FÜNF
AKINK, MAGYRIA
In seinem Traum wurde Mattim wieder von Wölfen
durch den Wald gejagt. Immer, wenn er sich umdrehte, blickte er in
die dunklen, wissenden Augen der silbergrauen Wölfin. Er floh.
Nein, er lief mit ihnen. Je länger er mit ihnen durch den Wald
rannte, umso mehr verblassten die Furcht und die Panik. Sie liefen
dort alle, gemeinsam, er und die Wölfe. Er fühlte die Leichtigkeit
in seinen Füßen, in seinen Gelenken. Er brauchte die Hände, um
besser laufen zu können. Das Schwert fiel nutzlos zu Boden, er
benötigte es nicht mehr. Er gehörte zum Rudel. Im Nacken spürte er
den heißen Atem der Wölfin. Sie schnappte zu, aber er empfand keine
Angst. Der kurze Schmerz war nichts gegen das, was er tun würde.
Knurrend und bellend warf er sich herum …
… und fand sich auf dem Fußboden wieder. Stöhnend
richtete Mattim sich auf. Er fühlte sich zerschlagener als zuvor.
Wieder einen ganzen Tag verschlafen. Das war keine Seltenheit, seit
er zur Nachtschicht der Flusshüter gehörte. Dennoch hatte er das
Gefühl, dass ihm das Licht entglitt, dass er von einer Dunkelheit
zur nächsten lebte.
Der Wolf. Morrit hatte ihm später gesagt, es sei
eine Wölfin gewesen, die große, silbergraue, die ihn gejagt hatte.
Ihm war, als hinge ihr Gewicht immer noch an seinem Rücken, und er
spürte das Erschrecken und die Wucht des Sturzes. Er konnte immer
noch fühlen, wie es war, zu fallen, den Tod im Nacken. Sobald er
die Augen schloss, war alles wieder da.
Vorsichtig wusch sich Mattim und wickelte sich
dann einen weißen Schal doppelt um die Schultern. Falls es wieder
zu bluten begann, würde niemand es bemerken. Sicherheitshalber zog
er eine dunkelgrüne, brokatbestickte Weste über das helle Hemd und
legte den Umhang um. Jede Bewegung tat weh. Sein ganzer Körper
verlangte nach Ruhe, nach mehr Schlaf für die Heilung. Aber dafür
hatte er keine Zeit. Wenn Mirita schon mit seinen Eltern gesprochen
hatte, begann in Kürze sein Dienst.
Mattim biss die Zähne zusammen, als er die Treppe
hinunterging. Draußen lehnte er sich über die niedrige
Begrenzungsmauer und blickte auf das Blau des Donua. Gleich würde
er erfahren, ob er für die nächste Schicht eingeteilt war.
Er musste nicht lange suchen, bis er seinen Vater
fand. Früher hatten sie oft zusammen auf der Mauer gestanden und
den Anblick auf sich wirken lassen. Vor ihnen der Fluss, der Wald,
der sich endlos, bis zum Horizont, erstreckte. Hier hatten sie
gestanden, und hin und wieder hatte einer von ihnen etwas
gemurmelt, was keine große Bedeutung hatte. Seine Mutter erzählte
ihm Geschichten, aber zwischen seinem Vater und ihm waren nie viele
Worte nötig gewesen.
Nachdenklich blickte Farank über den Fluss auf das
jenseitige Ufer. »Müde?«, fragte er.
»Ein wenig«, antwortete Mattim. »Ich bin bereit zum
Dienst.«
Der König antwortete nicht sofort auf die
unausgesprochene Frage. Er sucht nach Worten, um mir die Absage
schmackhaft zu machen, dachte Mattim. Ich sehe es in seinem
Gesicht. Manchmal flackerte etwas von der alten Verbundenheit
wieder auf, und sie brauchten keine Worte, um sich zu verstehen. Es
tat dem König leid, seinen Sohn zu enttäuschen, und dennoch würde
er es tun. Also keine Rückkehr zu den Flusshütern.
Schließlich sagte sein Vater: »Ich habe dich der
Brückenwache zugeteilt.«
»Der Brückenwache!« Mattim war entsetzt, obwohl er
geglaubt hatte, darauf vorbereitet zu sein.
»Das ist ein sehr verantwortungsvoller
Posten.«
»Vater! Die Brückenwache steht nur auf der Brücke
herum!«
»Das ist extrem wichtig. Falls ein Angriff erfolgt,
müssen sie ihn am Fuß der Brücke abwehren.«
»Ich weiß, warum die Wache wichtig ist.« Mattim
atmete tief durch. Er musste seinen Ärger hinunterschlucken und
vernünftig argumentieren, sonst würde der König so tun, als stünde
die Entscheidung bereits fest. »Trotzdem möchte ich nicht
dazugehören, Vater, wirklich nicht. Wenn ich stundenlang auf einem
Fleck stehen müsste, würde ich verrückt.«
»Eine gute Übung in Sachen Geduld. Findest du
nicht? Es ist keine Kleinigkeit, nur herumzustehen, glaub mir.
Trotzdem darf die Wachsamkeit niemals nachlassen. Vor allem die
Wachen am Brückenende haben eine verantwortungsvolle
Aufgabe.«
Farank blickte ihn gütig an, er hoffte auf ein
Einsehen. Mattim fand es einfach nur unerträglich, viel lieber
hätte er sich lauthals gestritten.
