VIER
BUDAPEST, UNGARN
»Wie wäre es, wenn du Hanna die Stadt zeigst?«
Réka reagierte auf die freundliche Bitte ihres Vaters, indem sie genervt die Augen verdrehte.
»Ja, ich denke auch, das wäre eine gute Idee.« Mónika lächelte aufmunternd.
Réka machte ein bitterböses Gesicht, während sie sich ihre Jacke anzog.
Es war ein kühler, regnerischer Tag, ein Tag, an dem man die Hände in den Jackentaschen vergraben und so tun konnte, als wäre man allein auf der Welt.
Das kann ja heiter werden, dachte Hanna, dennoch hielt sie krampfhaft an ihrer guten Laune fest. Gut, es war trübe, aber sie war hier. Atmete Budapester Luft. Die Schönheit der Häuser brauchte keinen Sonnenschein, um überwältigend zu wirken.
»Der Burgberg soll ziemlich beeindruckend sein. Gehen wir da hin?«
Erneut verdrehte Réka nur die Augen.
»Was willst du dann? Shoppen gehen?«
Das Mädchen blieb stumm und führte sie zielsicher zur Bushaltestelle. Die Fahrt über hielt sie ihre entschieden trotzige Miene aufrecht. Erst auf der Pester Seite taute sie allmählich auf, und ein klein wenig Sonnenschein entwischte ihrem finsteren Gesicht. Dafür begann der Regen, eben noch ein sanfter Schauer, plötzlich wild auf sie herabzuprasseln. Hanna duckte sich und sah sich auf dem großen Vörösmarty-Platz um. Ihre Augen leuchteten auf, als sie ein Gebäude erkannte. »Da ist das Gerbaud. Da wollte ich schon immer mal rein. Gehen wir?«
Réka zuckte mit den Achseln, machte aber keine abfällige Bemerkung, was Hanna als gutes Zeichen wertete.
Im Kaffeehaus war es voll. Alle Tische waren besetzt; anscheinend waren sie nicht die Einzigen, die vor dem Regen geflohen waren. Sie vertrieben sich die Wartezeit damit, die Torten in der Auslage zu betrachten. Beim Anblick der süßen Köstlichkeiten besserte sich Rékas Laune zusehends.
»Die Sachertorte sieht gut aus«, fand Hanna. »Oder soll ich die hier nehmen, mit dem Marzipan? Was empfiehlst du mir?«
»Alles.« Die sauertöpfische Miene kam Réka irgendwie abhanden. Sie vergaß sogar, so zu tun, als könnte sie gar kein Deutsch. »Darf ich das? Und noch ein Stück von den Gerbaudschnitten?«
»Ihr kommt wohl öfter her?«
»Früher, als ich noch klein war.«
»Verstehe.« Hanna wusste, wie es war, wenn man die Dinge, die man als Kind gern getan hatte, plötzlich nicht mehr tun durfte, weil seltsame ungeschriebene Gesetze von einem verlangten, erwachsener zu sein als die Erwachsenen selbst. »Von mir erfährt es keiner. Such dir aus, was immer du willst.«
Der Bestechungsversuch war so offensichtlich, dass es schon keiner mehr war. Ein Tisch wurde frei, sie schoben sich durch die dicht zusammengestellten Stühle und ergriffen Besitz davon. Die freundliche Kellnerin verzog keine Miene, als Hanna gleich drei Stücke Torte für Réka bestellte; sie selbst begnügte sich mit zweien. Dabei fürchtete sie sich nicht vor der Rechnung. Ihr war danach, über die Stränge zu schlagen.
»Ich bekomme fast überhaupt kein Taschengeld«, beklagte Réka sich, während sie das erste Tortenstück in sich hineinstopfte. »Meine Eltern sind so was von geizig.«
»Das muss schlimm sein.«
Hanna unterdrückte jeden Versuch, für Mónika und Ferenc Verständnis zu zeigen.
