VIERUNDZWANZIG
BUDAPEST, UNGARN
Mattim wollte nicht zurück. Er wollte nie wieder
zurück, nie mehr Kununs arrogantes Lächeln auf sich spüren. Na,
kleiner Bruder? Hast du Schmerzen? Du solltest keine Schmerzen mehr
verspüren, du bist ein Schatten. Dein Körper lügt. Du müsstest
diesen Schmerz nicht fühlen, wie sich deine Brust zusammenzieht,
wie es sich einem ätzenden Gift gleich durch deine Eingeweide
brennt, sodass du dich krümmen willst, sodass du brechen willst, in
der Hoffnung, damit alles loszuwerden, was in dir wütet. Alles nur
Einbildung. Ein Schatten steht über diesen Dingen.
»Vergiss es«, flüsterte Mattim. »Ich brauche
keine Ratschläge von dir. Gar nichts brauche ich von dir.« Zu Fuß
schritt er über die Kettenbrücke, über das dunkle, eilig
dahinfließende Wasser der Donau, auf dem die Eisbrocken schwammen.
Zurück nach Pest, auch wenn er sich vornahm, nie wieder die hohe
Fassade des Ostbahnhofs zu betrachten und sich dann umzuwenden, um
ein schmales graues Haus zu betreten, das ihn mit dem trügerischen
Versprechen von Sicherheit, Geborgenheit und Familie empfing. Immer
wieder starrte er hinunter ins Wasser. Die Eisschollen schoben sich
knirschend an den Brückenpfeilern vorbei. Ein Fluss, durchdrungen
von Licht … Nein, seine trübe Zwillingsschwester, ein Fluss, der
niemals unter dem Licht des Königs hell geworden war, immer heller
und tödlicher … Konnte die Donau ihn töten? Würde sie ihn auflösen,
wie ihn der Donua umbringen würde, würde der Fluss seinen Schmerz
in sich aufnehmen und auslöschen,
wie zwei Finger die Flamme einer brennenden Kerze auslöschen
konnten?
Er sah hinunter in das Wasser und erinnerte sich an
die eisige Kälte des Flusses, den er durchschwommen hatte. Ihm war
nicht nach noch mehr Kälte, nach noch mehr Dunkelheit und Leere.
Vielmehr sehnte er sich nach Wärme, nach zwei Armen, die ihn
umfingen und an sich drückten. Nach Hanna … Aber er kehrte nicht
um. Er zwang sich, nicht umzukehren. Er schlenderte an den Häusern
auf der Pester Seite entlang. Manch eine hohe, verzierte Fassade
erinnerte ihn an Akink. An eine Stadt, die er nie wieder betreten
würde, die er für immer verloren hatte. Eine Stadt, die Kunun sich
untertan machen würde, so wie er alles unterwarf, was Mattim
liebte.
Ziellos wanderte er durch die Straßen. Nein,
Budapest hatte nichts, aber auch gar nichts mit Akink gemeinsam.
Statt über das Kopfsteinpflaster zwischen schlafenden Häuserzeilen
zu gehen, das Gelächter der Karten spielenden Brückenwächter noch
in den Ohren, marschierte er über dunkle Bürgersteige, den nicht
enden wollenden Strom der Autos neben sich. Blendende Scheinwerfer.
Es roch nach Nässe und Fäulnis. Obdachlose durchwühlten die
Mülltonnen. Aus den Restaurants drang der verlockende Geruch von
warmem Essen und menschlicher Gemeinschaft. Ein Leben, das ohne ihn
stattfand. Eine Welt, an der er keinen Anteil hatte.
Mattim stand da und starrte auf die grelle
Leuchtreklame.
Hanna.
Du Idiot. Wie konntest du das tun? Wie konntest
du sie anklagen, deine Hanna, die dein Licht ist, dein Leben und
dein Herz?
Aber, Kunun, sagte der Schmerz. Kunun hat
sie mir weggenommen. Kunun, der über mich lacht …
Auf einmal war es, als hörte er seine eigene
Stimme, aus einer Zeit, die Jahrhunderte her schien und vielleicht
auch
erst gestern gewesen war: Wie könnte ein Biss aus meinem Herzen
voller Licht etwas Dunkles machen - wie, wenn ich es nicht
will?
Hanna war stark. So stark, dass sie ihre
Erinnerungen mit Gewalt zwang, zu ihr zurückzukehren, obwohl es
eigentlich unmöglich war. So stark, dass selbst Schmerz und
Schrecken sie nicht davon abhalten konnten, immer wieder zu ihm zu
kommen. Wie hatte er nur glauben können, dass sie ihn wegen Kunun
verriet?