»Du willst mich aber in die Mitte stellen, habe ich
Recht?«
Der König lächelte. »Mattim, bei der Brückenwache
kommt jeder mal ans Ende. Wenn sie ihre Runde aufnehmen …«
»Eine Runde, bei der man jede halbe Stunde ein paar
Meter weitergeht. Wunderbar! Das ist genau das, was ich mir
gewünscht habe!«
»Es muss getan werden«, sagte Farank kühl, und
Mattim verwünschte sich, weil er sich wieder hatte hinreißen
lassen, seine Gefühle zu zeigen. Uneinsichtigkeit machte seinen
Vater nur noch sturer, das wusste er eigentlich. Allenfalls
besonders kluge Gründe konnten jetzt noch helfen.
»Im Wald bin ich viel nützlicher, da kann ich
…«
»Schluss jetzt!«, bestimmte der König. »Du gehst
heute auf die Brücke. Hast du verstanden?«
Der junge Prinz rang die Worte nieder, die in
seiner Kehle darum stritten, als Erstes hinauszudürfen. Er
nickte.
»Dann geh und tu deinen Dienst.«
In ihm brodelte es, als er hinunter zur Brücke
eilte. Die Nachtpatrouille sammelte sich gerade im Hof. Morrit
wusste es schon und nickte ihm aufmunternd zu. Vergebens suchte
Mattim nach Miritas schlanker Gestalt; dann fiel ihm ein, dass sie
wegen ihrer Verletzung noch freigestellt war.
Die Brückenwächter standen in einer endlosen Reihe
zu beiden Seiten des Geländers, alle vier Schritte ein Mann oder
eine Frau. Hundert zur Rechten und Hundert zur Linken. Die Ablösung
hatte gerade stattgefunden, ihm hatten die anderen einen Platz auf
der rechten Seite freigelassen. Stumm und unbeweglich standen die
Soldaten da, als die Nachtpatrouille hindurchmarschierte, und
Mattim bemühte sich, ebenso reglos und kühl zu verharren. Seine
ehemaligen Kollegen waren weniger strenge Vorschriften gewohnt; sie
taten nicht, als würden sie ihn nicht bemerken, sondern lächelten
ihm im Vorbeigehen zu, mitleidig - das war am schlimmsten - oder
kameradschaftlich. Goran, deren wilde Locken sich immer aus dem
strengen Zopf schlichen, rief ihm ein schnelles »Viel Spaß« zu. Sie
war einige Jahre älter als Mirita, eine grazile Bogenschützin mit
makellosen weißen Zähnen, die sie oft zeigte, da sie gerne
ununterbrochen redete. Derin, der Mattims heimliche Wache bei den
Höhlen gedeckt hatte, grinste einmal kurz und verschwörerisch. Dann
waren sie auch schon vorbei, und unter der fallenden Dämmerung
stand die Brückenwache reglos da und wartete. Die Tagpatrouille kam
herein, ohne ihn überhaupt wahrzunehmen.
Da setzten sich die Wächter auf einmal in Bewegung;
jeder ging ein paar Schritte und nahm den Platz seines Vordermannes
ein, sodass Mattim nun auf der anderen Seite jemand anders
gegenüberstand, eine ältere Frau mit einem strengen Blick. Im
Schein der Lampen begannen die Fratzen in den Brückenpfeilern ein
Eigenleben zu führen, und der Prinz vertrieb sich die Zeit damit,
Löwenköpfe und Drachenleiber zu zählen.
Wieder einige wenige Schritte weiter, ein anderes
Gegenüber, eine leicht veränderte Perspektive. Die Stadt strahlte
durch die Nacht, die Burg leuchtete durch unzählige Fenster.
Jenseits des Flusses versank der Wald in der Dunkelheit. Nebel
stieg vom Wasser auf. Hoch oben erschien der Mond, und bald darauf
setzte das Heulen der Wölfe ein.
Es hörte sich anders an, hier auf der Brücke, als
wenn man im Wald war. Dort hatte er sich nie gefürchtet, hier rann
ihm ein Schauer über den Rücken. Hier konnte er nicht kämpfen und
nicht fliehen, nicht helfen und nicht eingreifen, mit niemandem
flüstern und die bangen Gefühle durch Scherze vertreiben, sondern
nur dastehen und warten.
Die Stunden verstrichen. Hinter sich hörte Mattim
das Rauschen des Flusses, ein Lied, dem er noch nie so lange
gelauscht hatte.
Er wartete. Es war nicht wirklich langweilig, nicht
so, wie er gedacht hatte, obwohl die Zeit so zäh dahintropfte wie
Baumharz. Als die Schicht zu Ende war und die Brückenwache sich in
Bewegung setzte, war er überrascht, dass es schon vorbei war. Er
musste den Weg bis zum jenseitigen Ufer zurücklegen und dann auf
der anderen Seite die gesamte Länge der Brücke abschreiten, während
die nächsten Wächter sich in die Reihe einfügten. Da verwandelten
sich die stummen Gefährten der Nacht mit einem Mal in gesprächige,
aufgeweckte Kameraden, die ihm auf den Rücken klopften und
scherzten.
»Nicht schlecht, junger Mann, für den
Anfang!«
»Du musst aufhören, mit den Füßen zu scharren,
Prinz Mattim.«
»Man kratzt sich auch nicht während des Dienstes.
Aber das wirst du noch lernen.«
Nichts davon hatte er mitbekommen, weder das
Füßescharren noch das Kratzen, und er betete, dass er nicht
gezwungen sein würde, so zu werden wie sie.
»Kommst du noch mit? In den Keller?«
Ihm war nicht ganz klar, von welchem Keller sie
sprachen, doch er war so ausgehungert nach Stimmen und Sprechen und
Bewegung, dass er sich ohne viel zu fragen mitnehmen ließ.