In atemberaubender Geschwindigkeit hatte Réka die Sachertorte, die Marzipantorte und die Gerbaudschnitte vertilgt und warf sehnsüchtige Blicke auf Hannas Teller. Das erste Tortenstück war so süß, dass es der Deutschen vollkommen reichte, daher fiel es ihr gar nicht so schwer zu sagen: »Magst du mein zweites Stück essen?«
Réka nickte. »Ich würde nach New York gehen. Wenn ich ein Jahr im Ausland verbringen wollte. New York. Oder Los Angeles. Oder Australien. Ja, ich glaube, Australien fänd ich gut.«
»Warum machst du es nicht einfach? Wenn du mit der Schule fertig bist, natürlich?«
Réka beherrschte die Kunst des Augenrollens perfekt. »Meine Eltern.«
»Da haben wir ja schon wieder was gemeinsam. Außer unserer Schokoladensucht. Meine Eltern waren auch nicht gerade begeistert.«
»Echt?«
»Sie halten dieses Jahr für reine Verschwendung. Ungarischen Gören Deutsch beibringen.«
Réka nickte. »Ich kann schon genug Deutsch«, sagte sie. »Besser, als sie glauben. Unsere Oma hat immer Deutsch mit uns gesprochen. Außerdem gehe ich auf die deutsche Schule. Ich brauche kein deutsches Kindermädchen.«
Hanna lächelte. Sie weigerte sich, das persönlich zu nehmen. »Dann kannst du mir ja Ungarisch beibringen. Mein Sprachkurs beginnt nächste Woche. Darf ich dich fragen, wenn ich was nicht weiß?«
Rékas Augen leuchteten auf. »Klar. Mach ruhig.«
Es hatte aufgehört zu regnen. Hanna trank den letzten Tropfen ihres kalt gewordenen Kaffees aus. »Räumen wir lieber den Tisch hier, bevor sie uns rauswerfen.«
»Wohin jetzt?«, fragte Réka draußen.
Hanna wollte sie lieber nicht an ihren Vorschlag erinnern, shoppen zu gehen. Der Kuchen hatte schon genug gekostet, jetzt musste ein günstigeres Ziel her.
»Gehen wir an den Fluss?«
Réka lächelte spöttisch. »Wie die Touristen. Na gut.«
Blau war die Donau bei diesem Wetter nicht, eher trübgrau, ein stählernes Band durch die Stadt. »Ez Duna«, sagte Réka stolz, als würde sie etwas aus ihrem persönlichen Privatbesitz vorführen.
Langsam schlenderten sie an der Uferpromenade entlang. Vor ihnen lag die Kettenbrücke, die Hanna wie eine alte Bekannte vorkam. Die steinernen Löwen auf den Pfeilern schienen gelangweilt zu gähnen.
Das Mädchen war stehen geblieben und sah hinaus auf das Wasser. Der Wind zerrte an ihrem dunklen Haar.
Ein junger Mann in einer schwarzen Lederjacke stand nur wenige Meter entfernt und blickte ebenfalls auf den Fluss. Dann sagte er etwas und ging weiter. Réka starrte ihm mit verklärtem Gesicht nach.
»Was wollte der denn?«, fragte Hanna. »Was hat er gesagt? Irgendwas mit Szigethy?«
Réka lächelte stolz. »Szigethy-Prinzessinnen wie ich gehören auf die andere Seite, hat er gesagt. Ganz schön verrückt, nicht?«
»Woher kennt er deinen Nachnamen?«
»Keine Ahnung.« Réka wirkte jedoch nicht wirklich überrascht. »Hochadel sind wir auch nicht gerade.«
»Ihr seid adelig? Echt?«
Réka lachte. »Fast jeder ist in Ungarn adelig. Es ist einfach nur peinlich.«
Hanna hatte das unbestimmte Gefühl, dass das Mädchen von dem jungen Mann mit der ungewöhnlichen Anmache ablenken wollte. »Woher kennt er dich?«, fragte sie noch einmal.
Sie blickte sich um, aber der Fremde in der Lederjacke war im Gedränge verschwunden.
»Warum sollte ich ihn kennen? He, du bist ja sauer«, stellte Réka fest und lachte auf einmal. »Weil er es zu mir gesagt hat und nicht zu dir!«
»Ach was!« Hanna schüttelte lachend den Kopf. »Was für ein Unsinn! Ich bin nicht hier, um mich von fremden Kerlen anbaggern zu lassen.«
Réka war überrascht. »Du hast einen Freund?«
»Nein! Das heißt - es ist noch nicht lange her, dass wir uns getrennt haben. Ich hab erst einmal genug. Ich will gar keinen neuen Freund.«
»Wie hieß er?«, fragte das Mädchen neugierig.
»Maik.« Hanna wollte eigentlich gar nicht über ihn reden. Erst recht nicht mit Réka, die auch nicht gerade ausgiebig über ihre Gefühle sprach. Alles hatte so gut angefangen … und dann hatte es sich einfach in Luft aufgelöst. Statt mit Maik zusammen ein Studium anzufangen, so wie sie es geplant hatten, war sie nun hier und musste sich zwangsweise mit einem Mädchen anfreunden, das ihr völlig fremd war. Und dachte an einen jungen Ungaren, dem sie nur für wenige Sekunden begegnet war. Er hatte sich nicht an sie gewendet, aber er hatte sie angesehen. Merkwürdigerweise reichte das schon, um die bitteren Erinnerungen an Maik verblassen zu lassen, als wäre er nichts als ein Schatten aus einem fremden Leben.
