***

 

Die Fahrt in der S-Bahn wird sehr einsam. Ich versuche, die grinsenden, tuschelnden Fahrgäste zu ignorieren, starre hinaus und konzentriere mich darauf, meine Gedanken zu sortieren. Selbstverständlich bilde ich mir das alles nur ein. Es kann nicht sein, das, was da gerade passiert ist. Es kann nicht sein!
Ich brauche frische Kleider. Tobias wird riechen, dass ich ihn betrogen habe. Und ich muss duschen, Tobias hat eine sehr feine Nase.
Ich beschließe, zu Jacky zu gehen. Wie immer in einem Notfall. Ich hoffe, sie sieht ein, dass dies einer ist.
Jacky öffnet mir die Tür.
Sie weiß sofort, was Sache ist. Ich liebe sie, und wir nehmen uns zitternd in den Arm.
„Ich hab dich so vermisst, du dummes Stück.“ Sie weint und ich habe sie noch nie wegen mir weinen sehen.
„Selber“, schniefe ich in ihr Milchsäure-geschwängertes T-Shirt.
Und Baby Gregor heult mit.
Jacky zieht mein grünes Esprit-Kleid aus einem Altkleidersack.
„Sorry, aber eigentlich war das eine Unverschämtheit, mir diesen hautengen Fetzen anzudrehen“, sagt sie. „Ich pass da in diesem Leben doch nie und nimmer mehr rein.“
„Dankbar warst du noch nie“, lächle ich sie an. „Aber erst muss ich duschen.“
„Tja, geht leider nicht. Wasserschaden im ganzen Haus. Der Klempner kommt erst morgen.“
Irgendwie scheint gerade alles schief zu gehen, denke ich, während ich mir das grüne Kleid über den kalten Körper ziehe.
„Hast du abgenommen? Wenn man verliebt ist, nimmt man sehr schnell ab.“
„Bin ich aber nicht“, antworte ich schnell und beiße in ein widerlich süßes Gebäck vom Türken an der Ecke.
Beste Freundinnen bringt nichts auseinander.
„Ihr habt es getan, oder?“ Jackie sieht mich betroffen an.
Ich nicke schwach und habe es plötzlich sehr eilig.
„Ich erzähle dir alles im Detail, aber jetzt muss ich ganz schnell zu Tobias. Der wundert sich bestimmt schon wo ich bleibe.“
„Stimmt. Er hat angerufen.“ Sie sieht mich herausfordernd an.
„Und? Was … hast du gesagt?“ Mein Leben rast an mir vorbei.
Doch Jacky grinst. „Dass du gerade im Bad bist und ihn zurückrufen wirst. Hast du halt bei unserm fünften Caipi vergessen, was soll’s.“
Ich nehme Jacky in den Arm.
„Du bist die Beste, wirklich!“
„Die Allerbeste, bitteschön, und erzähl es herum. Vielleicht verirrt sich dann auch mal ein blonder Jüngling an meine Tür.“
Wir drücken uns kurz, und ich muss los, eile zur Haltestelle und komme zu spät, wie immer in diesem Leben.

 

Die Tram fährt weg, mein Herz rast.
„Hör auf dein Herz, Nora“, hat meine Oma früher immer zu mir gesagt. Aber das Einzige, was ich höre, ist die Musik aus dem MP3-Player rechts von mir. Ich stehe da und warte. Auf die Tram, auf eine Entscheidung, auf ein perfektes Leben mit Kind.

 