»Ich dachte, ihr geht schlafen, wenn ihr fertig
seid.«
»Beim Licht! Glaubst du, unser Leben besteht nur
aus Wachen und Schlafen?«
Eine Frau lachte. »Wir sind nicht so müde wie die
Flusshüter, die stundenlang durch den Wald rennen. Komm.« Sie hakte
sich bei ihm unter, eine vertrauliche Geste, die nicht einmal seine
Kameradinnen von der Nachtwache sich erlaubt hätten. »Hier geht es
runter.«
Es war ein dunkler Keller mit einer niedrigen Decke
aus rußgeschwärzten Balken. Fässer stapelten sich an den Wänden,
und einige kleine Öllampen sorgten für schummrige Beleuchtung.
Mattim sah sich um. Die zweihundert Brückenwächter waren auf
ungefähr sechzig geschrumpft, doch selbst diese Gruppe konnte
erstaunlich viel Lärm machen.
Im Hintergrund des Gewölbes standen einige wuchtige
Eichentische bereit, Strohballen und kleine Fässer dienten als
Sitzgelegenheit.
»Das ist das unterirdische Lager, oder?«, fragte
Mattim. »Die Vorräte für den Fall einer Belagerung?«
»Ja, aber nicht nur.« Jemand lachte. »Hier unten
wurde schon immer gut gelebt. Es gibt keine Wirtsstuben, die groß
genug sind für unsere Truppe.«
»Gleich rennt er zu seinem Vater und petzt«, sagte
einer, der aus dem Zapfhahn eines kleinen Fasses eine glänzende
goldene Flüssigkeit fließen ließ und damit winzige Becher
füllte.
»Nein!« Mattim protestierte. »Ich würde nie
…«
Jemand drückte ihm eins der kleinen Gefäße in die
Hand. »Spielst du Mack?«
Mattim hatte dieses Wort noch nie gehört.
Fasziniert sah er zu, als die anderen Karten und Würfel auf dem
Tisch ausbreiteten.
»Die Wilder-Variante?«
»He, zieht dem Kleinen nicht gleich das Hemd
aus!«
»Was ist das, die Wilder-Variante?«
»Mack ist harmlos«, erklärte ihm eine Wächterin.
»Aber hierbei … Nun, du kannst sehr viel gewinnen. Und sehr viel
verlieren. Wenn du es noch nie gespielt hast, ist das Wahnsinn.
Sieh lieber erst mal zu, man lernt es ziemlich schnell.«
Mattim wurde beinahe schwindlig, so schnell ging
alles. Jemand mischte die Karten, teilte sie aus und legte sie nach
einem undurchschaubaren System ab. Zwischendurch johlten die
Zuschauer. Er begriff gar nichts.
Ein älterer Mann setzte sich neben ihn. »So läuft
das bei den Brückenwächtern«, sagte er. »Wohl nicht ganz das, was
du erwartet hast, Prinz Mattim?«
»Ich habe mich gefragt, wie ihr das aushaltet. Auf
der Brücke, meine ich. Jeden Tag. Diese langen Stunden.«
»Für Akink.« Er hob den Becher. »Auf Akink und den
König!«
Mattim probierte das Getränk, und ihm stockte der
Atem.
»Bloß nicht Luft holen!«, rief jemand ihm zu, doch
dafür war es bereits zu spät.
»Was ist das?«, keuchte er, als der Hustenreiz
nachgelassen hatte.
»Wonach schmeckt es denn?«
»Scharf! Beim Licht, das zieht einem die Schuhe
aus!« Er schloss kurz die Augen, um seine Umgebung auszublenden.
»Obst. Irgendein Obst, stimmt’s?«
Der Brückenwächter lachte. »Der feinste Obstbrand
von Akink. Aus den süßesten Aprikosen Magyrias. Es wundert mich
nur, dass du im Palast lebst und nicht weißt, was der Hofbrenner
für Schätze herstellt.«
Farank ließ ihn nichts trinken, was stärker war als
Milch. Wenn der König gewusst hätte, wie viele leere Fässer hier
herumstanden - und dass sein Sohn hier saß, trank und beim
Kartenspiel zusah - wäre er an die Decke gegangen.
Mattim beschloss, das Thema zu wechseln. »Sehnt ihr
euch nicht nach einem Angriff, damit endlich mal was
passiert?«
»Es hat einige Angriffe gegeben. Wenn du das einmal
erlebt hättest, würdest du dich nicht danach sehnen. Wer einmal mit
einem Schatten gekämpft hat, vergisst das nie wieder. Und man
wacht. Glaub mir, man wacht ganz anders, wenn man weiß, wovor man
die Stadt beschützt. Kein Schatten wird es jemals schaffen, über
die Brücke zu kommen.«
Ein paar der Anwesenden stimmten ihm lautstark zu,
dann wandte sich die Aufmerksamkeit wieder dem Spiel zu. Mattim war
sich nicht sicher, ob er es überhaupt lernen wollte. Er hatte nicht
vor, so lange bei der Brückenwache zu bleiben, dass es darauf
ankam. Die anderen lachten laut, er dagegen fühlte sich merkwürdig
benommen.
»Noch eins?«
Mattim schüttelte den Kopf. »Ich gehe lieber nach
Hause. Ich bin müde.«
Einige winkten ihm zu. »Dann bis morgen.« Er hörte,
wie sie lachten, und hoffte, dass es nicht über ihn war.
Draußen war es dunkel. Noch ein, zwei Stunden, bis
die Sonne aufging und mit ihr das Licht des Königs, das blassere
der Königin und sein eigenes. Hier auf der Straße hörte man den
unglaublichen Lärm nicht mehr, den die Brückenwächter
veranstalteten. Es war fast zu still. Die Menschen schliefen, die
Arbeit ruhte. Nicht einmal die Wölfe jenseits des Donua waren zu
hören. Die kühle Nachtluft tat ihm gut, sein Kopf fühlte sich schon
wieder normal an. Schritte kamen ihm entgegen, das konnte nur der
Nachtwächter sein. Schnell drückte er sich in den Schatten eines
Hauses; er hatte nicht vor zu erklären, was er um diese Zeit hier
zu suchen hatte. Außerdem würde sein Vater davon erfahren. König
Farank hatte sehr strenge Ansichten über das Glücksspiel.