 
Réka weinte in dieser Nacht. Hanna hatte sich nur ein Glas Wasser holen wollen und war wie erstarrt im Flur stehen geblieben, als sie das merkwürdige Geräusch hörte. Da weinte jemand. Oder war es ein Lachen? Und eine Stimme, Rékas Stimme.
Auf bloßen Füßen tappte Hanna zur Zimmertür des Mädchens. Ihr Herz begann wild zu schlagen. Hatte Réka etwa Besuch? Jetzt, mitten in der Nacht?
Die Hand schon an der Klinke, zögerte sie. Es gab wohl nichts Peinlicheres, als hereinzuplatzen, falls tatsächlich jemand da war. Wenn sie zu zweit waren. Aber Himmel, das Mädchen war erst vierzehn.
»Nein, bitte nicht! Nein, nein!«
Entschlossen drückte Hanna die Klinke herunter und riss die Tür auf.
Réka lag allein in ihrem Bett. Unruhig wälzte sie sich hin und her. Sie träumte offenbar, einen wilden, schrecklichen Traum.
»Nein! Du tust mir weh! Bitte nicht! Lass mich! Nein, hör auf!«
Mit beiden Händen umfasste sie ihren Hals und trat mit den Beinen nach einem unsichtbaren Angreifer, dann wurde sie plötzlich ruhig und weinte nur noch still vor sich hin.
»Réka. Réka, wach auf!« Behutsam berührte Hanna sie am Arm, an den Schultern. Was musste das Mädchen erlebt haben, um solche Dinge zu träumen?
»Warum tust du das? Ich liebe dich doch. Warum tust du das nur?«
Hanna rüttelte sie etwas fester. »Alles ist gut. Du träumst nur.«
Réka schluchzte noch einmal auf und öffnete die Augen.
»Wer ist da? Mama?«
»Ich bin es. Hanna. Du hast schlecht geträumt.«
»Was willst du in meinem Zimmer? Du hast hier nichts verloren. Warum weckst du mich? Lass mich in Ruhe.«
»Schlaf gut.« Leise schlich Hanna in ihr Zimmer zurück, aber nun war sie es, die unruhig schlief. Die trostlose Verzweiflung in Rékas Stimme, während sie sich im Traum gegen einen Menschen wehrte, den sie liebte, ließ Hanna nicht mehr los.
Irgendetwas war mit diesem Mädchen ganz und gar nicht in Ordnung. Hatte sie nicht schon gleich am ersten Tag gewusst, dass hier etwas nicht stimmte?
Zum ersten Mal hatte Hanna das Gefühl, dass sie Rékas Geheimnis auf der Spur war. Auch wenn sie nach dem, was sie heute Nacht gehört hatte, lieber gar nicht wissen wollte, worin es bestand.
In den nächsten Tagen suchte sie ständig nach einer Gelegenheit, um allein mit Réka zu reden. Es war schier unmöglich. Beim Frühstück war das Mädchen sowieso nicht ansprechbar. Wenn sie aus der Schule nach Hause kam, schloss sie sich in ihrem Zimmer ein oder traf sich sofort mit Freundinnen. Hanna hatte den Eindruck, dass sie ihr absichtlich aus dem Weg ging. Ihre Miene war dermaßen finster und trotzig, dass sie todsicher damit rechnete, wegen ihres Albtraums verhört zu werden.
Vielleicht jedoch auch wegen der Dinge, die diese Albträume verursachten. Jeden Tag schien sie blasser und durchscheinender zu werden. Unter den Augen hatte sie dunkle Ringe, als würde sie die Nächte durchmachen. Vielleicht schlief sie tatsächlich kaum, auch wenn sie zu Hause in ihrem Zimmer war - ließen diese schrecklichen Träume sie überhaupt schlafen?
Réka würde nichts sagen. Da konnte bohren, wer wollte, sie würde nichts preisgeben, gar nichts.
Nachdem Hanna zu dieser Erkenntnis gelangt war, beschloss sie, es gar nicht erst mit Ausfragen zu versuchen. Sie lächelte aufmunternd, als Réka mit ihrer allergrimmigsten Miene ihr Brot in sich hineinstopfte, ignorierte sie aber ansonsten. Na gut, dachte sie, wenn sie es so haben will, meinetwegen.
