- Beyer Anja Saskia
- Himbeersommer
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***
Von schlechtem Gewissen getrieben,
eile ich auf die Enten-mama zu, um festzustellen, dass Daniel
wieder mal noch später dran ist als ich. So unterhalte ich mich mit
der Ente - von Frau zu Frau.
Erst als Daniel amüsiert neben mir
steht, merke ich, was ich da tue. Zum Glück habe ich mit der Ente
nur Smalltalk geredet. Soviel wie: „Das süße Kleine da hinten sieht
ganz schön mager aus“, oder: „Wo ist eigentlich dein Mann? Musst du
das mit den Kleinen ganz alleine machen?“
Daniel küsst mich und ich schaffe es
gerade noch, den Kopf zu drehen. Diesmal wird es ein Wangenkuss.
Wir lächeln uns an. Die Entenmama schwimmt in den Wasserlinsen
davon, die Kleinen kommen kaum hinterher.
„Wo warst du so lange?“, will Daniel
wissen, während er mich ansieht wie einen blauen Himmel, an dem
keine Wolke vorbeizieht.
„Ich habe einen Catering-Auftrag für
dich.“ Ich versuche die knisternde Stimmung in eine unerotische zu
switchen.
Doch ein Straßenmusikant hat sich im
Park aufgestellt und singt aus Leibeskräften „You are the
one“.
Der Himmel über uns ist tiefblau. Und
dieses Blau wird von keiner einzigen Wolke getrübt.
Ich fauche Daniel an. „Kannst du nun
kochen oder nicht?“
Er sieht mich nur an, grinst, kramt in
seiner abgewetzten Umhängetasche herum, zieht eine Pappschachtel
heraus, öffnet sie und lässt mich in eine köstliche Himbeertarte
beißen.
„Finde es heraus.“
Und ich, die ich schon mit zehn Jahren
als Schlüsselkind alleine eingefrorene Tiefkühl-Frühlingsrollen
aufbacken musste, schmelze dahin. Jeder Widerstand ist
zwecklos.
„Die habe ich für dich gebacken.“ Er
sieht mir ernst in die Augen. „Wenn du sie nicht magst, drehe ich
mich um und bin weg. Für immer.“
Diese Tarte ist mehr als eine Tarte.
Sie ist die Erfahrung, für einen Menschen sehr, sehr wichtig zu
sein.
„Du kennst mich doch gar nicht.“ Ich
versuche es erneut. Das zu verhindern, was nicht passieren
darf.
Gewisse Männer sind wie Himbeer-Eis.
Man kann darauf verzichten, aber die Versuchung, und die Gefahr zu
schmelzen, ist sehr, sehr groß.
Zum Glück bin ich eine starke Frau und
überlege fieberhaft, wie ich endlich zum Punkt kommen soll. Mein
Eisprung müsste ungefähr übermorgen sein. Wenn wir nicht wieder
vier Wochen warten wollen, dann ist es höchste Zeit.
Wir schlendern einen kleinen Weg
entlang, vorbei an einer Mutter mit Kinderwagen.
„Sag mal, du weißt ja, dass ich mit
Tobias … zusammen bin,“ fange ich vorsichtig an.
Daniel nickt lächelnd „Ja. Aber ich
habe auch gesehen, dass du mit ihm nicht richtig glücklich
bist.“
Wie bitte?! Da weiß er eindeutig mehr
als ich!?
Ich verdränge bekanntlich schnell und
klammere mich an seinen Aufhänger.
„Eigentlich haben wir eine richtig
gute Beziehung.“
Daniel nickt „Und deshalb triffst du
dich auch mit mir.“
Wieso müssen Männer immer so logisch
sein? Klar, dass sie uns in Mathe immer voraus sind.
„Ja. Genau so ist es. Ich treffe mich
mit dir, weil ich dich … brauche.“ Ich nehme allen Mut zusammen und
stottere los.
„Tobias und ich, also …“
Wir kommen gerade an einem großen
Spielplatz vorbei, und meine Mission wird von einem dreijährigen
Trotzkopf übertönt.