Der Nachtwächter bemerkte ihn nicht. Erleichtert
huschte Mattim über das holprige Pflaster hinauf zur Burg. Die
Hauptpforte zu benutzen kam ebenfalls nicht infrage, also lief er
durch den Hof zum Dienstboteneingang. Natürlich hielt man ihn an,
aber sobald der Wächter ihn erkannte, nickte er ihm zu. »Guten
Abend, Prinz Mattim.«
So kurz vor Sonnenaufgang kam ihm dieser Gruß etwas
merkwürdig vor, doch er lächelte nur freundlich und schlenderte
durch die Küche, in der bereits die Arbeit für den Tag begann. Der
Dienstboteneingang hatte seine eigenen Gesetze; es war
unwahrscheinlich, dass ihn hier jemand anschwärzte. Er schnappte
sich einen Apfel und ließ sich von einer Köchin ein Frühstück
aufschwatzen, obwohl er keinen Hunger hatte. Gestärkt eilte er die
Treppe hoch und lief fast den alten Mann um, der langsam vor ihm
durch den Gang schlurfte.
»Verzeihung.«
Der Alte drehte sich zu ihm um. Als Mattim noch als
kleiner Junge hier herumgesprungen war, war ihm dieser Diener schon
wie hundert vorgekommen. Sein zerfurchtes Gesicht verzog sich zu
einem Lächeln.
»Der kleine Prinz.«
»Na ja, so klein bin ich auch nicht mehr.«
»So ist er jedes Mal hier hereingeschlichen«, sagte
der Alte. »Immer durch die Küche. Fast jede Nacht. Hat mich stets
beschworen, der Königin nichts zu verraten. Ich sag nichts, Jungen
sind so. Weiß ich doch, Jungen sind so.«
»Wer ist hier hereingeschlichen?«, fragte Mattim
neugierig.
»Der Prinz macht ihnen Kummer«, erklärte der Alte.
»Muss nicht noch mehr sagen. Ist schlimm genug. Aber ein guter
Junge. Ich weiß das. Der König kann es gar nicht haben, dass er
spielt, trotzdem ist er ein guter Junge. Hast du was getrunken? Ich
rieche es. Man kann die Stadt nicht verteidigen, wenn man trinkt,
das müsstest du wissen.«
»Nur ein wenig.« Mattim wollte mehr erfahren. »Von
wem sprichst du? Der Prinz hat gespielt und getrunken? Du meinst
einen meiner Brüder, nicht?« Es war so gut wie unmöglich, etwas
über seine verlorenen Geschwister zu erfahren. Ihre Namen durften
nicht erwähnt werden, es war, als hätte es sie nie gegeben. Allen
neugierigen Fragen wich die Königin stets aus, und seinen Vater
wagte Mattim gar nicht erst zu fragen. Doch dieser alte Mann musste
sie gekannt haben. Er war lange genug hier im Schloss und
vielleicht verwirrt genug, um das Gebot des Königs zu
vergessen.
»Ein schöner Junge«, murmelte der Diener. »Der mit
dem roten Haar. Aus dem wird mal was. Der König denkt, er taugt
nichts, und die Königin weint sich die Augen aus. Aber er spricht
mit mir. Gerne. Nimmt sich Zeit. Ist kein schlechter Mensch. Hat
seiner Mutter die goldene Kette gestohlen und verspielt, ja, das
ist schon was. Er hat’s bereut, das weiß ich. Das hat er mir
gesagt. Er tut’s immer wieder, aber er hat es bereut. Ich glaub ihm
das, seine Augen lügen nicht. Wenn man viel gewinnen will, muss man
viel riskieren. Das hat er immer gesagt. Bis sie ihn geholt haben.
Die Wölfe. Hier in Akink. Da war es dann zu Ende mit dem
Spielen.«
»Hier in Akink?« Mattim fasste den Alten an der
Schulter
und führte ihn in einen anderen, stilleren Gang, wo niemand
vorbeikam. »Die Wölfe waren hier in Akink?«
Der alte Mann blickte ihn verwundert an. »Aber ja.
Sie kamen beim Hochwasser, als der Fluss so hoch war, dass sie über
die Ufermauer konnten … Wölfe. So viele, unzählige Wölfe. Wilder
ist ihnen entgegengelaufen, ich habe es mit eigenen Augen gesehen,
durchs Fenster. Laut geschrien hat er, um sie zu verscheuchen.
Natürlich haben sie sich auf ihn gestürzt.«
»Wilder? Wie die Wilder-Variante?« Mattim konnte es
kaum glauben, dass er den Namen eines seiner Brüder herausgefunden
hatte. »Das Spiel heißt immer noch nach ihm!«
Der Alte kicherte. »Ja, sein Spiel. Immer mehr
Gewinn, immer mehr Risiko. Der liebte die Gefahr, der Junge … Hat
einmal fast das Schloss abgebrannt bei seinen Gelagen, danach
hatten sie ihr Versteck irgendwo in der Stadt.«
»Ich glaube, ich weiß wo«, murmelte Mattim.
Doch da packte der Alte Mattims Hand mit seinen
knochigen Fingern. »Komm, ich zeig dir was.« Er zog ihn eine
schmale Treppe hinunter, durch einen engen Gang und schließlich an
eine niedrige, schmale Tür. Dahinter lag ein dunkler Raum.
