
Skilehrer vom letzten Skiurlaub vor, der ganz sicher auch müffelnde
Socken hat und mit dem man sich nicht mal gut unterhalten
konnte.
Das Gute an Tobias ist, er braucht
eine halbe Stunde für sich, wenn er nach Hause kommt, gibt dann nur
grammatikalisch mangelhafte Zweiwortsätze von sich, schaut sich die
Börsennews in n-tv an und ist nach dieser halben Stunde dann wieder
ganz da. Es gibt Männer, die aus einer halben Stunde den ganzen
Abend machen.
Leider scheint es so, als habe Tobias
das ausgerechnet heute vor. Und ich leide - sehr.
Ein Kind als Beziehungsretter ist so
ziemlich das Dümmste, was man sich vorstellen kann, erinnere ich
mich an Mamas Gejammer. Aber trotzdem will ich ein
Kind.
„Schatz, machst du bitte mal den
Fernseher aus?“ Ich fange vorsichtig an.
Er macht es sofort, sieht mich
angespannt an. Hat Angst, ich mache jetzt Schluss. Und ein warmes
Gefühl durchströmt meinen Magen.
„Wir sind füreinander geboren, vergiss
das nie.“ Das hat er mir ganz am Anfang mal geschrieben. Erst spät
habe ich herausgefunden, dass er den Satz aus dem Internet hat.
„Liebesbriefe für Jedermann.“
„Ich habe was für uns gekocht“, sage
ich und fliehe in die Küche, um die Schüsseln zu holen. „Also
kochen ist etwas übertrieben. Sahneheringe mit Kartoffeln. Dein
Lieblingsessen.“
Tobias lächelt ein wenig. „Heißt das,
du verstehst mich ein kleines bisschen?“
„Also, ehrlich gesagt – nein. Ja. Ich
muss. Weil selbst du nicht perfekt bist. Auch wenn ich es mir
sieben Jahre eingeredet habe. In so was bin ich gut, weißt du
ja.“
Er sieht mich ernst an. „Nora, ich
wollte dir wirklich nicht wehtun. Ich wusste nur keinen
Ausweg.“
„Ja klar. Aber ich versteh es trotzdem
nicht. Wir haben uns doch immer alles gesagt. Also ich dir
zumindest.“ Jede Gehirnwindung habe ich diesem Mann offenbart. Und
das sind bei einer Frau Ende 30 mehrere Millionen.
Bis auf den Urlaub mit Olaf natürlich.
Und heimliche Sexphantasien, die man nicht einmal seiner besten
Freundin erzählt.
„Ich dir auch. Aber du wolltest dieses
Kind so unbedingt. Ich hatte irgendwann das Gefühl, dass du es mehr
willst - als mich“, sagt er mit belegter Stimme.
Ich sehe ihn traurig an. Was ist aus
uns geworden.
„Ich will dich. Und ein Kind. Ich stelle mir ein Leben ohne …
einfach - sehr einsam vor.“
„Aber wir haben doch uns, wir haben uns doch all die Jahre vollauf
genügt.“
„Willst du kein Kind mehr?“, frage ich
ihn leise.
„Doch“, erwidert er schnell. „Aber ich
weiß einfach nicht … wie … und …“
„Ich aber“, lächle ich ihn an. „Du
hast dir doch immer ein kleines Mädchen gewünscht, das aussieht wie
ich, hinten auf dem Fahrradrücksitz, mit wehenden
Haaren.“
Tobias nickt angespannt. „Habe
ich.“
„Also, ich habe eine Idee, die uns
retten könnte! Wir suchen uns einen Spender, also einen
Samenspender, aus dem Bekanntenkreis, jemanden, den wir kennen, der
klug ist und okay aussieht und der soll mir … also kein Sex, … mit
einer Spritze…“.
„Was?!“ Tobias wird ganz
blass.
„Magda und Ines, du weißt schon, die
Bauherrinnen aus Haus 5, die haben es auch so gemacht. Zweimal. Und
sind total happy damit. Einen anonymen Samenspender finde ich
irgendwie gruselig.“
Tobias starrt unsere Umzugskisten an,
als wären sie Monster.
„Und wer soll so etwas mitmachen?
Nora, derjenige wird tausend Ansprüche an uns stellen. Rechtlich
ist das sehr kompliziert!“
Er steht auf, räumt sein Glas
ordentlich in die Spülmaschine, obwohl er noch gar nichts gegessen
hat, und geht ohne ein weiteres Wort raus. Ich starre traurig den
Hering an. Wenigstens hat der keine Augen mehr, glotzt nicht
zurück.
Je mehr sich Tobias von mir entfernt,
desto bewusster wird mir, wie wichtig er mir ist. Es darf nicht
sein, dass ein Eiweiß unsere Beziehung zerstört.
Tobias hat sein Jogging-Outfit
angezogen, kommt zu mir, kniet sich nieder und nimmt mich liebevoll
in den Arm.
„Wir lassen nicht zu, dass das unsere
Beziehung zerstört, okay?“
Erschrocken sehe ich ihn an, bin nur
noch fähig zu nicken. Er hat also wirklich über eine Trennung
nachgedacht?!