Der junge Prinz machte auf dem Absatz kehrt und
rannte den Weg wieder zurück, rannte, bis ihm fast schwarz vor
Augen wurde, bis er sich daran erinnerte, dass sein Körper weder
Luft zum Atmen noch Ruhepausen zur Erholung benötigte. Auf keinen
einzigen Augenblick wollte er verzichten, den er schneller bei ihr
war, um jede Minute, jede Sekunde, die er später kam, tat es ihm
leid. Er lief wieder über die Brücke, lief den Hügel hinauf und
wieder hinab, in die immer ruhiger werdenden Straßen, im
gleichmäßigen, unermüdlichen Trab eines Langstreckenläufers, eines
Wolfs, das Ziel schon vor Augen. Lief, bis ihm plötzlich ein
Gedanke durch den Kopf schoss, grausam wie ein brennender Pfeil:
Was, wenn sie dachte, dass er nur zurückkam, um sie nach dem Code
zu fragen? Wenn jede seiner gestammelten Entschuldigungen einen
schalen Beigeschmack hatte, weil sie womöglich annahm, dass es ihm
bloß um den Weg in den Keller ging?
Er hielt inne, zutiefst erschrocken. Wartete
darauf, das Blut in seinen Ohren rauschen zu hören, den Schmerz in
den Beinen, in der Brust zu spüren. Aber sein Körper hielt still,
ohne sich zu rühren, ohne zu keuchen, zu schwitzen.
Abwartend.
Wie konnte er gehen und Hanna um Verzeihung bitten,
wenn er ohnehin schon wusste, dass sie ihm nicht verzeihen konnte?
Immer, egal, wie lange es dauerte, würde es aussehen, als hätte er
Hintergedanken.
Die Angst, Hanna zu verlieren, war ein Feind, von
dem er nicht wusste, wie er zu packen war. Eines hatte er
allerdings gelernt im Laufe seiner Erziehung zum Prinzen von Akink:
dem Gegner entgegenzutreten, statt sich zu verkriechen. Jede Faser
in ihm schrie danach, sich zu verstecken, sich in irgendeinem
Winkel zu verbergen und dort einfach zu warten, bis der Schmerz
vorüberging. Doch dann hätte er sich noch mehr schämen müssen, als
er es sowieso schon tat.
Mattim nahm all seinen Mut zusammen und bog in die
Straße ein, in der die Szigethys wohnten.
Licht hinter den Fenstern, warm und einladend.
Jedoch nur im Erdgeschoss, nicht in der oberen Etage. Wie spät
mochte es sein? Er hatte keine Ahnung. Er stand da, die Hand schon
am Tor, und zögerte, denn er erinnerte sich an Rékas Reaktion, als
sie ihn heute gesehen hatte. Wenn Hannas Gasteltern ihn
hinauswarfen, bevor er mit ihr sprechen konnte, oder wenn sie
seinetwegen Ärger bekam … Attila würde sich freuen. Aber der Junge
lag wahrscheinlich längst im Bett und schlief.
Er konnte jetzt nicht umkehren. Nicht, wenn Hanna
weinte oder grollte und ihn auf den Mond wünschte.
Die orangefarbene Straßenlaterne warf seinen
eigenen Schatten auf das Tor. Auf den Zaun und die
undurchdringliche Hecke dahinter.
Mattim hatte es bisher nicht bewusst versucht, auch
wenn er hin und wieder daran gedacht hatte, dass die Schatten in
Magyria durch Wände gehen konnten. Ob es hier genauso
funktionierte, in dieser Welt, in der alles anders war? Nichts
hatten sie ihm erklärt, Kunun und Atschorek, und immer, wenn er
etwas wissen wollte, lachten sie ihn nur aus, vertrösteten ihn auf
später. Aber vielleicht … Schon in der alten Geschichte, die seine
Mutter ihm erzählt hatte, waren die Wölfe aus Magyria in die Häuser
der Menschen eingedrungen.
Er legte die Hand um die Eisenstäbe. Fest und real
fühlten
sie sich an, so hart und kalt wie Eis. Man konnte sich fast
vorstellen, dass dieses Eis schmolz unter seiner flammenden
Berührung, dass seine Sehnsucht, zu Hanna zu gelangen, es in
flüchtigen Nebel verwandelte, sodass er hindurchsteigen konnte wie
durch einen Vorhang aus fließenden Seidenfäden.
