- Beyer Anja Saskia
- Himbeersommer
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Ich bekomme die Quittung. Ich habe im
Job einen gravierenden Fehler gemacht! Ich habe den Spielplatz für
unsere Siedlung zu groß bauen lassen. Die Zufahrt zu den
Autostellplätzen vor fast jedem Haus ist zu eng!
Einige Bauherren, die mit den
allerdicksten Schlitten, sind auf 180 und wollen mich als
Projektleiterin eliminieren. Aber es ist mein Projekt! Meine große
Chance, endlich, mit 39 zu zeigen was in mir steckt. – Nämlich
nicht viel? Soll ich das meinen Enkeln, die es vielleicht nie geben
wird, sagen?
Nein, das darf nicht sein. Ich
versuche die Herren zu beruhigen. Doch der BMW-Fahrer aus Haus 11,
Ingo Baltimore, der britische Vorfahren hat, zeigt keinerlei
Verständnis.
„Einem Mann wäre das nie passiert. Ich
war von Anfang an dagegen, einer Frau diesen großen Auftrag zu
geben.“
Ich sehe ihn fassungslos an und
kontere scharf. „Wir werden eine Lösung finden. Und dieser Fehler
hätte jedem passieren können. Selbst
einem Mann!“, füge ich noch ironisch hinzu.
„Sie haben viel zu viele Rutschen und
Schaukeln bauen lassen, das soll kein öffentlicher Spielplatz
werden, sondern eine Wohnanlage.“
„Dazu gehören nun mal auch Spielgeräte
für Kinder.“
„Aber kein überdimensioniertes
Piratenschiff, das ist doch total lächerlich, hier wohnt doch nicht
- Jack Sparrow!“
Die anderen lachen. Ich versuche, mir
weiter Gehör zu verschaffen.
„Kann sein. Aber ich werde das Schiff
nicht wieder abreißen lassen, und damit basta!“
Wir blitzen uns an. Und ich
unterbreche die Sitzung, denn ich bin den Tränen nahe und will
nicht den letzten Rest an Glaubwürdigkeit verlieren.
Tobias ist mit der neuen Kollegin
essen, sein Handy ist ausgeschaltet. Daniel ist sofort für mich
da.
„Das ist natürlich krass für solche
PS-gesteuerten Typen“, Daniel nimmt mich fest in den
Arm.
„Die schmeißen mich raus, da bin ich
mir sicher.“
„Das können die nicht. Du hast einen
Vertrag.“
Ich deute auf den Plan. „Das da könnte
man wieder abreißen, dann kann der Doofkopf auf seinen Parkplatz
fahren. Und da könnte man verbreitern, die andern haben nicht so
breite Schlitten. Wichtig ist jetzt vor allem, den Doofkopf zu
besänftigen. Wenn die Stimmung in der Siedlung kippt und mies wird,
kann ich hier auch nicht mehr wohnen.“
„Ist das dieser
Baltimore?“
„Ja, dieser eingebildete
Kunstkenner.“
Er sieht mich an, seine Augen
leuchten.
„Ein Kunstfreak. Ich glaube, dann hab
ich eine Idee, die ihn deinen kleinen Fauxpas ganz schnell
vergessen lässt.“
Er nimmt Stift und Papier zur Hand und
fängt an zu zeichnen.
„Hier, das Piratenschiff, da die
Stellplätze, stimmts?“
Er malt ein paar Schnörkel neben das
Schiff.
„Wie wäre es, wenn du die
Himbeersiedlung, die ja vor allem für junge, moderne Familien
umgebaut wird künstlerisch gestaltest. Kind und Kunst. Es wird sich
doch ein Künstler finden lassen, der da ein tolles Objekt
hinzaubern will.“
Ich sehe ihn an und umarme ihn. Und
halte ihn ganz, ganz fest.
„Das ist super. Wirklich. Das hätte
glatt von mir sein können“, ich lächle ihn an. Doch dann wird meine
Miene bitterernst. „Aber es geht nicht. Wir haben kein Budget
dafür. Und Baltimore ist ein Oberknauser, der macht bestimmt nichts
locker!“
Daniel sieht mich an und
überlegt.
Am nächsten Morgen habe ich einen
Termin mit den Bauherren. Und meine Brüste spannen!
Ich rase zum Drogeriemarkt, kaufe
einen Schwangerschaftstest und verkrieche mich im Bad.