„Also, an wen hast du gedacht? Aber
nicht Dirk!“
Schniefend muss ich grinsen. „Nein,
auf keinen Fall Dirk. Keine Ahnung, so weit hab ich noch gar nicht
überlegt. Ich wollte es erstmal mit dir besprechen. Ich will auch
nicht, dass du Angst haben musst, dass ich dir heimlich ein Kind
anhänge.“
Es ist ihm anzusehen, dass er diesen
Gedanken schon hatte. „Wenn es ohne Sex geht…“
„Auf jeden Fall ohne Sex. Ich will nur
mit dir schlafen, mit sonst keinem“,
sage ich im Brustton der Überzeugung.
Natürlich stelle ich es mir ab und zu
mit dem spanischen Kellner in meinem Lieblingslokal vor. An der
Costa del Sol, am Sandstrand, nach ein, zwei Caipis, wie sich
unsere Körper im Meer umschlingen …
„Und Jens bitte auch nicht. Der ist
zwar Anwalt, aber total unsportlich und hat Mundgeruch“,
unterbricht mich Tobias und scheint sich richtig zu
ekeln.
Ich küsse ihn und liebe ihn gleich
noch mehr. „Du bist das Beste, was mir je begegnet ist. Welcher
andere Mann würde sich sonst auf so eine verrückte Idee
einlassen.“
Tobias lächelt schwach, denkt
nach.
„Und was, wenn derjenige dann das Kind
ständig sehen will oder das Sorgerecht anficht?“
„Kann man das nicht vertraglich
regeln?“, frage ich den Anwalt meines Vertrauens. Aber Tobias kennt
sich in Familienrecht nicht genug aus. „Muss ich mich mal
erkundigen.“
„Hätte auch seine Vorteile“, werfe ich
lächelnd ein. „Wir hätten ständig einen kostenlosen
Babysitter.“
Ich sehe Dollarzeichen in seinen
Augen. Er nickt und ich setze noch eins drauf.
„Ich finde der genetische Vater muss
dir schon sehr ähnlich sehen. Blond, blauäugig,
sportlich.“
Tobias ist jetzt vollends überzeugt.
„Von diesen Prachtexemplaren gibt es zwar nicht so viele, aber du
hast vollkommen recht. Das ist es. Dann ahnt später keiner, dass es
nicht mein Kind ist. Ich habe nämlich keine Lust auf Erklärungen.
Außer uns beiden darf nie jemand von der Sache erfahren. Außer uns
und dem Spender. Deal?“
„Deal. Und Jacky, ja?“, sage ich und
lächle ihn bittend an.
Tobias lächelt zurück. „Von mir aus
auch Jacky.“
Wir kuscheln uns mit einem Glas
Bordeaux aufs Sofa und da ist sie wieder - diese beruhigende Nähe,
die ich in letzter Zeit so oft vermisst habe. Und wunderbarerweise
scheinen wir uns innerlich noch nicht entfremdet zu haben. Wir
nehmen die Löffelchenstellung ein und gehen mein zerfleddertes
Adressbuch durch.
Da, wie wär`s mit Alex, genannt die
Birne. Er hat eine etwas verunglückte Figur, treibt zu wenig Sport
– und fällt dadurch bei Tobias auch sofort durch.
„Willst du etwa, dass mein Sohn im
Freibad gemobbt wird, weil er aussieht wie ein nasser Sack?“ Wir
kichern wie alberne Teenager.
„Dann hätten wir da noch Stuart.
Rotblond, Irische Abstammung, Jurist. Aber nein, denk dran, der
lacht so quietschend wie ein Meerschweinchen. Ob das vererbbar
ist?“ Wir amüsieren uns köstlich. Und finden an jedem etwas
auszusetzen. Weder Anton noch Robert noch Markus noch Ralf kommen
in Frage. Und mehr Blonde, Blauäugige haben wir nicht. Die, die in
Beziehungen sind, fallen sowieso gleich weg, denn welche Frau bei
klarem Verstand würde wollen, dass ihr Mann einer anderen ein Kind
macht? Sei es auch nur per Spritze.
Noch dazu, wo es sich bei vielen
Männer um Exemplare handelt, die seit Jahren damit prahlen, ein
Leben ohne Kinder führen zu wollen. Sehr zum Leidwesen ihrer
Frauen.
Denn eins ist ja wohl klar. Ein Mann,
der einer Frau sagt, dass er kein Kind will, weil er noch nicht
reif dazu ist, oder erstmal Karriere machen oder reisen will, der
ist auf jeden Fall dazu fähig, der Nächsten, in die er sich
unsterblich verliebt, sofort ein Kind zu schenken.
Tobias sieht etwas frustriert aus.
„Mhmm, wen nehmen wir denn nun?“
Und auch ich habe mir die Sache
wirklich leichter vorgestellt. Wir gehen noch mal die durch, die
wir vielleicht etwas zu leichtfertig wegen
Meerschweinchenquietschen ausgesondert haben und einigen uns
darauf, Stuart zu fragen.
„Er ist überzeugter Single, DJ,
hauptberuflich Anwalt für Menschenrechte, und wenn das Kind rote
Haare kriegen sollte, können wir immer noch behaupten, dass es von
deiner Oma mütterlicherseits ist“, resümiere ich.
Tobias nickt lächelnd. „Eine kleine
Pippi Langstrumpf stelle ich mir niedlich vor.“
„Gut. Nur wie fragen wir ihn?“ Ich
überlege laut. Eine doch recht heikle Angelegenheit. Wir
beschließen, ihn zum Essen zu uns einzuladen.
Stuart wundert sich am Telefon. „Wie
komme ich zu der Ehre?“
Ich druckse etwas herum und rede
seltsames Zeug. Er will es sich überlegen.