- Beyer Anja Saskia
- Himbeersommer
- CR!Z59RA6ZCW910H1M4DF0WBY2Q2K8E_split_039.html
***
Daniel darf Lisa ein- bis zweimal in
der Woche sehen. Das ist unser Deal. Natürlich hat er darauf
gedrängt, natürlich kann ich es ihm nicht verwehren.
Die Übergabe findet wortkarg im
Volkspark statt.
„Nora, ich habe euch so
vermisst.“
„Hi. Du, ich muss gleich noch ein paar
Erledigungen machen, Windeln, Schnuller und so, und dann zum
Frauenarzt. Ich hole Lisa hier um 15 Uhr ab, in
Ordnung?“
„In Ordnung.“ Er sieht mich an und
leidet.
„Hier ist ihre Windeltasche, mit
Wechselwäsche, Fläschchen, heißem Wasser, kennst du ja alles. Wenn
sie weint, dann ruf mich auf jeden Fall an, ja, vielleicht vermisst
sie mich.“
„Ich dich auch.“
Ich ziehe mich rasch
zurück.
Und Daniel versteht. Er genießt die
Zeit mit seinem Kind und lässt mich sein. Es tut mir jedes Mal in
der Seele weh, ihm meine Kleine zu geben, so lange getrennt zu sein
von ihr. Doch ich weiß, es ist nur fair.
Die Tage und Wochen
vergehen.
Ich sitze mal wieder auf dem Sofa und
singe ihr vor: „Hier kommt der Sonnenkäferpapa, da kommt die
Sonnenkäfermama …“, und denke, während ich singe, an Daniel, ihren
Sonnenkäferpapa, und wie das werden soll mit uns allen. Schnell
verdränge ich den Gedanken, und eine innere Leere nimmt Besitz von
mir. Wie sehr fehlt mir meine Baustelle, meine Arbeit, die auch oft
stressig war, mich aber doch sehr erfüllt hat.
Ich wackle Lisa mit einem kleinen
Kasper etwas vor. Aber abendfüllend ist das irgendwie nicht. Meine
Maus nimmt mir den Kasper aus der Hand und wirft ihn
weg.
Ich starre auf den Kasper, der jetzt
unter dem Couchtisch liegt und lasse ihn liegen.
Dann bestelle ich per Mouseklick eine
neue Bluse im Designer-Outlet, vermisse Jacky, die bis jetzt nur
zwei Mal da war, um Lisa und mich zu besuchen, und rufe sie
an.
„Wie hältst du das aus?“, meine Stimme
klingt irgendwie hohl.
„Was?“
„Na den ganzen Tag … nichts
tun.“
Jacky lacht. „Also lass das ja nicht
Tobias hören, sonst kommt der noch auf die Idee, du vernachlässigst
sein Kind.“
„Ist nicht sein Kind.“ Ich kann es mir
einfach nicht verkneifen.
„Ich weiß, du dumme Nuss. Du weißt
genau, was ich meine. Männer glauben doch wirklich, mit Kind zu
Hause, das ist total easy, fast wie Urlaub.“
„Ist es aber nicht. Sie hält mich ganz
schön auf Trab. Aber das meine ich nicht. Ich bin so froh, dass es
sie gibt, aber …“
„… du brauchst was für den Kopf,
stimmt’s?“ Jacky kennt mich einfach zu gut.
„Stimmt. Das hätte ich nie
gedacht!“
„Geht vielen Frauen so. Die wenigsten
gestehen es sich selbst ein. Was glaubst du, wie ich manchmal
durchdrehe. Den ganzen Tag nur Duziduzi, und sonst nur das
Müttergequatsche aufm Spielplatz. Du hast wenigstens noch `nen
Mann, mit dem du abends normal reden kannst.“
„Kann ich nicht.“
„Wie, kann ich nicht?“
„Tobias ist in letzter Zeit so … keine
Ahnung … wie ein Fisch.“
„Stumm und glotzt nur?“
„Ja, irgendwie. Und Daniel ruft die
ganze Zeit an und redet so viel. Und erzählt Lisa Geschichten
…“
„Pffhhh“, Jackys Stimme wird eindeutig
kühler. „Wie oft triffst du denn den?“
„Na, ein-, zweimal die Woche, wie
ausgemacht. Ist ihm eh schon viel zu wenig. Und mir zu
viel.“
„Pffh. Was sagt Magda denn
dazu?“
„Wieso Magda?“
„Na, die ist doch jetzt deine neue Nr.
