PROLOG
Das Mädchen hielt den Blick seit einer geraumen
Weile nur auf eine Stelle gerichtet. Ihre mit dickem Kajalstrich
umrahmten Augen nahmen jede Einzelheit wahr - die schwarze Jeans
und das schwarze Hemd des Mannes an der Theke boten nicht viel
Abwechslung, und doch starrte sie darauf, als wäre sie verloren,
wenn sie es nicht täte.
»Das ist er«, flüsterte sie gebannt. »Siehst du
ihn?« Ihre Stimme ging völlig unter im ohrenbetäubenden Krach der
Musik, nur ihr Mund öffnete und schloss sich.
Ihre Begleiterin fasste sie an der Schulter und
zog sie näher zu sich heran. Der Rhythmus vibrierte in ihrem ganzen
Körper, sie wippte ungeduldig mit dem Fuß. »Deine Eltern werden
mich umbringen«, schrie sie ihr ins Ohr. »Wir kriegen beide mächtig
Ärger. Komm endlich, wir müssen zurück!«
Das Mädchen hatte diese Worte schon mindestens
hundert Mal gehört und war wenig davon beeindruckt. »Siehst du
ihn?«, fragte sie wieder. »Los, wir gehen hin und bestellen auch
etwas.«
»Réka, nun mach schon. Wenn Attila aufwacht und
merkt, dass er alleine zu Hause ist … Wenn er petzt, lassen sie
mich nie wieder auf euch aufpassen.«
Réka lächelte verächtlich. Sie zog Mária zur
Theke, aber als sie dort ankamen, war der junge Mann, den sie so
intensiv beobachtet hatte, fort. Enttäuscht biss sie die Zähne
zusammen. Sie sah sich um; im flackernden Licht, zwischen den
vielen, sich bewegenden Körpern war es schwer,
jemanden zu entdecken. »Wo ist er?« Sie versetzte dem älteren
Mädchen einen kleinen Stoß. »Jetzt habe ich ihn verloren. Siehst du
ihn noch?«
»Wir gehen jetzt. Keine Widerrede.«
»Erst bestelle ich etwas. Einen Mojito.«
»Von wegen.« Mária hielt die Bedienung zurück.
»Sie nimmt einen Gyomolcs Téak.«
»Spinnst du? Früchtetee?«
»Glaubst du wirklich, ich lasse dich Alkohol
trinken?«
»Möchtest du tanzen?« Wie aus dem Nichts war er
vor ihr aufgetaucht.
Réka betrachtete das dunkle Hemd vor ihr, kaum
wagte sie, den Kopf zu heben und ihn anzusehen. Das schwarze,
glänzende Haar, auf dem das Licht in bunten Funken spielte. Und
darunter das Gesicht. Kein Ungar. Kein Tourist. Auch kein
Südländer. Er hatte etwas unbestreitbar Exotisches, einen Hauch von
Asien, aber wie ein richtiger Chinese oder Koreaner sah er auch
nicht aus, dafür war er viel zu groß.
Sie wusste nichts als seinen Namen.
»Kunun.«
Er lächelte, als er beobachtete, wie ihre Lippen
die Silben formten. »Komm.«
Das ältere Mädchen verfolgte kopfschüttelnd, wie
der Fremde Réka zwischen die Tanzenden zog. Sie versuchte
verzweifelt, die beiden im Blick zu behalten. Réka hatte immer nur
von dem »süßen Jungen« gesprochen, den sie unbedingt treffen
wollte. Nur deshalb hatte sie sich dazu überreden lassen, mit ihr
herzukommen. Doch dieser Schwarzhaarige war ein Mann. Er war
mindestens zwanzig, wenn nicht noch älter. Sie hätte sich niemals
darauf einlassen dürfen, mit Réka ins Buddha Inn zu gehen. Ferenc
und Mónika würden sie nie wieder zum Babysitten engagieren. Und bei
keiner anderen Familie bekam sie so viel pro Abend wie bei den
Szigethys. Aber es war hart verdientes Geld, das war es
wirklich!
Mária drängte sich durch die Tänzer, doch sie
konnte Réka nirgends entdecken. Panik stieg in ihr auf. Das Mädchen
war so unglaublich verliebt, in einen Kerl, den sie ein paar Mal
von weitem gesehen hatte, von dem sie rein gar nichts wusste. Wie
konnte man nur so dumm sein? Hastig schob sie sich durch die Menge,
sie begann zu schwitzen. Nach Réka zu rufen war zwecklos, niemand
würde sie hören, und trotzdem konnte sie nicht anders: »Réka!