Mattim zögerte. »Was ist da drin?«
»Licht«, flüsterte der alte Mann. »Hast du keine
Lampe? Dummer Junge. Die Königin nimmt immer eine mit, wenn sie
herkommt. Ohne Lampe kannst du sie nicht sehen.«
»Ich hole eine«, versprach Mattim. »Warte hier. Ich
komme gleich wieder.« Er rannte davon, von einer Aufregung erfasst,
die er kaum bändigen konnte. Im Treppenhaus riss er eine der Lampen
vom Haken und kehrte so schnell zurück, wie ihn seine Beine trugen.
Er befürchtete, der Alte könnte vergessen haben, was er vorhatte,
aber er wartete auf ihn.
»Guter Junge. Hat viel mit mir geredet. War sich
nicht zu
schade dafür. Freundliche Augen hatte er. Stets einen Witz auf den
Lippen. Hier, siehst du? Freundliche Augen.«
Er hob die Lampe. Doch Mattim hatte schon bemerkt,
dass an der Wand des kleinen dunklen Zimmers Bilder hingen. Die
Rahmen ähnelten dem seines eigenen Porträts in der Galerie, breit
und vergoldet. Ihm wurde heiß und kalt. »Die Bilder hängen hier?
Ich dachte, sie wurden vernichtet. Ich dachte, keins ist davon
übrig!«
»Prinz Wilder«, stellte der Alte vor. Das Porträt
zeigte einen rothaarigen jungen Mann, achtzehn oder neunzehn Jahre
alt. Er blickte unbehaglich in die Gegend; dem Maler war es
gelungen, die Ungeduld in seinen Augen einzufangen, einen
verschmitzten Zug, als würde er jeden Moment aufspringen und tun,
was er sich gerade erst ausgedacht hatte.
»Und sie?«, fragte Mattim begierig und zeigte auf
das nächste Bild.
»Wilia«, sagte der Alte. »Ein hübsches Mädchen. So
lieb sieht sie aus, nicht? Sie war eine Braut, als sie zu den
Schatten ging. Verlobt war sie. Die Königin hat den Schleier immer
noch, hat ihn versteckt, damit der König ihn nicht zu Gesicht
bekommt. Einen Schleier mit Blättern und Blumen. Und das hier ist
Atschorek.«
Während die anderen, so wie er auch, als
Jugendliche zwischen fünfzehn und zwanzig gemalt waren, war dies
ein Kinderbild. Ein kleines, rundes Gesicht mit langen, dunklen
Zöpfen und einem grimmigen Blick. Sie konnte höchstens acht
sein.
»So jung?«, fragte Mattim erschrocken. »Ist sie als
Kind geraubt worden?«
»Oh, nein.« Der Alte schüttelte den Kopf. »Da
wollten der König und die Königin es besonders schlau anstellen.
Sie haben das Mädchen fortgeschickt. In eine andere Stadt, damit
die Schatten sie nicht zu fassen kriegen. Ganz schlau waren sie,
haben Atschorek woanders aufwachsen lassen.
Keiner wusste genau, wo. Das Porträt ist entstanden, bevor deine
Eltern sie weggeschickt haben, und später sollte das richtige Bild
folgen. Nur gab es nie ein anderes.«
»Was ist passiert?«
»Die Prinzessin sollte zurückkommen. Da war sie
zwanzig. Die ganze Stadt haben sie geschmückt, und einen Prinzen
hatten sie auch für sie ausgesucht. Aber die Biester haben sie
erwischt, auf dem Weg hierher.«
»Eines verstehe ich nicht«, meinte Mattim, »wenn
die Wölfe auf diese Seite kommen und jemanden beißen, wird er ein
Schatten. Das ist klar. Nur wie kann er mit ihnen zurück? Die Wölfe
schwimmen über den Fluss, doch der Schatten kann ihnen nicht
folgen. Wie ist Wilder auf die andere Seite gelangt, nachdem sie
ihn gebissen hatten? Er wird wohl kaum über die Brücke gegangen
sein. Oder - Atschorek.« Der Name klang noch fremd. »Was haben sie
davon, wenn sie jemanden irgendwo im Hinterland beißen? Sie müssten
ihre Opfer dort lassen, oder? Ich glaube nicht, dass es auf unserer
Akinker Seite von Schatten wimmelt. Sie sind immer dort drüben, im
Wald.«
»Eh, du bist schlau. Sehr schlau, mein Junge. Aber
die Schatten sind nicht dumm. Wilder haben die Wölfe nicht hier
gebissen, sie haben ihn über den Fluss gezogen. Haben ihn mit ins
Wasser genommen. Vielleicht ist er auch ertrunken, weiß man’s?
Atschorek dagegen ist nicht im Hinterland geblieben, sondern
hergekommen. Hier befindet sich die einzige Brücke. Sie musste
herkommen. Sie kam nach Akink und war ein Schatten. Nur leider hat
es niemand gemerkt.«
»Ein Schatten? Hier in Akink?« Es lief Mattim kalt
den Rücken hinunter. »Und das wusste keiner?«
»Man hat sie nicht untersucht, verstehst du?
Atschorek zog hier ein mit ihrem Gefolge, die ganze Stadt am
Jubeln. Aber sie kam nachts. Das hätte uns stutzig machen müssen.
Es war nachts, ja, und sie wusste natürlich, dass sie
nur diese eine Nacht hatte. Sie ist in die Stadt gefahren mit
ihrer schönen Kutsche und den Pferden. Der König und die Königin
haben gewartet, in der Burg. Doch ein Schatten kann sich dem Licht
nicht nähern. Sie hat’s gewusst, es wäre ihr Ende gewesen. Ist
einfach mit der Kutsche durch ganz Akink gefahren, auf die Brücke
zu. Da waren natürlich alle verwirrt. Wo will sie hin? Den Fluss
sehen? Ja, so hieß es. Sie will den Fluss sehen, hat lange davon
geträumt oder was auch immer.«
»Sie haben sie durchgelassen? Die
Brückenwächter?«
»Die Kutsche der Prinzessin. Ja, zuerst. Dann haben
sie gemerkt, dass da was nicht stimmte, haben deine Schwester
angehalten. Sie hat sich dann den Weg freigekämpft. Hat gekämpft
wie eine Wahnsinnige, das letzte Stück bis auf die andere Seite.