eins. Immer wenn ich da war, war sie auch da.“
„So ein Bullshit, das war Zufall. Sie
wohnt halt hier in der Siedlung. Und ist total nett und versteht
mich. Und man kann ja wohl mehrere Freundinnen gleichzeitig
haben.“
„Aber nur eine Beste. Und sie war
dabei, bei Lisas Geburt.“
Stille am anderen Ende der Leitung,
und auch ich halte den Atem an. Dann ein Klick und Jacky hat
aufgelegt.
Lisa weint, und ich weine
mit.
Als Tobias am Abend nach Hause kommt,
gibt er mir einen Kuss auf die Stirn, Lisa aber nicht.
„Ich hab Tomaten, Mozzarella und ein
Baguette gekauft“, sage ich bemüht fröhlich.
„Ach schön, aber ich habe leider schon
gegessen. Wir haben doch eine neue Kollegin, hab ich das schon
erzählt? Die hat ein paar Horsd’oeuvre spendiert, zum
Einstand.“
„Ah.“ Eine neue Kollegin, denke ich,
und stelle sie mir gertenschlank und bildhübsch vor.
„Wie sieht sie denn aus?“
Tobias verdreht innerlich die Augen.
„Dicker als du und keine schönen Beine.“
„Was heißt denn dicker als ich? Heißt
das, du findest mich dick?“
Tobias schaltet N24 an und wirkt
sichtlich genervt.
„Nora, du drehst ja eh alles so, wie
du es willst. Ich habe heut Nacht kaum geschlafen bei dem Gebrüll,
und ich hatte einen wirklich anstrengenden Tag.“
Zack, legt er seine Beine auf den
Couchtisch und starrt stumm in die Glotze.
Horsd’oeuvre essen und hässliche Beine
anschauen, das nennt er anstrengend?! Das heißt also faktisch, er
hat ihr auf die Beine geschaut und ihren Körper abgescannt? Welche
Körbchengröße, und ist sie wohl gut im Bett? Ich weiß, dass ich
spinne, aber ich drehe am Rad.
„Willst du gar nicht wissen, wie es
heute mit Lisa war?“
„Doch, klar. Wie war es?“
„Sie hat den Kasper in die Hand
genommen und weggeworfen.“
„Ach ja?“
„Und ein bisschen Flitzekacke hat sie.
Ich mache mir Sorgen.“
Wieder dieser Blick. „Nora, das ist
doch nicht schlimm.“
„Das nicht. Aber dass du dich
überhaupt nicht mehr wirklich für mich oder Lisa interessierst!“
Ich sehe ihn verletzt an, er schaltet den Fernseher ab und steht
auf.
„Nora, ich kann auch nicht
mehr.“
„Was kannst du nicht mehr?“, ich sehe
ihn ängstlich an.
„Ach alles. So tun, als ob es mein
Kind wäre. Sie ist es einfach nicht. Akzeptieren, dass er sie ständig sieht, dass er dich sieht. Es geht
einfach nicht. Ich kann Lisa nicht als mein Kind annehmen, so gern
ich es will.“
Er schnappt sich seine Joggingschuhe
und geht.
Und meine kleine, schöngeredete Welt
bricht wie ein schlecht gestapeltes Kartenhaus in sich
zusammen.
Lisa ist mein ganzer Halt. Ich liebe
sie so, und egal was passiert, wir zwei werden für immer zusammen
sein. Und egal, wie kompliziert das mit den Männern wird, ich habe
sie und bereue nichts.
Ein heulendes Elend bin ich
trotzdem.