Der junge Prinz war durch den Schatten gegangen wie
in einem Traum und stand nun auf der Auffahrt, vor der breiten
Garage. Es hatte funktioniert, ebenso leicht, wie er damals aus dem
Käfig herausgestiegen war, ohne es zu bemerken. Noch einmal drehte
er sich um und legte die Hände an die Gitterstäbe. Frostüberzogen,
unzerbrechlich … Er schüttelte den Kopf über sich selbst und wandte
sich nach rechts, in den dunklen Garten. Eine feine Schneeschicht
bedeckte den Rasen. Seine Spuren würden am nächsten Tag zu sehen
sein; nun, das machte nichts. Sollten sie sich ruhig wundern, falls
es ihnen überhaupt auffiel. Durch das große Wohnzimmerfenster sah
er Hannas Gasteltern vor dem Fernseher sitzen. Mónikas Kopf war zur
Seite gesunken, sie schlief. Ferenc saß so weit von ihr entfernt,
als hätte er nichts mit ihr zu tun, als wohnte sie nur zufällig im
selben Haus wie er. Mit ausdruckslosem Gesicht starrte er
geradeaus, das wechselnde Bild der Mattscheibe warf ein flackerndes
bläuliches Licht auf seine maskenhaften Züge.
Mattim duckte sich und huschte weiter. Im
Wintergarten war niemand, dunkel standen dort die Palmen zwischen
den Korbsesseln, nicht einladend und sommerlich, sondern fremdartig
wie ein verwunschener Garten. Oben in Hannas Zimmer war Licht, das
ein gelbes Viereck auf den weißen Rasen malte.
Die Hauswand lag im Dunkeln. Da war kein Licht
hinter ihm, das seinen Schatten auf die Wand geworfen hätte.
Dennoch, diese Dunkelheit, weich und samtig, wirkte einladend,
sanft, eine Dunkelheit, mit der man verschmelzen konnte. Schatten
zu Schatten. Beim zweiten Mal war es
noch leichter. Mattim fühlte nicht einmal mehr sein Inneres
zurückzucken, als er durch die Wand trat.
Nun befand er sich im Esszimmer. Der lange Tisch
mit den hohen Stühlen, verwaist. Hanna und Attila aßen immer in der
Küche. Von hier aus ging es in den Flur und an der Wohnzimmertür
vorbei zur Treppe. Auf dem Teppich zog er sich die Schuhe aus und
tappte auf Strümpfen die Stufen hoch. Der obere Flur, still, alle
Türen geschlossen. Nur durch eine Tür drang Licht. Es flutete durch
die schmale Ritze hinaus, ein Strom aus Licht in Bodennähe. Ihm
war, als stünde er mit den Füßen im Wasser. Er dachte nicht einmal
im Traum daran, unter diesen Umständen auf Schattenart durch die
Tür zu gehen. Stattdessen hob er die Hand, um anzuklopfen - ließ
sie dann aber wieder sinken. Was, wenn jemand ihn hörte, wenn er
jemanden weckte? Leise, unendlich leise und vorsichtig drückte er
die Klinke hinunter und schob die Tür auf.
Hanna lag nicht weinend im Bett, wo sie sich
vielleicht besonders gut hätte trösten lassen. Sie saß am
Schreibtisch und wandte ihm den Rücken zu. Gerade steckte sie etwas
in einen Briefumschlag, klebte ihn zu und stand eilig auf. Jetzt
erst sah er, dass sie nur ein kurzes Nachthemd trug, das nicht
einmal ihre Knie bedeckte. Sie schrie nicht, als sie Mattim so
unverhofft in ihrem Zimmer stehen sah, nur ihre Augen weiteten
sich. Einen Moment stand sie reglos da, den Brief noch in der Hand,
dann war sie auch schon bei ihm und schlang die Arme um seinen
Hals, und er spürte ihre warmen Lippen auf seinen.
»Verzeih mir, Mattim!«, flüsterte sie. »Ich habe
mich überschätzt, ich dachte, ich wäre immun …«
»Nein, mir tut es leid«, sagte er. »Ich hätte das
alles nie zu dir sagen dürfen. Sei mir nicht böse, Hanna,
bitte!«
Er wollte noch viel mehr sagen, aber er schwieg,
sie beide schwiegen. Es genügte ihnen, einander zu halten, als
wären sie nicht zwei, sondern nur noch eine Person, so eng
miteinander
verbunden, dass nichts sie trennen konnte. Er atmete den Duft
ihres Haars ein, ihrer Haut. Durch den dünnen Stoff ihres
Nachthemds spürte er die Wärme ihres Körpers. Es stimmte nicht,
dass er nicht zu atmen brauchte; das hier war zum Überleben nötig,
zu einem Leben, das mehr war als ein bloßes Existieren im
Dunkeln.