Hat ein paar Leute gebissen und sie in Wölfe verwandelt, und damit
war es ja klar, was sie war. Da gab es natürlich keine Feier zu
Atschoreks Ehren.«
Mattim empfand widerwillige Bewunderung für diese
fremde Schwester, die ihr Leben - das, was davon übrig war - durch
die ganze Stadt und über die Brücke hinweg gerettet hatte. Was für
eine Stärke musste allein schon dazu gehören, sich nichts anmerken
zu lassen, nachdem sie gebissen worden war, damit ihre Begleiter
nichts davon mitbekamen!
»Das ist Bela. Der war ein ganz Ruhiger. Immer
verlässlich. War Hauptmann der Nachtpatrouille, da war er erst
dreizehn. Nie leichtsinnig. Erwischt haben sie ihn trotzdem.«
»Mit dreizehn war er schon Hauptmann?« Eifersüchtig
betrachtete Mattim das Gesicht des unbekannten Bruders. Der Maler
hatte dem schwarzhaarigen Jungen den gelangweilten Ausdruck
gelassen, der vermutlich typisch für ihn war.
»Runia. Ich glaube, sie war Bogenschützin. Sie hat
getanzt, das weiß ich noch, und jeder war in sie verliebt.«
Das schmale Gesicht seiner Schwester verriet nichts
von ihren Vorlieben. Sie war nicht einmal richtig hübsch.
»Wie haben die Wölfe sie gekriegt?«
»Im Wald. Unterwegs zu einem Dorffest. Der König
hat gesagt, sie soll nicht hingehen, und die Königin hatte Angst,
sie könnte sich mit jemandem treffen, der nicht zur Familie passt.
Sie ist trotzdem gegangen. Noch dazu allein. Dachte, sie wäre
Wunder was für eine gute Schützin.«
Der Alte hielt die Lampe vor das vorletzte
Bild.
»Das ist Leander. Den habe ich nicht mehr
kennengelernt. Es hieß, wenn er an sein Fenster trat, blühten die
Bäume im Palastgarten auf.«
»Das klingt etwas übertrieben.« Leander war ein
blonder Junge mit einem einnehmenden Lächeln. Von allen
Geschwistern entdeckte Mattim bei ihm noch am ehesten eine
Ähnlichkeit mit sich selbst.
»Oh, man hat viel über sie gesagt. Auch über die
anderen. Wenn Wilia sang, erwachten die Vögel aus ihrem Schlaf und
kamen alle zu ihr. Wenn Kunun lächelte, hatte jeder in Akink einen
glücklichen Tag. So heißt es von den ersten drei Kindern des
Lichts.«
»Kunun?«
Sie traten vor das letzte Bild. Der junge Mann war
so lebensecht gemalt, dass es den Anschein hatte, als würde er
ihnen aus einem kleinen Fenster heraus zulächeln. Ihm schien es
nichts auszumachen, gemalt zu werden. Froh und stolz blickte er
ihnen entgegen, ein gut aussehender Bursche mit schwarzem Haar und
mandelförmigen Augen.
»Das ist mein ältester Bruder? Er wirkt
nett.«
»Kunun«, flüsterte der Alte. »Der Jäger. Er war der
Erste. Mit ihm hat es angefangen. Der Krieg gegen die Schatten. Das
ist der Feind. Mein Vater hat mir das Bild gezeigt. Kunun. Wenn du
dem je begegnest, bist du verloren.«
Mattim hatte nie einem Schatten gegenübergestanden.
Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken.
»Das ist ihr König«, verriet der Alte. »Er führt
die Schatten an. Und die Wölfe. Er hat diesen Krieg entfesselt. Was
haben wir uns früher um die Wölfe in den Wäldern geschert? Kunun
war der erste Prinz des Lichts, und er ist der furchtbare König der
Dunkelheit geworden.«
Das schöne Gesicht des jungen Mannes verriet nichts
über das schreckliche Schicksal, das ihn ereilt hatte.
»Er war der erste Schatten?« Gebannt starrte Mattim
auf das Bild. »Nur wie …«
»Es gab sie schon immer.« Die leise, raue Stimme
des alten Dieners schien von weither zu kommen. »Immer gab es
Gerüchte von bösen Wesen, die über die Menschen kamen … ihr Blut
saugten … und von den Wölfen, die sie um sich scharten. Außerdem,
dass es Wölfe gibt, andere Wölfe, große, gefährliche, die aus einem
Menschen ein Wesen ohne Herz machen können …« Er blinzelte ins
Licht. »Aber es war so weit weg. Als ich jung war, wer hätte sich
da gefürchtet, über die Brücke ans andere Ufer zu gehen? Gelacht
hätten wir darüber. Nein, sie waren weit weg, flüchtiger als Nebel,
irgendwo in den entlegensten Gegenden Magyrias. Nicht bei uns.« Er
schüttelte den Kopf. »Nicht hier bei uns. - Der König der Schatten.
Merk dir diesen Namen. Kunun.« Dann musterte er Mattim unvermittelt
und fragte: »Wo ist eigentlich dein Bild? Du bist kein Prinz. Hier
hängt kein Bild von dir. Es sind sieben. Sieben Kinder, so
verschieden wie die Farben des Regenbogens. Sieben Kinder des
Lichts.« Auch das schienen nicht seine eigenen Worte zu sein,
sondern die eines anderen, vielleicht eines Liedes. Allerdings
musste es ein altes Lied sein, das niemand mehr sang, das der König
verboten hatte. Längst gab es keine sieben Kinder des Lichts mehr.
