- Beyer Anja Saskia
- Himbeersommer
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***
Die Fahrt in der S-Bahn wird sehr
einsam. Ich versuche, die grinsenden, tuschelnden Fahrgäste zu
ignorieren, starre hinaus und konzentriere mich darauf, meine
Gedanken zu sortieren. Selbstverständlich bilde ich mir das alles
nur ein. Es kann nicht sein, das, was da gerade passiert ist. Es
kann nicht sein!
Ich brauche frische Kleider. Tobias
wird riechen, dass ich ihn betrogen habe. Und ich muss duschen,
Tobias hat eine sehr feine Nase.
Ich beschließe, zu Jacky zu gehen. Wie
immer in einem Notfall. Ich hoffe, sie sieht ein, dass dies einer
ist.
Jacky öffnet mir die Tür.
Sie weiß sofort, was Sache ist. Ich
liebe sie, und wir nehmen uns zitternd in den Arm.
„Ich hab dich so vermisst, du dummes
Stück.“ Sie weint und ich habe sie noch nie wegen mir weinen
sehen.
„Selber“, schniefe ich in ihr
Milchsäure-geschwängertes T-Shirt.
Und Baby Gregor heult
mit.
Jacky zieht mein grünes Esprit-Kleid
aus einem Altkleidersack.
„Sorry, aber eigentlich war das eine
Unverschämtheit, mir diesen hautengen Fetzen anzudrehen“, sagt sie.
„Ich pass da in diesem Leben doch nie und nimmer mehr
rein.“
„Dankbar warst du noch nie“, lächle
ich sie an. „Aber erst muss ich duschen.“
„Tja, geht leider nicht. Wasserschaden
im ganzen Haus. Der Klempner kommt erst morgen.“
Irgendwie scheint gerade alles schief
zu gehen, denke ich, während ich mir das grüne Kleid über den
kalten Körper ziehe.
„Hast du abgenommen? Wenn man verliebt
ist, nimmt man sehr schnell ab.“
„Bin ich aber nicht“, antworte ich
schnell und beiße in ein widerlich süßes Gebäck vom Türken an der
Ecke.
Beste Freundinnen bringt nichts
auseinander.
„Ihr habt es getan, oder?“ Jackie
sieht mich betroffen an.
Ich nicke schwach und habe es
plötzlich sehr eilig.
„Ich erzähle dir alles im Detail, aber
jetzt muss ich ganz schnell zu Tobias. Der wundert sich bestimmt
schon wo ich bleibe.“
„Stimmt. Er hat angerufen.“ Sie sieht
mich herausfordernd an.
„Und? Was … hast du gesagt?“ Mein
Leben rast an mir vorbei.
Doch Jacky grinst. „Dass du gerade im
Bad bist und ihn zurückrufen wirst. Hast du halt bei unserm fünften
Caipi vergessen, was soll’s.“
Ich nehme Jacky in den
Arm.
„Du bist die Beste,
wirklich!“
„Die Allerbeste, bitteschön, und
erzähl es herum. Vielleicht verirrt sich dann auch mal ein blonder
Jüngling an meine Tür.“
Wir drücken uns kurz, und ich muss
los, eile zur Haltestelle und komme zu spät, wie immer in diesem
Leben.
Die Tram fährt weg, mein Herz
rast.
„Hör auf dein Herz, Nora“, hat meine
Oma früher immer zu mir gesagt. Aber das Einzige, was ich höre, ist
die Musik aus dem MP3-Player rechts von mir. Ich stehe da und
warte. Auf die Tram, auf eine Entscheidung, auf ein perfektes Leben
mit Kind.
Um Mitternacht bin ich endlich zu
Hause und mir ist schlecht. Oh mein Gott, bitte nicht, ich bin
schwanger, fährt es mir wie ein Blitz durchs Hirn. Dass die
Übelkeit nicht davon kommen kann, selbst wenn Daniels Sperma in
Lichtgeschwindigkeit in meine Eizelle geschlüpft sein sollte, ist
mir zum Glück gleich klar. Wieso habe ich nicht
verhütet?!
Wie absurd dieser Gedanke ist, wo ich
doch ursprünglich bei ihm war, um ein Kind von ihm zu
bekommen!
„Tobias!? Bin wieder zu Hause“, rufe
ich ins dunkle Haus. Aber zum Glück, aber auch seltsamerweise, ist
er nicht da.
Ich gehe ins Bad und ziehe mich aus.
Dann betrachte ich mich nackt im Spiegel. In mein Gesicht kann ich
nicht schauen. So verhakt sich mein Blick an meinen Füßen.
Schuhgröße 42 hatte ich schon zu meiner Konfirmation. Und mit 27
Jahren sah mein Körper deutlich besser aus.
Ich dusche, und die Wärme tut mir gut.