Der Kleine schreit „neeeiiin“ und
bockt wie ein junger Stier. Die Mutter will ihn zum
Nach-Hause-gehen bewegen, hat aber keine Chance.
Daniels Aufmerksamkeit ist sofort bei
dem Kind, und ich beschließe, das Thema zu
verschieben.
Der Mutter steht der Schweiß auf der
Stirn. Sie bemüht sich, nach außen ruhig zu wirken, lächelt uns
kurz an, um ihren Kleinen dann einfach unter den Arm zu klemmen und
in den Kinderwagen zu setzen. Doch von wegen. Der Kleine wehrt sich
mit Händen und Füßen, macht sich steif und strampelt so wild, dass
sein Buggy umkippt und er rücklings in den Sand fällt.
Daniel jumpt über eine Wippe, eilt zu
der Mutter, hilft ihr, den Kleinen wieder aufzurichten und redet
auf den Jungen ein. Von einer Sekunde auf die andere ist der ruhig,
lächelt Daniel an, als wäre er das liebste Kind auf der ganzen
Welt.
Die Mutter, ich schätze sie auf Ende
20, sieht Daniel mit glutroten Wangen an. Ich weiß, dass sie denkt,
sie habe als Mutter versagt. Genau das Gleiche denkt Jacky auch
immer.
„Danke. Bei mir hätte er die nächste
Stunde Rabatz gemacht.“ Sie lächelt ihn zaghaft an. „Er ist in der
Trotzphase.“
Daniel antwortet etwas, was ich nicht
verstehe. Und abgesehen davon, verspüre ich plötzlich ein Gefühl,
das ich schon lange nicht mehr spüren musste. EIFERSUCHT! Nackte,
blanke Eifersucht!
Nora, bist du nun völlig verrückt? Du
willst mit Tobias ein
Kind!
Zum Glück klingelt genau in dem Moment
mein Handy.
Es ist Jacky, die immer einen Riecher
für brenzlige Situationen hat.
„Ich sitze seit einer halben Stunde
bei Pepe, wo bleibst du?“, herrscht sie mich an.
Jacky, unser Mittwochs-Lunch-Date, wie
konnte ich das vergessen. Seit zehn Jahren treffen wir uns jeden
Mittwoch bei Pepe. Und da kann meine Baustelle einstürzen oder mein
Eisladen zumachen - bisher habe ich es immer pünktlich
geschafft.
Für Jacky, die seit Gregor kaum noch
Freundinnen hat, ist dieses Treffen enorm wichtig. Was bin ich nur
für eine egoistische Fast-Milchkuh!
„Oh Gott, ich bin unterwegs, aber
gleich bei dir.“ Ich versuche die Erklärung und ihre Schimpftirade
noch ein wenig hinauszuzögern.
Als sich Daniel umdreht, bin ich
weg.
Ich bin vor mir und meinen Gefühlen
auf der Flucht.
Nur leider weiß ich wieder mal nicht
wohin.
Jacky ist nicht mehr da, als ich bei
Pepe eintreffe.
„Sie ist nicht sauer“, sagt Pepe in
ungewöhnlich ruhigem Ton. „Sie ist stinksauer! Und wenn ich du wäre, würde ich die
Finger von diesem jungschen Daniel lassen und sofort zu ihr gehen.“
„Was hat sie von Daniel gesagt?“ Meine
Stimme wird schrill.
„Nichts. Nur dass du sie wegen diesem
Kerl versetzt hast. - Und, Liebes, lass dir eines sagen, Freunde
sollte man wegen keines Kerls dieser Welt … du weißt schon. Ich
spreche aus Erfahrung.“
„Aus Erfahrung? Heißt das, du bist
schwul?“, bricht es fassungslos aus mir heraus.
„Natürlich. Wusstest du das etwa
nicht?“
Nein, ich wusste es nicht. Hätte ich
sonst diese Sex-Fantasien mit dir gehabt?! Wieder einmal bin ich
froh, wenigstens meine Gedanken im Griff zu haben.
Mein Handy klingelt, und es ist
Daniel! Hilfe, soll ich rangehen?