»Beiß mich.«
»Nein.« Er küsste ihre Stirn, ihre Augenlider, ihre
Schläfen. Sein Mund berührte die verlockende Rundung ihrer Ohren.
Er wollte seine Zähne nicht in diese weiche Haut schlagen, dieser
Vollkommenheit Wunden zufügen, nie wieder … Er wollte nicht sein
wie Kunun.
»Ich werde in der Nacht leben«, sagte er. »Es wird
schon gehen. Ich fühle mich schon fast heimisch in der Nacht. Wenn
ich das Tageslicht meide, brauche ich kein Blut.« Da war es wieder,
das Unglück. Es kam zu ihm, während er den Arm um Hanna gelegt
hatte und der Duft ihrer Haare und ihrer Haut ihm bewusst machte,
wie lebendig sie war. Ich bin ein Schatten. Es gibt keinen Weg
zurück. »Ich wäre damit zufrieden, in der Nacht zu
leben.«
»Unsinn«, widersprach sie. »Die Szigethys würden
sich wundern, wenn ich jede Nacht verschwinde. Ich kann nicht
tagsüber schlafen, wenn ich mich um Attila kümmern muss. Außerdem
möchte ich dir so gerne meine Welt zeigen, bei Tageslicht. Wir
beide zusammen machen die Stadt unsicher! Wie soll ich dir Budapest
zeigen, wenn alles geschlossen ist? Meine Lieblingsmuseen haben
nachts bestimmt nicht auf. Willst du etwa durch Wände gehen?« Sie
lachte.
»Du glaubst wohl nicht, dass ich das kann.«
»Doch, sicher.« Das belustigte Funkeln in ihren
Augen verriet, wie sehr sie es bezweifelte.
»Ich will dich nicht beißen«, sagte er noch einmal.
Er sprach gegen das Verlangen an, das in ihm aufgeflammt war,
sobald er sie in den Armen hielt, sobald ihre Lebendigkeit ihn
überflutete und überwältigte.
»Du musst«, sagte Hanna. »Ich will dich finden
können.«
»Wir können auch so tun, als wären wir moderne
Menschen, und ein Telefon benutzen, um uns zu verabreden«, schlug
Mattim vor. »Ich habe dich schon einmal angerufen. Ich weiß jetzt,
wie es funktioniert«, fügte er stolz hinzu.
Hanna schüttelte den Kopf. »Mattim«, sagte sie
leise, »ich werde nicht zulassen, dass du in der Nacht lebst. Dass
du dich dort wohler fühlst als im Tageslicht. Ich weiß, wer du
bist. Du gehörst in die Sonne. Du darfst das Licht nicht aufgeben.
Ich will nicht, dass du …« Sie stockte. »Ich habe die Dunkelheit
gesehen, Mattim«, sagte sie. »Kununs Dunkelheit. Ich weiß, es war
die Höhle, aber es war nicht nur das. Es war so finster … und er
gehörte zu dieser Finsternis, die um uns war. So schwarz und dunkel
und ohne einen Lichtblick … Du sollst nicht so enden, du darfst es
nicht, ich werde es nicht zulassen! Ich will nicht, dass du dich an
die Nacht gewöhnst und sie sich an dich, und irgendwann seid ihr
nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Noch ein dunkler Prinz
…«
Nachdenklich betrachtete er ihr Gesicht, ihre
Augen, schimmernd wie dunkler Honig … Wie konnte er ihr zustimmen,
um den Preis, sie schon wieder zu verletzen? Wieder und wieder und
wieder, bis sie so schwach und blass aussah wie Réka?
»Um im Licht zu leben, soll ich Böses tun?«, fragte
er ernst. »Das kann nicht richtig sein. Ist das nicht dunkler als
alles?«
»Mein Leben reicht für uns beide«, sagte Hanna.
