- Beyer Anja Saskia
- Himbeersommer
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Tobias kommt gerade aus der Kanzlei
gehetzt, würde am liebsten den Fernseher anmachen, n-tv gucken und
die Beine hochlegen. „Stattdessen muss ich hecheln gehen“, sagt er
in einem Ton, als ob er Eier legen müsste
„Typisch Mann, du musst doch nur
mithecheln! Ich habe die Schmerzen, muss pressen, hecheln
und bluten.“ Allein bei dem Gedanken an
das viele Blut wird mir ganz blümerant.
„Das hat der liebe Gott schon richtig
gemacht“, grinst Tobias frech und ich werfe ein Kissen nach
ihm.
An den orange gestrichenen Wänden der
Hebammenpraxis hängen silbern gerahmte Bilder von zahlreichen
Promis. Dana Schweiger gleich viermal, Heike Makatsch, Jasmin
Tabatabai…
Wir befinden uns also dank Oma Hilde
in allerbester Gesellschaft. Die Hebamme ist nicht nur Hebamme,
sondern auch Yoga-Expertin. Kundalini-Yoga.
„Bitte was?“ Tobias verzieht das
Gesicht, aber er reißt sich zusammen. Er hält das Stillkissen, das
ihm die patente, blonde Hebamme in die Hand drückt, als wäre es ein
rohes Ei, das ihm gerade zerbrochen ist und zwischen den Fingern
zerfließt.
„Der Wehenschmerz kann mit der
richtigen Vorbereitung ein sinnlich-positives Erlebnis sein“,
begrüßt die Hebamme die erlesene Runde. Oma Hilde scheint einen
Kurs 40+ gebucht zu haben. Zumindest glaube ich, die Faltenfreieste
hier zu sein. Meine Bauchfalten sind dank des dicken
Schwangerschaftsbauchs ja auch endlich mal weg.
Der Kurs besteht aus nur fünf Paaren
und einer Alleinerziehenden. Die Arme! Wieso um Himmels willen
bucht man einen Partnerkurs, wenn man keinen Partner hat? Diesen
Umstand hat sie nämlich bei der Vorstellungsrunde schamvoll
verkündet.
Drei der fünf Paare erwarten Zwillinge
und berichten stolz, dass dies In-vitro-Kinder sind.
Tobias und ich sehen uns einen Moment
unwohl an. Dann umschließt er mit seinen Händen meinen Bauch. Und
wir sind uns plötzlich wieder sehr sehr nahe. Verträumt sehen wir
uns an, und ich bin mir sicher, dass uns diese unfreiwillige
Spermaspende das Leben gerettet hat.
Sonja, die Hebamme, lächelt uns an.
„Das ist kein Traumtänzer-Kurs, sondern einer, der realistisch auf
unterschiedliche Situationen im Entbindungszimmer
vorbereitet.“
Entsetzt starre ich sie an, sehe
Chirurgenmesser vor meinem inneren Auge blitzen, Hektik im
Kreissaal, Schmerzensschreie. Aber Tobias` warme Hand auf meinem
Bauch ist so beruhigend, dass ich mich entspanne. Und auch Tobias
scheint mit dem Kurs seinen inneren Frieden gemacht zu haben. Er
ist, während ich ihm den Rücken massiere, auf dem Bauch
eingeschlafen! Mit offenem Mund, vibrierenden Nasenhaaren, zum
Glück nicht nackt. Die Hebamme grinst mich an, und ich höre
peinlich berührt wie mein Freund …. schnarcht!
„Kinderkriegen ist anstrengend“,
frotzelt Sonja, wird aber von dem Aufschrei der Alleinerziehenden
unterbrochen, die sich unter Schmerzen krümmt.
„Das gibt’s doch nicht, was ist das
denn jetzt, autsch, verdammt, tut das weh!“
Sonja ist sofort bei ihr, befühlt den
Bauch.
„Wann ist noch mal dein
Termin?“
„In sechs Wochen,
aaahhhhhhhh!“
„Schaffst du es rüber, ins
Nebenzimmer? Ich will dich mal untersuchen.“
Die Alleinerziehende versucht
aufzustehen, sackt aber unter Schmerzen wieder zusammen. Sonja
bedeutet mir, die ich als Nächste sitze, ihr zu helfen, und
gemeinsam haken wir die Alleinerziehende unter und schleifen sie in
den Raum, der so gemütlich aussieht, als befinde man sich selbst im
Mutterbauch. Die starken Männer der Runde, die nicht in einen
komatösen Schlaf gefallen sind, sehen nur fassungslos und panisch
zu und halten sich an den Bäuchen ihrer Frauen fest. Ja, seht genau
her, das müssen eure Frauen auch bald erleiden.
Während Sonja die Frau untersucht,
halte ich ihr Händchen.
„Mein Mann hat mich letzte Woche
sitzen lassen“, jammert sie. „Er glaubt, das Baby ist von einem
anderen.“
„Und? Ist es das?“, platzt es aus mir
heraus. Und ich beiße mir im nächsten Moment auf die Zunge und
denke an Daniel.
Sie sieht mich an, lächelt und nickt.
„Ja verdammt. Und es waren die aufregendsten Stunden meines Lebens.
Ich bereue keine Sekunde.“
Ich auch nicht, denke ich spontan und
lächle, in der Erinnerung an unser Bad im Wannsee.
Sonja taucht verblüfft zwischen den
Beinen der Alleinerziehenden auf. „Es geht wirklich los. Da es ein
Frühchen wird, solltest du besser ins Krankenhaus.“
Wieder ein gellender Schmerzenschrei.
Sonja schickt mich in den Gruppenraum zurück, und ich sehe in
erstarrte Gesichter. Nur Tobias hat die ganze Action
verschlafen.
„Ist das Baby schon da?“, fragt die
eine der In-vitro-Schwangeren blass-naiv und hält sich den
Bauch.
„Nein. Das sind nur die Vorwehen“,
sage ich bemüht cool, doch spätestens nach dem nächsten, wirklich
markerschütternden Schrei, sehe auch ich aus wie ein verschrecktes
Küken, das keine Mama mehr hat.