Réka?«
Der Ausgang! Vielleicht war er schon dabei, sie
nach draußen zu bringen? Sie zu verschleppen? »Réka!«
Sie winkte die junge Frau hinter der Theke heran.
»Wo ist er hin?«, schrie sie. »Kunun. Wo ist dieser Kunun?«
Die Kellnerin starrte sie einen Moment an, dann
zuckte sie die Achseln.
Sie kämpfte sich weiter. Dort war schon die Tür.
Ein Paar kam lachend herein und brachte einen Schwall rauchiger,
kalter Luft mit. Mária zögerte, dann kehrte sie noch einmal um und
ließ den Blick durch den Raum schweifen. Das würde Réka denn doch
nicht tun. Oder? Dieser Göre war wirklich alles zuzutrauen.
Eine Weile schwankte sie unentschlossen zwischen
ihrem Wunsch, auf der Straße nachzusehen, und der Hoffnung, dass
ihr Schützling doch noch irgendwo hier drinnen war. Ärger und Panik
stritten in ihr, dann entschied sie, dass sie Réka, wenn sie mit
diesem Fremden mitgegangen war, draußen nicht mehr einholen würde,
dass aber noch eine Chance bestand, das Mädchen heil nach Hause zu
bringen, wenn sie es irgendwo hier im überfüllten Club fand.
Unruhig umkreiste sie die Tanzfläche.
Wie groß ihre Angst um Réka wirklich war, merkte
sie, als die Erleichterung sie wie eine warme Welle durchflutete.
Die beiden waren noch da. Sie standen inmitten der Tanzenden wie
ein Fels in der Brandung, ohne mitzutanzen, ohne sich zu rühren.
Kunun hielt das Mädchen fest in seinem Arm, für Márias Geschmack
viel zu fest, und
beugte sich zu ihr hinunter. Sie küssten sich, allerdings derart
lange, dass Mária stutzig wurde. Nein, jetzt sah sie es. Die beiden
küssten sich nicht. Réka hing bewegungslos in Kununs Griff, das
Gesicht an seine Schulter gelehnt, mit weit geöffneten, blicklosen
Augen. Die Angst kehrte wieder zurück, mit einer solchen Macht,
dass Mária übel wurde. Rücksichtslos schob sie die letzten Tänzer
zur Seite, die ihr im Weg standen. In dem Moment, als sie nach dem
Arm des Mädchens griff, merkte sie, dass Kununs Mund an Rékas Hals
lag.
Sie schrie gellend auf. Als sie das junge Mädchen
von ihm wegriss, erwartete sie, dass Réka zusammensacken und ihr in
die Arme fallen würde, aber ihr Schützling taumelte nur ein paar
Schritte rückwärts.
»Lass sie in Ruhe!«, schrie Mária. »Lass sie
gefälligst in Ruhe! Oh mein Gott, sie ist erst vierzehn!«
Kunun hob abwehrend die Hände. Er lächelte
unschuldig, aber seine Augen glitzerten. Mária wäre ihm am liebsten
an die Kehle gegangen, doch es gab Dringenderes zu tun. Sie packte
die Hand des Mädchens und zerrte es hinter sich her zum Ausgang und
auf die Straße. Rékas Widerstand wurde stärker.
»Lass mich los, was soll das!«
Mária wandte sich ihr zu. »Er hat dich gebissen.
Oh Gott, ich fasse es nicht. Er hat dich in den Hals gebissen, wie
ein Vampir.«
»Hat er nicht. Du spinnst doch!«
Mária zog das Mädchen näher zu sich heran und
betrachtete im trüben Licht der Straßenlaterne die beiden schwarzen
Punkte auf Rékas blasser Haut. »Und was ist das?«
Mit einer lässigen Bewegung wischte sich Réka
über die Stelle, auf die Mária wie gebannt starrte. Sie sah nicht
einmal auf ihre Finger. »Wie konntest du das tun, Mária? Er wollte
gerade mit mir tanzen. Mit mir! Kunun! Weißt du, wie lange ich
darauf gehofft habe?«
»Was heißt hier gerade?«, fragte Mária. »Ich habe
euch bestimmt zehn Minuten gesucht!«
»Wir wollten gerade tanzen«, schluchzte Réka.
»Gerade wollten wir anfangen zu tanzen! Ich hasse dich! Du bist so
gemein!« Sie riss sich los und rannte mit klappernden Schuhen über
die nächtlichen Budapester Straßen. Erst an der nächsten
Haltestelle blieb sie stehen und wartete auf Mária, aber als diese
endlich kam, sprach sie kein Wort mit ihr.