Um Mitternacht bin ich endlich zu Hause und mir ist schlecht. Oh mein Gott, bitte nicht, ich bin schwanger, fährt es mir wie ein Blitz durchs Hirn. Dass die Übelkeit nicht davon kommen kann, selbst wenn Daniels Sperma in Lichtgeschwindigkeit in meine Eizelle geschlüpft sein sollte, ist mir zum Glück gleich klar. Wieso habe ich nicht verhütet?!
Wie absurd dieser Gedanke ist, wo ich doch ursprünglich bei ihm war, um ein Kind von ihm zu bekommen!
„Tobias!? Bin wieder zu Hause“, rufe ich ins dunkle Haus. Aber zum Glück, aber auch seltsamerweise, ist er nicht da.
Ich gehe ins Bad und ziehe mich aus. Dann betrachte ich mich nackt im Spiegel. In mein Gesicht kann ich nicht schauen. So verhakt sich mein Blick an meinen Füßen. Schuhgröße 42 hatte ich schon zu meiner Konfirmation. Und mit 27 Jahren sah mein Körper deutlich besser aus.
Ich dusche, und die Wärme tut mir gut. In meinem Kopf dreht sich alles im Kreis, mir ist schwindlig.
Plötzlich steht Tobias im Bad und ich erschrecke mich fast zu Tode.
„Du duschst um diese Uhrzeit?“, fragt er verwundert und irgendwie angespannt.
„Ja … weil … ich einen Unfall hatte“, komme ich stammelnd aus der Dusche und ziehe schnell meinen roten Bademantel an. „Wir … also ich, mein ich, … musste auf die Polizei warten … mein Akku war alle … tut mir leid.“
Tobias` Stimme klingt sofort besorgt. Der etwas vorwurfsvolle Ton ist dahin.
„Ein Unfall?! Ist dir was passiert, Schnecki?“, will er liebevoll wissen.
„Nein … nein, nein. Alles gut. Nur der Fahrradkurier … der hat ganz schöne … äh … Schrammen.“
„Was? Wie ist das denn passiert, um Gottes Willen? Bist du ihm reingelaufen?“
Ich nicke schnell. Denn das würde sehr gut zu mir passen.
Tobias setzt sofort sein Anwaltsgesicht auf und sagt: „Ich werde einen Brief an die gegnerische Partei aufsetzen. Nicht, dass die noch Ansprüche an dich anmelden.“
Schockiert sehe ich ihn an. „Nein, das war ein total Netter. Der meldet nichts an. Ich bin ihm auch nicht wirklich … reingelaufen. Eher er mir. Reingefahren. Ach, halb so schlimm. Dem geht’s gut, mir geht’s gut, alles …“. Ich halte inne.
Tobias sieht mich irritiert an. Wie eine Angeklagte. Zumindest bilde ich mir das ein.
Er geht wortlos raus, kommt kurz darauf sofort wieder herein.
„Jeder hat heutzutage ein Handy, du hättest mich von einem anderen Handy aus anrufen können.“
Ich merke, er ist sauer. Ich wäre es auch.

 

Ich streife den Bademantel ab und creme mich mit Rasperry-Bodylotion von Bodyshop ein. Das beruhigt. Doch meinen gerade verdrängten Gedanken werde ich nicht los. Was, wenn ich jetzt wirklich schwanger bin!?

 

Vor lauter Kinderwunsch, war das Thema Verhütung für mich seit Jahren sehr fern. Dass ich mich im Moment höchster Ekstase nicht darauf besonnen habe, ein Kondom zu nehmen, verwirrt mich komplett. Ganz zu schweigen von Aids!
Was habe ich Frauen, die es im 21. Jahrhundert nicht geschafft haben, ordentlich zu verhüten, verachtet. Oder sagen wir: Ich konnte es einfach nicht fassen! Wie einem die Leidenschaft so derart das Hirn ausknipsen kann. Jetzt weiß ich es und knipse das Nachtlicht an meinem Bett schnell an.
Ich liege frisch geduscht und schweißnass im Bett, als sich Tobias neben mich legt. Er war noch joggen, doch diesmal ist keine Versöhnung in Sicht.
Ich stelle mich schlafend und bin froh. Kein Kuss, keine Umarmung, nichts.
Plötzlich höre ich mein Handy, das im Flur in meiner Handtasche verräterisch piepst. Oh nein! Wenn du schon fremdgehst, dann bitte intelligenter, Nora, schimpfe ich mich in Gedanken und halte die Luft an.
Tobias liegt neben mir und atmet genervt.
„Von wegen Akku alle“, zischt er und dreht sich um.
Ich überlege aufzustehen, doch dann müssten wir reden. Und genau das will und kann ich jetzt nicht.
Stattdessen steht Tobias auf, geht in den Flur, reißt das Handy aus meiner Tasche und stellt es ab. Egal, was Daniel geschrieben hat, ich muss es löschen.
Daniel läuft Amok, und das zu Recht. Wenigstens ist er taktvoll und ruft nicht an.
Ich warte schier endlos scheinende Sekunden, bis Tobias schläft und jumpe dann auf.
Eine Sehnsuchts-SMS nach der anderen. Und ein Glück, er versteht mich sehr gut.
„Du hättest es nicht getan, wenn es nicht richtig wär“, schreibt er. Oder: „Wir sind füreinander bestimmt.“ Nachdem ich eine schicksalsschwangere SMS nach der anderen gelesen habe, ist mein Hirn wieder so romantisch vom Winde verweht, dass es nur eine Lösung zu geben scheint.
Koffer packen und mit Daniel auf die Bahamas durchbrennen.
Mit einem noch größeren Wust an Gedanken als sonst und einem halb gepackten Koffer voller Sandalen und Sonnenhüte im Hirn, schlafe ich ein. Morgen scheint bitte wieder die Sonne.

 

Himbeersommer
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