»Ich kann nicht glücklich sein, wenn du es nicht bist. Ich kann
nicht im Licht leben, wenn du nicht bei mir bist. Daran ist nichts
Böses. Wenn du es mir rauben wolltest, wenn ich spüren würde, dass
du mich manipulierst und benutzt … Aber ich muss dich ja fast dazu
zwingen. Das ist jetzt schon das dritte Mal. Immerzu muss ich dich
überreden.«
Ihr Haar war so weich unter seinen Fingern. So
weich
und glatt … so lebendig war alles an ihr, so wunderschön. Er
konnte das Angebot nicht annehmen. Aber er hatte es bisher jedes
Mal angenommen. Und er würde es wieder tun, das wusste er jetzt
schon. Selbst wenn er sich dagegen auflehnte, wenn er sich wehrte
gegen das, was er war und was er brauchte, er konnte nur wählen
zwischen dem Leben am Tag und dem Leben in der Nacht.
Wenn ich dich früher getroffen hätte, bevor ich
zu den Schatten gegangen wäre, dann hätte ich besser auf mich
aufgepasst. Dort wärst du längst meine Lichtprinzessin und würdest
mit mir in der Burg leben.
Wenn er kein Schatten geworden wäre, dann wäre er
allerdings nie durch die Pforte gegangen. Und hätte ihr gar nicht
begegnen können. Es hatte alles genau so kommen müssen.
»Seelengefährtin«, flüsterte er, zugleich froh und ernst, und das
Unglück verwandelte sich zurück in eine trunkenmachende Seligkeit.
Herzgefährtin, dachte er, doch er sprach es nicht aus, denn
er hatte kein Herz. Leibesgefährtin, wünschte er sich, aber
auch das konnte er nicht aussprechen, ihre Lippen so innig auf
seinen.
»Prinz des Lichts«, flüsterte Hanna.
»Ja«, stimmte er ihr zu. Dass sie an seiner Seite
für das Licht kämpfte, war ein Geschenk, das er weder annehmen noch
ablehnen konnte.
»Es ist meine Entscheidung. Ich gehe jetzt ins
Bett. Dann sollst du mich beißen. Ich werde einfach einschlafen …
Um meine Erinnerungen mach dir keine Sorgen, die hole ich mir schon
zurück. Ich bin inzwischen ganz gut in der Übung.«
Er wandte den Blick schnell ab, als sie sich ins
Bett legte und das kurze Nachthemd dabei hochrutschte, und
entdeckte dabei den Brief, der achtlos auf dem Fußboden lag. Mattim
bückte sich und hob den Umschlag auf. Zugeklebt. Nicht beschriftet.
Es fühlte sich an, als wäre mehr darin als nur ein Blatt
Papier.
Was hatte sie geschrieben, noch dazu so spät? Eine
Nachricht an Kunun? Einen Abschiedsbrief für ihn?
»Das ist …?«
»Für dich. Nimm es mit, wenn du gehst. Ich habe
eine Kleinigkeit für dich gebastelt.« Als hätte sie nie daran
gezweifelt, dass er zurückkommen würde.
»Muss ich denn gehen?«, fragte er sehnsüchtig, als
sie die Bettdecke über sich zog.
»Ja«, sagte sie. »Du musst. Wenn dich jemand hier
findet, schicken sie mich zurück nach Deutschland. Du solltest
übrigens nach Hause gehen. Zu Kunun. Das meine ich ernst, Mattim.
Ich glaube, er hat tatsächlich eine Schwäche, und die sollten wir
für uns ausnutzen.«
»Welche wäre das?« Mattim hatte keine Lust, jetzt
über Kunun zu reden. Er setzte sich auf die Bettkante und strich
mit der Hand ganz leicht über die Decke.
»Dein Bruder glaubt, er wird immer siegen. Also
lassen wir ihn in dem Glauben, was meinst du?«
»Was immer du willst.« Er beugte sich vor und
küsste sie. Der Kuss geriet nicht so sanft und unschuldig wie
sonst. Stürmisch wie ein Märzgewitter überkam es sie, es war, als
würden Blitze am Himmel auflodern und Regengüsse auf sie
niedergehen. Es war, als wären sie die Herrscher des Sturms und
würden sich gleichzeitig vor ihm verkriechen, immer näher
aneinanderrücken unter der schützenden, kuscheligen Decke. Mattims
Lippen glitten über ihre Wange, bis zu ihrem Hals. Hanna stöhnte
leise, als er zubiss und der kurze Schmerz sie durchfuhr. Ihre
Finger krallten sich in seinen Rücken, hielten ihn fest. Irgendwann
lockerte sich ihr Griff, und ihre Arme fielen herab. Ihr Atem ging
gleichmäßig und ruhig.
»Schlaf gut, meine Lichtprinzessin«, flüsterte
Mattim.
Er küsste sie noch einmal ganz sanft, bevor er
aufstand, den Brief vom Tisch nahm und ging.