Zugleich warf das Mitleid mit diesem Mädchen sie nahezu um. Eine Vierzehnjährige sollte keine solchen Träume haben. Womöglich war sie schon zu alt, um noch in Rosarot zu träumen, doch musste ihr Leben deswegen gleich solch ein schrecklicher Albtraum sein?
Réka schnappte sich ihre Schultasche und verschwand. Hanna musste sich Attila zuwenden, der wie immer ausgiebig trödelte, ihn ins Auto verfrachten und zur Schule bringen. Erst als sie beide Kinder erfolgreich losgeworden war, konnte sie sich der schwierigen Aufgabe widmen, die sie sich vorgenommen hatte.
Frei. Im Haus war es so still, dass sie in der Küche die Uhr ticken hörte.
Als sie die Tür zu dem Teenagerzimmer aufstieß, hatte sie sich mit einem Staubtuch bewaffnet. Ordnung. Sie hatte nicht vergessen, dass Réka ihr ausdrücklich untersagt hatte, den Raum zu betreten, aber Mónika hatte darauf bestanden, dass auch dort das Chaos wenigstens hin und wieder gebändigt werden musste. Was sie hier tat, geschah also auf ausdrücklichen Wunsch ihrer Gasteltern. Trotzdem hatte Hanna das ungute Gefühl, ein Eindringling zu sein und etwas Verbotenes zu tun. Ein Heiligtum zu entweihen. Vielleicht hätte es sich nicht so schrecklich angefühlt, wenn sie tatsächlich nur zum Putzen hereingekommen wäre. Lüften, Blumen gießen. Warum die zwei armseligen Pflanzen hier überhaupt noch herumstanden, war ihr ein Rätsel - Fensterschmuck sah anders aus. Und immer wieder Blicke auf den Schreibtisch, auf Hefte, Bücher, Zeitschriften, lose Zettel. Sie wischte dazwischen herum, in der Hoffnung, dass Réka nichts auffiel. Aber wie konnte sie behaupten, hier geputzt zu haben, wenn sie nicht mal die leeren Bonbontüten und Getränkedosen mitnahm? So oder so, Réka würde sofort merken, dass sie hier gewesen war. Da konnte sie auch gleich richtig suchen.
Hastig durchwühlte Hanna sämtliche Schubladen. Eigentlich gab es keinen Grund zur Eile; bis die Schule aus war, vergingen noch Stunden. Trotzdem wollte sie so schnell wie möglich fertig werden.
Ihr Herz klopfte wie wild. Sie war nicht hier, um jemanden zu retten. Wie konnte sie glauben, Réka helfen zu können? Gerade sie? Wenn es nicht mal die Eltern interessierte, was ihre Tochter trieb?
Himmel, wo war bloß das Tagebuch? Führten nicht alle Mädchen in diesem Alter Tagebuch? Aber vielleicht war das ja in Ungarn anders.
Nicht einmal zwischen der Unterwäsche gab es eins. Auch keine Briefe. Gut, geschenkt, wer schrieb heutzutage überhaupt noch Liebesbriefe?
Hannas Hände zitterten, als sie auf das Foto stieß. Behutsam zog sie es zwischen Baumwollschlüpfern und ein paar Seidentangas, für die das Mädchen einfach noch nicht alt genug sein konnte, hervor. Es war ein DIN-A4-Bogen, ein unscharfer Ausdruck von einem Farbdrucker, doch unzweifelhaft war das Rékas Geheimnis, sonst hätte sie es nicht hier aufbewahrt.
Ein Mann. Natürlich.
Der Fremde hatte nicht gemerkt, dass man ihn fotografiert hatte. Er schien an einer Art Theke zu stehen und mit jemandem zu reden, der nicht auf dem Bild war. Die Beleuchtung war grauenvoll und der Ausdruck grob und unscharf, und doch war dieser Kerl dermaßen attraktiv, dass nicht einmal das unvorteilhafte Foto diesen Eindruck schmälern konnte. Er war ganz in Schwarz gekleidet. Auch sein Haar war schwarz. Schräg blickte er an der Kamera vorbei, sodass sein Gesicht im Halbprofil zu sehen war. Die Augen lagen im Schatten, aber sein Lächeln war einfach umwerfend.
Hanna schob das Bild wieder zurück in die Schublade, griff sich den Papierkorb und floh. Sie war diesem Mann schon einmal begegnet. Es war der Typ von der Brücke, der Réka »Prinzessin« genannt hatte.
Magyria 01 - Das Herz des Schattens
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