Einer nach dem anderen waren sie in der Dunkelheit verschwunden,
und niemand sang von ihnen.
Der nächste Satz klang wieder ganz nach dem alten,
bärbeißigen Diener: »Und jetzt raus hier, du hast hier nichts
verloren!«
»Mein Bild hängt oben in der Galerie.« Sie haben
noch ein Kind bekommen, wollte Mattim einwenden, ein achtes, aber
er brachte es nicht über die Lippen.
Der Alte schüttelte den Kopf. »Sie kommen alle zu
mir nach unten. Die Königin gibt mir die Bilder. Sie sagt, ich soll
sie verstecken. Mein Vater hat die ersten Bilder versteckt, jetzt
mache ich es. Sie müssen vergessen sein. Die Namen müssen vergessen
sein. Sind alle ins Dunkel gegangen. Alle.«
Den Tag verschlief Mattim, halb wachend, halb
träumend. Sie kamen zu ihm, seine sieben Geschwister. Runia tanzte
lachend vor ihm her. Wilia trug ein Brautkleid und versuchte einen
Schleier zu fangen, den der Wind vor ihr hertrug. Wilder stand
daneben und sagte immer wieder: Du musst mehr riskieren. Wenn du
viel gewinnen willst, musst du alles einsetzen. Nur dann kannst du
alles gewinnen.
Bela trug den Waffenrock des Hauptmanns und
stampfte mit der Lanze auf den Boden. Kommt! Kommt! Mit
undurchdringlichem Lächeln sah der schöne Leander ihnen zu.
Beginnen wir die Jagd!, rief Kunun und blies ins Horn.
Etwas zupfte ihn am Ärmel, und Mattim blickte nach
unten und sah dort das Kind stehen mit den Zöpfen und dem hellen
Gesicht, Atschorek, stumm und wütend.
Was habe ich denn getan?, wollte er rufen.
Ich kann nichts dafür, dass ich der Achte bin. Ich kann doch
nichts dafür!
»Ich kann nichts dafür«, murmelte er
schläfrig. »Nicht meine Schuld. Alle weg. Ich kann doch nicht
…«
»Mattim, dein Dienst.«
Er brauchte eine Weile, um zu merken, dass jemand
ihn wachrüttelte. Die Königin saß an seinem Bett und zwang ihn, den
Traum abzustreifen.
»Mein Schatz, du bist Brückenwächter. Gleich
beginnt deine Schicht.«
»Ich hasse diese Brücke«, schimpfte Mattim, als er
sich
aus dem Bett quälte. Sein Rücken schmerzte immer noch. Er
unterdrückte ein Stöhnen, während er sich hinter dem Paravent wusch
und anzog. Seine Mutter wartete; auf keinen Fall durfte sie wissen,
dass er Schmerzen hatte. Vielleicht hatte es die Brücke nicht
verdient, dass er seinen Zorn darüber an ihr ausließ, aber
irgendetwas musste er gerade jetzt hassen. »Warum haben wir sie
nicht längst abgerissen? Dann könnte keiner der Schatten je
herüberkommen.«
»Was redest du denn da!«, rief die Königin
entsetzt. »Du würdest unsere Brücke abreißen? Was ist mit den
Dörfern und Städten im Osten? Würdest du halb Magyria aufgeben, nur
damit du nicht auf der Brücke stehen und Wache halten musst?«
»Halb Magyria gehört schon den Schatten.« Er war
nicht gewillt, sich besänftigen zu lassen. Vielleicht war es ein
gutes Zeichen, dass die Wunden so juckten und brannten, doch alles
wäre viel einfacher gewesen, wenn er jemanden hätte bitten können,
sich die Kratzer anzusehen, vielleicht eine Salbe draufzutun und
ihm beim Ankleiden zu helfen. Es war ihm fast unmöglich, die Arme
zu heben. »Außerdem könnte man mit Booten übersetzen, wenn man nach
drüben will.«
»Mit Pferden und Wagen? Ach, Mattim, das Leben ist
nicht so leicht, wie du denkst. Unser Königreich besteht nicht nur
aus Akink. Wir sind für ganz Magyria verantwortlich. Diese Brücke
ist mehr als ein Übergang in den Osten. Sie ist ein Symbol, die
Verbindung der beiden Teile dieses Landes. Akink ist die Hauptstadt
für alle Magyrianer. Du hast jene Zeit nicht miterlebt, als der
Handel mit den östlichen Städten noch blühte, als die Wege durch
den Wald Tag und Nacht befahren waren, als Gäste Akink von allen
Seiten beehrten, als Kauf- und Spielleute, Reisende aus dem ganzen
Land herkamen, um dem Licht nahe zu sein. Was für Feste haben wir
in unserer Burg gefeiert! Der königliche Ball war das Ereignis des
Jahres, und von allen Ecken
und Enden sind sie gekommen, um daran teilzunehmen. Jedes junge
Mädchen hat davon geträumt. Oder der große Markt, auf dem man
kaufen konnte, was das Herz begehrte. Die große Jagd, auf der die
Herzöge dem König ihre Söhne vorgestellt haben … Mein Junge, diese
Brücke ist mehr als eine Brücke. Sie ist eine Zeit, die wir
zurückhaben wollen und die du nie erlebt hast, die strahlende Zeit
des Lichts. Nie im Leben geben wir sie auf, und selbst wenn du
König bist, darfst du das nicht tun. Es wäre das Eingeständnis
unserer Niederlage. Wie könnte das Licht leuchten, wenn es zugibt,
dass es bereits besiegt ist?«
»Die große Jagd«, murmelte er. »Erst wurden die
Tiere gejagt und dann die Menschen?«
Er kam gerade rechtzeitig hinter dem Paravent
hervor, um zu sehen, wie die Königin erbleichte.