In meinem Kopf dreht sich alles im Kreis, mir ist
schwindlig.
Plötzlich steht Tobias im Bad und ich
erschrecke mich fast zu Tode.
„Du duschst um diese Uhrzeit?“, fragt
er verwundert und irgendwie angespannt.
„Ja … weil … ich einen Unfall hatte“,
komme ich stammelnd aus der Dusche und ziehe schnell meinen roten
Bademantel an. „Wir … also ich, mein ich, … musste auf die Polizei
warten … mein Akku war alle … tut mir leid.“
Tobias` Stimme klingt sofort besorgt.
Der etwas vorwurfsvolle Ton ist dahin.
„Ein Unfall?! Ist dir was passiert,
Schnecki?“, will er liebevoll wissen.
„Nein … nein, nein. Alles gut. Nur der
Fahrradkurier … der hat ganz schöne … äh … Schrammen.“
„Was? Wie ist das denn passiert, um
Gottes Willen? Bist du ihm reingelaufen?“
Ich nicke schnell. Denn das würde sehr
gut zu mir passen.
Tobias setzt sofort sein
Anwaltsgesicht auf und sagt: „Ich werde einen Brief an die
gegnerische Partei aufsetzen. Nicht, dass die noch Ansprüche an
dich anmelden.“
Schockiert sehe ich ihn an. „Nein, das
war ein total Netter. Der meldet nichts an. Ich bin ihm auch nicht
wirklich … reingelaufen. Eher er mir. Reingefahren. Ach, halb so
schlimm. Dem geht’s gut, mir geht’s gut, alles …“. Ich halte
inne.
Tobias sieht mich irritiert an. Wie
eine Angeklagte. Zumindest bilde ich mir das ein.
Er geht wortlos raus, kommt kurz
darauf sofort wieder herein.
„Jeder hat heutzutage ein Handy, du
hättest mich von einem anderen Handy aus anrufen
können.“
Ich merke, er ist sauer. Ich wäre es
auch.
Ich streife den Bademantel ab und
creme mich mit Rasperry-Bodylotion von Bodyshop ein. Das beruhigt.
Doch meinen gerade verdrängten Gedanken werde ich nicht los. Was,
wenn ich jetzt wirklich schwanger bin!?
Vor lauter Kinderwunsch, war das Thema
Verhütung für mich seit Jahren sehr fern. Dass ich mich im Moment
höchster Ekstase nicht darauf besonnen habe, ein Kondom zu nehmen,
verwirrt mich komplett. Ganz zu schweigen von Aids!
Was habe ich Frauen, die es im 21.
Jahrhundert nicht geschafft haben, ordentlich zu verhüten,
verachtet. Oder sagen wir: Ich konnte es einfach nicht fassen! Wie
einem die Leidenschaft so derart das Hirn ausknipsen kann. Jetzt
weiß ich es und knipse das Nachtlicht an meinem Bett schnell
an.
Ich liege frisch geduscht und
schweißnass im Bett, als sich Tobias neben mich legt. Er war noch
joggen, doch diesmal ist keine Versöhnung in Sicht.
Ich stelle mich schlafend und bin
froh. Kein Kuss, keine Umarmung, nichts.
Plötzlich höre ich mein Handy, das im
Flur in meiner Handtasche verräterisch piepst. Oh nein! Wenn du
schon fremdgehst, dann bitte intelligenter, Nora, schimpfe ich mich
in Gedanken und halte die Luft an.
Tobias liegt neben mir und atmet
genervt.
„Von wegen Akku alle“, zischt er und
dreht sich um.
Ich überlege aufzustehen, doch dann
müssten wir reden. Und genau das will und kann ich jetzt
nicht.
Stattdessen steht Tobias auf, geht in
den Flur, reißt das Handy aus meiner Tasche und stellt es ab. Egal,
was Daniel geschrieben hat, ich muss es löschen.
Daniel läuft Amok, und das zu Recht.
Wenigstens ist er taktvoll und ruft nicht an.
Ich warte schier endlos scheinende
Sekunden, bis Tobias schläft und jumpe dann auf.
Eine Sehnsuchts-SMS nach der anderen.
Und ein Glück, er versteht mich sehr gut.
„Du hättest es nicht getan, wenn es
nicht richtig wär“, schreibt er. Oder: „Wir sind füreinander
bestimmt.“ Nachdem ich eine schicksalsschwangere SMS nach der
anderen gelesen habe, ist mein Hirn wieder so romantisch vom Winde
verweht, dass es nur eine Lösung zu geben scheint.
Koffer packen und mit Daniel auf die
Bahamas durchbrennen.
Mit einem noch größeren Wust an
Gedanken als sonst und einem halb gepackten Koffer voller Sandalen
und Sonnenhüte im Hirn, schlafe ich ein. Morgen scheint bitte
wieder die Sonne.