»Warum sprecht ihr nie darüber, wie es angefangen
hat?«, wollte Mattim wissen. »Warum redet ihr immer nur über die
Schatten und die Dunkelheit, nicht aber über meine -
Geschwister?«
»Es gibt Dinge, über die kann man nicht sprechen«,
flüsterte die Königin.
»Ich hätte sie gerne gekannt«, sagte er. »Wie sie
waren, wie sie aussahen, wie …«
»Still!«, unterbrach ihn seine Mutter. »Sei still,
Mattim. Du hast keine Geschwister. Es hat sie nie gegeben. Man muss
- man muss daran glauben, dass es sie nie gegeben hat. Wie könnte
man sonst ertragen, dass …«
»Wirst du über mich auch so reden?«, fragte er
bitter, »wenn ich euch verlorengehe?«
Die Königin schlang die Arme um ihn und drückte ihn
fest an sich. Obwohl der Schmerz in seinem Rücken ihm die Tränen in
die Augen trieb, hielt er still. »Du wirst uns nicht verlorengehen!
Du nicht!«
»Vielleicht würde es mir helfen, wenn ich wüsste,
was die anderen falsch gemacht haben.«
Elira schwieg eine Weile. »Sie waren leichtsinnig«,
sagte sie schließlich. »Das ist das ganze Geheimnis. Sie haben sich
zu viel zugetraut. Alle dachten sie, ihnen könnte so etwas nicht
passieren. Außerdem fühlten sie sich zu sicher. Deshalb darfst du
nie glauben, du könntest es mit den Schatten aufnehmen. So gut du
auch kämpfst, so schlau du dich auch fühlst, deine Gegner werden
schlauer und stärker sein als du. Abgesehen davon ist es nicht gut,
wenn du zu viel über die Schatten nachdenkst. Selbst das ist
gefährlich. Auch Bela fing an, Fragen zu stellen, bevor er …«
Sie biss sich auf die Lippen.
»Und der Erste - war er auch leichtsinnig? Der
Jäger?« Mattim wollte nicht verraten, dass er den Namen des ersten
Prinzen kannte. »Er konnte doch nicht wissen, dass das Unheil so
nahe war.«
»Der Jäger«, sagte die Königin leise. »Er war
vollkommen. Alle liebten ihn. Die jungen Herzöge rissen sich darum,
ihn auf die Jagd zu begleiten. Jeder wollte sein Freund sein. Er
konnte mit allen lachen und jedem, egal, wie alt, Befehle erteilen.
Farank dachte daran, abzutreten und ihm den Thron zu überlassen. Er
wäre der perfekte König geworden. Du hättest ihn sehen sollen, wie
er auf seinem herrlichen Apfelschimmel saß - ein Prinz, dem die
Herzen zuflogen. Die Mädchen weinten sich seinetwegen in den Schlaf
… Doch dann diese Jagd, von der er nicht wiederkam.«
»Was hat er gejagt?«, fragte Mattim vorsichtig,
denn er hatte das Gefühl, jede Unterbrechung konnte seine Mutter
zum Verstummen bringen.
»Wölfe«, flüsterte sie. »Zu viele Wölfe in den
Wäldern. Gierige, fremde Tiere. Nein, er konnte es nicht wissen,
was das für Bestien waren. Überall haben wir ihn gesucht, es war
unerklärlich, er war wie vom Erdboden verschluckt. Bis wir
begriffen, dass es gefährlich war, ihn zu suchen. Auf viele, die
wir nach ihm ausgeschickt hatten, warteten wir vergeblich.
Diejenigen, die zurückkamen, berichteten Schreckliches.
Ich sah gestandene Krieger weinen. Sie hatten beobachtet, wie
Kunun … Nein, da haben wir aufgehört zu trauern. Aufgehört, diesen
Namen auszusprechen.« Sie schüttelte den Kopf. »Und immer mehr
Wölfe. Die Wölfe heulten des Nachts, nah wie nie zuvor … Geh zum
Dienst, Mattim. Du wirst Ärger bekommen, du bist spät dran. Dein
Vater wird dich ganz aus der Wache nehmen, wenn du unzuverlässig
bist. Er beobachtet dich zurzeit sehr genau.«
»Das habe ich gemerkt.«
»Er hat Angst um dich. Geh, mein Sohn, schnell.
Enttäusch ihn nicht. Bitte.«
»Ich werde euch nicht enttäuschen«, versicherte der
Prinz. Er sagte seiner Mutter jedoch nicht, was dieses Versprechen
bedeutete, was er vorhatte, was er tun musste, bevor es zu spät
war. Der erste Prinz hatte die Vernichtung gebracht. Hatte die
glorreiche Zeit des Lichts beendet und halb Magyria verwüstet. Er,
der letzte Prinz, hatte die Aufgabe, die Finsternis ein für alle
Mal zu besiegen. Er würde Akink ins Licht zurückführen, zurück zu
den Festen und Bällen und dem Gesang. Eine Zeit würde anbrechen, in
der niemand sich davor fürchtete, allein in den Wald zu gehen. Wo
auf der Brücke Gedränge herrschen würde von beladenen Wagen mit
Waren aus den nicht länger verlorenen Städten des Ostens und
Kutschen voller junger Mädchen auf dem Weg zum Tanz. Während er zum
Dienst ging, während er sich Stunde um Stunde die Beine in den
Bauch stand, träumte er von der Welt, wie sie sein würde, wenn er
getan hatte, wozu er geboren war.